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4/2021 | Produkte & Strategien
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Metaverse-Investments

NFT – Non-Fungible Token – haben im Rahmen der Pandemie ihren Durchbruch erlebt. Mit ihnen wird die Transaktion digitaler Güter ermöglicht. NFT-Einzelauktionen im Digital-Art-Bereich überschreiten ­inzwischen die 50-Millionen-Dollar-Marke. Können sie aber Teil einer Investmentstrategie werden?

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Willkommen im Metaverse. Impressionen einer immersiven Installation mit dem Titel „Machine Hallucinations – Space: Metaverse“ von Refik Anadol bei der Digital Art Fair Asia mit ­Schwerpunkt auf NFT-Art in Hongkong am 3. Oktober 2021. Genau dort will Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hin. Die Historie zeigt, dass der Mann ein Gespür für digitale Trends hat.

© George Frey – 2020 Bloomberg Finance LP, Lam YIK

Wenn Facebook-Chef Mark Zuckerberg im ­Juni 2021 meinte, er wolle sein Unternehmen „von einer Social-Media-Firma zu einem Unternehmen des Metaverse“ umbauen, darf man ihm aus der Ferne unterstellen, dass er in diesem Metaversum nicht nur ein Player-, sondern das Metaversum selbst werden will. Die geplante Umbenennung von Facebook in „Meta“ spricht jedenfalls dafür. 

Das Metaverse selbst ist eigentlich ­eine literarische Erfindung aus der ­Cyberpunk-Kultur der 1990er-Jahre, deren eher dystopisches Leitbild die Verschmelzung der digitalen und der realen Welt ist. 2021 scheint genau dieses Konzept an Traktion zu gewinnen: seien es immersive Kunstveranstaltungen wie die in Hongkong veranstaltete Art-Show „Ma­chine Hallucinations – Space: Metaverse“ oder etwa das rein digitale Kunstwerk „Everydays: The First 5000 Days“, das eine Kaufpreis von knapp 70 Millionen Dollar erzielt hat. Das Bemerkenswerte an dem Werk, das der Künstler Beeple (Mike Winkelmann) kreiert hat: Es wurde über NFT, also ein Non-Fungible ­Token (Erklärung siehe Kasten „NFT? WTF! LMGTFY.“), versteigert. 


Metaverse und NFT
Der Unterschied zu bisher bekannten Blockchain-Applikationen im Sachwertbereich, die auf digitalem Weg Rechte an physischen Werten verbriefen, tun NFT das für digitale Güter – als Bilder, Musik, Rechte, Kunst, Texte aus dem Metaverse. Genau das NFT-Konzept könnte demnach einer der Stützpfeiler des Meta/Facebook-Geschäftsmodells werden. „NFT wird es den Menschen erleichtern, digitale Objekte in limitierter Auflage zu verkaufen, sie in digitalen Räumen auszustellen und sie sogar sicher an eine andere Person weiterzuverkaufen“, erklärte Vishal Shah, Facebook Head of Metaverse Products.

Davon, dass NFT „im entstehenden Metaversum – dem kollektiven virtuellen Raum, der durch die Konvergenz von virtuell verstärkter physischer Realität und physisch persistentem virtuellem Raum entsteht – eine Rolle spielen wird“, zeigt sich auch Guido Zimmermann, Senior Economist bei LBBW, überzeugt. In seiner Analyse „Was sind Non-Fungible Token (NFT)?“ legt der Ökonom den Finger auf den Puls der Zeit und zeigt sich überzeugt davon, „dass NFT insbesondere eine Rolle bei digitaler Kunst, Sammlerstücken und sogenannten Community Token, also etwa als Berechtigungskarten für (digitale) Events), spielen werden“. Die Spielarten sind dabei endlos. Wobei es laut Zimmermann gilt, genau zwischen NFT und dem tatsächlichen Vermögenswert, also beispielsweise dem Beeple-Werk, zu unterscheiden: „Ein häufiger Fehler besteht darin, NFT mit dem Vermögenswert zu verwechseln, dessen Eigentum sie zertifizieren. Tatsächlich sind NFT einer Urkunde oder dem Eigentumsnachweis in Bezug auf ­einen Vermögenswert näher als der Ver­mögenswert selbst.“ Im konkreten Fall war also nicht das Beeple-Bild das NFT, vielmehr hat der Käufer über das NFT das zertifizierte Eigentumsrecht an diesem Bild ­erworben (siehe auch Kasten „Case Study Digitale Kunst & NFT“). In der Realität verschwimmen die Begriffe jedoch – auch wir meinen in diesem Artikel die Objekte oder Token selbst, wenn wir von NFT sprechen.


Auf der Suche nach dem Markt
Wie bei allen anderen Krypto-Phänomenen stellt sich aus Investorensicht jedenfalls die Frage nach der Bewertung. Dazu braucht es zunächst einmal einen Markt – Zimmermann verweist in diesem Zusammenhang auf die Daten von nft-stats.com (siehe Chart „NFT gewinnen an Traktion“). Dieses Portal wertet die Transaktionen auf diversen gängigen NFT-Portalen aus, auf denen Miniatur-NFT gehandelt werden. Marktführend ist hier die Plattform CryptoPunk, auf der 10.000 Crypto Art Images gehandelt werden, die gerade einmal 24 mal 24 Pixel groß sind (siehe Abbildung „Millionenschwere Punks“). Die Bilder stellen ­comicartige Köpfe mit mehr oder weniger seltenen Attributen dar, die sich in Frisur, Kopfbedeckung, Geschlecht etc. unterscheiden. Während die Zahl der Transaktionen auf CryptoPunk relativ gering ist, ist deren Wert verblüffend hoch. So wurde CryptoPunk #1422 Ende Oktober um 500 Ether verkauft, was einem Gegenwert von zwei Millionen Dollar entspricht. Der höchste ­erzielte Verkaufswert liegt bei 4.200 Ether, also rund 7,6 Millionen US-Dollar, und wurde im März für #3100 erzielt (siehe abermals „Millionenschwere Punks“). Laut Eigenangaben der CryptoPunk-Betreiber Larva Labs wurden auf der Plattform seit dem Launch im Jahr 2017 bereits 1,5 Milliarden Dollar umgesetzt.


NFT als Investment?
Dem Forscher-Duo De-Rong Kong von der National Taiwan University und Tse-Chun Lin von der University of Hong Kong ist diese Plattform ebenfalls aufgefallen. In ihrer Arbeit „Alternative Investments in the Fintech Era: The Risk and Return of Non-fungible Token (NFT)“ erstellen sie anhand der Originaldaten von Larva Labs einen NFT-Index, der die Wertentwicklung der gehandelten Token mittels Regression nachbilden soll. Ausgewertet werden über den Zeitraum von Juni 2017 bis Mai 2021 exakt 13.712 Transaktionen. Außerdem haben sie untersucht, wie die Preisbildung für die ­Miniaturbilder zustande kommt und inwieweit NFT abgeleitet vom bisherigen Marktverhalten als alternatives Investment funktionieren könnten – nur eben nicht in physischer, sondern in rein digitaler Form.
Der solcherart errechnete Index nimmt mehr oder weniger den bereits beschriebenen Anstieg des NFT-Umsatzvolumens vorweg, als der NTF-Index ab Jahresmitte 2020 regelrecht von zehn auf 1.600 Punkte explodiert. 

Die Frage nach den Motiven und Ursachen für eine derartige Kursexplosion liegt nahe – eine erste Ahnung von der dahinter liegenden Dynamik erhält man, wenn man sich die Haltedauer von CryptoPunk-NFT ansieht (siehe Grafik „Spekulanten & Kunstliebhaber“): Zieht man hier nämlich Beobachtungsperioden von sechs Monaten ein, so fällt auf, dass 53,42 Prozent der Käufer ihre Punks null bis sechs Monate halten. Mit 15,29 Prozent ist die Käufergruppe, die ihre Token 42 bis 48 Monate ­relativ langfristig gehalten hat, hingegen die mit Abstand zweitgrößte Gruppe. Die Autoren „ziehen daraus den Schluss, dass die ­eine Gruppe NFT als opportunistisches ­Investment zur Lukrierung schneller Erträge versteht, während die andere Gruppe NFT als Sammlerwert oder Kunstwerk versteht und eine emotionale Dividende anstrebt“.

Um die Entwicklung des Index noch ­besser zu verstehen, untersuchen die Autoren die Preisentwicklung der CryptoPunk-Token, gemessen in Dollar, mittels Regression auf diverse Erklärvariablen. Nimmt man die gröbsten Kategorien „Alien“, „Ape“, „Zombie“, „Female“ und „Male“, so werden Preisanstiege scheinbar ganz klar von Knappheit getrieben. So korre­liert „Alien“, von dem es im gesamten CryptoPunk-Universum nur neun Token gibt, mit einem logarithmierten Wert von 4,17 und ­einer 99-prozentigen statistischen Signifikanz positiv mit dem Index. „Female“, ein Attribut, das 3.840-mal vorkommt, korreliert zwar mit der gleichen Signifikanz, aber bei einem Wert von 2,72 nur halb so stark. Käufer- und Verkäufermenge weisen einen statistisch relevanten negativen respektive positiven Zusammenhang mit Indexanstiegen aus, was zu erwarten war. Keine statistische ­Relevanz hat die Anzahl der Wallets, also der potenziellen Marktteilnehmer, was etwas überrascht. 

Interessant wird es, wenn man sich die Subattribute der Token ansieht. Hier wird der Zusammenhang zwischen Knappheit, beziehungsweise Häufigkeit und Preis nämlich deutlich verzerrt. Es stimmt zwar, dass extreme Knappheit zu starken Preisanstiegen führt – so erlebt ein CryptoPunk, der eine Beanie-Mütze trägt, eine Preissteigerung von nahezu 500 Prozent. Das Beanie-Attribut ist im CryptoPunk-Universum mit 44 Einheiten das am seltensten auftretende Attribut. Auf der anderen Seite führt ein Peak Spike, eine Art Irokesenschnitt, der 303-mal vorkommt, zu einem Preisabschlag von 12,1 Prozent, während das mit 447-mal deutlich häufiger auftretende „Wild Hair“ nur zu einer Preisreduktion von 7,6 Prozent führt. „Mit anderen Worten: Ästhetische Präferenzen spielen bei der Bestimmung von NFT-Preisen eine essenzielle Rolle“, wie die Autoren meinen – das wäre auch ­eine weitere Erklärung dafür, wieso die langfristige Haltedauer von mindestens 42 Monaten die zweitbeliebteste ist.


Zwiespalt bei der Sharpe Ratio 
Vergleicht man nun die absolute und die ­risikoadjustierten Performances zwischen NFT-Index und großen Aktienmärkten, so bietet sich ein sehr differenziertes Bild. Aufgrund der Technikaffinität, die man in der Käuferschicht voraussetzen muss, wollen wir an dieser Stelle nur den monatlichen Vergleich mit der Nasdaq ziehen, die Resultate lassen sich aber relativ gut auf S&P 500 oder Dow Jones übertragen: Auf den ersten Blick fällt gerade das risikoadjustierte Ergebnis extrem zugunsten des NFT-Index aus, liegt die Sharpe Ratio doch bei 47,06, während die Nasdaq auf nur 28,3 kommt. Das liegt daran, dass der monatliche durchschnittliche Ertrag im NFT-Index bei bemerkenswerten 27,8 Prozent liegt, während die Nasdaq 1,24 Prozent schafft. Die durchschnittliche Standardabweichung liegt für den NFT-Index bei beunruhigenden 58,8 Prozent, die Nasdaq kommt auf 4,0 Prozent. Angesichts der hohen durchschnittlichen ­Erträge und der bereits erwähnten hohen Sharpe Ratio wäre die NFT-Standardab­weichung ja noch irgendwie zu verdauen, das wirkliche Problem sind aber die maximalen Standardabweichungen, die für den NFT-Index auf bis zu 254 Prozent steigen – man kann hier also von temporären Totalausfällen reden. Ein Blick auf den NFT-Chart bestätigt diese ­Diagnose: Ende 2017 und Ende 2018 trat genau dieser Fall ein. Auslöser waren jeweils politisch-regulato­rische Bedenken zum Krypto-Thema. Vor diesem Hintergrund verblüfft es eher nicht, dass ein Test der bekannten Aktienfaktoren, etwa von ­Fama-French, statistisch nicht greift – die Resultate sind statistisch irre­levant. Die Ausnahme bildet CMA, also ­Conservative Minus Aggressive, mit einem negativen Zusammenhang und einer schwachen Signifikanz von 90 Prozent.

Summa summarum lässt sich sagen, dass sich die bestehenden NFT-Märkte in einem embryonalen Stadium befinden. Dass das Metaverse angesichts des sich immer stärker verändernden Konsum-, Prestige- und Sozialverhaltens kommen wird, scheint aber nahezu unausweichlich und wird sich mit den demografischen Verschiebungen eher früher als später einstellen. Die Anwendung von NFT ist vor diesem Hin­tergrund eine logische Folge und wird in Zukunft voraussichtlich massiv an Relevanz gewinnen.


Hans Weitmayr

Anhang:

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