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4/2020 | Theorie & Praxis
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Schwindendes Vertrauen

Vertrauen ist auch in der Finanzindustrie eine fundamentale Geschäftsgrundlage. Eine Studie zeigt, dass es damit schon seit Langem tendenziell bergab geht.

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Das Vertrauen in der Finanzindustrie geht schon lange zurück. Eigentlich ist schon seit den 80er-Jahren ein solcher Vertrauensrückgang zu beobachten, der sich nach der Jahrtausendwende verstärkt fortsetzte. Auch außerhalb der Finanzindustrie gibt es einen Rückgang des allgemeinen Vertrauens, dieser ist jedoch schwächer ausgeprägt.

© uni köln, durantelallera | stock.adobe.com

Der Finanzsektor spielt in jeder Volkswirtschaft eine Schlüsselrolle. Ein besser entwickeltes Finanzsystem geht mit einem stärkeren Wirtschaftswachstum einher, führt zu mehr unternehmerischen Aktivitäten, treibt technologische Inno­vation voran und verringert auf diese Weise Armut beziehungsweise hebt den Wohlstand. Damit ein Finanzsystem funktionieren kann, benötigt man allerdings mehrere Faktoren, wobei das Vertrauen in Verträge und Vertragsparteien zu den fundamentalsten Voraussetzungen zählt. Diese Vertrauenswürdigkeit kann durch explizite Mechanismen sichergestellt werden, im Besonderen durch Regulierung seitens des Gesetzgebers, aber auch durch implizite Anreize wie soziale Normen, die in ­einer Gesellschaft ­beziehungsweise in einer Gesellschaftsschicht vorherrschen („My word is my bond“). Die Entwicklung solcher sozialer Normen, beispielsweise des gesellschaftlichen Vertrauens, bei Finanzexperten zu verstehen, ist daher nicht nur für Finanzinstitutionen und deren Kunden relevant, sondern auch für Regulatoren und Gesetzgeber. Als gesellschaftliches oder allgemeines Vertrauen (englisch „Generalized Trust“) bezeichnet man das Vertrauen in ­andere Mitglieder einer Gesellschaft; es wird von zwischenmenschlichem Vertrauen unterschieden, das dem Vertrauen in die Familie oder enge Freunde entspricht.

GSS-Daten helfen weiter

Trotz des Verlusts von gesellschaftlichem Vertrauen in der amerikanischen Gesellschaft, über den der US-Politologe Robert David Putnam schon im Jahr 2000 schrieb, ist wenig über die Entwicklung des gesellschaftlichen Vertrauens von Finanzexperten bekannt. Nun wäre es interessant zu wissen, wie sich das Vertrauen der Personen, die in der Finanzindustrie arbeiten, in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Zu diesem Zweck beschäftigen sich Peter Limbach, CFR-Juniorprofessor für das Fach „Investments“ an der Universität zu Köln, P. ­Rahavendra Rau, Professor of Finance an der Cambridge Judge Business School, und Henrik Schürmann, Doktorand am Lehrstuhl für Finanzwirtschaft und Corporate Governance der Bergischen Universität Wuppertal, damit, wie sich das allgemeine Vertrauen in der US-amerikanischen Finanzindustrie in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Dabei verwenden sie Daten einer repräsentativen US-Umfrage, des „US General Social Survey“ (GSS), über den Zeitraum von 1978 bis 2016. Diese Daten erfassen nicht nur das allgemeine Vertrauen der Umfrageteilnehmer, sondern auch deren demografische und sozioökonomische Eigen­schaften. Dadurch wird es den Autoren möglich, die Ergebnisse der Vertrauensentwicklung im Hinblick auf die demografischen und sozioökonomischen Eigenschaften der Befragten zu kontrollieren und deren berufliche und soziale Tätigkeiten zu messen. Damit gelingt es, speziell die Entwicklung des Vertrauens in der Finanzin­dus­trie zu ermitteln und zu vergleichen.

Erstens können Limbach, Rau und Schürmann zeigen, dass das allgemeine Vertrauen der Arbeitnehmer in der Finanzindustrie seit 40 Jahren substanziell rückläufig ist, und zwar nicht nur absolut, sondern auch relativ in Bezug zur amerikanischen Gesamtbevölkerung. Dieser relativ starke Vertrauensrückgang in der Finanzindustrie ist einzigartig. Zweitens stellt sich heraus, dass der relative Rückgang des Vertrauens auch bei Führungspersonen auftritt, die ja den Ton in ihren Unternehmen angeben, sowie im Investmentsektor. Drittens finden sich Hinweise darauf, dass Änderungen der wirtschaftlichen Gegebenheiten und des beruflichen Umfelds sowie das Ausmaß der Sozialisierung möglicherweise den signifikanten Vertrauensverlust unter den Professionals in der Finanzindustrie erklären können.

Drei wichtige Erkenntnisse

Warum ist das Ausmaß des allgemeinen Vertrauens in der Finanzindustrie von Bedeutung? Der US-Ökonom Kenneth Arrow schrieb 1972, dass in jeder kommerziellen Transaktion ein Vertrauenselement enthalten sei. Der dänische Politologe Peter Nannestad und Kenneth Newton meinten unabhängig voneinander, dass allgemeines Vertrauen ausschlaggebend für die Interaktion von Fremden ist. Volkswirte argumentieren, dass das Vertrauen und andere Formen des Sozialkapitals wirtschaftliche Aktivitäten ­erleichtern würden, da sie von opportunistischem Verhalten abhalten und die Bereitschaft zur Kooperation steigern. Wegen der reziproken Natur von Vertrauen entscheidet dieses über die Vertrauenswürdigkeit des Einzelnen, will heißen: Personen, die sich gegenseitig mehr vertrauen, verhalten sich selbst vertrauenswürdiger.

Spezialfall Finanzindustrie

Das Niveau des allgemeinen Vertrauens ist besonders wichtig im Fall der Finanzindustrie, da Finanzprodukte – und hier speziell die strukturierten – zunehmend komplexer geworden sind, schreiben Ghent, ­Torous und Valkanov 2019 in „Complexity in Structured Finance“. Interessenkonflikte sind an der Tagesordnung. Dazu kommt, dass die Finanzindustrie Dienstleistungen anbietet, die zwar die meisten Leute benötigen, aber nur wenige verstehen. Des Weiteren ist das Ausmaß der Informationsasymmetrie zwischen den Professionals der Finanzindustrie und ihren Klienten höher als in den meisten anderen Branchen. Kunden sind über Finanzprodukte schlecht informiert und finden es schwierig abzuschätzen, welches Produkt am besten zu ihren Bedürfnissen passt. Das vergrößert ihre Abhängigkeit von Finanzberatern und schafft potenzielle Interessenkonflikte. Zusammenfassend gesagt: Komplexität und Informa­tionsasymmetrie, verbunden mit möglichen Interessenkonflikten, erfordern ein allgemeines Vertrauen, das besonders für Finanztransaktionen entscheidend ist. Das ist vor dem Hintergrund einer fast 50 Jahre lang währenden Phase der Deregulierung der US-Finanzindustrie zu sehen, die die Rolle von Vertrauen noch wichtiger werden lässt. Sowohl theoretische als auch empirische Studien legen nahe, dass immer dann, wenn Regulierung und Governance weniger effizient oder etabliert sind, das allgemeine Vertrauen wertvoller ist, weil Vertrauen von ­opportunistischem Verhalten abhält und als Ersatz für Regulierung dient. Somit ist es plausibel, dass ein gleichzeitiger Rückgang von allgemeinem Vertrauen und Regulierung zu nachteiligen Ergebnissen sowohl für den einzelnen Konsumenten als auch die Gesellschaft als Ganzes führt. Allgemeines Vertrauen ist ein impliziter Mechanismus, der das Verhalten von Finanzprofis steuert und als Schutz vor Finanzbetrug fungiert. Es ist daher fundamental wichtig, zu analysieren, wie Vertrauen und andere Formen ethischen Verhaltens sich in der Finanzin­dustrie ausbilden.

Gretchenfrage

In der vorliegenden Arbeit untersuchen die drei Autoren Trends bezüglich des allgemeinen Vertrauens von Arbeitnehmern in der Finanzindustrie im Verhältnis zur allgemeinen US-amerikanischen Bevölkerung aus der repräsentativen GSS-Befragung. Die gesamte Stichprobe umfasst 39 Jahre und analysiert die Antworten von zirka 1.500 Befragten pro Umfrage im Zeitraum von 1978 bis 1993 sowie von 2.800 Antwortenden von 1994 bis 2016 auf die folgende Frage: „Allgemein gesagt, würden Sie sagen, dass man den meisten Leuten vertrauen kann, oder dass man nicht vorsichtig genug sein kann, wenn man mit ­jemandem Geschäfte macht?“ Dieses Maß für das allgemeine Vertrauen wird häufig in der wissenschaftlichen Literatur verwendet und hat sich als valide Größe zur Prognose des aktuellen Vertrauensniveaus von Einzelpersonen erwiesen.

Die Autoren zeigen, dass das Niveau des allgemeinen Vertrauens der Angestellten in der Finanzindustrie im Lauf von beinahe vier Jahrzehnten substanziell abgenommen hat, und zwar absolut und relativ im Verhältnis zur allgemeinen amerikanischen Bevölkerung. Das visualisiert die Grafik „Schwindendes Vertrauen“.  Ein für die Autoren wichtiges Ergebnis dieser Studie ist, dass – historisch betrachtet – die Arbeitnehmer in der Finanzindustrie in den Anfangsjahren des Untersuchungszeitraums ein höheres Vertrauensniveau besaßen als der Rest der Bevölkerung. Das änderte sich in den Folgejahren, sodass ab den frühen 90er-Jahren das residuale Vertrauen und ­damit jener Teil, der nicht durch demografische,

ozioökonomische oder regionale Faktoren erklärt wird, unter jenes der US-Bevölkerung fällt.
Wenn man alle Branchen betrachtet, die der GSS abdeckt, ist der relative Vertrauensrückgang in der Finanzindustrie eindeutig am stärksten. Andere Branchen – beispielsweise ­Gesundheit, Rechtsdienstleistungen oder die Tech-Industrie – sind ebenfalls stark vertrauensabhängig, haben aber keinen so heftigen allgemeinen Vertrauensverlust erfahren.

Der Trend in der Finanzindustrie wird aber nicht nur von den einfachen Arbeit­nehmern erzeugt. Auch in den Führungs­etagen, die für die Kultur und das Miteinander in einem Unternehmen maßgeblich verantwortlich sind, ist das gesellschaftliche Vertrauen stärker gefallen als in der US-­Bevölkerung.

Des Weiteren untersuchten die drei Autoren das Ausmaß des Vertrauens von Personen in der Finanzindustrie getrennt nach Sparten und Gruppen. Dabei lässt sich eine stetige Erosion des Vertrauens über die ­meisten Sparten in den letzten vier Dekaden belegen, wobei allerdings das Ausmaß des Vertrauensverlustes in den meisten Fällen jenem des Durchschnittsamerikaners entspricht. Jedenfalls findet sich ein signifikant stärkerer Vertrauensverlust gegenüber Geschäftspartnern, die besonders relevant für die Finanzindustrie sind, nämlich Groß­konzernen, der Exekutive der US-Regierung und dem Kongress (siehe Tabelle „Entwicklung des Vertrauens in Institutionen und Gruppen“). Es ist daher wahrscheinlich, so die Autoren, dass der Niedergang des allgemeinen Vertrauens mit der zunehmenden Skepsis und Wachsamkeit gegenüber Leuten von Institutionen und Gruppen zusammenhängt, mit denen der einzelne Beschäftigte der Finanzindustrie regelmäßig in geschäftlichem Kontakt steht respektive von denen er abhängig ist.

Drei Hypothesen

Als Begründung für diesen relativen Rückgang des allgemeinen Vertrauens verweisen die Autoren auf drei einander nicht ausschließende Erklärungsansätze: Änderungen der allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse, Selektion und Sozialisation. Der erste Ansatz, der von geänderten wirtschaftlichen Bedingungen ausgeht, argumentiert, dass die zunehmende Ungleichheit unterschiedliche Auswirkungen auf die ­Experten in der Finanzindustrie als auf die Bevölkerung haben. Die Selektionshypothese wiederum postuliert, dass sich der Typus der in der Finanzwirtschaft Tätigen im Lauf der Jahre verändert hat und die Änderung in der Zusammensetzung der Arbeitnehmerschaft das Vertrauensniveau des Einzelnen verändert. Die Sozialisationshypothese hingegen formuliert, dass Änderungen in der Arbeitsweise der Finanzindustrie mit der Zeit zu weniger Möglichkeiten der menschlichen Interaktion führt, sodass der Aufbau von allgemeinem Vertrauen schwieriger wird.

Die Autoren testen jede dieser drei Hypothesen und finden Belege dafür, dass alle drei Erklärungsansätze einen Beitrag zum Verlust von gesellschaft­lichem Vertrauen bei Finanzexperten geleistet haben könnten.

Konsistent mit der ersten Hypothese zeigt sich, dass Faktoren, die stellvertretend für die wirtschaftlichen Bedingungen in den USA stehen (Proxies), überproportional stärker mit dem Vertrauen unter den Finanz-Professionals als mit dem Vertrauen des Durchschnittsamerikaners korreliert sind. Im Besonderen steht die Einkommensungleichheit, die man mit dem Gini-Konzentrationskoeffizienten misst, in einer stark ­negativen Beziehung zum Vertrauen, während das Wirtschaftswachstum, das sich in der Veränderung des BIP manifestiert, stark positiv mit dem Vertrauen des einzelnen ­Beschäftigten in der Finanzindustrie korreliert. Der Gini-Koeffizient ist zudem während des Untersuchungszeitraums signifikant gestiegen, was die Vermutung nahelegt, dass die wirtschaftlichen Bedingungen eine mögliche Erklärung für den Vertrauensverlust darstellen.

Die wissenschaftliche Literatur führt ins Treffen, dass ein heterogeneres berufliches Umfeld in Beziehung zum schwindenden Vertrauen des Einzelnen steht. Das Autorentrio belegt, dass ein größerer Anteil an sehr gut ausgebildeten Arbeitskräften, eine ethnisch stärker diversifizierte Belegschaft und eine größere Einkommensungleichheit in der Finanzindustrie mit einem niedrigeren Vertrauensniveau korreliert sind. Im Gegensatz dazu ist ein höherer Frauenanteil mit ­einem höheren allgemeinen Vertrauensniveau korreliert. Interessanterweise ist der Anteil sehr gut Ausgebildeter unter den ­Finanzprofis überproportional gestiegen, während der Anteil von Frauen relativ zum US-Trend zurückgegangen ist. Diese Änderung in der Zusammensetzung der Beschäftigten in der Finanzwirtschaft über die letzten Jahrzehnte liefert eine zweite mögliche Erklärung für die Erosion von Vertrauen.

Schließlich dokumentieren Limbach, Rau und Schürmann, dass die Schaffung von Sozialkapital durch soziale Aktivitäten in der Finanzindustrie seltener geworden ist als in der restlichen US-Bevölkerung. Die Angestellten in der Finanzbranche arbeiten länger und sind seltener Mitglied in sozialen Gruppen als früher. Im Besonderen hat der Anteil an Finanzexperten abgenommen, die in ihrer Freizeit in einer Gruppe sind, die nur dem gegenseitigen sozialen Austausch dient – etwa als Mitglieder in einem Literaturclub. Diese beiden Trends – ein absoluter und relativer Anstieg an geleisteten Arbeitsstunden und eine gleichzeitige Verringerung sozialen Engagements – lassen sich in keiner anderen Branche als der Finanzindustrie wiederfinden.

Einordnung

Die vorliegende Studie trägt zur Debatte um Ethik und Fehlverhalten in der Finanzindustrie bei. Cohn, Fehr und Maréchal demonstrierten 2014, dass Banker beträchtlich unehrlicher werden, sobald sie an ihren ­Beruf als Finanzexperten erinnert werden.

Dieser Zusammenhang lässt sich für keine andere Branche belegen. Zingales argumentierte 2015, ohne angemessene Regeln könnten Finanzaktivitäten nur noch dazu dienen, sich auf Kosten anderer persönlich zu bereichern und dabei auch moralische Grundsätze zu missachten. Die Arbeit von Limbach, Rau und Schürmann ergänzt diese Forschungsansicht.
Eine Konsequenz dieses Vertrauensverlustes in die Finanzindustrie ist die Entwicklung der Blockchain-Techno­logie, die es Menschen ermöglicht, ­Finanztransaktionen auch ohne Inter­mediäre, also beispielsweise Banken oder Börsen, durchzuführen.

Aktueller Bezug gegeben

Die Erkenntnisse der Studie haben aber auch Auswirkungen auf die Bail-out-Programme, die Regierungen während Krisen in Kraft setzen, inklusive der Programme zur Abfederung der Auswirkungen der ­Coronakrise. Ein Mangel an Vertrauen unter den Finanzprofis kann den Bemühungen der Regierungen bei der Implementierung von Kreditprogrammen und anderen Maßnahmen zur Krisenbewältigung zuwider­laufen. Banken müssen beispielsweise den Handlungen von Zentralbanken und Regierungen vertrauen können, damit die Geldhäuser auch entsprechend Kredite aus­reichen. In der Coronakrise ist dies ebenso relevant, da die Regierungen zum Teil nur relativ weit gefasste Anforderungen an ihre Bail-out-Programme definieren, die die Notwendigkeit für einen impliziten Regulierungsmechanismus – wie Vertrauen – erhöhen. Wenn Banken nicht auf die Stimuli der Regierung reagieren, indem sie die Kreditbeschränkungen angemessen lockern, hat dieser Vertrauensmangel direkte Konsequenzen in der Realwirtschaft. Ein Beispiel ist die Antwort auf das 2020 Paycheck ­Protection Program in den USA. Dieses wurde eigentlich ins Leben gerufen, um kleineren Unternehmen, die in finanziellen in Schwierigkeiten stecken, zu helfen. Sie hätten diese Mittel nicht zurückzahlen müssen, solange sie keine Angestellten freisetzten, jedoch landete ein Gutteil der Gelder bei Großunternehmen, die die Banken als Empfänger favorisierten. Während die ­Konzerne nun meist gut finanziert sind, sieht es bei den KMU in den USA deutlich schlechter aus.

Des Weiteren trägt die Studie zur Untersuchung von langfristigen Trends in der ­Finanzindustrie bei. Frühere Arbeiten befassten sich zum Beispiel mit den Gründen für das enorme Wachstum der Finanzbranche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der Entwicklung der Kosten in der ­Finanzintermediation sowie den Trends bei Gehältern und Ausbildung. Limbach, Rau und Schürmann halten sich zugute, die erste Studie über den langfristigen Trend eines sozialen Faktors, nämlich des allgemeinen gesellschaftlichen Vertrauens, im Finanzbereich vorgelegt zu haben.   

Dr. Kurt Becker


Robert D. Putnam und das „Kapital des Vertrauens“

Ein hohes Sozial- sprich Vertrauenskapital senkt Kosten in Wirtschaft und Politik.

Der 1941 geborene Robert David Putnam ist ein renommierter und vielfach mit Preisen bedachter Soziologe, Politikwissenschaftler und Harvard-Professor. In seinen Arbeiten beschäftigt sich Putnam insbesondere mit den Themen „Soziales Vertrauen,“ „Zivilgesellschaft“ und „Soziales Kapital“. In „Making Democracy Work“ macht er interpersonale Netzwerke, soziales Vertrauen und gemeinschaftsbezogene Normen und Werte für die Leistungsunterschiede italienischer Regionalverwaltungen nach einer Reform der Regionenordnung verantwortlich. Nicht der ökonomische Entwicklungsstand, sondern soziales Kapital sei die wichtigste Voraussetzung für die Effizienz demokratischer Institutionen. In seinem im Jahr 2000 als Studie erschienenen Buch „Bowling Alone“, konstatierte er den Niedergang des bürgerschaftlichen Engagements. Dies erregte viel Aufsehen und brachte ihm Einladungen von US-Präsidenten und Regierungen ein. Zudem erarbeitete Putnam die Two-Level-Game-Theorie, die zu dem Schluss kommt, dass internationale Abkommen nur erfolgreich vermittelt werden können, wenn sie auch auf nationaler Ebene Nutzen bringen.

Laut Robert Putnam lässt sich Sozialkapital als Kapital des Vertrauens übersetzen, das alle Verhaltensdispositionen von Bürgern umfasst, die Beiträge zur Senkung von Transaktionskosten in Wirtschaft und Politik leisten. Die Grundidee des Sozialkapital-Ansatzes besteht darin, dass soziale Netzwerke – Familie, Freunde und Bekannte – einen wichtigen Wert darstellen und positive externe Effekte sowohl für den Einzelnen wie auch für Gruppen beziehungsweise größere soziale Gebilde und insbesondere für die Demokratie zur Folge haben. Wie Putnam selbst einräumt, steht hinter dem Sozialkapital-Ansatz ein ziemlich schlichter Gedanke, nämlich dass soziale Netzwerke sowohl aus steuerungs- wie demokratietheoretischer Sicht positive Wirkungen hervorrufen.


Anhang:

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