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Warum uns der Sektor „nicht-basiskonsumgüter“ in Europa gefällt

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Der Indikator für das Verbrauchervertrauen in der Eurozone zeigt zunehmenden Optimismus. Gleichzeitig steigen auch die Reallöhne, und die Kreditaufnahme von Haushalten. Von diesem Trend dürfte der Sektor Nicht-Basiskonsumgüter kurzfristig profitieren.

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2/2017 | Produkte & Strategien
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Der 800 Milliarden Dollar-Mann

Gerry O’Reilly zeichnet als passiver Manager für ein Vermögen verantwortlich, das in etwa dem ­gesamten von der Deutschen Asset Management verwalteten Volumen entspricht. Wie tickt so ein Mensch? Wie schätzt er die aktive Konkurrenz ein, und wie steht er zum Terminus „Massenvernichtungswaffe“?

Sie kennen Warren Buffett? Selbstverständlich. Gewaltiges persönliches Vermögen und vor allem natürlich diese 620 Mi­l­liarden US-Dollar, die er an Assets über sein Investmentvehikel Berkshire Hathaway verwaltet.
Sie kennen Gerard O’Reilly? Nein?
Nicht weiter tragisch, wir bis vor Kurzem auch nicht. Bis wir davon hörten, dass dieser Mann um ein Drittel mehr Geld verwaltet als Warren Buffett. Wieso man von „Gerry“, wie er sich selbst zu Beginn eines Gesprächs vorstellt, de facto noch nichts gehört hat? Das liegt daran, dass es sich bei ihm um einen passiven Investor handelt, ­einen Indextracker, beruflich also das ­genaue Gegenteil von Buffett. Für Vanguard zeichnet er allein für 14 Fonds verantwortlich, die kumuliert Wertpapiere über knapp 800 Milliarden Dollar an Kundengeldern ­repräsentieren.


Wie Warren Buffett die Welt sieht – oder wie er will, dass wir glauben, dass er die Welt sieht –, ist einigermaßen bekannt. Wir wissen, wie er agiert, wir wissen, wann er Apple kauft und verkauft, wir wissen, wann er ins Eisenbahngeschäft einsteigt, warum er Fluglinien einmal für ein „ganz schreckliches Geschäft hält“ und ein anderes Mal mit Pauken und Trompeten in genau diese Branche einsteigt.


Wenn Gerry O’Reilly Apple kauft, hören wir: nichts. Natürlich nicht. Weil er eine ganz andere Agenda verfolgt. Während ­Buffett möchte, dass sich Aktien gemäß des von ihm beeinflussten Nachrichtenflusses in eine ihm genehme Richtung entwickeln, sagt O’Reilly von sich selbst: „Ich versuche meine Spuren so gut wie möglich zu verwischen.“


Doch wie agiert ein Mann, der passive Investments verwaltet, die höher sind als das BIP der Niederlande, und mit dem 480 Milliarden Dollar schweren Vanguard Total Stock Market auch noch als ­Manager des größten Mutual Funds der Welt firmiert?
Die Antwort: sehr bodenständig. Er selbst führt recht oft das Wort „Demut“ oder „demütig“ an, wenn er von sich und seinem Werdegang erzählt. Der wiede­rum beginnt in den 80er-Jahren in Irland. County Meath nahe Dublin. Das ist die Zeit vor dem Cel­tic Tiger, vor dem großen Boom, der Öffnung, als die IRA noch ­eine bedeutende und gefährliche Rolle auf der Insel spielt. In dieser Zeit wandert jeder Ire, der die Chance hat, aus.


Gerrys Chance liegt darin, dass er schnell ist. Sogar sehr schnell. Er läuft die Meile unter vier Minuten. Das reicht, um ihm ein Leichtathletikstipendium in den USA zu ­sichern. „Das hat mein Leben verändert“, erinnert sich der Manager. „Ich weiß nicht, wohin mein Weg mich sonst geführt hätte, aber ich würde sicher nicht 800 Milliarden US-Dollar verwalten.“


Sein Weg führt ihn also an die Villanova-Universität in Pennsylvania, Hauptstadt Philadelphia, gleichzeitig Heimat von Vanguard, wo er nach dem Studium vor ziemlich genau 25 Jahren andockt. Verglichen mit den heutigen Dimensionen ist das ­Investmenthaus damals ein Bauchladen. „Unsere Abteilung lag bei den Assets ­sicher südlich von 50 Milliarden Dollar“, erinnert sich O’Reilly zurück, „drei Trader, 20 Mutual Funds.“ Die Zwischenbilanz 2017: 22 Trader, 200 Mutual Funds und 2,2 Billionen Dollar under Management.


Das klingt eindrucksvoll, ist es auch, es stellt sich aber die Frage, ob man 800 Milliarden US-Dollar nicht lieber für BlackRock und in New York verwalten möchte. Ein Tick mehr Glamour? Ein Tick mehr Einfluss? Doch angesprochen auf seinen Konkurrenten, wählt O’Reilly seine Worte mit Bedacht, spricht von einer sehr unterschiedlichen Firmenkultur und dass New York ein schöner Ort für eine Reise sei, er es aber vorziehe, in Philadelphia zu leben.


Arbeit statt Tischfußball
Doch was ist das für eine Firmenkultur, in der sich der Topmanager so wohlfühlt? Es ist eine, die von offenen Büroräumlichkeiten geprägt ist, von einem relativ nüchternen Arbeitsklima, das sich auch in der Büroarchitektur ausdrückt, in der man vergeblich nach Lounges oder Tischfußballgelegenheiten sucht. „Wir sind zum Arbeiten hier“, hat O’Reilly einmal an einer anderen Stelle gesagt. Erst, als man ihn auf das ­große Kribbeln anspricht, auf die Ver­lockung, einer starken Investmentidee zu folgen, gerät er ein wenig ins Zaudern. „Vielleicht früher einmal“, räumt er ein. „Aber nach 25 Jahren weiß ich zu schätzen, was ich hier tue, und ziehe enorme Befriedigung daraus, meinen Job so perfekt wie möglich zu erledigen.“


Vielleicht weiß der mittlerweile 53-Jährige auch zu schätzen, dass er am Ende eines Arbeitstages relativ unbesorgt nach Hause fahren kann. Ist seine „Schicht“ zu Ende, ­erhält er einen Abschlussbericht, der ihm bestätigt, voll investiert zu sein. Mehr kann er als Indextracker nicht machen, die nächs­te Schicht beginnt, wo er aufgehört hat. Das geschieht weltweit und nicht ganz unkompliziert, wobei es wie immer die Kleinig­keiten sind, der letzte Prozentpunkt auf die hundert, der die meiste Arbeit macht. „Wenn Sie einen großen Wert kaufen, zu dem es viel Information gibt, eine hohe ­Liquidität, starkes Marktgewicht, sollten Sie nicht besonders viel Zeit auf diesen Trade aufwenden. In Wirklichkeit drückt man auf den Knopf und fertig.“ Probleme entstehen in den wenig liquiden Titeln, wo man in ­unregulierte Nischenmärkte, Black Pools, eintauchen muss. Hier sind O’Reillys Talente als Spurenverwischer gefragt. Denn: „Wenn jemand Wind davon bekommt, dass ich eine spezielle, gering kapitalisierte Aktie kaufen muss, kann ich mir sicher sein, dass sich jemand vor mir positioniert.“


Dass er oder jemand aus seinem Team der Versuchung erliegen könnte, den Markt zu seinen Gunsten zu beeinflussen, könne aus O’Reillys Sicht sinnvollerweise nicht ­geschehen. Bei den kleinen Werten lohnt es sich nicht, für die großen Werte wie Apple oder Exxon fehlt es dann doch an effizienter Marktmacht.


Etwas aus der Deckung kommt der Vanguard-Mann, wenn man ihn auf den Vergleich von Massenvernichtungswaffen, also Weapons of Mass Destruction, und ETFs anspricht. Er wählt dann seine Worte mit Bedacht und zieht sich letztendlich auf die Position von Vanguard-CEO F. William McNabb III zurück, der meinte, dass „die vorliegenden Daten mit diesem Vorwurf nicht korrespondieren“.


Ein wenig irische Kampflust ist dann aber doch zu spüren, als er von „der Menge an Gelegenheiten für aktive Stockpicker“ spricht, die aber „offenbar nicht genützt werden“. Das ist zwar mehr als nur ein ­Seitenhieb – auf die Frage, wieso Chancen seiner Meinung nach liegen gelassen werden, will er aber nicht konkreter werden: „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, woran das liegt. Potenzial gibt es aber für aktives ­Management nach wie vor. Es muss nur preisgünstig sein. Die Zeiten hoher Gebühren sind sicherlich vorüber.“


Weltgeschichte als Non-Event
Ereignisse, die aktiven Managern die Chance geben würden, sich neu zu positionieren – etwa der Brexit, die Trump-Wahl oder der Macron-Triumph – sind für O’Reilly übrigens alles Non-Events. Die großen Herausforderungen stellen sich einmal mehr eher im Hintergrund, bei der trockenen ­Arbeit, wenn neue Aktien in Indizes aufgenommen werden oder diese verlassen. Wenn es zu einem IPO kommt, dann beginnt die echte Arbeit, „bei der ein großes Ego eher weniger Platz an unserem Desk hat“. Schlechte Haarschnitte seien hingegen kein Problem: „Von denen sehe ich jeden Tag genug, das hilft einem, nicht die Perspektive zu verlieren.“ Vor allem wenn das allenfalls schlecht sitzende Haupthaar an ihm selbst kritisiert wird. „Da gibt es keine Schonung.“


Die Angst vor dem Knopf
Also keine schwierigen Momente, keine harten Entscheidungen, alles eitel Wonne? Nicht immer. Natürlich besteht Druck, wenn man nach aller möglicher erfolgter Recherche auf den Knopf drücken und mehrere Milliarden Dollar durch das Sys­tem jagen muss. Natürlich gibt es bei den täglichen Besprechungen offen und deutlich vorgetragene Kritik, wenn ein Basispunkt hier und ein anderer dort liegen gelassen wurde. „Nicht jeder ist dafür geschaffen, nicht jeder fühlt sich wohl dabei, am Ende die Verantwortung auch wirklich auf sich zu nehmen und diesen Knopf zu drücken. Nicht jeder kommt mit Kritik klar. Wer mit dem einen oder dem anderen Probleme hat, sollte sich wahrscheinlich nicht für den Desk bewerben“, erklärt O’Reilly.


Zwei dunkle Momente
Ob und wie er selbst mit Druck umgeht, konnte der Topmanager jedenfalls in zwei Ausnahmesituationen herausfinden: bei den Ereignissen von 2008 und 09/11. Wobei ihm selbst die Zerstörung der Twin Towers näher ging. Das hat auch eine persönliche Komponente. „Wir kannten Trader dort, hatten Freunde, die dem Anschlag zum ­Opfer gefallen sind“, erinnert sich O’Reilly. Von einem streng professionellen Standpunkt wiederum lautete die Herausforderung, „zu antizipieren, wohin der Cash Flow gehen wird“. Die Märkte waren geschlossen, man musste den Telefonhörer in die Hand nehmen, Kontakte abklappern, herumfragen.


Mit milder Verblüffung erinnert er sich an die Reaktionen. Denn im Gegensatz zu dem, was auf gesellschaftlicher und politischer Ebene geschah, „waren die Investoren unglaublich gelassen und ruhig“. Ganz anders die Situation rund um und nach Lehman. Das sei eine extrem stressbeladene Zeit gewesen. „Die Nasdaq wurde de facto ausgelöscht, es herrschte absolute Panik“, erzählt der Vanguard-Mann, „Nachbarn und Freunde riefen mich an. Alle hatten dieselbe Frage: Wie weit kann das alles fallen?“ Er hält kurz inne. Dann: „Wenn Sie sich jemals gefragt hatten, wie es um Ihre Risikotoleranz steht – damals konnten Sie es herausfinden.“


Doch wo sieht er die ETF-Industrie in den kommenden Jahren? Ganz frei von Kritik steht die Branche ja nicht da. Zweifel gibt es bezüglich teils deutlicher Tracking Errors, zu hoher Spezialisierung und ihrem Beitrag, den sie möglicherweise zur Ineffizienz des Marktes leisten. Ist die große Zeit der ETFs also womöglich schon vorbei, ­erleben wir ihren Höhepunkt genau jetzt? „Ich wünschte, ich wüsste es“, erklärt O’Reilly. Vanguard verfüge über jede Menge Task Forces, die alle möglichen Szenarien durchleuchteten.


Zu Beginn: Zweifel an ETFs
Wann und wie sich ein Trend wirklich manifestiert, sei aber schwer festzumachen. „Sehen Sie nur mich an. Als der ETF-Zyklus begann, war ich mir nicht wirklich ­sicher, ob das funktionieren würde. Wir sprechen von 1999, 2000, als es kaum noch ETFs gab. Ich fragte mich, was es für einen Mehrwert haben sollte, Fonds wie Aktien handeln zu können. Gott sei Dank hatte Gus (Anm.: Gus Sauter, ehem. CIO von Van­guard; Spitzname „Mr. Index“, aktuell im Investment-Komitee von Sunsuper) das damals gut gesehen, dem Board vorgetragen, und auch das Board hat die Bedeutung ­erkannt“, erinnert sich O’Reilly an seine ers­ten – passiven – Schritte zum ETF-Giganten. „Am Ende braucht man eben auch ein wenig Glück.“ Wobei er hofft, dass er dieses in den nächsten 15 Jahren nicht brauchen wird. Denn im Raum steht, dass künstliche Intelligenz mit passiven Investoren tun wird, was passives Investment mit Stockpickern gemacht hat: sie in die evolutionäre Nische der vom Aussterben bedrohten Spezies zu drücken. O’Reilly ist da relativ opti­mistisch, sowohl für sich als auch die Kollegen von der aktiven Zunft: „Gerade der Handel im illiquiden Bereich ist immer noch recht altmodisch, es geht viel stärker um zwischenmenschliche Aktionen, jeder Deal ist anders. Ich kann mir nicht vorstellen, dass künstliche Intelligenz das allzu bald ersetzen kann."


Am Ende die Frage …
Außerdem werde das Geschäft eher komplexer als leichter. Was passiert, wenn man alle Hausaufgaben gemacht hat und plötzlich ein gewaltiger Verkäufer auf den Markt kommt? Oder der IPO-Markt. Auch der sei einfacher gewesen. Vor 20 Jahren habe man noch ganz gut kalkulieren können, dass es beispielsweise im S&P 500 von der Ankündigung bis zur Aufnahme fünf bis sieben Prozent nach oben gehen würde. Das bedeu­tete, je früher man investiert war, desto besser. Dieser Tage kämen so viele dem Deal zuvor, dass sich die beste Gelegenheit aus seiner Sicht kurz vor dem Closing einstelle.


… nach dem Anfang
Bleibt am Ende die Frage nach dem Anfang. Wie kommt man dazu, 800 Milliarden US-Dollar zu verwalten? Will man dem Bild folgen, das das Unternehmen als Logo verwendet – Admiral Nelsons Flaggschiff, die HMS Vanguard –, könnte man sagen, dass günstige Winde nicht unwichtig sind. Zumindest lässt O’Reilly dies durchblicken. „Ich war durchaus vom Glück begünstigt, habe zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Menschen getroffen.“ Was früh begann – und zwar auf der Laufstrecke, die im Gespräch immer wieder fällt. Hätte sein damaliger mittlerweile verstorbener Trainer Jerry Farnan nicht das Potenzial des Studenten erkannt und ein US-Stipendium organisiert, wäre O’Reilly nie in Philadelphia gelandet. Fragt man O’Reilly nach einem Vorbild, fällt übrigens genau dieser Name: Jerry Farnan, Leichtathletiktrainer. Kein Buffett, kein Schumpeter, kein Rogoff. Jerry Farnan.


Womit sich O’Reilly verabschiedet. Er muss weiter. Das Tagesgeschäft ruft. Nein, nichts Besonderes, das Übliche: 800 Mil­liarden verwalten. Spuren verwischen. Und zusehen, dass man diesen Basispunkt an Performance herauskitzelt, um den es dem Manager seit 25 Jahren geht.


Anhang:

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