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3/2022 | Theorie & Praxis
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Eher ein Angstthema

In einer Untersuchung prüft die BaFin, wie Versicherer und Pensionsfonds mit Nachhaltigkeits­risiken umgehen. Die meisten sind bereits sensibilisiert, fokussieren sich aber noch sehr auf transitorische und physische Risiken.

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Noch nehmen die Versicherungsunternehmen Nachhaltigkeitsthemen eher als Risiken und weniger als Chancen wahr. Den meisten geht es darum, Nachhaltigkeitsrisiken zu erkennen und zu beobachten, oder darum, Reputationsschäden zu vermeiden. Die BaFin betont, dass sich die Versicherungsaufsicht auch 2022 schwerpunktmäßig mit dem Thema Nachhaltigkeit befassen wird.

© Ute Grabowsky, m.mphoto | stock.adobe.com
Nachhaltigkeitsrisiken können Versicherungsunternehmen sowohl auf der Aktiv- als auch auf der Passivseite ­ihrer Bilanz treffen. Das ist den Beteiligten seit Längerem bewusst. „Wenn wir nichts tun, wird uns das teuer zu stehen kommen“, schreibt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) in seinem ersten Nachhaltigkeitsbericht. Nicht zuletzt wird die Branche auch von der Aufsicht in Richtung Nachhaltigkeit gedrängt. So teilt die BaFin mit, dass sich ihr ­Geschäftsbereich Versicherungsaufsicht bereits seit 2018 das Thema Nachhaltigkeit als Aufsichtsschwerpunkt setzt.
 
Umsetzungsstand abgefragt
Wie Versicherer und Pensionsfonds mit Nachhaltigkeitsrisiken umgehen und wie sie das BaFin-Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken umsetzen, wollte die BaFin in Erfahrung bringen und hat dazu eine Umfrage durchgeführt, über deren ­Ergebnisse sie im Frühjahr 2022 berichtete. An der Umfrage teilgenommen haben 260 Versicherer und Pensionsfonds, von denen 82 Teilnehmer als Pensionskassen und ­Pensionsfonds den Einrichtungen der betrieblichen Altersvorsorge (EbAV) zuzu­ordnen sind.
 
Das Resultat zeigt, dass ein sehr großer Teil der Versicherungsunternehmen für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisiert ist und grundsätzlich alle Nachhaltigkeitsaspekte – also E (Umwelt), S (Soziales) und G (Governance) – berücksichtigt. Ihr größtes Augenmerk gilt dabei den transitorischen Risiken (90 Prozent der antwortenden Unternehmen) und den physischen Risiken (89 Prozent). Transitorische Risiken gibt es im Zusammenhang mit der Umstellung auf ­eine klimaneutrale Wirtschaft. Dazu gehören beispielsweise die Verteuerung beziehungsweise Verknappung fossiler Energieträger oder politische Maßnahmen wie die Einführung einer CO2-Steuer oder die Erfordernis einer Sanierung von Gebäuden und Anlagen. 
 
Physische Risiken ergeben sich für Versicherungen unter anderem durch Extremwetterereignisse wie Hochwasser, Meeresspiegelanstieg, Dürre, Starkwind und deren Folgen.
 
Mit Governance- und sozialen Fragen, also den G- und den S-Faktoren, beschäftigen sich mit 86 beziehungsweise 82 Prozent erst weniger Versicherungsunternehmen als mit Umwelt- und Klimafragen. Das ist insofern nicht verwunderlich, als die bisherige Regulierung, beispielsweise in Form der EU-Taxonomie und der Offenlegungsverordnung (SFDR), hier ebenfalls als Erstes ihr Augenmerk darauf richtete.
 
Risiko- vs. Chancenbetrachtung
Noch nehmen die Versicherungsunternehmen Nachhaltigkeitsthemen eher als Risiken denn als Chancen wahr. So gaben 89 Prozent der Befragten an, Nachhaltigkeitsrisiken erkennen und beobachten zu wollen, und 96 Prozent der Unternehmen geht es darum, Reputationsschäden zu vermeiden. Man möchte also vermeiden, von der Aufsicht oder der Öffentlichkeit als Schmutzfink oder als Greenwasher wahrgenommen zu werden. Das zeugt davon, dass die ­Unternehmen sich noch in einer gewissen Orientierungs- und Versuchsphase befinden und sich erst wenige daranmachen, die Nachhaltigkeitsdiskussion aktiv mitzugestalten und hier Chancen erkennen, um diese dann weiter auszubauen. Sowohl das Erkennen von Nachhaltigkeitsrisiken als auch die Vermeidung von Reputa­tionsschäden sind eher passive beziehungsweise  reaktive Verhaltensweisen und keine aktiven. Aktiv die Nachhaltigkeitsrisiken steuern wollen erst 79 Prozent der Unternehmen, und drei Viertel (75 Prozent) sehen darüber hinaus sogar Chancen, die sich aus dem Übergang der Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit ergeben, die sie gezielt nutzen wollen.
 
Nachhaltigkeitsprodukte
Die größten Auswirkungen der Nachhaltigkeitsentwicklung sehen die Versicherer auf der Aktivseite ihrer Bilanz, also bei der Kapitalanlage. Konkret schlägt sich dies in der Tatsache nieder, dass viele Häuser ­bereits spezielle Nachhaltigkeitsprodukte entwickelt und auf den Markt gebracht ­haben. Bei solchen Produkten werden in der Kapitalanlage bestimmte Nachhaltigkeits­aspekte berücksichtigt. 
 
139 der 260 teilnehmenden Unternehmen geben an, bereits heute nachhaltige Pro­dukte zu vertreiben. 99 davon haben dies schon strategisch festgelegt, und weitere 91 Unternehmen planen eine solche Strategie für die Zukunft.
 
Die Passivseite
Für die Passivseite ihrer Bilanz, also die Produkt- und Zeichnungspolitik, rechnen bislang nur wenige Versicherer und Pen­sionsfonds mit wesentlichen Auswirkungen durch die Nachhaltigkeitsrisiken.
 
Hier spielen Nachhaltigkeitsrisiken lediglich für die Versicherungszweige sonstige Kfz-Versicherung sowie Feuer- und sonstige Sachversicherung eine nennenswerte Rolle. Entsprechend sind die Sparten Schaden-Unfall und Rückversicherung die maßgeblichen Treiber bei einer Zeichnungspolitik, die auf Nachhaltigkeitsrisiken ausgerichtet ist. Im Bereich Leben sieht bislang nur eine Minderheit eine wesentliche Relevanz der Nachhaltigkeitsrisiken.
Die Maßnahme, ganze Geschäftsfelder einzustellen, ergreifen allerdings nur 16 Prozent der teilnehmenden Unternehmen. ­Immerhin 30 Prozent sehen aber die Einschränkung bestimmter Geschäftsfelder vor.
 
Etwa die Hälfte der befragten Unternehmen hat bereits ihre Geschäfts- beziehungsweise Risikostrategien hinsichtlich Nachhaltigkeitsrisiken überprüft und entsprechend angepasst. Noch sind allerdings separate Nachhaltigkeitsstrategien die Ausnahme. Laut eigener Aussage befinden sich hier aber noch viele Unternehmen in der Planungs- oder Umsetzungsphase beziehungsweise haben gerade erst damit begonnen, entsprechende Projekte aufzusetzen.
Etwas mehr als die Hälfte der Rückmeldungen besagt, dass sich die Unternehmen konkrete Nachhaltigkeitsziele setzen und ein bestimmtes „Alignment“ anstreben. Ein Beispiel ist die Ausrichtung der eigenen ­Geschäftstätigkeit an den Zielen des Pariser Klimaabkommens, womit dann ein konkreter Dekarbonisierungspfad vorgegeben wird. In der Folge muss die Bereitstellung von Kapital in bestimmten Zeitschritten mit kontinuierlich sinkenden Treibhausgasemissionen verbunden sein, sodass das Unternehmen am Ende keinen Beitrag mehr zur Klimaerwärmung leistet.
 
Etwa ein Drittel der Unternehmen setzt auch ein aktives „Engagement“ beziehungsweise spezielle Anforderungen an Kunden/Dritte ein. Hier geht es um die gezielte Einflussnahme als Investor auf unternehmerische Entscheidungsprozesse, insbesondere mit dem Ziel, durch einen aktiven Dialog die wirtschaftliche Realität in Richtung ­eines verantwortlichen Wirtschaftens und einer nachhaltigen Entwicklung zu steuern.
 
Als Methoden zur Identifikation von Nachhaltigkeitsrisiken nutzen die Umfrageteilnehmer überwiegend Portfolioanalysen (64 Prozent) sowie ESG-Due-Diligence bei Kreditvergaben, Investitionsentscheidungen sowie Zeichnung (57 Prozent).
 
Was die Bewertung betrifft, bedienen sich mehr als drei Viertel der Unternehmen bislang der Expertenschätzung. Quantitative Methoden sind hier die Ausnahme, da es vielen Unternehmen noch an einer entsprechenden Datengrundlage fehlt. Hier ermahnt Dr. Frank Grund, BaFin-Exekutiv­direktor für Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht, auf der GDV-Konferenz am 5. Juli 2022: „Unsere Umfrage hat gezeigt, dass Versicherer beim Thema Strategie ­bereits gut aufgestellt sind. Aber da, wo es um quantitative Dinge geht, sehen wir noch Nachholbedarf – beispielsweise bei der Frage, was eine Erwärmung um zwei Grad für das Unternehmen bedeutet.“
 
Etwa die Hälfte der Umfrageteilnehmer setzt bereits ESG-Ratings ein, um die Nachhaltigkeit von Vertragspartnern und Investitionsobjekten zu beurteilen. Die übrigen Unternehmen sehen die Verwendung von ESG-Ratings für die Zukunft vor. Als Anbieter solcher Ratings nutzen die befragten Unternehmen in erster Linie spezielle ESG-Ratingagenturen (66 Prozent), aber auch die etablierten Ratingagenturen (44 Prozent). Allerdings gaben insbesondere kleinere Versicherungsunternehmen und Pensionsfonds an, dass der hohe Kostenfaktor solcher ­Ratings für sie ein Problem darstellt.
 
Nachhaltigkeitsstandards
Bezüglich der freiwilligen Berücksichtigung externer Nachhaltigkeitsstandards spielen für die befragten Unternehmen ­lediglich die „Principles for Responsible ­Investment“ (PRI) der Vereinten Nationen eine nennenswerte Rolle. Etwas weniger als die Hälfte (113 Teilnehmer) geben an, diese zu befolgen. Weitere Standards wie der „UN Global Compact“, der „Deutsche Nachhaltigkeitskodex“ oder die „UN Principles of Sustainable Insurance“ (PSI) werden nur von weniger als einem Viertel ­berücksichtigt. 65 Unternehmen haben für sich noch keinen Standard festgelegt.
 
Durch ihre Umfrage wollte die BaFin auch ermitteln, wo im Unternehmen die Verantwortlichkeit für Nachhaltigkeitsthemen angesiedelt ist. Erfreut zeigen sich die Aufseher darüber, dass mit rund 92 Prozent der überwiegende Teil der Unternehmen die gesamte Geschäftsleitung als für die Thematik verantwortlich angibt. Zusätzlich sieht etwa ein Drittel eine Ressortzuständigkeit beim CRO, CEO oder CFO.
 
Eine konkrete Ressourcenvorhaltung für das Management von Nachhaltigkeitsri­siken erfolgt hauptsächlich in Form von ­Investitionen in ESG-Tools und -Daten 
(49 Prozent) sowie durch den Rückgriff auf externe Dienstleister (66 Prozent). 73 Unternehmen haben sogar eine separate Nachhaltigkeitseinheit gebildet.
 
Überrascht war die BaFin von der Rückmeldung, dass lediglich weniger als ein Viertel der Umfrageteilnehmer angab, überhaupt nachhaltigkeitsbezogene Stresstests beziehungsweise Szenarioanalysen einzusetzen (10 EbAV und 50 der übrigen Versicherungsunternehmen). Weniger als die Hälfte geben an, entsprechende Stresstests zumindest vorzubereiten. Womöglich haben aber zum Zeitpunkt der Befragung viele Häuser die ORSA-Maßnahmen abgewartet, die um diese Zeit herum von der EIOPA ­erwartet wurden. In diesem „Own Risk and Solvency Assessment“ (ORSA) müssen Versicherer Klimawandel-Risikoszenarien berücksichtigen, denen sie kurz- und langfristig ausgesetzt sind.
 
Als Fazit ihrer Umfrage zeigt sich die ­BaFin zufrieden damit, dass Nachhaltigkeitsrisiken bereits Eingang in die strategischen Überlegungen, die Geschäftsorganisation und das Risikomanagement von Versicherungen und Pensionsfonds gefunden ­haben. Zufrieden ist sie auch, dass nahezu sämtliche Teilnehmer die Umsetzung des BaFin-Merkblatts in Angriff genommen ­haben. Allerdings sieht sie noch nicht alle Unternehmen dort angelangt, wo sie in ­Sachen Nachhaltigkeitsmanagement sein sollten. So äußert sich Dr. Frank Grund: „Wir erwarten von den beaufsichtigten Versicherungsunternehmen, dass sie Rückstände zügig aufholen.“ Er betont, dass sich die Versicherungsaufsicht auch 2022 schwerpunktmäßig mit dem Thema Nachhaltigkeit befassen und die weitere Entwicklung in den Unternehmen eng begleiten wird.
 
Anke Dembowski

Anhang:

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