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2/2022 | Produkte & Strategien
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Mit mittelharten Bandagen

Die Turbulenzen auf der Credit-Suisse-(CS)-Hauptversammlung haben Schlagzeilen gemacht. Doch wie viel Druck üben Stimmrechtsvertreter in Sachen Corporate Social Responsibility (CSR) wirklich aus? ­Eine ­Studie und die CS-Hauptversammlung selbst wecken Zweifel an der tatsächlichen Entschlossenheit.

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Medienwirksam haben Aktivisten bei der Credit-Suisse-Generalversammlung im Frühjahr 2022 gegen das Management mobil gemacht. Die Textbotschaften werfen dem Institut Verstöße gegen CSR-Richtlinien vor. Doch als es darum ging, eine Sonderprüfung zu veranlassen, winkte ein Großteil der Aktionäre ab – der Vorstoß wurde abgelehnt.

© Pascal Mora | © 2022 Bloomberg Finance LP
Die Hauptversammlung der Credit Suisse im Frühjahr 2022 war ein ziemliches Spektakel: Erzürnte Aktivisten machten angesichts einer Anhäufung von Skandalen und ethisch mutmaßlich ­anfechtbaren Investmentaktivitäten vor der Konzernzentrale mobil (Bild rechts) – was das Management wahrscheinlich gar nicht so sehr aus der Bahn ge­worfen hätte. Denn dort ist man Aktionen dieser Art gewöhnt, hatte doch vor einigen Jahren der WWF die Generalversammlung de facto gekapert und im Sitzungssaal ein Transparent mit der Aufschrift „Stop dirty pipeline deals“ angebracht. Deutlich schwerer auf den Magen geschlagen haben dürfte der ­Geschäftsführung also, dass fast 60 Prozent der Aktionäre die Entlastung des Vorstands verweigerten.
 
Gemeinsame Strategie
Sie folgten damit der Empfehlung der einflussreichen Stimmrechtsberater Institutional Shareholder Services (ISS) und Glass Lewis. ISS wies auf eine Reihe von Risiko- und Kontrollproblemen hin, die mit erheblichen finanziellen und Reputationskosten für die Bank und damit auch für ihre Aktionäre verbunden seien. Zu Redaktionsschluss stand dann auch noch der Job von Konzernchef Thomas Gottstein unter Beschuss. Credit-Suisse-Großaktionär Artisan Partners, der laut Refinitiv rund 1,5 Prozent hält, forderte Verwaltungsratspräsident Axel Lehmann auf, einen Nachfolger für Gottstein zu suchen. Unter seiner Führung sei es bei der Schweizer Großbank nicht gut gelaufen, sagte Fondsmanager David Samra der Nachrichtenagentur Reuters. „Es gibt keinen Grund, wieso jemand wie er vernünftigerweise in seiner Rolle bleiben sollte.“ Damit folgt Artisan einem Trend, den die Berater von PricewaterhouseCoopers (PwC) in einer Umfrage ­unter 325 institutionellen Investoren weltweit zum Jahreswechsel festgemacht haben. In der Erhebung, die unter dem Titel „The economic realities of ESG“ publiziert wurde, konstatieren die Consulter, dass „Investoren zur Tat schreiten, wenn ein Unternehmen in Sachen ESG nicht genug unternimmt“ (siehe Grafik „Investoren beabsichtigen, sich stärker zu engagieren“). Bezogen auf die Umstände bei Credit Suisse, entspricht das Verhalten der Aktionäre insofern dem Umfrageergebnis, als bislang zwar nur 29 Prozent der Investoren nach ESG-Kontroversen gegen das Topmanagement gestimmt haben, 57 Prozent beabsichtigen jedoch, in Zukunft eine entsprechende Handlung zu setzen. Das geschieht in der Regel allerdings erst, nachdem im Vorfeld ein Gespräch mit der Geschäftsführung gescheitert ist. 58 Prozent der Investoren sind einen derartigen Weg der Dialogaufnahme gegangen, weitere 19 Prozent geben an, bei künftigen Konflikten denselben Schritt setzen zu wollen.
 
Deutlich aggressiver wollen die Investoren in Zukunft vorgehen, wenn es darum geht, das Management im Konfliktfall ­direkt und persönlich zu treffen. Während in der Vergangenheit nur ein Drittel der Investoren bei Auseinandersetzungen mit der Führungsetage gegen die Remunerationsvorschläge gestimmt hat, können sich inzwischen 58 Prozent der Investoren vorstellen, gegen das Salär der Topmanagements zu opponieren. Ähnlich sieht es beim ­Drängen auf die Koppelung von ESG-Zielen an die Topgehälter oder gar bei einer Abstimmung gegen die Bestellung von Aufsichtsratspositionen aus. 
 
Eine Frage des Ethos
Das klingt alles sehr aktiv, in der Praxis liegen die Absichten der Investoren aber nicht immer so glasklar auf der Hand – wie gerade der Fall Credit Suisse zeigt. Denn ein durchaus vertretbarer Antrag, der von einer Investorenallianz rund um die Schweizer Ethos Stiftung auf der Credit-Suisse-Hauptversammlung eingebracht worden ist, wurde von den ­restlichen Investoren abgelehnt. Beantragt hatten die Aktivisten – nachdem aus ihrer Sicht die zuvor geführten Gespräche keine ausreichenden Resultate geliefert hatten – eine Sonderprüfung zu zwei Punkten: erstens die „SCFF-Angelegenheit“, also das Debakel rund um die Investments in den Lieferkettenfonds von Greensill Capital. Und zweitens wurde Aufklärung über die altbekannte „Swiss-Leaks-Angelegenheit“ eingefordert. Der Antrag wurde mit 88,55 Prozent der vertretenen Stimmen abgelehnt.
 
Nur nicht zu weit gehen
Zudem hat die Ethos Stiftung zusammen mit ShareAction und im Namen von elf institutionellen Anlegern einen Antrag bezüglich der Klimaschutzstrategie der Credit Suisse und ihrer Offenlegungen zum Klimawandel mit spezieller Fokussierung auf Ausrichtung, Offenlegung und Berichterstattung in Bezug auf den Öl-, Gas- und Kohlesektor eingereicht. Der Antrag schlug eine ­Änderung der Statuten der Credit Suisse durch die Einführung eines neuen Artikels vor. Er wurde mit 77,21 Prozent der vertretenen Stimmen abgelehnt.
 
Während also eine Entlastung aus finanziellen Gründen von einem Großteil der Investoren und Anleger abgelehnt wurde, kam ein Antrag, der auf der Umsetzung von CSR (Corporate Social Responsibility) und ESG beruhte, nicht durch. Ein Einzelfall – oder sind Investoren beim Thema CSR doch nicht ganz so strikt, wie oftmals propagiert und in Umfragen wie der von PwC auch gern angegeben wird?
 
Genau diese Frage hat Anne Lafarre von der Tilburg University in ihrem Diskussionspapier „Do Institutional Investors Vote Responsibly?“ gestellt. Sie geht bei der Beantwortung dieser Frage disziplinübergreifend vor und bedient sich des aus der Politikwisschenschaft stammenden W-NOMINATE- Modells. Hierbei handelt es sich um eine Weiterentwicklung des in den frühen 1980er-Jahren von Keith Poole und Howard Rosenthal entwickelten NOMINATE-Ansatzes, der ursprünglich dafür entwickelt wurde, den Wahlprozess innerhalb des US-Kongresses zu analysieren. 
 
Das Abstimmungsverhalten eines Parlamentariers wird dabei in der Regel in einer zweidimensionalen Ebene dargestellt, die auf beiden Achsen vom Intervall [–1, +1] begrenzt wird. Ist beispielsweise ein Abgeordneter der Demokraten sehr weit links, könnte man ihn auf der horizontalen Achse nahe bei „–1“ einordnen. Auf der zweiten Achse könnte man etwa seine bisherige Einstellung zu Abtreibungsfragen eintragen. Hat der Abgeordnete häufig für Gesetze gestimmt, die von der Ideologie her auf eine Pro-Abtreibungs-Tendenz hinweisen, könnte man ihn auf der horizontalen Achse relativ nahe bei „+1“ abbilden. Her­aus käme ein Punkt auf einer Matrix, der sein wahrscheinliches Abstimmungsverhalten beziehungsweise seine faktische Ideologie jenseits aller Lippenbekenntnisse darstellt.
 
Anwendung auf HV
„Unserer Kenntnis nach sind wir die Ersten, die das W-NOMINATE- Modell in einem internationalen Kontext in Bezug auf CSR und das Abstimmungsverhalten von institutionellen Investoren auf Hauptversammlungen anwenden. Wir deduzieren anhand der Abstimmungs­daten auf Hauptversammlungen die CSR-Präferenzen institutioneller ­Investoren“, erklärt Studienautorin Anne Lafarre. „Unsere Ergebnisse zeigen deutlich auf, wie sozial verantwortlich institutionelle Investoren tatsächlich handeln, und können beispielsweise belegen, dass die geografische Herkunft eines Investors stark mit dessen ­spezifischen CSR-Präferenzen zusammenhängt.“
 
Bevor sie zu diesem Schluss kam, wer­tete die Autorin Daten von Proxy Insight zu weltweiten Abstimmungsergebnissen von 2016 bis 2021 aus. Sie kommt damit auf 18.645 Anträge, die unter anderem von 133 institutionellen Investoren, den großen ­Proxy-Beratern Glass Lewis, ISS und ISS SRI sowie mächtigen passiven Investoren wie BlackRock, State Street oder Vanguard eingereicht wurden. 
 
Von diesen Anträgen beziehen sich 2.475 auf CSR-Thematiken, die große Mehrheit, 16.170, hat mit Wahlen gegen Board oder Aufsichtsrat zu tun, die sich aus rein wirtschaftlichen Gründen gegen die Unter­nehmensspitze wenden. Aus diesen beiden Datensätzen entwickelt Lafarre eine zweidimensionale Ebene, aus der sich ablesen lässt, welche Aktionen die Anteilseigner gesetzt haben beziehungsweise wie CSR-lastig sie agiert haben. Die horizontale Achse spiegelt dabei die tatsächliche CSR-Affinität im Intervall [–1/+1] wider, wobei „–1“ die höchste CSR-Sensibilität darstellt. Auf der vertikalen Achse finden sich die Votings gegen den Aufsichtsrat aus ökonomischer Sicht wieder. „–1“ bedeutet, dass der Aktionär in der Regel besonders managementfreundlich gestimmt hat.
 
Außerdem fasst Lafarre die Asset Manager nach Investmentstil zusammen und sortiert nach geografischen Gesichtspunkten – also wo der betreffende Anteilhalter domiziliert ist. 
 
Wahlprognosen
Mit dieser Methodik kommt sie auf ein ganz gutes Stimmungsbild, was das tatsächliche CSR-Verhalten von Asset Managern, institutionellen Investoren und Proxy-Beratern betrifft (siehe Grafik „CSR als europäische Domäne“). Demnach befinden sich deutlich mehr Investoren als Asset Manager in der linken Hälfte der Ebene, wo sich die Akteure mit starker CSR-Lastigkeit tummeln. Geografisch aufgeschlüsselt findet man in der linken Hälfte deutlich mehr Europäer als US-Amerikaner. Inter­essanterweise befinden sich aber auch ­deutlich mehr Manager im rechten oberen Segment der Ebene – also dort, wo man ­besonders kritisch mit dem Management umgeht, dies aber nicht aus CSR-Gründen tut. Ganz klar ist dieser Zusammenhang nicht, weshalb „die Interpretation der zweiten Dimension (Anm.: also der vertikalen Achse) noch weiterer Forschung bedarf, die ideologischen Ergebnisse zur ersten CSR-Achse bleiben aber robust“, wie Lafarre meint.
 
Die Wissenschaftlerin hat ihre Methode auch an einem praktischen Case getestet – und zwar bei der Hauptversammlung des Mineralölkonzerns Shell im Jahr 2021. ­Aktivisten hatten ein radikales Klimaschutzprogramm unter dem Titel „Follow This“ vorgelegt. Die Konzernführung hatte hingegen ein weniger ambitioniertes Programm präsentiert. Die grafische Prognose (siehe Chart „Nicht ganz radikal“) zeigt links der Bruchlinie die Investoren an, die sich gegen das Management entscheiden hätten ­sollen – also für „Follow This“ und gegen den im Vergleich dazu weniger radikalen Shell-Vorschlag. 
 
Sein und Schein
Die Prognosen gingen von einem klaren Sieg des Managements aus. In der Realität fiel er aber noch deutlicher aus, da zwölf Investoren, die laut ihrer Ideologie gegen das Management hätten stimmen müssen, sich im gegenständlichen Ernstfall dann doch für das Management ­entschieden haben. Auf der anderen Seite haben nur fünf Investoren, die sich für das Management entscheiden hätten sollen, schlussendlich ­gegen den Vorschlag der Geschäftsführung gestimmt. 
 
Zumindest anekdotisch zeigt das Ergebnis ähnlich dem Ethos-Vorschlag bei der CS-Hauptversammlung, „dass zumindest manche institutionelle Investoren dazu neigen, in Fragen des Klimaschutzes das ­Management zu unterstützen und für einen weniger ambitionierten Kli­maplan zu stimmen“, wie Lafarre ­resümiert.
 
Hans Weitmayr

Anhang:

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