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Aktuelle Ausgabe

4/2019 | Steuer & Recht
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Freier Blick auf alle Säulen

Übersichtliche Renteninformation. Mehr Transparenz bei der individuellen Altersvorsorge soll Bürger zu mehr Vorsorge animieren. Anbieter aller drei Säulen sind jetzt gefordert, zur Erhöhung der Transparenz beizutragen. Spätestens im ersten Quartal 2020 soll ein entsprechender Gesetzentwurf vorliegen.

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Ziel der säulenübergreifenden Renteninformation soll sein, dass die Bürger möglichst vollständige, verständliche, verlässliche und vergleichbare Informationen aus allen drei Säulen der Alterssicherung erhalten.

© GMF

Nur wer weiß, dass sie existieren, kann mögliche Lücken in seiner Altersvorsorge erkennen und Vorsorge betreiben. Das klingt logisch, hat aber bei der Realisierung erhebliche Konsequenzen für die Anbieter der ersten, zweiten und dritten Säule. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) will nämlich das ­dicke Brett der säulenübergreifenden Renteninformation angehen, was bedeutet, dass die Anbieter Informationen nach einem einheitlichen Standard zuliefern müssen.

Motiv dieser Initiative ist der demografische Wandel. Gesetzgeber in allen Ländern machen sich verstärkt Gedanken darüber, ob ihre Bevölkerung ausreichend fürs Alter vorsorgt. Tut sie das nicht, besteht die ­Gefahr, dass die Zahl alter Menschen, die den sozialen Sicherungssystemen zur Last fallen, deutlich steigt – und das will man vermeiden. Ein relativ preisgünstiges Mittel, Menschen zu mehr Vorsorge zu animieren, ist, die Transparenz der bisher aufgebauten Altersvorsorge zu erhöhen, um so eventuellen Handlungsbedarf erkennbar zu machen.

Gesetzgebungsverfahren

Der erste sichtbare Schritt in Richtung säulenübergreifende Information war die Studie „Konzeptionelle Grundlagen für eine säulenübergreifende Altersvorsorgeinfor­mation“. Sie wurde vom Beratungsunternehmen Aon und dem Institut für Versicherungswissenschaften der Universität Ulm, Prof. Dr. Hans-Joachim Zwiesler, im Auftrag des BMAS erstellt und im März 2019 öffentlich vorgestellt.

Danach gab es keine nach außen gerichteten Aktivitäten mehr. Klaus Morgenstern, Sprecher des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA), Berlin, hat den weiteren Fortgang des Projekts im Blick: „Wie zu hören ist, will die zuständige Fachabteilung um Minister Heil im vierten Quartal 2019 oder spätestens im ersten Quartal 2020 ­einen Gesetzentwurf vorlegen. Bis dieser dann ein Stadium erreicht hat, dass er im Bundeskabinett behandelt werden kann, dürfte noch einige Zeit vergehen.“ Möglicherweise nimmt die gesetzgeberische Arbeit im Lauf des nächsten Jahres Fahrt auf.

Das Gute ist: Bereits durch die Diskus­sion der säulenübergreifenden Information ist unter den Anbietern von Altersvorsorgelösungen die Verständigung darüber ein Stück vorangekommen. Dazu hat auch wesentlich die Diskussion in der Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und -gestaltung e. V. (GVG) beigetragen. „Einigkeit besteht z. B. darin, dass im ersten Schritt nur jene Informationen für das Konto verwendet werden, die ohnehin schon geliefert werden müssen, nämlich im Rahmen der unterschiedlichen Informationspflichten für die einzelnen Säulen der Altersvorsorge. Die Anbieter, vor allem in der betrieblichen Altersversorgung, hatten ja immer angemahnt, dass mit dem Konto kein neuer Mehraufwand entstehen dürfe“, erklärt Morgenstern.

Das kann Klaus Stiefermann, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung (aba), nur bekräftigen: „Eine säulenübergreifende Information ergibt Sinn, aber nur wenn sie nutzerorientiert ist, praxisgerecht ausgestaltet wird und kostengünstig durch die Versorgungseinrichtungen umgesetzt werden kann.“ Er ­erklärt, dass die aba im Interesse ihrer Mitglieder und der bAV bereits in den unterschiedlichsten Gremien mitarbeite, die sich mit diesem Thema beschäftigen. „Mit dem Projekt ist nämlich auch die Hoffnung verbunden, von heute bestehenden Informa­tionspflichten so weit wie möglich entlastet zu werden und die Daten aus der säulenübergreifenden Information in eigenen ­Firmenportalen im Interesse der Anwärter nutzen zu können. Es sollte eine Win-win-Situation entstehen“, so Stiefermann.

Auch wenn der bald erwartete Gesetzentwurf zunächst nur ein erster Schritt zum Ziel einer säulenübergreifenden Renteninforma­tion sein wird, sind noch einige grund­legende Punkte offen, zum Beispiel:

  • Wie sollen die Datenformate gestaltet werden (Thema Vergleichbarkeit)? Eventuell könnten zunächst Kapitalbeträge und Renten getrennt aufgeführt werden und in einem zweiten Schritt eine Umrechnung von Kapitalbeträgen in Renten erfolgen.
  • Welchen eindeutigen Identifier will man verwenden (eventuell die Steuer-ID)?
  • Wie lässt sich höchstmöglicher Datenschutz gewährleisten?
  • Trägerschaft – ein zentraler Träger? Oder lieber dezentral?
  • Wie wird die Exportierbarkeit der Daten gewährleistet, um sie später in eine eventuelle Beratung einfließen zu lassen?

Wenn man sich in diesen Punkten einigt, ist schon viel geschafft. Der Nutzen einer einheitlichen Darstellung ist klar: „Es gibt heute zwar schon eine Menge ­Informationen, aber sie erfolgen zu unterschiedlichen Zeitpunkten, in unterschiedlichen Formaten und auf verschiedenen Wegen. Nur sehr wenige Bürger raffen sich auf, diese Mitteilungen der Versorgungsträger selbst zusammenzufassen“, weiß Morgenstern. Mit dem Online-Rentenkonto ­gäbe es erstmals eine Stelle, bei der die Versicherten auf einen Blick alle Ansprüche zusammengefasst sehen könnten.“

Wie bei jeder Harmonisierung liegt auch hier die Hauptlast der Umsetzung bei den Anbietern. Dabei wird der Aufwand bei den großen und technisch versierten Anbietern wohl weniger ins Gewicht fallen als bei den kleineren.

Aber es ist nicht nur eine Frage der Größe: Auch die Dienstherren der Beamten – Bund, Länder und Gemeinden – übermitteln ihren beamteten Mitar­beitern bislang noch nicht standardmäßig Informationen über ihre künftigen Pensionsansprüche, an mangelnder Größe dürfte es hier nicht liegen. Es gibt also auch bei ­einigen großen Anbietern Aufholbedarf.
Stiefermann sieht jedoch einige Mitglieder seines Verbands, die als Vorreiter bei der Darstellung der künftigen Rentenleistungen für ihre Mitglieder angesehen werden können: „Es gibt viele Beispiele von vorbild­lichen Firmenportalen, regelmäßig aber nur bei wirklich großen Unternehmen oder Versorgungswerken.“

Vorreiter BMW

Ein Beispiel ist der Autohersteller BMW, der bereits ein flexibles System anbietet, mit dem sich die Mitarbeiter über die Summe all ihrer Altersvorsorgebausteine informieren können. „Für den kompletten Service müssen die Mitarbeiter einige Daten selbst eingeben“, erklärt Wolfgang Degel, Leiter des Center of Competence Altersvorsorgesysteme bei BMW. „Für die erste Säule bieten wir Schätzer, oder der Mitarbeiter gibt die Daten seiner letzten Renteninformation selbst ein. Die Daten für die dritte Säule gibt er ebenfalls selbst ein – etwa ein Endvermögen oder eine Rente. Dazu müssen die Mitarbeiter eine geschätzte Rendite eingeben. Hier haben wir Grenzen vorgegeben, die liegen zwischen 0,9 und 5,0 Prozent per annum.“ Der Mitarbeiter wählt dann eine ­Inflationsrate, wobei BMW 1,5 und 2,0 Prozent vorschlägt. Am Ende wird das ­Kapital, das der Mitarbeiter bereits hat, mit dem ­Kapital, das er benötigt, abgeglichen, und der Mitarbeiter kann sehen, was er brutto umwandeln müsste, um die Lücke zu schließen. Degel warnt vor zu hohen Ansprüchen an die Exaktheit einer solchen Rentenberechnung: „Es ist nicht sinnvoll, hier eine Punktlandung anzustreben – die werden Sie nicht hinbekommen. Wir erheben nicht den Anspruch, dass wir die Gesamtheit der Renten für den Mitarbeiter auf den Cent genau ausrechnen können. Aber die Darstellung ist eine gute Näherung.“ Die größte Unsicherheit sei dabei der Zinsfaktor. „Wenn Sie vor zehn Jahren mit sechs Prozent Rendite hochgerechnet hätten, hätte jeder gesagt, das ist okay! Heute wären sechs Prozent undenkbar. Eine solche Renteninformation kann nur eine ungefähre Größenordnung als grobe Orientierung bieten! Aber das ist schon eine ganze Menge!“ Ein positiver Effekt, den das Sys­tem für BMW bietet, ist, dass den Mitarbeitern der Nutzen der angebotenen betrieblichen Altersvorsorge dargestellt wird.    

Anke Dembowski


Anhang:

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