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3/2021 | Produkte & Strategien
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Mit breiter Brust

Während die Nachrichtenlage rund um künstliche Intelligenz im Asset Management eher dünn ­geworden ist, hat hinter den Kulissen ein Reifeprozess eingesetzt, der sich nicht zuletzt im Markteintritt des Fondsgiganten DWS widerspiegelt.

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Die KIs, die den Reife- und Marktbereinigungsprozess der vergangenen Jahre überlebt haben, stehen stärker da als je zuvor. Sie bringen teils beachtliche Sondererträge zustande, die den Vergleich mit menschlichen Managern alles andere als scheuen müssen. Dass die Technologie mittlerweile recht ausgereift ist, zeigt sich auch am Markteintritt großer Player.

© Birgit Bielefeld, DIgilife | stock.adobe.com

Eine Utopie des 20. Jahrhunderts, die im 21. Jahrhundert Realität geworden ist – so sehen Befürworter die Errungenschaften rund um das Forschungsgebiet der künstlichen Intelligenz. Eine hochgejubelte Fantasie, deren Durchbruch seit 70 Jahren regelmäßig aufs Neue gefeiert wird, um letzten Endes immer wieder aufs Neue zu enttäuschen – so sehen es die Kritiker mit Verweis auf die viel beschworene „KI-Eiszeit“ in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, als die Forschung in diesem Bereich de facto stillstand.

Steigende Produktivität

Vor etwas mehr als einem halben Jahrzehnt aber setzte eine KI-Renaissance ein, die sich in vielen – vor allem digitalen – Bereichen bereits festgesetzt hat. Sprach- und Gesichtserkennung, automatisiertes Über­setzen, juristische Schriftsätze, die in großem Stil von KI-Zentren in Großbritannien aufgesetzt werden, und natürlich die ersten Versuche des autonomen Fahrens sind einer relativ breiten Öffentlichkeit ein Begriff. Entsprechende makroökonomische Effekte sind zu erwarten, wobei es laut einer Einschätzung von Columbia Threadneedle vor allem um den Anstieg der Arbeitsproduktivität geht. Und einmal mehr bilden die Skandinavier eine Speerspitze. So soll die KI-bedingte Arbeitsproduktivität in Schweden bis 2035 um 37 Prozent zulegen. In Österreich und Deutschland sind es immerhin 30 respektive 29 Prozent (siehe Grafik „Anstieg der Arbeitsproduktivität“).

Wo die anfängliche Euphorie zunächst jedoch schnell verpufft ist, ist das Asset Management. Anekdotisch wurde zwar vor allem aus Asien immer wieder von sagenhaften Gewinnen in Krisensituationen berichtet – Quant-Päpste wie David Harding, Gründer von Winton Capital, schimpften aber auf künstliche Intelligenz im Asset Management als eine von vielen Blasen, die er sich aufblähen und wieder platzen gesehen habe.

Tatsächlich hat man in letzter Zeit wenig über künstliche Intelligenz im Bereich Asset Management gehört – dürften Kritiker wie Harding also recht behalten? Nicht unbedingt. Hendrik Leber, Gründer und CEO von Acatis Investment, gehört mit dem im Jahr 2017 lancierten Acatis AI Global Equities zu den deutschen Pionieren in Sachen KI und Asset Management. Er spricht von ­einer Art Marktbereinigung und von den Blendern, die letzten Endes nicht bestehen ­konnten.

Weniger Outperformance

Doch wie sieht es insgesamt mit dem KI-Universum aus? Wie haben von KI gelenkte Fonds in den vergangenen Jahren nun tatsächlich performt? Diese Frage stellt sich Günter Jäger, Gründer und CEO des Finanzdienstleisters Plexus Investments. Er gibt den AI Outperformance Index her­aus. Dieser besteht aus Fonds, „die in ihrem Anlageprozess künstliche Intelligenz oder maschinelles Lernen einsetzen. Die Berechnungen basieren auf der monatlichen Outperformance jedes Fonds gegenüber der jeweiligen Benchmark“, wie Jäger erklärt.

Hier scheint sich aber die Befürchtung, wonach es sich bei KI nur um ein Strohfeuer gehandelt hat, zu bestätigen, hat doch die Outperformance von Fonds, die durch künstliche Intelligenz gesteuert werden, in jüngster Zeit kontinuierlich abgenommen (siehe Grafik „Schwindende künstliche Kraft?“) – bis Redaktionsschluss waren es sechs monatliche Rückgänge in Folge. Für Jäger ist eine Minderleistung von KI aber längst keine ausgemachte Sache. „Basierend auf dem SPIVA (S&P Indices Versus Active Funds) Score und den zuletzt verfügbaren Daten per Dezember 2020 ­haben menschliche Manager, die aktiv in den US-Aktienmarkt investieren, eine Outperformancerate von 39,7 Prozent erzielt. Die analoge Plexus-AI-Rate lag bei 55,6 Prozent, im Juli waren es sogar 60 Prozent.“ Jäger räumt ein, dass die Anlageuniversen unterschiedlich sind, der Vergleich gibt aber immerhin einen Anhaltspunkt dafür, welcher Prozentsatz der aktiven Manager im Vergleich zu KI-Fonds ihre Benchmark überbieten. Auch ein zweiter, genauerer Blick auf die Daten lässt die KI-Fonds in einem günstigeren Licht erscheinen (siehe Tabelle „Outperformance – der zweite Blick“). Denn über zwölf Monate betrachtet haben die beobachteten KI-Fonds im Vergleich zu ihrer Benchmark eine durchschnittliche Outperformance von 4,85 Prozent erzielt. Die Streuung ist allerdings ­relativ breit und reicht von plus 24,4 Prozent bis hin zu minus 21,8 Prozent.

Jäger meint jedenfalls, dass das KI-Universum in den vergangenen Jahren einen Reifeprozess durchlaufen habe. Das kann man auch an der Zusammensetzung seines Index erkennen. „Vor zwei Jahren waren es nur zwölf Mitglieder, mittlerweile sind es 16. Die zwölf von damals sind aber nicht mehr alle im Index vertreten“, so Jäger. Vielmehr habe eine Rotation stattgefunden, in deren Rahmen manche Fonds ihre Strategie geändert hätten und nicht mehr in das reine KI-Universum passen. Wieder andere hätten die kritische Masse nicht erreicht und seien vom Markt genommen worden, und eine dritte Gruppe sei schlicht vom Mitbewerb aufgekauft worden. Die Entwicklung vergleicht er mit jener im Robo-Investment, als ein paar kleinere Player vorgestoßen und die großen Mitbewerber später, dafür aber vehement in den Markt eingedrungen sind.

Schlachtschiffe stechen in See

Dass diese Einschätzung stimmen könnte, hat im Frühjahr das Fonds-Schlachtschiff DWS angedeutet. Am 31. März 2021 hat der Asset Manager nämlich einen Aktienfonds aufgelegt, dessen Aktienauswahl „maßgeblich auf dem Einsatz von künstlicher Intelligenz beruht“, wie es in der entsprechenden Aussendung hieß. Der DWS Concept ESG Arabesque AI Global Equity greift demnach „die drei Megatrends auf, die die DWS für das kommende Jahrzehnt identifiziert hat: Niedrigzinsen, Nachhaltigkeit und Digitalisierung“. Der Fonds stellt dabei das erste gemeinsame Produkt von DWS und Arabesque AI dar. Das britische Unternehmen hat sich auf künstliche Intelligenz spezialisiert und ist mit der DWS Anfang 2020 eine strategische Partnerschaft eingegangen. Der Fonds selbst berücksichtigt ESG-Kriterien, verfolgt einen Total-Return-Ansatz und umfasst zwischen 60 und 70 Aktien aus dem MSCI-Welt-Universum. Sein erwarteter Tracking Error liegt zwischen sechs und sieben Prozent.

Laut DWS zeichnet sich der KI-Fonds dadurch aus, dass er sehr umfassend ist und nicht auf einzelne Märkte, Investmentstile oder Anlageklassen setzt. „Mit dem Produkt kombinieren wir in einem aktiv gemanagten Investmentfonds die Vorteile der künstlichen Intelligenz mit der Expertise unserer Investment Manager“, sagt Manfred Bauer, Leiter der Product Division bei der DWS.

Datenflut

Das Management setzt dabei auf die ­Vorteile, die die KI beim Bewältigen der ­gewaltigen Datenmengen hat. So lag im Jahr 2009 die Zahl der neuen Daten noch bei 0,5 Zettabyte (ein Zettabyte entspricht 1.073.741.824 Terabyte), 2019 bereits bei 45 Zettabyte. Für das Jahr 2025 erwarten Experten neue Daten im Umfang von 175 Zettabyte, also die 350-fache Menge des Jahres 2009. „Für das menschliche Gehirn ist diese Entwicklung ein großes Problem, für die künstliche Intelligenz dagegen gilt: Je mehr Informationen, desto besser“, so Bauer.

Exitus Homo sapiens?

Aus DWS-Sicht wird künstliche Intelligenz eine zunehmend wichtige Rolle im Asset Management einnehmen, Analysten oder Fondsmanager komplett ersetzen wird sie jedoch nicht. Auch bei DWS verfolgt man einen komplementären Ansatz: Demnach generiert die KI-Engine täglich eine Vielzahl von Signalen, die auf die allfällige Attraktivität einer Aktie schließen lassen. Die Spezialisten der DWS für quantitatives Investieren bauen daraus ein regional und über Sektoren diversifiziertes Portfolio und überprüfen dieses monatlich. Bis Redak­tionsschluss ist dieses Konzept hervor­ragend aufgegangen, hat der KI-Fonds von DWS seine Benchmark mit knapp fünf Prozentpunkten doch klar hinter sich gelassen.

Das könnte auch schon die halbe Miete gewesen sein. Denn laut Jäger ist gerade die Anfangsphase für KI-Fonds enorm wichtig. Das liege an der enorm hohen Erwartungshaltung und dem Fehlen echter Benchmarks. „Wenn ein Value-Fonds schlecht läuft, kann das Management auf die Performance von anderen Value-Fonds hinweisen und wird auf Verständnis stoßen. Bei einem KI-Fonds funktioniert das nicht.“

Beherzte KI

Davon, dass ein solcher Start mehr als holprig sein kann, weiß Hendrik Leber von Acatis ein Lied zu singen. Der bereits erwähnte ­Acatis AI wurde zunächst als Acatis KI Aktien Global lanciert, legte aber das hin, was man salopp als „Bauchfleck“ bezeichnet. Die Performance war enttäuschend und hinkte allen vergleichbaren Indizes und Benchmarks hinterher. Leber zog die Reißleine und ließ den Algorithmus nachjustieren. Ein Blick auf den langfristigen Chart von 2017 bis Redaktionsschluss lässt auf den ersten Blick aber keine besonders große Wirkung erkennen, liegt der AI-Fonds doch um zehn Prozentpunkte unter dem MSCI World NTR in Euro.

Sieht man sich jedoch an, was die AI nach der Pandemie geleistet hat, kann man durchaus beeindruckt sein. Zwar war der Acatis-Fonds bei den Abschlägen im März 2020 mittendrin statt nur dabei, er kam in der Erholungsphase aber viel rascher aus den Startlöchern. Seither hat der Fonds ein Plus von 106 Prozent erwirtschaftet, während der MSCI auf eine Performance von knapp 75 Prozent kommt.

An dieser Stelle kristallisiert sich auch die Abgrenzung zwischen künstlicher Intelligenz, aktiven humanen und quantitativ getriebenen passiven Strategien heraus. Denn während bei menschlichen Managern Emotionen gerade in Krisenzeiten zu Fehlentscheidungen führen können, agiert die KI vollkommen angstfrei, was in diesem Fall zu einem beherzten Zugreifen und der ­erwähnten Outperformance gegenüber dem Index geführt hat. Passive quantitative und somit regelbasierte Systeme nehmen wiederum die Performance des jeweiligen Index gut mit – im Rebound-Szenario hat sich jedoch gezeigt, was eine aktive emotionsfreie Strategie gegenüber einem rein passiven Ansatz an Zusatzrendite ermöglichen kann.

Die andere Seite des Zauns

Dass das Thema KI an Traktion gewinnt, lässt sich aber auch auf der anderen Seite des KI-Asset-Managements ablesen – nämlich dort, wo in Unternehmen investiert wird, die von artifizieller Intelligenz am stärksten profitieren. So hat unlängst die Deka ihr Produktangebot um ­einen aktiv gemanagten Aktienfonds erweitert, mit dem Anleger auf KI setzen können. Der Deka-Künstliche Intelligenz investiert benchmarkfrei weltweit in Unternehmen, die ein ­besonderes Wachstumspotenzial im Bereich KI versprechen. Das Management sucht dabei nach Unternehmen, die die technischen Voraussetzungen für KI-gesteuerte Geschäftsmodelle bereitstellen, also beispielsweise Infrastruktur für große Rechenleistungen, spezifische Compu­terchips oder Plattformen. Ebenso wird in Unternehmen investiert, die KI nutzen, um Produkte und Dienstleistungen zu verbessern oder Prozesse zu automatisieren. Das Anlageuniversum besteht aus über 3.000 ­Titeln. Das Fondsmanagement filtert daraus zunächst alle Titel heraus, die dem thema­tischen Anspruch entsprechen. Das sind ­aktuell rund 250 Unternehmen aus allen Branchen, wobei Schwerpunkte in den ­Bereichen Informationstechnologie, Industrie, Gesundheitswesen und Konsumentenanwendungen liegen. Diese Firmen werden dann auf Basis einer Fundamentalanalyse bewertet. Die Analyse umfasst Unternehmenskennzahlen, die Qualität des Managements sowie relative Bewertungen und die Wettbewerbspositionierung.

Übrig bleiben die vielversprechendsten Titel für ein fokussiertes Portfolio, mit dem der thematische Investmentansatz des Fonds konsequent umgesetzt werden kann.
Doch auch andere Fondshäuser haben das Thema auf dem Radar. Dazu gehört die eingangs erwähnte Fondsgesellschaft Columbia Threadneedle. Neil Robinson, Head of Global Equities, ortet sogenannte „Star­effekte bei der KI-Entwicklung“, legt diese aber gar nicht so sehr auf spezielle KI-­Investments um, sondern geht davon aus, dass „dieser einschneidende Wandel ganz allgemein viele Positionen der Portfolios von aktiven Vermögensverwaltern betreffen wird“.

Erwartungshaltung

Doch zurück zu den KI-gemanagten Fonds. Welche Performance können oder sollen Investoren von diesen selbstlernenden Algorithmen erwarten? Müssen sie die von aktiven menschlichen Managern übertreffen? „Wahrscheinlich nicht“, meint ­Jäger. „Aus Rentabilitätsgründen reicht es mittelfristig, wenn sie gleich gut sind.“

Denn ähnlich wie bei passiven Strategien sollte in naher Zukunft ­eine Diskussion rund um die Managementkosten von KI-Fonds entstehen. Einen Schritt in diese Richtung hat die DWS bereits unternommen. Die jeweiligen institutionellen Tranchen ihres KI-Produkts schlagen mit laufenden Kosten von unter einem halben Prozent zu Buche. Man erhält als Investor aktives Management zum Preis von passiven Strategien.

Aktive menschliche Manager werden sich also wahrscheinlich noch stärker auf Märkte mit hoher Informationsasymmetrie und einer relativ geringen Zahl an auswert­baren Datenpunkten konzentrieren müssen. Denn dort wird künstliche Intelligenz auch in Zukunft ihre Schwächen zeigen.

Hans Weitmayr


Anhang:

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