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4/2021 | Steuer & Recht
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Neue Messlatten

Nach der Beschäftigung mit den Themen Taxonomie- und Offenlegungsverordnung müssen sich Investoren und Asset Manager nun intensiv mit der EU-Benchmark-Verordnung auseinandersetzen.

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Die EU-Benchmark-Verordnung führt zwei neue Klima-Benchmarks ein: a) den EU-Referenzwert für den klimabedingten Wandel (Climate Transition Benchmark, CTB) und b) den in Paris abgestimmten EU-Referenzwert (Paris-aligned Benchmark, PAB).

© Tobias Hase, Hans-Jörg Nisch | stock.adobe.com

Bei der 26. UN-Klimakonferenz in Glasgow hat die Staatengemeinschaft erneut gezeigt, dass sie entschlossen ist, Maßnahmen zu ergreifen, um die Klimakrise aufzuhalten. Wie man weiß, wird dem Kapitalmarkt bei ­diesem Vorhaben eine wichtige Rolle zugedacht. Er soll dafür sorgen, dass die finanziellen Ressourcen zu den richtigen Unternehmen gelenkt werden. Damit das funktioniert, hat die EU-Kommission mehrere Verordnungen auf den Weg gebracht. Während über die Taxonomie- und die Offenlegungsverordnung bereits -umfangreich berichtet wurde, beschäftigen sich Investoren und ­Asset Manager nun intensiv mit der Benchmark-Verordnung und tüfteln aus, wie sich diese in den Portfolios umsetzen lässt.


Zwei Klima-Benchmarks
Bereits 2019 hat die EU-Kommission die Benchmark-Verordnung überarbeitet. Das Ziel war, dem Markt brauchbare Vergleichsmaßstäbe an die Hand zu geben. Das Ergebnis ist die neue EU-Benchmark-Verordnung, offiziell „Verordnung (EU) hinsichtlich EU-Referenzwerten für den klimabedingten Wandel, hinsichtlich auf das Übereinkommen von Paris abgestimmter EU-Referenzwerte sowie hinsichtlich nachhaltigkeitsbezogener Offenlegungen für Referenzwerte“. Damit wurden zwei neue Klima-Benchmarks eingeführt, die jeweils spezifische Mindeststandards für Referenzwerte zum Thema Klima­wandel enthalten – einen für die Transformation der Wirtschaft und einen, der für die Erreichung der Klimaziele von Paris steht:

  • • EU-Referenzwert für den klimabedingten Wandel (Climate Transition Benchmark, CTB)
  • • mit den Paris-Zielen abgestimmter EU-Referenzwert (Paris-aligned Benchmark, PAB)
  • Bezweckt werden mit diesen beiden ­Referenzwerten vier Dinge:
  • • Einführung von Mindeststandards
  • • Vermeidung von Greenwashing
  • • Verbesserung der Transparenz über 
  • Offenlegungspflichten
  • • Vergleichbarkeit herstellen

Die entsprechend angepasste Benchmark-Verordnung wurde im Dezember 2019 im Amtsblatt der EU-Kommission veröffentlicht und ist am 30. April 2020 in Kraft ­getreten. Dazu hat die EU-Kommission im Juli 2020 delegierte Rechtsakte erlassen, in denen technische Mindestanforderungen an die Methodik der EU-Klima-Benchmarks festgelegt sind.
„Mit den beiden neuen Klimareferenzwerten hat die EU-Kommission einen Pflock eingeschlagen, was für sie im Portfoliokontext ‚klimabedingter Wandel‘ oder ‚im Einklang mit den Zielen von Paris‘ ­bedeutet“, erklärt Bernhard Grünäugl. Er ist Leiter Investment Strategy & ESG beim Asset Manager BayernInvest.


Praktische Umsetzung
Offenbar hat es eine Weile gedauert, bis der Markt Wege gefunden hat, die Klima-Benchmarks umzusetzen. Aber mittlerweile legen Indexanbieter nach und nach entsprechend ausgerichtete Indizes auf, und Investoren möchten ihre Portfolios an den neuen Klima-Benchmarks ausrichten.

Die im Pariser Abkommen abgestimmten Referenzwerte haben zwei Kernziele: zum einen die sofortige Erreichung einer signifikanten Verringerung der CO2-Intensität im Vergleich zum Grunduniversum um mindestens 50 Prozent und zum anderen in den Folgejahren die Unterstützung einer weiteren Verringerung des Ausstoßes an klimaschädlichen Treibhausgasen. Zusammen entspricht dies der Ambition des Übereinkommens von Paris, bis 2050 Netto-CO2-Neutralität herzustellen. Bei der Umsetzung in einem Portfolio ist daher eine Kombination aus unternehmensspezifischen Ausschlusskriterien und einer Reduktion der CO2-Intensität des Restportfolios zu definieren.

Wie das in der Praxis aussieht, lässt sich anhand des im August 2021 aufgelegten Fonds BayernInvest ESG Corporate Bond Klimaschutz zeigen. Es ist einer der ersten Fonds, der sich an der Benchmark-Verordnung orientiert, er setzt die Vorgaben um, die auch an die Paris-aligned Benchmark (PAB) gestellt werden. Konkret heißt das: a) Das Management schließt Emittenten, die wesentliche Umsatzanteile mit der Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen erzielen, weitgehend aus. b) CO2-intensive Emittenten innerhalb der übrigen Branchen werden untergewichtet.

Dadurch weist das Portfolio schon zu Beginn eine CO2-Intensität auf, die mindestens 50 Prozent unterhalb der Benchmark iBoxx Euro Corporate Bond Index liegt. „Unser Ziel ist, diese CO2-Intensität jedes Jahr um weitere sieben Prozentpunkte zu senken“, erklärt Grünäugl. Damit wird der Fonds bis 2050 netto-CO2-neutral, er entspricht also den Zielen des globalen Klimaschutzabkommens von Paris.


Weitere Analyseebene
Daneben soll der Fonds aber auch den Transformationsprozess von Unternehmen unterstützen. Grünäugl erklärt, wie das im Portfolio umgesetzt wird: „Für Sustainability-Linked Bonds und Green Bonds gelten die pauschalen Ausschlüsse im Fonds nicht. Wir können also Positionen in den Bereichen Öl, Gas und bei Versorgern aufbauen, wenn die Voraussetzungen stimmen, wenn also ambitionierte Einsparungsziele gesetzt und attraktive Kuponsteigerungen bei Zielverfehlung garantiert werden.“ Dabei ist die Analyse von Sustainability-Linked und Green Bonds aufgrund der Komplexität der Anleihenbedingungen nicht trivial. „Je nach Kupon-Step-ups erfordert das die Erfassung und Auswertung weiterer Daten. Außerdem müssen wir die Zielerreichung validieren. Das machen wir teilweise selbst, wir legen aber auch Wert auf eine vorhandene Second Opinion, also eine Validierung durch Dritte“, erklärt Grünäugl. Bei der Analyse von Green Bonds schaut er nicht nur auf das konkrete Projekt, das finanziert wird, sondern auch auf den Emittenten als Ganzes.
BayernInvest hat auch einen auf Emerging Markets fokussierten Aktienfonds in der Pipeline, der sich an den neuen Klima-Benchmarks orientiert. So ist das Vorgehen:

  • • Zunächst werden die Mindestausschlüsse umgesetzt, die die EU auf Sektorebene formuliert hat.
  • • Anschließend wird auf Portfolioebene die Vorgabe berücksichtigt, dass im Vergleich zum ursprünglichen Anlageuniversum ­eine um mindestens 50 Prozent geringere CO2-Intensität zu erreichen ist.
  • • Fortlaufend wird dann pro Jahr eine CO2-Minderung um 7,0 Prozentpunkte angestrebt.

Auf diese Weise will man bis 2050 die geforderte CO2-Neutralität erreichen. Die notwendigen ESG-Daten für die Strategie werden zum Großteil von MSCI bezogen, aber auch andere öffentlich zugängliche Datenquellen werden genutzt. „Meines Erachtens wird das für sich genommen noch nicht ausreichen, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, man muss mehr machen. Die Mindeststandards der EU sind aber schon mal ein guter Ausgangspunkt“, sagt Grünäugl. 


Ausschlüsse
Die Zielverfolgung der Klima-Benchmarks beginnt mit Ausschlüssen – wohl die einfachste Art, Klimaziele in ein Portfolio zu integrieren. Bei Bayern­Invest geht man jedoch bedächtig damit um: „Bei Hauptversammlungen kann ich nur abstimmen, wenn ich die Aktie halte. Und auch durch Engagement kann ich besser Einfluss nehmen, wenn ich investiert bin. Daher sind wir mit Ausschlüssen vorsichtig, denn wir wollen ja die Transformation in den Unternehmen begleiten und positiv beeinflussen“, sagt Grünäugl. Er ist überzeugt, dass die Maßnahmen wirken: „Wenn ich eine Aktie kaufe, beeinflusse ich damit die Refinanzierungskosten eines Unternehmens, und im Anleihenbereich ist das erst recht der Fall.“

Doch es bleibt nicht nur bei Ausschlüssen und einem ersten Blick auf den CO2-Ausstoß eines Unternehmens. Laut EU-Benchmark-Verordnung müssen Investoren nach und nach tiefer in die Daten eintauchen und am Ende des Prozesses auch Scope-2- und 
-3-Daten berücksichtigen. „Wir bemühen uns bereits heute, über alle Sektoren Scope-3-Daten zu berücksichtigen. Man kann dieses Wissen ja nicht ignorieren, das würde sonst zu einer Verzerrung unter den Sektoren führen“, meint Grünäugl, „aber leider werden Scope-3-Daten noch nicht von allen Unternehmen berichtet.“ Oft sind nur Schätzwerte verfügbar.


Keine Renditeeinbußen
Was die Rendite- und Risikoerwartungen im Equity- oder Fixed-Income-Bereich durch Einhaltung der PAB betrifft, ist Grünäugl optimistisch. „Bezogen auf den DAX ist hier eine Aussage schwierig, weil dieser ein relativ enger Index ist. Aber bei breiten Benchmarks sehe ich keine Einschränkungen, was die Performancemöglichkeiten ­betrifft. Natürlich hängt das auch von den individuellen Nachhaltigkeitskriterien ab, die der Investor zusätzlich vorgibt.“ 

Insgesamt sieht er gute Performancechancen für Klimastrategien, schon allein deshalb, weil sich ein großer Teil der Inves­toren in diese Richtung bewegt und für eine verstärkte Nachfrage am Markt sorgt. ­„Außerdem werden durch die EU-Politik klimafreundliche Unternehmen auf längere Sicht weniger Risiko aufweisen als andere. Denken Sie an die steigende CO2-Bepreisung oder den vorgezogenen Kohleausstieg!“, meint Grünäugl. „Oder die Unternehmen profitieren von den EU-Programmen, die in diese Richtung gehen, wie z. B. den im Rahmen des Next Generation EU Funds (NGEU) geplanten Ausgaben für energetische Modernisierungen im Immobilienbereich, für den Auf- und Ausbau von Infrastruktur für regenerative Energien und den Summen, die für die Entwicklung und Verbesserung von neuen und bestehenden Technologien bereitstehen, die die Trans­formation der Wirtschaft gewährleisten sollen.“ Außerdem ist wohl auch davon aus­zugehen, dass die Nachfrage nach klimafreundlichen Produkten zunimmt. „Wir sehen für Unternehmen, die sich nachhaltig orientieren, eine positive fundamentale Geschäftsentwicklung“, meint Grünäugl.

 
Anke Dembowski 

 

 


Anhang:

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