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Hochschul(d)en

Hohe Zahlungsverzugsraten und enttäuschende Einkommen bei Jungakademikern: Haben US-Studentenkredite das Zeug zur Subprime-Bombe 2.0?

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Eine akademische Ausbildung ist auch in den USA längst kein Jobgarant mehr. Bleibt das Einkommen nach dem fremdfinanzierten Studium aber unter den Erwartungen, wird daraus unter Umständen sogar ein volkswirtschaftliches Problem.

FOTO: © FOTOLIA | TROMBAX

Wie aus der neuesten Ausgabe des „Household Debt and Credit (HHDC) Report Q2-2017“, der im August 2017 erschienen ist, hervorgeht, handelt es sich bei den Student Loans um alles andere als eine Petitesse: Das Volumen der ausstehenden Studentenkredite betrug zum 30. Juni 2017 1.340 Milliarden US-Dollar, wobei das zweite Quartal kein Wachstum zeigte, was in der Natur des akademischen Studienzyklus begründet liegt. Der Bericht enthält aber trotzdem jede Menge brisante Informationen, denn 11,2 Prozent der aggregierten Studentenkredite sind zum Stichtag seit mindestens 90 Tagen in Zahlungsverzug oder bereits ausgefallen. Dies zeigt die Grafik „Zahlungsverzug von mehr als drei Monaten“.


Damit handelt es sich immerhin um ein Volumen von zirka 150 Milliarden US-Dollar, das nicht ordnungsgemäß bedient wird. Noch interessanter wird es, wenn man die Fußnote liest, die bei diesem Wert angeführt ist. Die Zahlungsverzugsraten unterschätzen das echte Ausmaß der Problemkredite, steht da im HHDC-Report, denn die effektive Verzugsrate sei in der Realität ungefähr doppelt so hoch. Dies liegt daran, dass für die Hälfte dieser Kredite verschiedene Arten von Zahlungsstundungen vereinbart sind oder eine Nachfrist gesetzt wurde, sodass hier offiziell kein Default geschehen ist. ­Somit gibt es also Leistungsstörungen bei – je nach Lesart – jedem neunten oder jedem vierten bis fünften Studentenkredit in den Vereinigten Staaten.


Delikate Unterschiede
Patrick Franke vom Helaba Research hat sich im Sommer mit dem Thema Studentenkredite intensiv auseinandergesetzt. Er hält in einem Research Paper fest, dass es in den USA möglich ist, den Status des Kredits auf „Deferment“ oder „Forbearance“, beides Formen der Stundung, zu stellen, solange noch kein Default eingetreten ist. Dies seien Möglichkeiten, die monatlichen Zahlungen temporär zu reduzieren oder sogar ganz auszusetzen. Der Unterschied zwischen den beiden Ansätzen betreffe die ­Behandlung der in der entsprechenden Periode auflaufenden Zinsen, die bei „Deferment“ teilweise vom Schuldner zu tragen sind. Voraussetzungen für die Gewährung eines solchen Zahlungsaufschubs seien beispielsweise Arbeitslosigkeit bis zu drei Jahren, Militärdienst, Teilnahme an weiterführenden Studiengängen, unvorhergesehene Belastungen durch Krankheitskosten oder allgemeine „Economic Hardship“, also wirtschaftliche Härtefälle. Grundsätzlich sei dieser Prozess Sache der Verhandlungen zwischen dem Schuldner und dem Unternehmen, das den Kredit als sogenannter „Loan Servicer“ betreut, schreibt Franke.


Subprime, die zweite?
Das Volumen der Studentenkredite heute erinnert frappant an jenes der Subprime-Kredite in den USA vor zehn Jahren, denn diese betrugen damals auch in etwa 1,3 Billionen US-Dollar. Wie es damals weiterging, ist hinreichend bekannt: Fallende Immobilienpreise und schlampig bis gar nicht eingehaltene Standards bei der Kreditvergabe sorgten dafür, dass 2009 ungefähr jeder zweite Immobilienkredit höher als der Wert der Immobilie war. Schlussendlich mussten mehrere hundert Milliarden US-Dollar abgeschrieben werden.


Fehlinvestition?
In den angelsächsischen Ländern wird universitäre Bildung als Investition in die eigene Zukunft beziehungsweise die der Kinder oder Enkelkinder betrachtet. Wie ­jede Investition soll sie eine anständige Rendite abwerfen, die die Rückzahlung des von den Studenten und/oder ihren Eltern aufgenommenen Kredits ermöglicht und darüber hinaus ein überdurchschnittliches Lebenseinkommen generiert.


Wie die Grafik „Linearer Aufwärtstrend über zehn Jahre“ belegt, hat sich das ­Studentenkreditvolumen seit 2006 fast verdreifacht, dessen Anteil an der Gesamtverschuldung der amerikanischen Haushalte ist von vier auf zehn Prozent angestiegen. Nachdem sie 2009 die Kreditkartenschulden hinter sich gelassen haben, sind Studentenkredite nunmehr nach den Hypothekenschulden zur zweitgrößten Kategorie der Haushaltsschulden avanciert. Nicht nur die steigenden Volumina der offenen Studentenkredite machen Angst, auch die Anzahl der Schuldner mit ausstehenden Student Loans hat deutlich zugelegt, und zwar von gut 18 Millionen 2003 auf mittlerweile mehr als 44 Millionen 2015. Dies alles, garniert mit der höheren Zahlungsverzugsquote, lässt so manchen Marktbeobachter von einer Kreditblase sprechen, die den Vergleich mit der Hypothekarkreditblase von 2007 nicht zu scheuen braucht.


Mehrfache Zwickmühle
Solange das mit dem fremdfinanzierten Abschluss erzielte Einkommen eine Rückzahlung des Kredits ohne größere Konsumeinschränkungen zulässt, ist gegen das kreditfinanzierte Modell wenig zu sagen. Allerdings haben sich die Aussichten auf einen gut bezahlten Job für die immer größer werdende Anzahl von Absolventen in den USA trotz der guten Konjunktur in den letzten Jahren verschlechtert. Insbesondere die Finanzindustrie ist schon lange nicht mehr der Jobmotor für die vielen MBAs, der sie vor der Finanz- und Wirtschaftskrise war. Von sechsstelligen Jahresverdiens­ten nach einer Einarbeitungsphase können viele heute nur träumen, von Jura- und Medizin-Absolventen prestigeträchtiger ­Privatuniversitäten einmal abgesehen. Die Daten der Fed zeigen, dass ein Viertel der College-Absolventen keine höheren Gehälter bezieht als jene, die nur einen High-School-Abschluss vorzuweisen haben. Nicht nur sind die Einkommen für Absolventen nicht mehr verlässlich solide, auch die Studiengebühren sind in den letzten Jahrzehnten deutlich stärker gestiegen als die Haushaltseinkommen. Während sich Letztere seit 1990 verdoppelt haben, sind die Studiengebühren fast auf das Fünffache des Wertes von 1990 gestiegen (siehe ­Grafik „US-Studiengebühren explodieren“). Dazu kommt noch, dass nicht nur die ehemaligen Studenten, sondern auch deren Eltern und Großeltern, die beispielsweise als Bürgen für Student Loans auftreten, beim Platzen des Traums in Anspruch genommen werden. Das Consumer Financial Protection Bureau (CFPB), eine Art staatliche Verbraucherschutzorganisation in finanziellen Dingen, hat in einem Bericht unter dem Titel „Snapshot of Older Consumers and Student Loan Debt“ darauf hingewiesen, dass sich der Anteil der Personen über 60 Jahren, die Studentenkredite zurückzahlen, in den letzten zehn Jahren vervierfacht hat (siehe Grafik „Alte bürgen für Junge“). Auch die Schuldensumme hat sich dramatisch erhöht und lag 2015 bereits bei 66,7 Milliarden US-Dollar. Somit sind kurioserweise Personen im Pensionsalter die am schnellsten wachsende Gruppe im Studentenkreditmarkt.


Alles halb so schlimm?
Neben diesen durchaus dramatischen Entwicklungen gibt es aber auch gute Gründe, warum dieser Bombe keine Sprengkraft zukommt. Zwar sind die Zahlungsverzüge von 90 und mehr Tagen mit offiziell elf Prozent hoch, und die Zahlen sind insofern geschönt, als bestimmte Kredite im „Deferment“- und „Forbearance“-Status nicht mitgezählt werden. Daraus ergeben sich auch relativ hohe Default-Raten – von Default spricht man, wenn eine Zahlung seit 270 Tagen überfällig ist –, jedoch darf man einen Default bei Studentenkrediten nicht einfach mit einem Totalausfall samt entsprechendem Wertberichtigungsbedarf gleichsetzen.


Der Markt weist nämlich einige Spezifika auf. Dazu gehört, dass Gläubiger in sehr vielen Fällen die öffentliche Hand ist, man spricht hier von Federal Student Loans. Bis 2010 garantierte der Staat einen großen Teil der von Banken vergebenen Studenten­kredite. Seither werden Student Loans zwar noch über Banken und andere private Vermittler abgewickelt, die Gläubigerfunktion nimmt aber fast immer der Staat ein. Erst in den letzten Jahren ­kamen – vergleichsweise teure – private Studentenkredite hinzu. Je nach Programm liegen die vom Kongress zur Jahresmitte festgelegten Zinssätze für einen neu vergebenen staatlichen Studentenkredit zwischen 4,5 und sieben Prozent pro Jahr, wobei der Zinssatz für die Darlehenslaufzeit, die standardmäßig bei zehn Jahren liegt, fixiert ist. Wer glaubt, sich durch einen Privatkonkurs dieser Schulden elegant entledigen zu können, macht die Rechnung ohne den Wirt, denn Studentenkreditschulden können fast nicht im Rahmen eines Privatkonkurses reduziert oder gar gestrichen werden. Kommt es zu einem Default bei einem Student Loan, ist ein rechtlicher Zugriff auf das Einkommen des Schuldners möglich. Eine Löschung ­eines Studentenkredits vom Staat ist nur möglich, wenn eine schwere Behinderung des Schuldners eintritt oder ein besonderer Härtefall („Undue Hardship“) vorliegt. Interessanterweise liegen fast zwei Drittel der Schulden unter 25.000 US-Dollar, und die Default-Raten sind bei den niedrigeren ­Kreditschulden im Bereich von 5.000 bis 10.000 US-Dollar höher als bei jenen, die wesentlich mehr schulden. Eine besonders teure Ausbildung scheint bessere Gehalts­chancen im Erwerbsleben nach sich zu ziehen. Oder ist gar ein Umdenken nötig?


Alternativen als Ausweg?
Einer, der dies sehr früh erkannt und davor gewarnt hat, sein Heil in einer teuren MBA-Ausbildung und dann einem Job in der Finanzindustrie zu suchen, ist Starinves­tor Jim Rogers. Angesichts der Tatsache, dass ein großer Teil der US-Farmer bereits das Rentenalter erreicht hat, wäre hier eine Blutauffrischung dringend notwendig – oder wie Rogers es schon 2011 drastisch formulierte: „Wer künftig Lamborghini fahren möchte, soll nicht ins Bankgeschäft, sondern ins Agrarbusiness einsteigen und Farmer werden!“ Tatsächlich liegt das Durchschnittsalter der amerikanischen Farmer und Rancher laut dem US Labor Department mittlerweile bei 58 Jahren. Dieser Wert ist in den letzten 30 Jahren fast konstant gestiegen, berichtet das US Department of Agriculture’s Census of Agriculture. Der Zensus, der alle fünf Jahre publiziert wird, zeigt über 30 Jahre einen Anstieg des Durchschnittsalters von 50,5 auf 58,3 Jahre.


Ungünstige Entwicklung
Der Anstieg der Kreditsumme in den ­letzten zehn Jahren geht laut dem Helaba-Experten auf drei Faktoren zurück: Mehr Amerikaner als früher nehmen Studienkredite auf, die Kreditsummen pro Kopf sind höher, und die Rückzahlungsraten haben sich insgesamt verlangsamt. Im Verhältnis zu den Studentenzahlen ist die Anzahl der Kreditnehmer aber seit Jahren mit gut 50 Prozent relativ stabil. Die durchschnittliche Kredithöhe liegt zuletzt bei rund 30.000 US-Dollar pro Kopf, der Medianwert ist nur halb so hoch. Die Verteilung weist eine ­ordentliche Schiefe auf, denn fünf Prozent der Kreditnehmer weisen einen Schuldenstand von über 100.000 US-Dollar aus, ­deren Darlehen stellen aber 30 Prozent des Volumens an ausstehenden Studentenkre­diten dar. Letztere zahlen aber besser aus ­ihren höheren Einkommen zurück. Die Mikroanalyse zeigt, dass sich Problemkredite bei ethnischen Minderheiten, in Bezirken mit schwachen Einkommen, bei Studienabbrechern und bei Absolventen bestimmter Schultypen häufen. Die Illusion vom Stu­dium für jedermann muss wohl abgehakt werden und ist volkswirtschaftlich auch nicht effizient.


Nicht zuletzt wegen des Staates als Gläubiger ist die Situation mit jener des Hypothekarkreditmarktes von vor zehn Jahren nur bedingt vergleichbar, sodass keine besondere Gefahr von den Student ­Loans ausgeht, dass sie eine erneute Kreditkrise auslösen könnten. Den Konsum der Schuldner und damit das Wachstum der Vereinigten Staaten beeinflusst diese Art von Schuldenlast auf jeden Fall längerfristig negativ. Dazu kommt, dass eine US-Rezession die Ausfallsraten sicherlich weiter erhöhen würde.


Anhang:

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