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4/2020 | Steuer & Recht
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Projekt Markttransparenz

Der europäische Kapitalmarkt soll zusammenwachsen. Dazu hat die EU-Kommission nun einen zweiten Aktionsplan zur Stärkung der Kapitalmarktunion zusammengestellt. Gleich bei mehreren Themen geht es um eine Verbesserung der Datenlage.

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Daten sind der neue Rohstoff des digitalen Zeitalters. Der schnelle Zugang zu einheitlichen Aktienkurs- und Unternehmensdaten in Europa ist für Investoren essenziell. Dies ist daher ein ­wichtiges Element des Aktionsplans.

© Axel Gaube, Dominik Butzmann, Gorodenkoff | stoc

Ziemlich genau fünf Jahre nach Vorstellung des ersten EU-Aktionsplans zur Stärkung der Kapitalmarktunion im Jahr 2015 veröffentlichte die EU-Kommission nun am 24. September ihren zweiten Ak­tionsplan. Er enthält nicht weniger als 16 Punkte (siehe Kasten). Mit der Umsetzung des Plans soll zwar bereits ab Anfang 2021 begonnen werden, insgesamt handelt es sich bei der Kapitalmarktunion jedoch um ein zäh vorankommendes Megaprojekt.

Marktfinanzierung

Mit der Kapitalmarktunion sollen bekanntlich der freie ­Kapitalverkehr innerhalb der EU vertieft und Hemmnisse für Unternehmen – insbesondere für KMU – beim Zugang zu Kapital beseitigt werden. Diese Zielsetzung gewinnt insbesondere zu Zeiten der coronabedingten wirtschaftlichen Krise an Aktualität, weil gerade jetzt die Versorgung der Unternehmen mit Finanzmitteln eine wichtige Voraussetzung für deren Existenzsicherung und anschließende wirtschaftliche Erholung darstellt. Auch soll die Kapitalmarktunion helfen, die erforderlichen Mittel für den europäischen „Grünen Deal“ bereitzustellen, und die Digitalisierung soll sie ebenfalls voranbringen.

Auch für die Seite der Investoren und Asset Manager ist eine möglichst reibungslos funktionierende Kapitalmarktunion wich­­tig, etwa weil der Anteil an Darlehen und strukturierten Produkten in den Portfolios der ­Institutionellen steigt. Ein grenzüberschreitender Zugang zu Darlehen sowie einheitliche Standards bei den Strukturierungen ­wären hier hilfreich. So erklärt Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des deutschen Versicherungsverbands GDV, gegenüber ­Institutional Money: „Der Aktionsplan ist ein wichtiger Impuls für die Vollendung des europäischen Binnenmarktes. Die Vorschläge der EU-Kommission erleichtern institutionellen Anlegern wie Versicherern grenzüberschreitende Investitionen und erschließen kleinen und mittleren Unternehmen neue Finanzierungsquellen. Die Umsetzung des Aktionsplans wird die europäische Wirtschaft langfristig digitaler und nachhaltiger machen, kurzfristig erleichtert sie die Erholung nach der Covid-19-Krise.“

Ähnlich positiv äußert sich auch BVI-Hauptgeschäftsführer Thomas Richter auf der Jahrespressekonferenz des BVI am 10. Februar: „Wir unterstützen die Kapitalmarktunion, denn es ist die Aufgabe von Asset Managern, Angebot und Nachfrage von Kapital grenzüberschreitend zusammenzubringen.“ Er bemängelt aber, dass die EU selbst seit Jahren den Erfolg der Initiative verhindere, vor allem durch falsch verstandenen Verbraucherschutz. Als Beispiele führt er den europäischen Infrastrukturfonds ELTIF und das paneuropäische Pensionsprodukt PEPP an, wo man nicht richtig vom Fleck käme.

Komplexes Unterfangen

Dass die Entwicklungen nur zäh voranschreiten, wird offenbar auch seitens der EU-Behörden wahrgenommen. So rief die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihrer Rede zur Eröffnung der Plenartagung des Europäischen Parlaments am 24. September auf: „Vollenden wir endlich die Kapitalmarktunion!“ Die Kommission ist bemüht. „Wenngleich die EU wesentliche Fortschritte erzielt hat, ist die Schaffung und Vertiefung der Kapitalmarktunion ein komplexes Unterfangen, das sich nicht durch eine einzelne Maßnahme verwirklichen lässt“, fährt von der Leyen in ihrer Rede fort, „Fortschritte sind nur möglich, wenn man in allen Bereichen, in denen es nach wie vor Hindernisse für den freien Kapitalverkehr gibt, kontinuierlich weiterarbeitet. Es bleibt noch viel zu tun, und jetzt sollte dabei mehr Ehrgeiz gezeigt werden.“

Womöglich erklärt das den großen ­Umfang des aktuellen Aktionsplans mit 16 Unterpunkten. Er baut auf den Empfehlungen des High Level Forums auf, zu dem 28 hochrangige Führungskräfte aus der Indus­trie, Sachverständige, Verbrauchervertreter und Wissenschaftler im Sommer zusammenkamen. Mit diesem Plan will man nun an die Ziele des Aktionsplans von 2015 und dem seither Erreichten anknüpfen.

Consolidated Tape

Die relevantesten Punkte für institutionelle Investoren dürften die Einrichtung eines EU-weiten zentralen EU-Börsenpreisservice (Consolidated Tape) sowie die Einführung einer digitalen Plattform für Unternehmensdaten (European Single Access Point, ESAP) sein. Mit deren Hilfe sollen Investoren einen nahtlosen Zugang zu Finanz- und Nachhaltigkeitsinformationen erhalten, was auch angesichts der Veröffentlichungspflichten zu Nachhaltigkeitsrisiken, die sich aus der EU-Taxonomie ergeben, wichtig ist (siehe Artikel zur EU-Taxonomie).

Vorbild für den EU-Börsenpreisservice ist das „Consolidated Tape“ in den USA. Von einem solchen Echtzeitservice erhofft man sich mehr Markttransparenz und dadurch ­eine fairere Preisbildung an den Märkten.

Mit dem, was die europäischen Finanzmarktrichtlinie MiFID II in dieser Hinsicht gebracht hat, ist die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA nicht ­zufrieden. „Die ESMA-Überprüfung ergab, dass die MiFID II ihr Ziel, die Kos­ten für Marktdaten, die von Handelsplätzen und genehmigten Veröffentlichungsvereinbarungen (APAs) erhoben werden, zu senken, bislang nicht erreicht hat“, schreibt die Behörde in einer Mitteilung. Da bislang kein europäisches Consolidated Tape zustandegekommen ist, empfiehlt die ESMA die Einrichtung eines EU-weiten konsolidierten Börsenpreisservice mit Echtzeitkursdaten für Aktien.

European Single Access Point

Ein weiterer wichtiger Punkt des Aktionsplans ist die Schaffung einer EU-weiten Plattform für finanzielle Informationen ­(European Single Access Point, ESAP). Auf der einen Seite sollen Investoren dadurch Zugang zu Unternehmensinformationen erhalten, auf der anderen Seite will man auf diese Weise kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) den Zugang zu Kapital ­erleichtern, was ja ebenfalls ein Ziel der ­Kapitalmarktunion ist.

Der einfache und kostengünstige Zugang zu gut strukturierten, zuverlässigen Daten – unter anderem auch zu ESG-Daten – ist in Zeiten der Digitalisierung sowohl für Inves­toren als auch für Asset Manager essenziell. Das zeigt aktuell auch der Umstand, dass über die Preisanstiege der Ratingagenturen heftig gerungen wird, von deren Daten man so abhängig ist (siehe Beitrag über Ratingagenturen).

ESG-Daten immer relevanter

In einer Pressemeldung äußert sich daher Matti Leppälä, Generalsekretär von Pensions Europe, dem europäischen Verband für Altersvorsorgeeinrichtungen: „Die Marktkräfte und die regulatorische Entwicklung haben den Bedarf an Daten über Beteiligungsunternehmen und andere Marktdaten erhöht. Die jüngsten regulatorischen Entwicklungen im Rahmen der EU-Agenda für nachhaltige ­Finanzen schaffen einen dringenden Bedarf an öffentlich verfügbaren und erschwinglichen ESG-Daten. Die Einrichtung des European Single Access Point wäre hier eine echte Verbesserung.”

Macht der Datenanbieter

Da Daten nun einmal der Rohstoff des ­digitalen Zeitalters sind, geht der Branche der Aufbau der Informationsplattform aber nicht schnell genug. „Bei der EU-weiten ­digitalen Plattform für Unternehmensdaten, mit deren Hilfe Investoren einen nahtlosen Zugang zu Finanz- und Nachhaltigkeits­informationen erhalten, brauchen wir mehr Tempo“, fordert ein Sprecher des deutschen Fondsverbands BVI. „Wenn die EU-Kommission an ihrem Fahrplan festhält und den entsprechenden Gesetzesvorschlag erst im dritten Quartal 2021 vorlegt, wird die Plattform nicht vor 2025 an den Start gehen können.“ Die Interessenvertretung der Asset Manager bekräftigt aber: „Investoren benö­tigen den Zugang zu verlässlichen und ­vergleichbaren ESG-Unternehmensinfor­mationen viel früher!“

Investoren und Asset Manager nutzen derweil Daten und Datenanbieter, die aktuell zur Verfügung stehen, spüren hier aber eine zunehmende Abhängigkeit. Diese Situa­tion bietet Datenanbietern aktuell ein hervorragendes Geschäftsfeld, was sie zunehmend auch zu nutzen wissen.

Bleibt zu hoffen, dass die beiden Punkte, die für Investoren wichtig sind, vorange­trieben werden. Immerhin erkennt die EU-Kommission die Wichtigkeit des Vorhabens. Um verschiedene hochrangige Ziele wie den Aufbau nach der Coronavirus-Krise, den Übergang zu einer digitalen und nachhaltigen Wirtschaft und eine strategisch ­autonome EU zu erreichen, seien „massive Investitionen erforderlich, die öffentliche Gelder und herkömmliche Finanzierungen durch Bankkredite allein nicht leisten können“, so eine Information der EU-Kom­mission.

Wichtigkeit erkannt

„Nur gut funktionierende, tiefe und integrierte Kapitalmärkte können das Maß an Unterstützung bieten, das erforderlich ist, um eine Erholung nach der Krise zu ermöglichen und den Übergang anzutreiben. Die Kapitalmarktunion ist kein Selbstzweck, sondern die Grundlage für Fortschritte bei den wichtigsten Prioritäten der Europäischen Union.“    

Anke Dembowski


Anhang:

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