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4/2020 | Produkte & Strategien
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Es knirscht im Gebälk

Gemessen an den Aktienindexentwicklungen, scheint die Corona-Scharte hinter uns zu liegen. Die Deep-Data-Analyse von Quantic Financial Solutions zeigt für die Realwirtschaft aber ein anderes Bild.

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Die Spuren, die die Covid-19-Pandemie in den Unternehmensbilanzen hinterlassen wird, werden sich auch auf die Kapitalmarktentwicklung der vor uns liegenden Jahre auswirken.

© Quantic Financial Solutions , kelifamily | stoc

Seit 2012 hat Quantic Financial Solutions ein algorithmusbasiertes Prognosemodell entwickelt, das Bilanzprognosen und Risikoindikatoren erstellt. Das mehrheitlich zur C-Quadrat-Gruppe gehörende Unternehmen verwendet eine selbst entwickelte Deep-­Data-Analyse, um Bilanzpositionen jedes einzelnen börsennotierten und auch nicht börsennotierten Unternehmens weltweit in die Zukunft zu projizieren. Diese Analysen werden auch in Asset-Management-Produkten, Investmentstrategien und Portfoliooptimierungen angewendet. So weit ist das Insidern seit einigen Jahren bereits bekannt. Doch nun geht Quantic einen Schritt weiter. Walter Mussil, Partner und Mitgründer von Quantic, führt aus: „Mit unserem System haben wir nun in Zusammenarbeit mit PWC Strategy& eine globale Impact-Prognose auf einer ersten Stichprobe von mehr als 100.000 Unternehmen nach Branchen, Regionen und Unternehmensgrößen erstellt, die auf drei verschiedenen makroökonomischen Szenarien für die Euro­zone, die USA, Großbritannien sowie für weitere Länder basiert und die jüngste Entwicklung innerhalb der Covid-19-Krise ­widerspiegelt.“

Für die anspruchsvolle Analyse hat Quantic 350 Millionen Datenpunkte von mehr als 100.000 Unternehmen, wovon mehr als 38.000 Firmen einen Jahresumsatz von mehr als fünf Millionen Euro aufweisen, aus 13 Industrien und mit drei Szenarien analysiert und zu aussagekräftigen Gesamtaussagen verdichtet. Die Szenarien sind natürlich von den weiteren Schritten der jeweiligen Regierungen abhängig und können durch entsprechende Maßnahmen abgeschwächt oder auch verstärkt werden. Jedenfalls haben diese Entscheidungen einen signifikanten Einfluss auf die Entwicklung ganzer Branchen und werden den Zeitraum der wirtschaft­lichen Erholungen entweder verkürzen oder verlängern.

Drei Szenarien

Neben dem Basisszenario – das ist jenes, mit dem man für den Zeitraum von 2020 bis 2022 hätte rechnen können, wenn es zu keiner Corona-Pandemie gekommen wäre und das von ­einem schwachen, stetigen Wirtschaftswachstum ausgeht – sind es drei verschiedene Szenarien, die anhand der Bilanzdaten analysiert werden.

Szenario 1 geht von einer V-förmigen Erholung aus, wo nach dem scharfen Rückschlag 2020 ein ähnlich starker Rebound 2021 einsetzt und 2022 das Vorkrisenniveau in der wirtschaftlichen Entwicklung erreicht wird. ­Szenario 2 entspricht einer U-förmigen Erholung: Nach einem noch schärferen Wirtschaftseinbruch 2020 als im V-Szenario, kommt die Schrumpfung der Wirtschaft erst 2021 zum Stehen und tritt dann in eine Erholungs- und Normalisierungsphase ein, die aber 2022 noch nicht mit dem Erreichen des Vorkrisenzustands einhergeht. Und dann ist da noch Szenario 3: Es entspricht eine L-Form und ist das ­ungünstigste der drei. Hier geht Quantic für 2020 von einem noch steileren Absturz aus, der erst 2021 zum Stillstand kommt. Darauf folgen Stagnation und schleppende Erholung, die auch 2022 noch weit vom Vorkrisenzustand in der Wirtschaftsentwicklung entfernt ist.

Quantics „Covid Global Corporate Impact Simulation“ errechnet nun aus den aggregierten Deep-Data-Auswertungen mehr als 40 Positionen der Bilanz und Gewinn- und-Verlust-Rechnung und leitet daraus fünf Finanzkennzahlen (Quotienten) sowie eine Ausfallwahrscheinlichkeit (Probability of Default) jedes Unternehmens ab. Diese Informationen sind beispielsweise für Wirtschaftsprüfer wertvoll, wenn es um die Bewertung von Forderungen etwa in den Bankbüchern, Private-Debt-Fonds oder auch um Multiples von Beteiligungen in Private-Equity-Portfolios geht.

Wertvolle Information

Allein das erklärt schon das große Interesse der Top-Wirtschaftsprüfungskanzleien und macht die Kooperation mit einer der Top-4-Adressen verständlich. Die Vierfach-grafik „Deutsche Firmen versus BIP“ zeigt exemplarisch, wie sich entsprechend der verschiedenen Szenarien Bilanzsumme und Betriebsergebnis aller deutschen Firmen sowie die Multiples der Ausfallwahrscheinlichkeit im Vergleich zum Vorkrisenniveau 2019 entwickeln werden. Im Vergleich dazu steht die Wachstumsrate des deutschen BIP, die in den Szenarien 1 und 2 (V und U) für 2022 ein Einschwenken auf den Wachstumspfad aus dem Basisszenario vorsieht, während in Szenario 3 (L) noch ein Gap zu den Vorkrisenzeiten erhalten bleibt. Auffällig ist die höhere Streuung der Firmenausfallwahrscheinlichkeiten zwischen den einzelnen Szenarien, die nicht weiter verwunderlich, für die Banken bei der Bildung von Rückstellungen aber essenziell ist. Bei den Betriebsgewinnen ist der Stand des Jahres 2019 nur im V-Szenario erreichbar. Die ­Simulation betreffend die Entwicklung der Bilanzsummen zeigt im Fall des Eintretens des V-Szenarios ein leichtes Übertreffen des Standes von 2019, und das U-Szenario kommt immerhin fast an das Basisszenario heran. Im L-Szenario bleibt noch einiges für 2023 und danach aufzuholen. Hier wirken sich die gestiegenen Konkurse – in Gestalt höherer Ausfallwahrscheinlichkeiten – noch länger bremsend aus.  

Dr. Kurt Becker


Covid-19-Stress: Deutsche Konzerne versus Mittelstand

Die aktuelle Deep-Data-Analyse von Quantic zeigt, wer besonders unter Lockdown-Folgen leidet.

Um den Effekt eines aktuellen Covid-19-Stress-Szenarios auf die deutsche Wirtschaft zu studieren, haben die Experten von Quantic Asset Solutions aufgrund der neuesten Anfang November eintreffenden Daten mithilfe von Big-Data-Auswertungen untersucht, wie sich einzelne Segmente der deutschen Wirtschaft in folgendem Hauptszenario schlagen werden: Unterstellt wird ein BIP-Rückgang von 5,4 Prozent für 2020 sowie ein BIP-Wachstum von 4,7 Prozent 2021 und von 2,7 Prozent 2022. Weitere Makrofaktoren wurden entsprechend diesem Szenario angepasst. Betrachtet man die Börsenkursentwicklung, hat man den Eindruck, als sei die Corona­krise an den Firmen in den Topindizes in Deutschland – mit wenigen Ausnahmen wie etwa der Lufthansa – fast spurlos vorübergegangen, denn die Kurse sind nahe ihrer alten Hochs. Doch wie geht es der Ebene darunter, dem viel gepriesenen ­Mittelstand, dem wahren Wirtschaftsmotor Deutschlands, also jenem Segment, das zumeist nicht börsennotiert ist? War man im Einsammeln von Staatshilfen genauso erfolgreich wie die Topunternehmen mit ihren politischen Kontakten? Kann man dort genauso schnell wieder aufholen, oder machen sich hier die Einschläge doch stärker bemerkbar? Eine Analyse „Wall Street versus Main Street“ also für deutsche Verhältnisse adaptiert, soll hier Einblicke in den Istzustand und die Aussichten der Firmen in den beiden Folgejahren liefern. „Um nun zu untersuchen, ob und wie sich Großfirmen vom Mittelstand anhand dieses Szenarios unterscheiden, hat Quantic 67 Firmen aus DAX und MDAX sowie weitere 11.675 deutsche ­Firmen als Vertreter des Mittelstands ausgewählt und für diese insgesamt 11.742 Firmen mittels CDX, der Quantic Credit-Dynamix-Engine, das jeweilige Bilanz- und GuV-Bild jeder dieser 11.742 Firmen für die Jahre 2019 bis 2022 berechnet und dann über die jeweiligen Firmen aggregiert“, erläutert Walter Mussil. Die Ergebnisse der ausgewählten Größen „Vorsteuergewinn“ und „Ausfallwahrscheinlichkeit“ zeigen interessante Zusammenhänge auf.

Volatiler Mittelstand

Der aggregierte Vorsteuergewinn (siehe gleichlautende Doppelgrafik, linker Teil) zeigt den erwarteten Rückgang 2020 sowie die Erholung 2021 und 2022. Allerdings fallen bei den 76 DAX- und MDAX-Unternehmen sowohl der Rückgang als auch die Erholung schwächer aus als bei den Mittelständlern, was der rechte Teil der Doppelgrafik illustriert.

Während der Vorsteuergewinn für die DAX- und MDAX-Unternehmen von 2019 auf 2020 um 17 Prozent schrumpft, ist bei den Mittelständlern eine Schrumpfung von 29 Prozent zu erkennen. Walter Mussil ­dazu: „Dies ist sicherlich auch darauf ­zurückzuführen, dass DAX- und MDAX-­Unternehmen stärkere Marktmacht in der Preissetzung haben und Kosten flexibler abwälzen können.“ Die Mittelständler holen dann mit 41 respektive 23 Prozent Wachstum 2021 beziehungsweise 2022 allerdings stärker auf als DAX- und MDAX- Firmen, deren Vorsteuergewinn mit 13 Prozent 2021 und acht Prozent 2022 bescheidener wächst.

„,Wall Street‘ ist in der Krise also weniger empfindlich als ,Main Street‘, allerdings zeigt ,Main Street‘ ein höheres künftiges Potenzial, denn 2022 übertrifft ,Main Street‘ ihren 2019er-Wert des Vorsteuergewinns deutlich, ,Wall Street‘ dagegen nur leicht“, analysiert Mussil.

Ausfallwahrscheinlichkeiten

Betrachtet man die Ausfallwahrscheinlichkeit als Maß für die Bonität, so zeigt sich folgendes Bild, wie im linken Teil der Doppelgrafik „Mittlere Ausfallwahrscheinlichkeit: Entwicklung und Wachstum“ dargestellt. Wer vermutet, dass die großen Tanker hier das bessere Ende für sich haben, liegt absolut richtig, wie die Auswertungen von Quantic Financial Solutions ergeben. Mussil dazu: „Erwartungsgemäß ist das Bonitätsniveau der DAX- und MDAX-Firmen wesentlich besser, was sich in zirka 60 Prozent des Ausfallwahrscheinlichkeitsniveaus der Mittelständler widerspiegelt.“

Die Krisenfestigkeit von „Wall Street“ ­gegenüber „Main Street“ ist eindeutig gegeben. Betrachtet man die dynamischen Aggregate (rechter Teil der Doppelgrafik), so stellt man fest, dass die Ausfallwahrscheinlichkeit von DAX- und MDAX-Firmen 2020 nur um vier Prozent wächst und 2021 um sechs Prozent beziehungsweise 2022 nochmals um vier Prozent zurückgeht, so dass ihre Bonität schon 2021 das Vorkrisenniveau erreicht und 2022 besser ausfällt als 2019. Der Mittelstand erholt sich in den Jahren 2021 und 2022 zwar auch, aber die Erhöhung des Ausfallrisikos 2020 kann damit nicht gänzlich kompensiert werden.

Abschließend kann man daher festhalten, dass der Mittelstand nach 2022 an seiner Bonität noch einiges zu arbeiten ­haben wird, um so wie die Dickschiffe ihr Vorkrisenbonitätsniveau zu erreichen. „Wall Street“ hat also insgesamt mehr Substanz und dadurch eine bessere Bonität als „Main Street“ und kommt zudem etwas besser durch die Krise.

Branchenbetrachtungen

Die Quantic-Auswertungen lassen erkennen, dass der Mittelstand – konkret sind es Daten von 4.364 Firmen, die hier einfließen – in der Krise 2020 seinen ­Gewinn halbiert, während DAX und MDAX (22 Unternehmen) „nur“ 24 Prozent verlieren. Beide Firmensegmente erholen sich, um dann bis 2022 in etwa wieder auf das 2019er-Niveau zu kommen. In Sachen Ausfallwahrscheinlichkeit steigen die Werte bei beiden Segmenten, wobei DAX- und MDAX-Unternehmen dann schon 2021 wieder das 2019er-Niveau erreichen und 2022 besser dastehen, während der Mittelstand auf dem erhöhten Ausfallniveau verharrt. „Dafür sind ­andere bonitätstreibende Faktoren wie ­Liquidität und Verschuldung, die sich im Mittelstand nicht so stark erholen, verantwortlich“, hat Mussil mit seinem Team analysiert.

Im Automobil- und Zulieferersektor zeigen interessanterweise die 550 Automotive-Mittelständler im Aggregat enorme Stabilität im Vorsteuergewinn, während die fünf Großunternehmen 14 Prozent Gewinneinbruch für 2020 ausweisen, von dem sie sich aber in den beiden Folgejahren 2021 und 2022 komplett erholen. In Sachen Bonität verbessern sich Mittelständler und Großunternehmen kontinuierlich von 2020 bis 2022, allerdings bleiben die Mittelständler auf deutlich niedrigerem Bonitätsniveau als die DAX- und MDAX-Unternehmen.

Dynamische Technologie

Ein besonders spannender Sektor ist Technologie und Software. Sowohl der Mittelstand, der sich hier aus 342 Unternehmen zusammensetzt, als auch die DAX- und MDAX-Unternehmen – drei an der Zahl – verlieren beim Vorsteuergewinn 2020 knapp zehn Prozent, holen dies aber bereits 2021 mehr als auf und übertreffen ihre 2019er-Werte 2022 bei Weitem, vor allem im mittelständischen Bereich. In ­Sachen Bonität bleiben die DAX- und MDAX-Firmen 2020 sehr stabil und verbessern sich 2021 und 2022. Der Mittelstand verliert 2020 in Sachen Bonität, kompensiert dies aber teilweise 2021 und 2022. Insgesamt ist der Mittelstand hier dynamischer unterwegs, reagiert aber in Sachen Bonität fragiler, weil weniger Substanz vorhanden ist, interpretiert Dr. Roland Demmel die Deep-Data-Auswertungen seines Hauses.


Anhang:

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