Logo von Institutional Money
Geben Sie Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort ein, um sich an der Website anzumelden:
3/2022 | Produkte & Strategien
twitterlinkedInXING

Neues Vermögen aufbauen

Prof. Dr. Henning Vöpel ist Vorstand der Denkfabrik Centrum für Europäische Politik und Volkswirtschaftsprofessor an der BSP Business and Law School in Berlin. In seinen wissenschaftlichen Arbeiten gibt er regelmäßig Denkanstöße zu Themen wie Geldpolitik, Rezessionsgefahren, Standort- und Industriepolitik.

1664365058_ps_11.jpg

„Während sich altes Vermögen entwertet – wie zum Beispiel fossile Ressourcen und Geschäftsmodelle –, muss neues Vermögen aufgebaut werden“, meint Prof. Dr. Henning Vöpel und ­ergänzt: „Wir dürfen nicht zu viel Umverteilungslast in die Zukunft übertragen, aber wir müssen auch die notwendigen Investitionen heute finanzieren.“

© Tim Flavor
Erfrischend kommt er rüber, und ihm zu folgen fällt leicht, weil er die Dinge klar beim Namen nennt. Eine seiner Arbeiten zum Thema Disruption hat er mit folgendem Leitsatz überschrieben: „Wir unterliegen einer Vermögensillusion. Vermögen ist immer das Vermögen, Zukunft zu gestalten.“ Auf die Frage, wie er das meint, antwortet er: „Wir erleben die Krise und den Zerfall von Ordnungen. Während sich altes Vermögen entwertet – wie zum Beispiel fossile Ressourcen und Geschäftsmodelle –, muss neues Vermögen aufgebaut werden.“ Passend findet er, dass im deutschen Sprachgebrauch das Wort ­Vermögen zwei Bedeutungen hat: zum ­einen das reale Vermögen als physisches Kapital und zum anderen das intellektuelle Vermögen als kognitive Fähigkeit. „Unser Vermögen, die Zukunft neu zu ­denken, verbindet sich mit der Aufgabe, volkswirtschaftlich neues Vermögen für die Zukunft aufzubauen.“
 
Es braucht neue Modelle
Aber genau das macht langfristig ausgerichteten Investoren Angst, denn sie arbeiten überwiegend mit Vergangenheitsdaten, die letztlich Repräsentanten der Vergangenheit sind. „Wenn wir glauben, dass die Zukunft substanziell anders aussehen wird als die Vergangenheit, müssen wir uns von den ­alten Daten und Denkweisen lösen, weil sie uns sonst in unserem Handeln prädeter­minieren. Die alten Modelle sind nur noch ­bedingt tauglich. Wir brauchen andere Heuristiken, Regeln und Wertmaßstäbe, um die Welt neu zu vermessen“, meint Vöpel.
Tatsächlich haben wir gesehen, dass sich die alten Regeln nicht mehr so anwenden lassen wie in der Vergangenheit, wenn sich die Parameter unserer Welt verändern; beispielsweise als die Zinsen in den negativen Bereich gerutscht sind. „Dann rechnen sich einige Modelle auf einmal ganz anders – oder gar nicht mehr, weil sich die Zusammenhänge qualitativ verändert haben“, gibt ­Vöpel zu bedenken.
 
Dazu hört er gern Nassim Nicholas Taleb, den Risikoforscher. Der Umgang mit Un­si­cherheit interessiert ihn gerade sehr. „Taleb hat kürzlich ein interessantes Video ver­öffentlicht, in dem er zeigt, dass die alten Diversifizierungsregeln nicht mehr funktionieren, wenn wir einen negativen Erwartungswert haben. Wenn uns Schwarze Schwäne in den Ruin treiben können, dürfen wir nicht mehr statistisch mit ­ihnen kalkulieren, sondern müssen sie zum Ausgangspunkt unseres Handelns machen. Entsprechend müssen wir auch unsere Portfolios an die neue Zeit an­passen“, so Vöpel.
 
Wie das geht? „Einzelwirtschaftlich versucht jeder, sein Vermögen zu retten, indem wir in vermeintlich sichere Häfen investieren: Gold, Währungen, Investoren … Aber im Aggregat geht das nicht, da können wir nicht alle im sicheren ­Hafen liegen. Volkswirtschaftlich geht es also darum, neues Produktivvermögen aufzubauen. Wir können Kosten und Risiken umverteilen, aber letztlich führt das nur ­tiefer in Zielkonflikte. Was wir brauchen, sind neue Optionen für die Zukunft“, sieht Vöpel den Ausweg.
 
Auch Gerd Gigerenzer findet er gut. „Der hat gerade ein neues Buch herausgebracht. Darin sagt er, dass wir manchmal den ­Informationsgehalt von immer mehr Daten überschätzen. Gerade bei Unsicherheit sind robuste, das heißt einfache und verständ­liche Regeln überlegen.“ Mit Komplexität umzugehen ist für Vöpel eine der wichtigsten Fähigkeiten für eine Zeit, die sich unheimlich beschleunigt. 
 
Wir brauchen mehr Puffer
Um aber den gewünschten neuen Kapitalstock aufzubauen, sei Globalisierung nach wie vor notwendig. „Viele Millionen Menschen konnten durch die Globalisierung der Armut entkommen“, meint er und möchte damit die Befürworter einer kompletten Deglobalisierung einbremsen. „Globalisierung ist auch ein Risikoargument. Sie hilft uns, Versorgungsrisiken zu diversifizieren.“ Aber wo lag dann das Problem? „Wir haben das Effizienzprinzip so weit getrieben, dass wir kaum noch Resilienz auf­gebaut haben. Diese hochkomplexen Just-in-time-Lieferketten, bei denen wir kaum noch Lagerhaltung hatten, wurden immer fragiler“, beobachtet er im Nachhinein. „Mir ist erst angesichts des Vorfalls mit dem ­Containerschiff im Suezkanal aufgefallen, wie geradezu symbolisch der Kanal für die Globalisierung steht, wie wir sie praktiziert haben. Auf den Fernsehbildern hat man ­gesehen, wie schmal der Kanal ist! Und 30 Prozent des Welthandels gehen durch dieses Nadelöhr!“
 
In der Risikoforschung spricht man vom „single point of failure“, an dem ein System zusammenbrechen kann. „Wir haben geglaubt, die Welt sei viel stabiler, als sie ist. In letzter Zeit kamen eine Reihe Krisen, die uns zeigen: Effizienz ist schön, aber Resilienz hilft uns, mit unerwarteten Ereignissen besser umzugehen. Sie hilft uns, krisenfähiger zu werden.“
 
Trotz der Krisen, die sich in letzter Zeit häufen, rät Vöpel nicht zum Streben nach kompletter Unabhängigkeit. „Es wäre fatal, beispielsweise aufgrund der Erfahrung mit Russland zu sagen, Annäherung durch Handel sei gescheitert. Länder, die nicht ein­seitig, sondern wechselseitig voneinander abhängig sind, sind vielleicht nicht zum Frieden verpflichtet, aber sie haben einen starken Anreiz, kooperativ zu sein.“ Von China hänge ab, wie es mit der Globalisierung weitergehe. „Europa hat ein riesiges Strategiedefizit. Teilweise sind wir wegen der ökonomischen Abhängigkeit politisch nicht mehr handlungsfähig, geraten in ein moralisches Dilemma“, schlägt er auch ­warnende Töne an. Trotzdem ist er der Meinung: „Autarkie ist der falsche Weg. Wenn wir komplett deglobalisieren, würde uns das massiv Wohlstand kosten. Wir haben ja ­ohnehin schon Fachkräftemangel. Wie sollen wir ­all das, was wir heute günstig importieren, in Zukunft ohne Wohlstandsverlust selbst produzieren?“
 
Generationengerechtigkeit
Der Fachkräftemangel bringt uns zum Thema Generationengerechtigkeit. In unmittelbarer Nähe der Bundespressekonferenz, wo wir uns unterhalten, befindet sich die Schuldenuhr. Dem Bund der Steuer­zahler ist es mit der Schuldenuhr gelungen, den Schuldenstand und den sekündlichen Schuldenzuwachs für Deutschland zu visualisieren. Wir gehen rüber und sehen, dass die Schuldenuhr abgestellt ist. Sagt uns das was? Womöglich müssen wir auch hier die Modelle ändern.
 
„Auf der einen Seite ist das natürlich richtig: Wenn der Staat sich verschuldet, werden die Handlungsmöglichkeiten der ­öffentlichen Hand in der Zukunft kleiner. Wenn wir uns heute verschulden, übertragen wir eine Umverteilungslast in die Zukunft“, sagt Vöpel. Auf der anderen Seite sollten wir heutige Finanzierungsspielräume nutzen, um der nächsten Generation eine bessere Welt zu hinterlassen, in der das Klima erhalten bleibt und in der es gute Schulen, Universitäten und Krankenhäuser gibt. „Wir müssen beides leisten“, meint Vöpel. „Wir dürfen nicht zu viel Umverteilungslast in die Zukunft übertragen, aber wir müssen auch die notwendigen Investitionen heute finanzieren.“ Keiner sagt, dass das leicht ist. Er konzediert: „Zu Beginn sprachen wir ­darüber, dass wir im Moment unseren Kapi­talstock wesentlich erneuern müssen. Der Aufbau einer neuen Infrastruktur steht an: Mobilität, digitale Infrastruktur, Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft … All das erfordert jetzt ziemlich konzentriert auch öffentliche Investitionen, mit denen wir am Ende auch private Investitionen und Innovationen auslösen wollen. Wenn wir in eine andere Richtung gehen wollen, brauchen wir dafür neue Infrastrukturen, Ressourcen und Kompetenzen.“ Also ist jetzt womöglich was dran an der Geschichte, auch wenn aktive Politiker immer der Meinung sind, es gäbe keinen besseren Zeitpunkt als jetzt, viel Geld in die Hand zu nehmen – für Bildung, Digitalisierung, Straßen und so weiter. ­„Natürlich hat jeder Politiker einen Anreiz, die eigenen Handlungsspielräume möglichst groß zu machen, auch wenn dies zulasten zukünftiger Handlungsspielräume geht, aber wir haben auch nicht immer einen solchen Paradigmenwechsel wie jetzt“, so Vöpel, „bei dem es darauf ankommt, möglichst frühzeitig die Weichen zu stellen.“
 
Hände weg von ­Preis­eingriffen!
Wir bleiben bei dem Dilemma, in dem sich Politiker heute befinden, und unterhalten uns über den Satz „You Never Walk Alone“, den Bundeskanzler Olaf Scholz neulich ­sagte. „Der Satz wird ja im Fußball gern bemüht. Es geht um die Beziehung zwischen Mannschaft und Fans. Das ist ja eigentlich positiv“, meint Vöpel. Wenn ­allerdings die Politik einen solchen Satz bemühe, suggeriere das, dass niemand sich mehr sorgen müsse. „Das ist ein Versprechen, das die Politik nicht erfüllen kann, weil die Solidarität dort endet, wo die Überforderung ­beginnt“, gibt Vöpel zu bedenken, „diese Überforderung des Staates hat ja auch Hans-Werner Sinn Anfang September angesprochen.“ In gewisser Weise sei das schizophren: Auf der einen Seite suggeriert die Politik: Die Gesellschaft steht vor gewaltigen Umbrüchen. Auf der anderen Seite ­erklärt sie: Niemand von euch wird es spüren. „Das ist ein unehrliches Versprechen, das am Ende dazu führen muss, dass die Ansprüche an den Staat so groß werden, dass er sie nicht erfüllen kann und Vertrauen verliert.“ Mit den hohen Energiepreisen würden reale Kosten anfallen, die man fair verteilen muss, die aber irgendjemand ­zwingend trägt. 
 
Vöpel warnt davor, in der Breite steigende Preise wegzusubventionieren und damit die Knappheitssignale zu unterdrücken: „In den Preis einzugreifen würde bedeuten, dass wir weder Verhaltensanpassungen noch Maßnahmen auf der Angebotsseite ergreifen. Aber wir wollen ja gerade, dass die energiewirtschaftliche Transformation beschleunigt wird. Wenn die Preise niedrig bleiben, wird niemand kürzer duschen oder mit weniger Gas produzieren!“ Besser sei es, diejenigen, die wirklich hart getroffen sind, gezielt zu unterstützen – sowohl Unternehmen als auch ärmere Privathaushalte. Damit kommt seine soziale Ader wieder zum Vorschein.
 
Trotzdem macht sich Vöpel mit seinen Aussagen nicht immer Freunde, aber das beunruhigt ihn wenig, vielmehr scheint es Ansporn für noch mehr Analysen zu aktuellen Themen zu sein. Wir wollen wissen, ob er sich nicht manchmal wie ein Rufer in der Wüste vorkommt, den niemand hören will? „Nein, das Centrum für Europäische Politik will Europa vordenken. Und wer wollte ­bestreiten, dass das heute wichtiger denn je ist?“ Das CEP geht unter anderem zurück auf eine Initiative von Roman Herzog, der glaubte, dass Europa immer wichtiger wird. „Damit lag er ja nicht falsch!“, meint Vöpel. Tatsächlich ist so ein Thinktank, der sich ordnungspolitisch mit Europa beschäftigt, ein notwendiges Regulativ zu der oft kleinteiligen Brüsseler Politik. Ob das CEP manchmal auch als zu kritisch angesehen werden könne? Zum einen bringt Vöpel ­seine Thesen wissenschaftlich und klar ­rüber, sodass ihn alle gut verstehen können. Zum anderen ist er dabei rücksichtsvoll und schafft es irgendwie doch, viele Sichtweisen mit einzubinden. „Außerdem sind wir privat über eine Stiftung finanziert. Die Stiftung hat ihr Stiftungskapital und erhält weitere Zuwendungen von Förderern. Das sind ­etwa 200 Unternehmen aus allen Branchen, die uns unterstützen.“ Dabei darf kein ­Förderer mehr als vier Prozent der Gesamtsumme beisteuern. „So sind wir von ­niemandem abhängig. In unsere wissenschaftliche Arbeit lassen wir uns nicht ­hineinreden“, erklärt Vöpel, und wir nehmen ihm das ab. 
 
Zum Schluss erwähnt er noch den österreichischen Philosophen Karl Popper, den er sehr bewundert. „Wir leben in Zeiten, in de­nen wir wieder mehr Karl Popper brauchen.“ Zwei Zitate von ihm findet er besonders schön, das eine lautet: „Alles Leben ist Problemlösen.“ „Das hat eine gewisse ­Demut“, findet Vöpel, „dahinter steht die Prämisse: Die Welt ist zu komplex, als dass Ideologien funktionieren könnten. Wir können ­lediglich versuchen, mit vorläufigem Wissen unsere Probleme zu lösen.“ Das andere Lieblingszitat lautet: „Es ist eine mora­lische Pflicht des Menschen, optimistisch zu bleiben.“ Vöpel sagt dazu: „Das gefällt mir, weil es bedeutet: Nur wenn es Sinn macht, dass es eine Zukunft gibt, bleiben wir konstruktiv. Wenn wir glauben, dass ­alles zugrunde geht und sowieso alles zu spät ist, verlieren wir unsere Motivation und unseren Antrieb. Deshalb braucht Freiheit den Optimismus.“ Vöpel möchte mit seiner Kritik konstruktiv bleiben und helfen, die ak­tu­el­len Herausforderungen anzugehen. Hoffentlich wird er gehört!
 
Anke Dembowski

Anhang:

twitterlinkedInXING
Institutional Money Kontakt
Logo von Institutional Money
Institutional Money
c/o FONDS professionell Multimedia GmbH, Landstrasser Hauptstraße 67, EG/Hof, 1030 Wien

Telefon: +43 1 815 54 84-0
Fax: +43 1 815 54 84-18
E-Mail: office@institutional-money.com

Redaktion Köln:
Hohenzollernring 52
50672 Köln
Telefon: +49 221 33 77 81-0
Telefax: +49 221 33 77 81-19
 Schließen

Mit der Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies und unserer Datenschutzerklärung zu. Mehr erfahren