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2/2022 | Theorie & Praxis
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Ein Krieg, der Werte verschiebt

Der Ukrainekrieg verursacht nicht nur eine humanitäre Katastrophe, er wird auch die Risikowahr­nehmung von institutionellen Investoren verändern. Zu den auffälligsten Verschiebungen zählt wohl die Einordnung von Rüstungsunternehmen, aber auch viele andere Themen werden neu bewertet.

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Der überraschend ausgebrochene Ukrainekrieg hat offengelegt, dass die Risikosteuerung der westlichen Länder viele wichtige Ziele nicht auf dem Schirm hatte. Ähnlich wie es nach der Finanzkrise zu einer neuen Sichtweise und Regulierung kam, wird es auch jetzt zu einer Neubewertung essenzieller Staats- und Unternehmensrisiken kommen. 

© Feri, GMF
Wenn du Frieden willst, dann rüste zum Krieg“, lautet ein römisches Sprichwort, dessen Grundidee Historiker Platon zuschreiben. Er erkannte schon 400 Jahre vor unserer Zeitrechnung, dass man militärische Auseinandersetzungen im günstigsten Fall durch Abschreckung vermeiden kann. Und schon 100 Jahre vor ihm gelangte Heraklit zum Schluss, dass der Krieg der Vater aller Dinge ist. Kriege waren nicht nur Technologietreiber, sondern wiederholt auch Auslöser gesellschaftlichen Fortschritts – sie ermöglichten etwa den Schritt von der ­Monarchie zur Demokratie. Wie sich der Russland-Ukraine-Krieg langfristig auswirken wird, ist offen. Fest steht aber schon jetzt, dass er eine Art Katalysatorwirkung entfaltet. Manches geht schneller oder ­erscheint nun in einem anderen Licht.
 
Neue Wahrnehmung
Dinge, die in den westlichen Ländern ­Europas in den letzten Jahren als ­gegeben betrachtet und kaum mehr beachtet wurden, hat der Krieg in kürzester Zeit in der Werteskala aus der Nichtwahrnehmung gerissen und ganz nach oben auf die globale Agenda katapultiert, etwa die Themen:
• Verteidigungsfähigkeit
• Versorgungssicherheit mit Energie und Lebensmitteln
• Lieferkettenanfälligkeit und ­Globalisierung
Schlagartig werden manche Risiken wieder wahrgenommen, die gemanagt und bepreist werden müssen. „Energieunabhängigkeit ist jetzt wirklich ein Kernpunkt. Womöglich haben wir sie in der Vergangenheit zu sehr vernachlässigt. Vielleicht haben wir auch andere Risikoprämien unterschätzt, etwa mit Russland“, sagte ­Stefan Bielmeier, Vorstandsmitglied und CIO der DZ Privatbank, auf der digitalen Amundi Investment Konferenz am 10. Mai. 
Angesichts der enormen Geschwindigkeit des Wertewandels reibt man sich verwundert die Augen. Nicht einmal zwei Wochen herrschte der Krieg, und schon stand ein Budget von 100 Milliarden Euro parat, das die Verteidigungsbereitschaft der Bundesrepublik stärken soll. Vorher störte man sich offenbar wenig daran, dass lediglich 40 Prozent der deutschen Militärhubschrauber einsatzbereit waren und das Beschaffungswesen der Bundeswehr Jahre benötigt, um etwa neue Stiefel für die Soldaten zu beschaffen.
 
Auf einmal wird klar, dass wir vieles ­ändern müssen. Leider reißen Veränderungen immer aus der Komfortzone und gestalten sich mühsam. Angesichts des Krieges hat der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz in seiner Rede das Wort „Zeitenwende“ geprägt. Er bezog es auf die Neuausrichtung der deutschen Politik, aber der Krieg erfordert auch in Teilen unserer Branche eine Neuausrichtung.
 
Ausschlüsse von Waffen
Beginnen wir mit den Asset Managern. Bis vor dem Ukrainekrieg konnten sie den generellen Ausschluss von Waffenproduzenten als manifesten Beweis dafür vorweisen, dass sie es ernst meinen mit der Unterstützung des Weltfriedens. Das war verhältnismäßig komfortabel, erforderte es doch nur einen geringen Rechercheaufwand. Schon wenige Wochen nach Kriegsausbruch in der Ukraine mutet das fast schon naiv an. Die Frage, welche Unternehmen denn aus dem investierbaren Universum wegfallen, wenn man beispielsweise Hersteller von Streubomben ausschließt, vermochte schon in der Vergangenheit kaum ein Fondsmanager aus dem Stegreif zu beantworten. Ein Ausschluss also, der aus Investmentsicht kaum eine Rolle spielte, weil er das Investmentuniversum nicht merklich verkleinerte, ein scheinbarer Pluspunkt, aber hinterfragt wurde er trotzdem so gut wie nie.
 
Taxonomie und Rüstung
Auch war es ein Leichtes, sich darüber zu empören, dass Waffenproduzenten Lobby­arbeit dafür leisteten, es womöglich in die EU-Sozialtaxonomie zu schaffen. Nur ­wenige Wochen später wurde der Ruf nach einer verteidigungsstarken NATO und auch nach einer militärischen Unterstützung der Ukraine laut. Schmerzhaft musste die neue Bundesregierung einsehen, dass es mit der Lieferung von 5.000 Schutzhelmen nicht getan ist. Gruppierungen und Parteien, denen man das zuvor nicht zugetraut hätte, mussten darüber entscheiden, ob neben tragbarer Panzer- und Flugabwehr auch ­Geschütze, Panzer und sogar Jagdbomber in die Ukraine geliefert werden sollten. Endverbleibsklauseln wurden flugs überdacht und geändert. Zwar dienen die Waffenlieferungen im Fall der Ukraine ganz offensichtlich nicht dem Erhalt des Friedens, aber ­zumindest der Verteidigungsmöglichkeit der Ukraine. Kommt man so dem Ziel der ­Gerechtigkeit näher, oder welches sonstige Ziel wird damit verfolgt?
 
Es sieht danach aus, dass Asset Manager ihre Ausschlüsse und Investitionen in Waffenproduzenten neu überdenken müssen. Die einfache Formel Waffen = böse = Ausschluss funktioniert so nicht, weil die Wirklichkeit komplexer ist. Wer für ein klares „Ja“ zum Verteidigungsbündnis der NATO und gleichzeitig für ein generelles „Nein“ zu Waffen ist, muss sich fragen lassen, wie er die NATO denn ausstatten will. Das Gleiche gilt im Übrigen für die Polizei. Da muss noch mehr Gehirnschmalz hin, und es wird keine einfachen Antworten geben. Selbst wenn man sich am Ende zu einer Antwort durchgerungen hat, wird es nicht einfach sein, diese den Investoren zu erklären und darüber zu berichten.
 
Investitionen in Waffenproduzenten sind so brisant, dass kaum ein Asset-Management-Haus, das man hierzu fragt, sprechbereit oder auskunftswillig ist. Einer der wenigen, die sich aus der Deckung wagen, ist Dr. Heinz-Werner Rapp, Chef der Denkfabrik Feri Cognitive Finance Institute. Er erklärt: „Wenn wie im Fall der Ukraine Waffen dazu dienen, das blanke Überleben als Nation zu sichern, dann erfüllt das per Definition eine Grundprämisse für Nachhaltigkeit. In einer Welt, die kriegerischer geworden ist, sollte man also die ausschließlich negative Konnotation von Waffen überdenken. Aber das Thema ist ­äußerst schwierig einzugrenzen. Ist ein Panzer defensiv oder offensiv? Wo will man da versuchen, eine Grenze zu ziehen?“
Der europäische Dachverband für Nachhaltigkeitsinstitute in der Finanzindustrie, Eurosif, lässt Asset Manager mit einem eher unkonkreten Statement zu Russland-Investments stehen: „Wir ermutigen alle verantwortungsbewussten Investoren nachdrücklich, ihre Anlageorientierungen zu klären, um die direkte oder indirekte Finanzierung der Aggression nicht zu unterstützen. Diese Orientierungen sollten vermutlich über die bloße Einhaltung der verhängten Sanktionen hinausgehen.“ Das Forum Nachhaltige Geldanlagen, das Nachhaltigkeitssiegel für Fonds vergibt, teilt auf Anfrage mit, dass es sich dem Eurosif-Statement anschließt. Damit bleibt es den Managern nachhaltiger Fonds überlassen, ob sie über Sanktionsbestimmungen hinaus russische Unternehmen finanzieren wollen oder nicht. „[Auf diese Frage] gibt es in der nachhaltigen Kapitalanlage keine einheitliche Antwort. Hier kommt es letztlich auf die Anlagerichtlinien der Asset Manager an“, sagt Roland Kölsch, Geschäftsführer der Gesellschaft QNG, die das FNG-Fondssiegel vergibt, in einem ­Interview mit der „Börsenzeitung“.
 
Andere Wege
Volker Schilling, Mitglied des Vorstands des Asset Managers Greiff AG, will die Rüstungsfrage auf jeden Fall aus der EU-Taxonomie draußen lassen: „Wenn wir jetzt aufgrund des Ukrainekrieges die EU-Taxonomie ändern, torpediert das noch weiter die Glaubwürdigkeit der Taxonomie. Wir bei Greiff AG bewerten nicht neu, sondern halten an unserem Koordinaten­system fest. Wir haben vor dem Krieg nicht in Rüstung investiert und tun es auch jetzt nicht.“ Er gibt zwar zu, dass man Themen wie die Verteidigungsbereitschaft oder die Energieunabhängigkeit jetzt in einem anderen Licht ­sehen könne, aber das müsse anders gelöst werden. „Das geht nicht über die Taxonomie, sondern dafür müssen andere Lösungen gefunden werden.“ Wenn der Staat jetzt Themen wie Verteidigungsbereitschaft oder Energieunabhängigkeit fördern wolle, müsse er den entsprechenden Branchen oder Unternehmen anderweitig einen Zugang zum Kapitalmarkt oder zu Finanzmitteln schaffen. „Man darf die Taxonomie nicht überfrachten. Vielleicht rächt sich jetzt, dass man Kern- und Gasenergie in die Taxonomie aufgenommen hat, weil das die Hoffnung weckte, alles sei über die Taxonomie zu lösen. Das geht aber nicht!“, meint Schilling.
 
Macht des Kapitalmarktes ­überschätzt
Jennifer Wu, Global Head of Sustainable Investing bei J.P. Morgan Asset Management, verweist ebenfalls auf die Politik – die müsse am Ende auf derlei Fragen eine Antwort finden. „Ich glaube, dass die Macht des Kapitalmarktes zu hoch eingeschätzt wird, vor allem bei vielen sozialen Fragen. Ich denke, dass es die politischen Entscheidungsträger sind, die hier die Verantwortung tragen. Sie müssen den Kurs bestimmen, und am Ende haben sie mehr Macht als der Kapitalmarkt. Wir können die Finanzierung bereitstellen, aber für den ­Kapitalmarkt ist es schwer, die Moral zu ­definieren.“ (Das gesamte Interview mit Jennifer Wu ist in diesem Heft zu finden.)
 
Bei Amundi unterscheidet man zwischen nichtkonventionellen und konventionellen Waffen und teilt auf Nachfrage von Insti­tutional Money mit: „Wir haben nichtkonventionelle Waffen und alle Aktivitäten, die verboten sind, durch die Verträge, denen Frankreich beigetreten ist, aus all unseren Fonds ausgeschlossen. Insbesondere halten wir uns an die Übereinkommen von Ottawa (1999) und Oslo (2010), die die Herstellung, den Einsatz, die Lagerung und den Transfer von Antipersonenminen (APMs) und Streubomben verbieten. Amundi schließt auch Unternehmen aus, die chemische, biologische oder angereicherte Uranwaffen herstellen, lagern oder damit handeln.“ Für den konventionellen Verteidigungssektor wendet Amundi hingegen ­keinen systematischen Ausschluss auf Konzernebene an, auch nicht für ESG-Fonds. „Eine Aktie dieses Sektors mit einem hohen E-, S- und G-Rating ist potenziell investierbar, aber einige Nachhaltigkeitsfonds haben breite Sektorausschlüsse, die diesen Sektor tangieren können, beispielsweise Österreichisches Umweltzeichen, belgisches Towards Sustainability oder deutsche FNG-Siegel-Fonds.“
 
Walter Liebe, Head of Intermediaries Germany bei Pictet Asset Management, ­erklärt: „Kürzlich noch weitgehend geschmäht, wird heute die Fähigkeit zur Selbstverteidigung von manchen Investoren neu bewertet. In unserer Security-Strategie sind und bleiben Rüstung, Waffen, Kampfdrohnen und ,Military Contracting‘ ausgeschlossen, da wir den Sicherheitsbegriff hier eindeutig einschränken. Waffen in den falschen Händen sind gefährlich und schädlich, und die Letztverwendung lässt sich nicht realistisch sicherstellen. Daher bleibt es ausgeschlossen.“
Ein anderer großer Asset Manager erklärt auf Nachfrage von Institutional Money, dass das hauseigene Aktienmanagement derlei Fragestellungen bereits an die ESG-Abteilung weitergegeben habe, diese sich dazu aber noch nicht geäußert hätte. Man arbeitet also an dem Thema.
 
Versorgungssicherheit
Neben der Rüstungsfrage sind auch die Themen Versorgungssicherheit und Lieferkettenanfälligkeit in den Vordergrund gerückt. „Keiner kann sich jetzt dem Realitätsschock entziehen. Wir erkennen jetzt, dass wir bestimmte Realitäten stärker zur Kenntnis nehmen müssen, als wir das womöglich in der Vergangenheit getan haben“, erklärt Dr. Heinz-Werner Rapp, der neben seiner Position im Institut auch Chief Investment Officer des Investmenthauses Feri ist. „Manche Ziele müssen vor andere rücken. Es kommt jetzt zu einem Prioritäten­wechsel, beispielsweise weil wir Dinge wie die Energieversorgung oder den Frieden nicht mehr einfach als gegeben ansehen können“, so Rapp.
 
Er verweist auf das Thema Kernkraft, bei dem es keine echte Annäherung, sondern ­lediglich faule Kompromisse gegeben hätte. „Es muss in der aktuellen Krise legitim sein, auch über etwas längere Laufzeiten der Kernkraftwerke zu diskutieren. Uns wird jetzt vor Augen geführt, dass richtig und falsch etwas anderes ist als nachhaltig oder nicht nachhaltig.“
 
Priorisierung von Zielen
Offenbar müssen wir uns verabschieden von eindimensionalen Zielen, die unabhängig voneinander bestehen. Vielmehr müssen wir eine konkreter als bisher ­geführte Diskussion über Zielkonflikte und Zielpriorisierung führen. Eine Steilvorlage lieferte dazu Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), der im Mai Umweltverbände eindringlich bat, von einer Klage gegen den raschen Bau von schwimmenden LNG-Terminals in Wilhelmshaven abzusehen. Das ist das Resultat seiner Priorisierung zwischen den beiden Zielen Unabhängigkeit von Putins Gaslieferungen und Biotop-Schutz.
 
Um eine Abwägung zwischen verschiedenen Zielen geht es auch bei der in der Vergangenheit eher unglücklich gelaufenen Diskussion über die Ein­beziehung von Nuklearkraft in die EU-Taxonomie. Eine offener ausgetragene Diskussion wäre hilfreich für die Glaub­würdigkeit der Taxonomie gewesen. Es geht nicht nur darum, ob Atomkraftwerke wünschenswert sind oder nicht, sondern darum, die Ziele CO2-Reduktion, günstige und verlässliche Stromerzeugung sowie die Unterstützung von Zwischen-Technologie-Lösungen gleichzeitig zu betrachten. Jetzt ist ­zusätzlich das Ziel der Unabhängigkeit in der Energieversorgung in den Vordergrund getreten. Wie gut geht es jetzt Frankreich im Vergleich zu Deutschland, das in Teilen ­gelähmt ist von der Vorstellung, Putin könne den Gashahn abdrehen? Auf der anderen Seite hat aber die Besetzung der ukrainischen Atomkraftwerke durch die russischen Truppen auch vor Augen geführt, dass gezielte Angriffe auf strategische Infrastruktur wie etwa Kraftwerke ein Risiko darstellen, das es ebenso zu berücksichtigen gilt.
 
Wie man die verschiedenen Ziele dann gegeneinander abwägt, ist eine weitere Frage. Womöglich einigt man sich auf einen Mindesterreichungsgrad der verschiedenen Hauptziele, und darüber hinaus können die Investoren, Asset Manager und Produktanbieter unterschiedliche Gewichtungen vornehmen. Es bleibt die Erkenntnis, dass Ziele nicht gleichberechtigt nebeneinander stehen, sondern nach ihrer Relevanz zu sortieren sind und dass es hier wohl keinen One-fits-all-Maßstab geben wird.
 
Auch Themen, die es in den Medien und in der Gesellschaft in letzter Zeit weit nach oben geschafft haben, sind in die Zielpriorisierung einzubeziehen. Womöglich hatte man es sich zu komfortabel eingerichtet mit Diskussionen, ob und wie zu gendern ist (mit Sternchen oder mit Doppelpunkt?), welche Toilette Transgender-Menschen benutzen sollen, und auch dem Juchtenkäfer wurde im Rahmen des Bahnprojekts Stuttgart 21 thematisch womöglich mehr Raum eingeräumt, als es seinem Beitrag zur Biodiversität entspricht. Mit Ausbruch des Krieges wurde deutlich, dass jeder Euro nur einmal ausgegeben werden kann. Die 20 Millionen Euro, die beim Stuttgart-21-Projekt für den Schutz des Juchtenkäfers ausgegeben wurden, weil zwei Bäume, auf ­denen er saß, zu untertunneln waren, können nicht mehr für andere wichtige Ziele eingesetzt werden.
 
Neue alte Opportunitäten
Bei all den neuen Überlegungen, die jetzt anstehen, wären Asset Manager keine guten Vermögensverwalter, wenn sie für die Zeit nach der viel beschworenen Zeitenwende nicht auf die Pirsch nach Opportunitäten ­gehen würden. „Der Scheinwerfer auf Nachhaltigkeitsrisiken ist mit dem Krieg nur noch gleißender geworden. Energiepolitische Abhängigkeiten, Nahrungsmittelknappheit und die Krisenpolitik von Staaten und Unternehmen lassen ESG-Themen noch drängender erscheinen und sorgen für deutlich attraktivere Konditionen bei Infrastrukturprojekten, gerade bei erneuerbaren Energien, regenerativer Landwirtschaft und der Reflexion von Lieferkettenabhängig­keiten“, erklärt Wiebke Merbeth, Leiterin Public Affairs & Nachhaltigkeit bei Bayern­Invest Kapitalverwaltungsgesellschaft mbH.
 
Auch der Vermögensverwalter Pictet Asset Management, der zahlreiche Themenfonds anbietet, fühlt sich in seiner Themendefinition für die Zukunft gut aufgestellt. „Unsere Themendefinition orientiert sich an lang laufenden Entwicklungslinien (Megatrends) und zielt auf Unternehmen ab, die zu einem bestimmten Thema als Anbieter von Produkten oder Lösungen auftritt. Hierbei werden häufig Nachhaltigkeitsaspekte berührt, besonders bei den Themen im Umweltbereich wie Wasser, saubere Energie, Holz, Umwelttechnologie, Ernährung. Der Fokus liegt auf der Lösung von Menschheitsproblemen, nicht auf kurzfristigen Her­ausforderungen wie der Erdgasversorgungssicherheit im nächsten Winter“, erklärt Walter Liebe. Bei den Themenfonds sieht er daher keinen Anpassungsbedarf.
 
Die Neuorientierung macht auch vor den Regulatoren nicht halt, denn auch sie gehen offenbar in Klausur, um ihre Sicht auf die Themen nachzuschärfen. Angesichts des Ukrainekrieges stellt die BaFin ihre Richtlinie für nachhaltige Investmentvermögen vorerst zurück. Hintergrund sei das dynamische regulatorische, energie- und geopolitische Umfeld, erklärte BaFin-Präsident Mark Branson auf der Jahrespressekonferenz der BaFin am 3. Mai. „Für eine dauerhafte Regulierung ist das derzeitige Umfeld nicht ausreichend stabil“, betont der BaFin-Chef. Er beantwortete auch die Frage, welche Rolle die BaFin als Aufsicht spielt: „Es gehört nicht zu unserem ­gesetzlichen Auftrag, umweltpolitische Ziele zu verfolgen. Das ist Sache der Politik. Unsere Aufgabe besteht darin sicherzustellen, dass die Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsrisiken im Griff ­haben. Es sind also Finanzrisiken, mit denen wir uns beschäftigen, zum Beispiel Stranded Assets in den Bilanzen von Banken oder Anlageportfolios von Versicherern. Wir werden uns auch für Transparenz einsetzen und die Qualität der Offenlegung kontrollieren. Außerdem wollen wir irreführende Vermarktung verhindern, um Verbraucher zu schützen.“
 
Er stellt auch klar, dass derzeit keine ­neuen Anforderungen an Asset Manager ­gestellt werden: „Kapitalverwaltungsgesellschaften können selbstverständlich weiterhin nachhaltige Investmentvermögen auf­legen und vermarkten. Wir werden in unserer Praxis bestimmte Grundsätze anwenden, die wir bereits zur Konsultation gestellt hatten. So müssen zum Beispiel nachhaltige Fonds mindestens 75 Prozent in nachhaltige Anlagen investieren, mit mindestens 75 Prozent des Investmentvermögens eine nachhaltige Anlagestrategie verfolgen oder einen nachhaltigen Index abbilden. Durch diese strengeren Prüfungspraktiken schützen wir Fondsanleger vor Greenwashing.“
 
Was der Krieg auch bewirkt hat, ist das Gefühl, dass Staaten über ihre Regulatoren an Unternehmen deutlich höhere Anforderungen stellen als an sich selbst. „Ich sehe da eine Asymmetrie bei der Offenlegung der Strategie und bei der Haftung“, sagt Heinz-Werner Rapp. „Wir als Institut sind verpflichtet, eine ausführliche Strategie ­niederzuschreiben. Wir müssen erklären: Wenn dies passiert, tun wir Folgendes. Wir müssen unglaublich viele Daten und Dokumente vorhalten. Wenn eine Regierung das nur ansatzweise ähnlich tun würde, wären wir jetzt vermutlich in einer besseren Situation“, meint Rapp.
 
„Haftungsverteilungswut“
Auch die Haftung sei ungleich verteilt. „Die Regulatoren überziehen uns mit einer Regulierungs- und Haftungsverteilungswut. Jetzt stellt man fest, dass die Bundesregierung selbst große Fehler in der Risiko­einschätzung gemacht hat, beispielsweise gegenüber Russland oder bezüglich der Abhängigkeit in der Energieversorgung. Oder es geht eine wichtige Akte der Klimastiftung MV, die den Ausbau der Pipeline Nord Stream 2 vorantreiben sollte, verloren. Wer haftet?“ Seiner Meinung nach ist die Bundesregierung in den letzten 20 Jahren ohne erkennbare Strategie vor sich hin gestolpert. „So dürften wir in der Finanzbranche nicht arbeiten. Uns hätte man längst die Lizenz entzogen, und die Geschäftsleitung müsste haften“, meint Rapp. Er schlägt vor, in der Bundesrepublik einen Thinktank, eine Art ständigen Strategierat, einzurichten nach dem Beispiel Singapurs. „Singapur ent­wickelt klare Langfristpläne. Da hat man das Gefühl, dass sie eine perspektivische Ausrichtung haben und wissen, was sie tun.“ Er verweist auch auf BMW, wo jede Investitionsentscheidung vorab mit einem geopolitischen Filter durchleuchtet wird. „Geopolitische Risiken haben ihren Preis, und sie werden auch mal schlagend. Die Staaten haben die Risiken, die von Putin ausgehen, sträflich unterschätzt, obwohl es klare Signale für deren Existenz gab.“
 
MaRisk für Staaten
Die Banken haben eine gute Idee, wie Staaten die Risiken, die durch den Krieg evident wurden, künftig managen könnten, sagt eine Beraterin, die viel mit den Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk) und Bankenregulierung zu tun hat. Sie nennt einige Beispiele aus dem Werkzeugkasten der Bankenregulierung: Die Großkredit-Richtlinie forderte, dass Banken ihre Risiken granular verteilen sollen, um eine Risikoklumpung zu vermeiden. Ein Kunde musste dabei mit seinen Krediten unterhalb von 25 Prozent der Eigenmittel des Kreditinstituts bleiben. Übertragen auf staatliche Risikoüberlegungen, wäre mit einer ähnlichen Regelung der Bezug von 50 Prozent des Gasbedarfs von einem einzigen Lieferanten nicht möglich gewesen.
 
Das Know-your-Customer-Prinzip (KYC) fordert, dass Banken sowohl ihre Kunden als auch ihre Gegenparteien durchleuchten müssen. Bei Einräumung eines Kreditrahmens müssen sie sie auch einer Bonitätsbeurteilung unterziehen. Bei Nichteinhaltung drohen dem Institut empfindliche Geldstrafen, Haftstrafen für leitende Mitarbeiter oder sogar der Entzug der Geschäftserlaubnis. Kein Institut sollte sich als „too big to fail“ betrachten und daher bewusst unverhältnismäßig hohe Risiken eingehen. Für den Fall, dass ein Institut doch strauchelt, sind die Banken aufgefordert, ein „Testament“ zu schreiben. Darin sind Prozesse zu beschreiben, die im Fall einer Abwicklung des ­Instituts Anwendung finden sollen.
 
Solche Prinzipien würden womöglich auch Regierungen gut anstehen, aber zugegebenermaßen musste es auch bei den ­Banken erst zu einer Finanzkrise kommen, bevor sich die Regulatoren daranmachten, den Finanzsektor wirksam zu regulieren. Klar ist aber, dass die Regulierung das ­Bankensystem erheblich widerstandsfähiger gemacht hat, als es noch vor zehn Jahren war. Natürlich bedeuten die Vorsichtsmaßnahmen eine große Kraftanstrengung – und sie erfordern bis zum heutigen Tag enorme Ressourcen.
Wenn westliche Staaten ihre Risiken ähnlich managen würden, wie der Finanzsektor es bereits tun muss, würden künftig vermutlich sowohl die Friedens- als auch die Globalisierungsdividende schmäler ausfallen. Risikomanagement gibt es eben nicht umsonst!

Anke Dembowski

Anhang:

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