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3/2020 | Steuer & Recht
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Gegen Solvency II durch die Hintertür

Dr. Georg Thurnes ist seit 30 Jahren in der betrieblichen Altersvorsorge tätig. Bis August 2020 war er Chefaktuar von AON Deutschland und Mitglied der Geschäftsleitung, in Zukunft wird er sein Know-how in der von ihm gegründeten ThurnesbAV GmbH weitergeben.

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Mathematisches und musikalisches Talent liegen oft eng beieinander, so auch bei Dr. Georg Thurnes. Er spielt Klavier, Kirchenorgel und Gitarre. „Wenn man sich verpflichtet, den Standard-Organisten zu vertreten, dann übt man auch“, so Thurnes. Als Schüler wollte er Musiklehrer werden, hat aber wegen der mangelnden Berufsaussichten dort lieber eine Banklehre absolviert. Sein nächster Berufswunsch war dann Beamter bei der Deutschen Bundesbank, was er offensichtlich auch verworfen h

© Wolf Heider-Sawall
Sieht man sich die Liste der ­Unternehmen an, für die Georg Thurnes in den letzten 30 Jahren tätig war, könnte man vermuten, dass er ein Job-Hopper ist. Wahr ist jedoch das Gegenteil, der Chefaktuar von Aon in München arbeitet seit mehr als 30 Jahren im selben Betrieb. Nicht er hat die Arbeitgeber gewechselt, sondern das Unternehmen, in dem er im August 1990 anfing (Wyatt Bode Grabner GmbH), hatte seitdem mehrere Eigentümer und Namen. Seit 2019 ist Thurnes auch im Vorstand der Arbeits­gemeinschaft für betriebliche Altersver­sorgung, bei der er das Amt des Vor­sitzenden von Heribert Karch übernahm. Dieser Funktion will er auch noch länger treu bleiben, seinen bisherigen Arbeitgeber verlässt er hingegen demnächst. Im Herbst dieses Jahres startet er die jüngst gegründete ThurnesbAV GmbH. „Ich werde für ein­zelne Pensionskassen weiter den verantwortlichen Aktuar darstellen. Außerdem verfolge ich meine ehrenamtlichen Tätig­keiten weiter“, verrät er im Gespräch. Die bedeuten ihm viel, obwohl er bestätigt, dass sie zeitraubend sind: „Jemand muss ja diese Dinge tun. Nicht jeder kann alles, aber jeder sollte alles tun, was er kann“, sagt er und wirkt dabei pflichtbewusst. Auf den Hinweis, dass man es als Presse selten mit 60-jährigen Jungunternehmern zu tun hat, meint er schlagfertig: „Wir Aktuare wissen ja: Je älter man wird, desto älter wird man! Wenn man geboren wird, hat man heute eine Lebenserwartung von 84 Jahren. Hat man es aber schon zu einem gewissen Alter gebracht, wird man älter als die Lebenserwartung zu Beginn.“ Bedingte Wahrscheinlichkeiten seien das. 
 
Dass er sich Ende August von AON verabschieden wird, begründet der bAV-Profi so: „Die Mühle wurde mir zu viel. Ich habe unter Alfred Gohdes in einem Unternehmen mit nur drei Mitarbeitern angefangen, und jetzt …“, schüttelt er den Kopf, „ich mag es lieber klein.“ Die bAV habe sich gewandelt. „Großkunden wie Bayer, BASF, Hoechst ­haben früher die Versicherungsmathematik selbst erledigt. Mein damaliger Chef Herr Bode hätte sich damals gar nicht die Rechner leisten können, um nach dem Einzelbewertungsgrundsatz Hunderttausende von Mitarbeitern zu rechnen. Wir Aktuare wurden nur zum Prüfen und Testieren hinzugeholt.“ Es sei dann in den 90er-Jahren zu einer regelrechten Ausgliederungswelle gekommen, durch die das Berechnen der Pensionsrückstellungen an Spezialisten wie AON ausgelagert wurde, sodass immer mehr Mitarbeiter ange­heuert wurden. Jetzt in einem Unternehmen mit mehreren hundert Mitarbeitern zu arbeiten, ist nicht sein Ding. Also nimmt er seinen Hut, und zwar so, wie man es von ihm ­erwartet hätte: geordnet und mit langfristiger Ankündigung.
 
Asset-Liability-Modeling
 
Thurnes’ Einstieg in die bAV war das Asset-Liability-Modeling, ein Thema, bei dem er einiges auf den Weg gebracht hat. „Zu Beginn meiner Berufstätigkeit kam das Thema gerade aus dem angelsächsischen Raum über den Kanal, und wir wollten es damals mit aufnehmen. Neu in Deutschland war, dass man dazu sowohl die Aktiv- als auch die Passivseite verstehen und modellieren musste“, erklärt Thurnes.
 
Früher kümmerten sich deutsche Aktuare nicht sonderlich um die Vermögensanlage, sondern lediglich um die Passiv-Seite, also um Reservierungen und Rentenauszahlungen. „Das Matching der beiden Seiten war ­damals mein Entrée in die bAV. Bei Versicherungen gab es das schon“, erklärt Thurnes. „Ich war dann 1992 der Erste, der dieses Prinzip für deutsche Pensionskassen vorgestellt hat“, erinnert er sich. Anfangs stieß er damit auf Unverständnis: „Ich weiß noch, wie ich das Thema einmal bei der Pensionskasse einer Bank vorgestellt ­habe. Der Personaler, der die Passiv-Seite im Blick ­hatte, erklärte mir, dass er gar nicht wisse, wer für die Aktiv-Seite das Geld anlegt.“ Damals haben die beiden Seiten also nicht einmal miteinander gesprochen, ­geschweige denn Fristigkeiten oder Zahlungsströme ­gematcht. Es ist unter anderen Thurnes zuzuschreiben, dass es gelungen ist, die angelsächsischen Modelle für die deutsche bAV zu adaptieren. „Die Angelsachsen operieren beispielsweise mit Marktwerten, deutsche Pensionskassen mit Buchwerten. Das ist nicht so einfach zu modellieren, aber am Ende wurden unsere Modelle immer praxistauglicher.“
 
Selektiv stützen
 
Auch heute noch möchte der bAV-Experte das Thema weiterentwickeln. Beispielsweise setzt er sich über die aba für die Möglichkeit zur Sanierung von Teilbeständen ein. „Irgendwie müssen wir ja die Altbestände über die Bühne kriegen“, meint Thurnes. „Bei vielen Pen­sionskassen ist es so, dass sie Mitglieder haben, die durch Verkäufe von Unternehmensteilen zu unterschiedlichen Unternehmen gehören, teilweise sogar zu Konkurrenzunternehmen“, erklärt er. Die Systematik bei Pensionskassen- und Lebensversicherungstarifen sei aber so, dass man sie nicht partiell sanieren könne. „Das geht nur ganz oder gar nicht. Wenn sich in dieser Situation keiner findet, der Geld zahlt, werden eben die Leis­tungen gekürzt … für alle.“
Er tritt dafür ein, dass Unternehmen, die für die ­Renten ihrer Mitarbeiter etwas tun wollen und können, auch Teilbestände sanieren. „Wir haben dazu bei der aba ein Modell entwickelt, das auch die BaFin unterstützt. Nun werden wir damit beim BMF und beim BMAS vor­stellig, damit das Gesetz dahingehend geändert wird“, berichtet er, merkt aber an: „Die Sanierung von Teil­beständen ist nur eine kleine Baustelle in der bAV. Die Größte ist der niedrige Zins.“
 
Generationenungerechtigkeit
 
Er wirkt fast traurig, wenn er über den Niedrigzins spricht. Als Mathematiker kann er das Ausmaß – auch auf die Gesellschaft – überblicken. Thurnes hat Wirtschaftsmathematik an der Universität Ulm und angewandte Mathematik an der University of Southern California in Los Angeles studiert. Er argumentiert: „Unsystematische Risiken sind schützbar. Alle fangen den einen, der strauchelt. So funktionieren beispielsweise Protektor oder Soka Bau.“ Beim niedrigen Zins handle es sich aber um ein systemisches Risiko. „Da müssen wir überlegen, ob wir das aushalten oder ob das vor dem ­Hintergrund der Generationengerechtigkeit nicht untragbar ist.“ Besitzstandsdenken sei das. „Den jüngeren Tarifgenerationen sagen wir: Ihr habt zwar keinen Garantiezins mehr, aber dafür bekommt ihr mehr Überschüsse. Von wegen! Die bekommen keine Überschüsse, solange die alten Garantien nicht bedient sind!“ Die Lebensversicherer sagten zwar, dass sie nicht über die Generationen quersubventionieren. Das möge sein, aber er wisse nicht, wie die das ­machen, und vor allen Dingen, ob viele das auch in fünf Jahren noch können. Er verweist auf das Buch „Methusalem-Komplott“ von Frank Schirrmacher. „Da ist was dran! Wenn die junge Generation erst mal an den Hebeln der Macht ist, dann glaube ich nicht, dass die uns davonkommen lassen mit unseren fetten Renten und unserem Wohlstand!“ Das sei nicht nur eine Sache der bAV, sondern die Problematik stelle sich in der ersten und zweiten Säule grundsätzlich genauso dar. „Jetzt sollen die Jungen auch noch die ganzen Corona-Schulden ­bezahlen … Das wird nicht funktionieren“, meint er. Die einzige Lösung sei die Auf­gabe der strengen Besitzstandsregelungen und eine gewisse Umverteilung. „Ich gehöre dann auch zu denen, die etwas abgeben müssen.“ Er zuckt mit den  Schultern. „Aber anders geht es nun mal nicht.“
 
bAV-Wunsch
 
Neben der Beseitigung der Generationenungerechtigkeit ist sein zweiter großer Wunsch in der bAV, dass möglichst schnell Sozialpartnermodelle aufgelegt werden. „Wenn das nicht geht, würde ich mir wünschen, dass der Gesetzgeber reine Beitragszusagen auf betrieblicher Ebene zulässt“, so Thurnes. „Dann könnte man sehen, wie das funktioniert, und die Berührungsängste der anderen mit Beitragszusagen würden vielleicht auch weggehen.“ Weil es keinen sicheren Zins mehr gebe, ginge Sparen nur noch mit deutlich mutigeren Anlageformen als in der Vergangenheit. Die Abschaffung von Garantien in der ­Altersvorsorge ist daher alternativlos, argumentiert er. „Mich wundert es manchmal, dass die Sozialpartner das teilweise anders sehen“, so Thurnes.
 
Auch die langfristige Verbesserung der Lebenserwartung koste Rendite. „Etwa 0,4 bis 0,5 Prozent pro Jahr“, stellt er nüchtern fest. Solange man aber mit risikolosen ­Anlagen noch fünf bis sechs Prozent verdienen konnte, habe niemand das Thema ernst genommen. „Hinzu kommt, dass jetzt erstmals ein massiver Rentnerbestand da ist. Vorher waren ja alle Systeme noch im Aufbau.“ Diesen Effekt habe man leider kollektiv unterschätzt. Es wird noch mehr Kassen erwischen.
 
Mehr Aufsicht
 
Weil die Realität so ist, wie sie ist, befürchtet Thurnes, dass noch weitere Pensionskassen unter die intensivierte Aufsicht der BaFin fallen werden. „Es ist nichts Verkehrtes daran, wenn die BaFin aufpasst!“ Er erklärt, wie es dazu kommen kann. „Die Regeln für intensivierte Aufsicht sind so: Es gibt eine Prognose im Herbst über fünf Jahre, die alle Kassen errechnen müssen. Dafür gibt es zwei Szenarien: das ALM, also die Annahme, wie die Kasse glaubt, dass es bei ihr in der Vermögensanlage laufen wird, und das BaFin-Szenario. Dies besagt, dass die Kasse für jegliche Neuanlagen nur noch 0,4 oder 0,5 Prozent Zins bekommt. Wenn es im ­BaFin-Szenario mit der Perspektive von fünf oder 15 Jahren ein Jahr gibt, wo man es in der Prognose nicht schafft, ist man ­unter intensivierter Aufsicht.“ Eine Aus­nahme gebe es: Die Kasse kann das Trägerunternehmen dazu bewegen, sich schriftlich zu verbürgen, für den Finanzmangel geradezustehen. „Über kurz oder lang besteht keiner mehr das BaFin-Szenario; zumindest keiner, der noch alte Garantien auf den ­Büchern hat“, meint Thurnes.
 
Das bedeute aber nicht immer, dass in der Vergangenheit Fehler gemacht wurden: „Hätte eine Kasse damals, als man 3,5 Prozent garantieren durfte, in einem Tarif nur zwei Prozent garantiert, hätte das die BaFin hinterfragt und als ungerecht bezeichnet“, meint Thurnes. „Dabei ging es um die Gleichbehandlungsfrage in der Wertschöpfung.“ Es sei keinesfalls einfach gewesen, einen Garantiezins unterhalb des zulässigen Satzes auszuloben, wie es jetzt im Nach­hinein als vernünftig angesehen wird.
 
Bessere Lösung
 
„Für die jetzt niedrigen Zinsen können die Pensionskassenmanager nichts, und eine steuerbefreite Pensionskasse hat auch keine Möglichkeit, Puffer oder freie Rücklagen zu bilden. Wenn sie stille Reserven hat, muss sie die Hälfte davon an die Versicherten ­abgeben.“ Man merkt deutlich, dass er ­Pensionskassen für das bessere Instrument zur Altersvorsorge hält: „Selbst wenn es bei Pensionskassen hier und da zu Leistungskürzungen kommt, sind die resultierenden Leistungen in aller Regel deutlich höher als bei vielen Versicherungsangeboten, die man stattdessen hätte nehmen können.“
 
Keine Vollharmonisierung!
 
Er ist strikt dagegen, dass Versicherungen und Pensionskassen die gleichen Regularien erhalten. „Die bAV hat als Kernelement den Arbeitgeber und alles, was damit zusammenhängt, beispielsweise auch den PSV. Im Gegensatz dazu ist Solvency II auf extreme Sicherheit getrimmt, weil Versicherungen eben ohne den Dritten, den Arbeitgeber, klarkommen müssen.“ Eine Vollharmoni­sierung, wie sie die EIOPA anstrebt, sei für Pensionskassen nicht bewältigbar: „Die Vorschriften und die Bürokratie wären viel zu teuer! Problematisch ist zudem, dass EIOPA von niemandem wirklich beaufsichtigt wird“, wird Thurnes politisch.
 
Anke Dembowski

Dr. Georg Thurnes frei assoziierend zu …

… Familie – ganz wichtig. Ist für mich eine Art Freundeskreis.

… Gesellschaftliches Engagement – ebenfalls wichtig. Man muss aufpassen, dass es einen nicht frisst!

… Zuverlässigkeit – Es ist mein höchstes Ziel, dass möglichst wenige sagen ­können, sie hätten sich nicht auf mich verlassen können.

… Betriebliche Altersvorsorge – nach wie vor die effizienteste Art, Alters­vorsorge zu betreiben.

… Rentenproblematik – Die Generationengerechtigkeit ist eines der größten Probleme, das wir lösen müssen. Dazu müssen wir weg vom herkömmlichen Besitzstandsdenken.

… Pensionssicherungsverein – eine gute Sache. Es wird spannend zu beobachten sein, ob die jetzt getroffene Regelung ausreicht. Außerdem sind viele administrative Fragen zu klären.

… EbAV-Regulierung – Wir wollen nicht, dass für uns durch die Hintertür faktisch doch Solvency II eingeführt wird! Im Moment läuft es nicht schlecht. Die BaFin hört unsere Kritik und hilft, die von uns gewünschte ­Mindestregulierung durchzusetzen.

… Garantien in der bAV – Nach vorn betrachtet müssen sie weg! Das Problem der Altbestände mit Garantien müssen wir irgendwie bewältigen.

… Europäische Einheitlichkeit und Konvergenz – Ich liebe es, ins europäische Ausland zu fahren und mit dem Euro bezahlen zu können. Wenn man sich aber überlegt, dass für ein paar Menschen, die tatsächlich grenzüberschreitend arbeiten, ein Großteil unserer Regulierung gemacht wird, halte ich das für unverhältnismäßig. Das ­Forscher-Projekt leuchtet mir ein, aber ansonsten sehen die meisten Menschen ihre Arbeitsumgebung doch eher zu Hause.

… Nachhaltigkeit in der Kapital­anlage – Zuerst müssen die Renten ­bezahlt werden. Im zweiten Schritt kann man sich um die Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage kümmern.


Anhang:

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