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4/2021 | Produkte & Strategien
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Hin zur Sinnmaximierung

Gründungs-Enthusiast Dr. Erik Spickschen hat einige Start-ups ins Leben gerufen und geht als Unternehmer gern alternative Wege. Als Stiftungsrat ist er mit zuständig für die Anlage des Stiftungs­vermögens, und bei der Deutschen Bildung investiert er in die Ausbildung von Nachwuchsakademikern.

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Aktuell lebt Dr. Erik Spickschen in Berlin. Sein Tee-Café macha-macha betrieb er von 2014 bis 2019. Im Moment wartet es auf einen „Post-Corona-Neuanfang“. Aber langweilig wird es dem ­umtriebigen und achtsamen Start-up-Unternehmer trotzdem nicht: Er sprüht vor Ideen und Visionen, die er gemeinsam mit Gleichgesinnten in die Tat umsetzt.

© SHINJI MINEGISHI

Müsste man Erik Spickschen mit einem einzigen Begriff beschreiben, fiele die Auswahl schwer – sie reicht von Achtsam- und Nachhaltigkeit über Bildungsexperte bis hin zu Entrepreneur und Investor. Alles wäre zutreffend, aber nichts würde ihm annähernd gerecht. Dass der Mann in keine Schublade passt, sig­nalisiert schon sein Outfit: orange Daunen-Weste, lila Pulli, Jeans. Schon im zweiten Semester seines BWL-Studiums gründete er sein erstes Unternehmen: den Delikatessenimport Delimondo. „Ich esse und koche gern fein. In den 90ern war ich Gourmet der alten Schule“, sagt er fast entschuldigend, „inzwischen interessieren mich mehr die vegetarischen und veganen Alternativen, beispielsweise eine avocadobasierte Alternative zur Foie gras.“ Heute ist er Mitgesellschafter des Oukan, eines Restaurantprojekts in Berlin, wo man sich von japanischer Mönchskost inspirieren lässt. „Es gibt genügend rationale Gründe, sich tierfrei zu ernähren“, meint Spickschen, „aber es soll auch schmecken und Spaß machen.“

Promoviert hat der studierte Betriebswirt und Japanologe zum Thema „Internes ­Unternehmertum und Recruiting von High Potentials“. Das Wissen nutzte er gleich beim Mitaufbau eines der führenden Anbieter von exklusiven Recruiting-Veranstaltungen in Deutschland, MSW & Partner. Da­raus entwickelte er sein drittes Start-up: die Internet-Jobsuchmaschine kimeta. Sie zählt mittlerweile zu den Top Five der deutschen kommerziellen Jobportale und funktioniert wie eine Art Job-Google: kimeta durchfors­tet Onlinejobbörsen, Stellenangebote von Unternehmen, Karrierewebsites und Personalberatungen nach Stellenanzeigen und ordnet die Treffer mithilfe von KI-Verfahren nach qualitativen Kriterien und Aktualität. „Derzeit sind dort über zwei Millionen Jobanzeigen aufgeführt, und das allein im deutschsprachigen Bereich“, sagt Spickschen. Bis heute ist er kimeta als Gesellschafter und Vorsitzender des Gesellschafterbeirats verbunden.

Doch was sich so geradlinig anhört, war in Wirklichkeit ein mäandernder und steiniger Weg. Das Geschäftsmodell der Jobsuchmaschine musste öfter umgebaut werden, weil sich die Arbeitsmarktsituation gewandelt hatte. Das Suchen nach Lösungen, nächtelanges Tüfteln, dazu noch privat ein Hausbau und familiäre Herausforderungen … 2007 geriet Spickschen in eine schwere Krise, ein Jahr nach der Gründung. Aufhören war jedoch schwierig, denn er war einer der beiden Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens, sodass vieles an ihm hing. Aber durch die Ausdauer des gesamten Teams und mit einer Portion Glück gelang es letztlich, ein erfolgreiches Geschäftsmodell zu entwickeln und die Gewinnschwelle zu erreichen. Der Zusammenbruch hat ihn jedoch verändert. Mithilfe der Zen-Meditation erkannte er, dass systematisches Wachstumsmanagement nun nicht mehr seine Sache war. Da er weder Kollegen noch Gesellschafter überfordern wollte, ließ er sich eineinhalb Jahre Zeit für seinen Ausstieg – dann konnte er geordnet gehen.

Während seiner neu gewonnenen Freiheit reiste er nach Japan, um den 88-Tempel-­Pilgerweg in Shikoku zu gehen, was schon immer sein Traum war. Dort fand er Ruhe und Inspiration und kam außerdem wieder mit grünem Tee in Berührung.


New Work
Als er von seiner Reise nach einem halben Jahr wieder zurück nach Deutschland kam, gründete er sein viertes Unternehmen: macha-macha, ein Teestubenfilialkonzept, in dem grüner Tee aus Japan und Spezialitäten aus grünem Tee angeboten wurden. „Ich wollte zum einen grünen Tee außerhalb von Japan bekannter und beliebter machen. Zum anderen wollte ich andere Arbeitsformen ausprobieren, New Work sozusagen“, erklärt er. „Die grundsätzliche Thematik ist, dass sich unsere Wirtschaft verändern muss. Wir müssen weg vom alleinigen Ziel der Gewinnmaximierung, hin zu Sinnmaximierung.“ Inspiration dafür fand er unter anderem im Buch „Reinventing Organizations“ von Frederic Laloux, das rund um das Jahr  2014 mit seiner Aufforderung zu sinnstiftenden Formen der Zusammenarbeit weltweit für Furore sorgte.

Dem Einwurf, dass Photo Porst bereits 1972 die „totale Mitbestimmung“ eingeführt hat und letztlich daran zugrunde gegangen ist, begegnet er mit Gegenbeispielen. „Es gibt heute eine ganze Bandbreite von erfolgreichen Unternehmen, die einen anderen Weg gehen und gut laufen. Denken Sie an Alnatura oder dm Drogeriemarkt“, meint Spickschen. Er verweist auf Unternehmen, die noch radikaler unterwegs sind, etwa Ecosia, die Bäume pflanzende Suchmaschine, oder Shift-Phones, die Handys unter fairen Arbeitsbedingungen in China nachhaltig herstellen. „Mich fasziniert der Gedanke von Selbstorganisation und weitestgehender Hierarchiefreiheit in Unternehmen. Hierarchie muss kompetenzbasiert und fluide sein.“ Er wollte das gern umsetzen, aber zu der Zeit hatte er nur seine Teestube. „Dort waren wir lediglich sieben Mitarbeiter, da hat das nicht gepasst, weil es ohnehin kaum Hierarchien gab. Aber bei der Deutschen Bildung, da wollen wir solche Elemente umsetzen“, sagt Spickschen.

Damit spricht er ein weiteres Unternehmen an, das er mit aus der Taufe gehoben hat: die Deutsche Bildung AG, wo er aktuell Sprecher des Vorstands ist. Die Deutsche Bildung betreibt einen Studienfonds, an dem sich Social-Impact-Investoren über ­Anleihen oder den Erwerb von Kommanditanteilen beteiligen können. Der Fonds finanziert Nachwuchsakademikern das Studium mit bis zu 30.000 Euro und sorgt auch für deren persönliche Weiterentwicklung. Später, wenn die ehemaligen Studenten erfolgreich im Berufsleben stehen, zahlen sie ­einen Anteil ihres Einkommens an den Studienfonds zurück. „Aktuell wollen wir das Fördervolumen anheben, das ist der Europäisierung und der Internationalisierung ­geschuldet. Außerdem stehen technische Neuerungen an. Daher stocken wir die bestehende Anleihe auf. Sie soll bis 2027 laufen, der Kupon liegt voraussichtlich zwischen 2,5 und 3,5 Prozent“, so Spickschen.


Zeigen, dass es geht
Er sieht das Heil nicht grundsätzlich in einer akademischen Ausbildung. „Aber derzeit ist es leider immer noch schwieriger, den akademischen Weg zu gehen, wenn er nicht durch das Elternhaus vorgelebt wird. Wir versuchen, diese Barrieren einzureißen“, erklärt Spickschen. Man merkt, dass er hier in seinem Element ist, denn ihm geht es darum, Wirtschaft anders zu leben. Mit seinen Unternehmensgründungen will er nicht nur ausprobieren, wie es geht, sondern auch zeigen, dass es geht. „Es ist wichtig, so zu leben, dass wir nachhaltig unseren ­Lebensraum erhalten und die negativen Seiteneffekte, die eine reine Gewinnmaximierung bringt, vermeiden. Wir haben unsere Erde in der Vergangenheit nicht gut behandelt, aber nachhaltiges Wirtschaften ist ­unsere Zukunft. Wenn ich das als Unter­nehmer lebe, werden dadurch auch meine Mitarbeiter automatisch viel motivierter sein!“ Da blitzt wieder der Gründer, der ­Unternehmer, durch.

Doch einen Breakdown, wie er ihn erlebt hat, will er seinen Mitarbeitern ersparen. „Wir werden bei der Deutschen Bildung im Rahmen unserer Reorganisation darauf achten, dass es nicht zur Überlastung einzelner Kollegen kommt. Dazu werden wir die ­Verantwortungen neu und auf mehr Schultern verteilen. In vielen Unternehmen ­bündelt sich die Verantwortung dauerhaft bei einigen wenigen, das ist eine sehr große Belastung.“

Angst, dass Entschleunigung zulasten des Outputs geht, hat Spickschen nicht, im ­Gegenteil: „Es gibt Studien, die zeigen, dass eine Viertagewoche zu mehr Output führt als eine Fünftagewoche. Microsoft Japan, Unilever New Zealand und Kickstarter ­haben das umgesetzt und auf eine Viertagewoche umgestellt. Seither haben sich die Produktivitätsraten dort erhöht“, erklärt er. Er merke das auch an sich selbst, gibt Spickschen zu. Wenn er stressige Zeiten hat, tut es ihm gut, morgens und abends Entschleunigung zu leben. „Ich meditiere dann oder mache Yoga. Das ist für mich wichtig. Wir dürfen das aber nicht nach dem Motto nutzen wollen: Erst meditieren wir, und dann rocken wir eine 60-Stunden-Woche runter.“ Wichtig sei vielmehr eine gesunde Work-Life-Balance.

Er sieht hier eine Analogie zu grünem Tee: „Kaffee versetzt einen schnellen Push. Grüner Tee ist dagegen ein nachhaltig belebendes Getränk. Das Koffein lagert sich bei Tee an den Gerbstoffen an und geht über vier bis sechs Stunden langsam in den ­Organismus über. Beim Wirtschaften sollte es nicht darum gehen, kurzfristige Hauruck-Effekte zu erzielen, sondern darum, lang anhaltend und gesund etwas zu bewirken.“ Vielleicht ist es gut, dass er für Stoßzeiten in seinem Tee-Café auch den „Jungle Latte“ im Programm hatte, einen grünen Matcha-Tee mit einem Espresso-Shot. „Das kom­biniert den kurzen Push des Kaffees mit dem lang anhaltenden Leistungsschub durch grünen Tee“, meint Spickschen augenzwinkernd.


Leidenschaft
Und noch etwas legt er Unternehmern und allen Chefs ans Herz: eine gute Portion Leidenschaft für das, was man tut. „Durch die regelmäßige Meditation habe ich erkannt, dass ich bei kimeta nach dem Erreichen des Break-even keine Leidenschaft mehr für meine Arbeit verspürt habe. Da wurde mir erst klar, dass es mir offenbar mehr Freude macht, in der ganz frühen ­Phase ein Unternehmen voranzubringen, als danach.“ Diese Erkenntnis ist womöglich wichtig für Venture-Capital-Investoren, ­damit sie frühzeitig für eine Umorganisation sorgen, wenn das Unternehmen aufs Gleis gesetzt ist und anfängt, richtig zu funktionieren.

Ob es wohl eine Art „Gründerper­sönlichkeit“ gibt? „Sicher gibt es Persönlichkeitsattribute, die unternehmerischen Erfolg stark unterstützen. Dazu gehört Grundvertrauen ins Leben, dass man ­bereit ist, Risiken einzugehen, und sich die Dinge zutraut. Außerdem muss man Spaß daran haben, Lösungen zu finden. Und man braucht Resilienz, damit man sich von Widerständen nicht abbringen lässt.“ Er verweist darauf, dass sein ­Geschäftspartner und er bei ­ihrer Jobsuchmaschine kimeta immerhin drei Mal das ­Geschäftsmodell ändern mussten, um auf einen grünen Zweig zu kommen.


Stiftungsrat
Investor ist er auch, und zwar bei der BT Spickschen Stiftung, die sein Vater 2017 gegründet hat. „Das ist nicht meine Stiftung. Ich bin dort nur im Stiftungsrat“, winkt er ab, aber man merkt, dass er sich mit deren Zweck sehr identifiziert. Zielsetzung der Stiftung ist es, junge Menschen in Mannheim, insbesondere im Brennpunktviertel Neckarstadt-West, in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen. „Dort wird mit den Kindern gearbeitet. Sie werden insbesondere musisch gefördert, können Instrumente lernen, Theaterstücke aufführen und so weiter. Das sind tolle Projekte. Wir arbeiten hier oft mit der Freudenberg-Stiftung zusammen, die eine ähnliche Zielsetzung hat“, erklärt Spickschen. Der Fokus auf Mannheim ergibt sich, weil sein Vater dort lange Zeit gearbeitet und Spickschen dort studiert hat.

Um die Anlage des Stiftungsvermögens kümmert er sich gemeinsam mit dem Vater. „Unser Ziel ist es, möglichst viele Mittel zu generieren, um den Stiftungszweck fördern zu können. Aber natürlich wollen wir dabei auch nachhaltig anlegen.“ Etwa die Hälfte des Vermögens ist in Aktien investiert und die andere Hälfte in Festverzinsliche. Bei der Aktienanlage liegt der Schwerpunkt auf Impact-Aktienfonds, die in Richtung regenerative Energien gehen. Ein großer Teil der Festverzinslichen liegt in Anleihen der Deutschen Bildung. „Damit haben wir den doppelten Effekt: Eine gute Rendite, und das Geld wird im Einklang mit unserem Stiftungszweck eingesetzt – Bildung für junge Menschen“, so Spickschen.

Hier ist er Visionär: „Ich freue mich, wenn ich Menschen dabei helfen kann, ihr persönliches und berufliches Poten­zial voll zu realisieren. Damit kann man nicht früh genug anfangen: Auch im ­Bereich der Schule sollte man das ­Potenzial junger Menschen fördern. Schließlich geht es ein Leben lang da­rum, das eigene Potenzial, so gut es geht, zu realisieren“, meint Spickschen.

 
Anke Dembowski 

 

 


Anhang:

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