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1/2019 | Produkte & Strategien
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»Ohne Volatilität läuft gar nichts«

Obwohl ein Kapitalmarkt ohne Risiken nicht vorstellbar ist, bleibt das Thema Risikomanagement die größte Herausforderung beim Investieren. Professor Dr. Bernd Ankenbrand von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt rät, aus der Geschichte zu lernen – und zu einer Portion Demut vor dem Risiko.

Professor Dr. Bernd Ankenbrand unterrichtet an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, fällt aber viel stärker als eloquenter Keynote Speaker auf Finanzmessen und -konferenzen auf. Er selbst bezeichnet sich als Sinn­ökonom und Narr, was ihm die Freiheit gibt, auch unangenehme oder übersehene Wahrheiten offen ansprechen zu können. Zu seinen zentralen Forschungsschwerpunkten zählt das Thema „Risiko“, das er auch aus ungewöhnlicher Richtung beleuchtet.

Herr Professor Ankenbrand, welche Risiken sollten Investoren, die langfristige Verpflichtungen bedienen müssen, im Blick ­haben?
Ankenbrand: Auf lange Sicht stellen die Black Swans ein enormes Risiko dar, aber die sind ja nun mal schwer zu fassen. Ich rate Investoren mit langfristigen Verbindlichkeiten, mehr geschichtliche Zusammenhänge aufzugreifen. Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber sie reimt sich.

Wie kann das ein Portfolio Manager in der Praxis bewerkstelligen?
Er muss über den Tellerrand hinausschauen. Am besten wäre es, ein ­divers zusammengesetztes Risikoberatergremium einzurichten, damit man nicht immer in der eigenen Branche mit den eigenen Kennzahlen schmort. Nehmen Sie da ruhig auch einen Soziologen und eine Fondsfrau mit hinein, auch verschiedene Generationen und auch jemanden, den man als „Hofnarr“ bezeichnen würde, der vielleicht auch irritierende Fragen stellt. Sie kennen sicherlich die Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern. Wir brauchen in unserem Berufsalltag mehr von den kleinen Jungen, die sagen, „der Kaiser hat ja gar nichts an“.

Normalerweise wird Risiko im Asset Management mit Volatilität, Value at Risk oder Maximum Drawdown dargestellt. Was halten Sie für das beste statistische Maß für das Risiko von Wertpapierportfolios?
Risiko ist viel zu komplex, als dass man es in einer einzigen Kennzahl erfassen könnte. Volatilität lässt sich etwa gut erklären und einfach messen, daher wird diese Kennzahl oft genutzt. Aber letztlich ist Volatilität nur ein Maß für Veränderung, nicht für Risiko. Ohne Volatilität gäbe es keine Veränderung – wir brauchen also ­Volatilität.

Welche Kennzahl sollte man dann nutzen?
Wir brauchen ein Potpourri an Kennzahlen, um die Komplexität von Risi­ko zu erfassen. Ich sage nicht, dass Sie die Volatilität nicht auch als Kennzahl heranziehen sollten, aber sie als einzige Kennzahl herzunehmen, ist viel zu verdichtet.

Brauchen wir im Asset Management alternative Datenquellen und alternative Daten?
Vermutlich ja, alternative Messmöglichkeiten und Daten können enorme Chancen eröffnen. Denken Sie an die Messung der Zeit: Bis zum Mittelalter galt Zeit als gottgegeben, und es gab nur die Einteilung in Tagen; Tagelöhner wurden einfach pro Tag bezahlt! Als mit der mechanischen Uhr ein Werkzeug gefunden wurde, das die Zeit nach objektiven und akzeptierten Maßstäben misst, wurde Zeit quantifizierbar. Das hat bewirkt, dass wir das Mittelalter hinter uns lassen konnten und die Aufklärung möglich war. Eine bessere Koordination der Arbeit wurde erst mit der granularen Zeitmessung möglich. Übertragen Sie das auf die heutige Zeit: Bis vor ein paar Jahren dachte man, dass eine Sache wie der Carbon Footprint nicht messbar sei – heute kann man das. Wir brauchen solche ergänzenden Messverfahren, beispielsweise auch um den gesamten ESG-Bereich präziser ­erfassen zu können.

Nach Möglichkeit wollen wir Risiken ja nicht nur kennen und messen, sondern sie auch in den Griff bekommen. Wie stellt man das an?
Wir müssen die Hybris ablegen, dass wir der beste Portfolio Manager, der beste Motorradfahrer und so weiter sind. Wir müssen also unsere Overconfidence ­ablegen und generell eine gewisse Demut vor den Risiken des Marktes und des ­Lebens haben. Ich muss wissen, dass es mich auch treffen kann. Außerdem müssen wir zwischen den wahrgenommenen und den tatsächlichen Risiken unterscheiden. Dass diese auseinanderklaffen, hängt mit der Verfügbarkeits-Heuristik zusammen. Der ganz normale „Noise“ stellt ja nicht wirklich das Risiko dar, ist aber leicht verfügbar. Wir sollten also einen kritischen ­Rationalismus an den Tag legen und versuchen, hinter das Geschrei des Marktes zu schauen. Man weiß ja, dass Journalismus – auch Finanzjournalismus – von Blaulicht und Rotlicht bestimmt wird. Über diese Themen wird viel berichtet. Über das Langweilige, das einfach gut läuft oder das sich weit am Horizont auftürmt, wird nicht ­berichtet. Achten Sie also auf die Risikoverzerrung Ihrer eigenen Wahrnehmung.

Sie zitieren gern Warren Buffett mit seiner Aussage „Enjoy volatility!“ Man mag ja Volatilität akzeptieren; aber warum soll man an ihr Gefallen finden?
Ohne Volatilität läuft gar nichts, dann hätten wir Stillstand. Keine Bewegung bedeutet „tot“. Auch unser Körper braucht Bewegung, also Volatilität, sonst zerfällt er. So wie unser Körper durch Bewegung ­einen gewissen Stress braucht, so braucht auch ein Portfolio Stress. Volatilität hält auch den Portfolio Manager agil; ohne sie würde er unaufmerksam.

Agilität und Fragilität sind oft benutzte Schlagworte. Wie lässt sich ein Wertpapierdepot antifragil gestalten?
Eine Lösungsmöglichkeit ist, stärker in unternehmerische Investments zu gehen – also nicht 85 Prozent Staatsanleihen und andere Rentenwerte. Ich halte auch nicht viel davon, alles in ETFs zu investieren. Vielmehr stellen aktiv verwaltete Fonds eine gute Ergänzung zu passiv verwalteten Fonds dar. Auch ein wenig Private Equity oder Venture Capital bringen Antifragilität in ein Portfolio. Organisatorisch lässt sich ein Depot antifragil gestalten, indem man dafür sorgt, dass der Portfolio Manager „Skin in the Game“ hat. Er darf nicht nur ein Upside bekommen, sondern es muss ihm auch wehtun, wenn er etwas verliert.

Sehen Sie ein Problem darin, dass wir alle dieselben Studiengänge und dieselben Unis besuchen?
Ja, die Gefahr einer extremen Monokultur ist in unserer Branche gegeben. Der Agrarbereich zeigt, dass Monokulturen eine Zeit lang effizient sind, aber gleich­zeitig höchst anfällig. Ein guter wirtschaftswissenschaftlicher Uni-Abschluss ist wunderbar für eine kurzfristige eigene Karriere, aber gesamtwirtschaftlich stellt die Monokultur unserer Ausbildung und unseres Denkens eine echte Gefahr dar.

Sie sind ja auch aktiver Pilot: Die Luftfahrt setzt zur Reduktion von Risiken seit Langem Checklisten ein. Sollten Portfolio Manager das auch tun?
Auf jeden Fall! Checklisten helfen, routinierte Tätigkeiten in unserem komplexen Umfeld effizienter und fehlerfreier abzuhaken. Jeder braucht dazu aber seine eigene Checkliste.

Gibt es andere Analogien im Umgang mit Risiken, die sich von der Fliegerei auf das Portfolio Management übertragen lassen?
Im Rahmen meiner Piloten­ausbildung wurde mir meine naive Instrumentengläubigkeit vor Augen geführt. Ich dachte: Für Piloten gibt es doch den Nordpol, an dem er sich verlässlich auf alle Zeit orientieren kann. Nein! Erstens ist zwischen dem geografischen und dem magnetischen Pol zu unterscheiden. Die Kompassnadel zeigt nicht zum geografischen Norden, sondern etwas daneben. Und zweitens ist der arktische Magnetpol nicht ortsfest, sondern er verlagert sich ständig. Aktuell wandert er jährlich um etwa 40 Kilometer nordwestwärts. Zwar ist dies grob voraussehbar, aber Betrag und Richtung der exakten jährlichen Verlagerung sind langfristig nicht konstant. Zudem können kurzfristige Störungen des Erdmagnetfeldes den Magnetpol um bis zu 50 Kilometer von seiner mittleren Position verlagern. Was lernen wir daraus? Kein Messinstrument funktioniert immer. Wir setzen uns einem großen Risiko aus, wenn wir unsere Messinstrumente nicht kritisch hinterfragen.

Im Finanzbereich versucht man mithilfe ­einer komplexen Regulatorik die Risiken für Investoren zu reduzieren – stellt sie nicht selbst ein Risiko dar?
Regulatorik kann vor- und nachteilig wirken. Denken Sie an den Red Flag Act in England aus dem Jahr 1865. Damals musste in England vor jedem ­motorisierten Fahrzeug zur Warnung der Bevölkerung ein Mann mit einer roten ­Flagge laufen, und es gab ein Geschwin­digkeits­limit von vier Meilen pro Stunde. Das sollte der Sicherheit dienen, aber wir wissen, wohin das geführt hat: Durch den Red Flag Act wurde die Innovation in ­Sachen Automobil in England komplett untergraben, und die deutsche Autoindustrie hat sich bis heute viel rasanter entwickelt als die englische. Auch heute sehen wir ­extreme Regulatorik – zum Beispiel in der Automobil- und auch in der Finanzindus­­trie –, die Innovationen behindert. Geschichte reimt sich eben. Außerdem sorgt die Regulatorik oft dafür, dass die Inves­toren alle in dieselbe Richtung laufen. Das ist gefährlich.

Wie stehen Sie zur aktuellen Forderung, ­wonach Investoren ESG-compliant werden sollen. Könnte das zum Problem werden?
Ja, natürlich, aber ich kann mir vorstellen, dass der Hype um ESG auch wieder zurückgehen wird.

Wir danken für das Gespräch.    

Anke Dembowski


Mit dem Blick für die Praxis: Sinnökonomie

Dr. Bernd Ankenbrand ist ­Professor an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt und bezeichnet sich selbst als „Sinnökonom“.

Als solcher möchte er wissenschaftliche Erkenntnisse direkt zur Praxisanwendung führen und bezieht dabei auch Motivationen jenseits des rein ökonomischen Handelns ein. Seine internationalen Forschungs- und Lehrerfahrungen beinhalten Aufenthalte u. a. an der Universität Witten/Herdecke, der Karlshochschule International University, der Sino German School of Governance in Nanjing, China, am Northern Institute of Technology in Hamburg und am Mads Clausen Insti­tute an der University of Southern ­Denmark, Dänemark.

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