Logo von Institutional Money
Geben Sie Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort ein, um sich an der Website anzumelden:
1/2022 | Produkte & Strategien
twitterlinkedInXING

Das schwedische Modell

Das schwedische Modell der Altersvorsorge mit seinem berühmten AP7-Programm wird oft zitiert, aber die Details kennen die wenigsten. Hier eine Beschreibung mit Vergleichen zum geplanten deutschen System mit Teilkapitaldeckung

1648117694_ss_1.jpg

Die Durchschnittsrente in Schweden lag 2019 bei 1.850 Euro, davon rund 1.300 Euro aus der ersten Säule. Aber gerade einmal 70 Euro, also knapp vier Prozent der Gesamtrente, ­stammen aus der aktienbasierten Prämienrente.

© Skagen Funds, Comugnero Silvana | stock.adobe.co
Schweden mit seinen gut zehn Millionen Einwoh­nern gilt als erfolgreiche Exportnation: Ikea, Abba, Volvo, Pippi Langstrumpf. Im deutschsprachigen Raum wird oft gefordert, dass man am besten auch das schwedische Modell zur Altersvorsorge importieren sollte, das vielen Experten als leuchtendes Beispiel gilt. Doch wie sieht es eigentlich im Detail aus?
 
Früher Systemwechsel
„Schweden führte seinen großen Systemwechsel vom Umlage- zu einem Mischsystem bereits Ende der 1980er Jahre durch“, erklärt Josef Scarfone, Geschäftsführer der deutschen Niederlassung des nordischen Asset Managers Skagen Funds, der sowohl in Norwegen als auch in Schweden aktiv ist. In den 1980er-Jahren habe man erkannt, dass das damals existierende System angesichts der demografischen Struktur nicht durchzuhalten war. Bis zum Systemwechsel bestand das schwedische Modell aus einer weitgehend aus Steuergeldern finanzierten Rente mit einem sehr hohen Rentenniveau. Scarfone: „Die Rente betrug damals 60 Prozent des Einkommens, und für die Berechnung wurden die besten 15 Einkommensjahre jedes einzelnen Bürgers herangezogen.“ Mit ihrer Umstellung auf ein neues Rentensystem waren die Schweden im europäischen Vergleich früh dran, und sie hoben bei der Gelegenheit auch gleich das Renteneintrittsalter an.
 
Die Frage, wie man dem demografischen Wandel begegnen sollte, stellte sich in den 1990er-Jahren auch in den deutschsprachigen Ländern. Die deutsche Lösung bestand damals aus der Kürzung der gesetzlichen Rente, was man mit der Einführung einer staatlich geförderten privaten Altersvorsorge (Riester-Rente) kompensieren wollte, Letztere blieb allerdings freiwillig. Darüber hinaus wurde die Regelaltersgrenze in Deutschland seit 2012 schrittweise angehoben, vom vollendeten 65. auf das vollendete 67. Lebensjahr.
Das jetzige Mischsystem der schwedischen Vorsorge besteht aus drei Säulen: 
• dem staatlichen System
• dem Betriebsrentensystem
• der privaten Rente
 
Die erste Säule, die staatliche Rente, erhält jeder, der einmal in Schweden gearbeitet hat: Angestellte, Beamte, Selbstständige. Die staatliche Rente besteht aus zwei Bausteinen: der Einkommensrente und der Prämienrente. Für beide zusammen führen die Schweden ab ihrem 16. Lebensjahr 18,5 Prozent ihres beitragspflichtigen Einkommens ab, was jeweils durch den Arbeitgeber erfolgt. Arbeitnehmer und Arbeitgeber teilen sich die Einzahlungen nicht ganz, aber in etwa hälftig. So wird eine Rentenanwartschaft aufgebaut.
 
Die Einkommensrente
Die Einkommensrente ist ein überwiegend umlagefinanziertes System, in das der Großteil der Beiträge für die staatliche Rentenkasse fließt, nämlich 16 Prozent. Die späteren Rentenzahlungen richten sich nach Dauer und Höhe des Einkommens, sprich: nach der Summe der eingezahlten Beiträge. Die Höhe der Rentenzahlung wird jährlich an das Durchschnittseinkommen angepasst.
 
Die Einkommensrente ist zwar grundsätzlich umlagefinanziert, aber es gibt verschiedene Reservefonds, die als Puffer dienen. Sie heißen AP1, AP2, AP3 und AP4. Wenn die Beiträge in ­einem Jahr nicht ausreichen, um die Renten an die aktuellen Rentenempfänger auszuzahlen, müssen die Reservefonds die Differenz zuzahlen. Umgekehrt fließt Geld in die Reservefonds hinein, wenn es einen Beitragsüberschuss gibt. Ziel dieses Systems ist ­Generationengerechtigkeit, sodass keine Generation auf Kosten einer anderen eine „zu hohe“ Rente erhält.
 
Seit 2009 leisten AP1 bis AP4 Nettozahlungen in das System. Diese haben sich seit Einführung des Systems bis 2020 auf insgesamt 260,5 Milliarden schwedische Kronen (245,7 Mil­liarden Euro) summiert. Aufgrund der demografischen Situation wird bis 2040 auch weiterhin mit Nettozahlungen durch die Reservefonds gerechnet. Danach dürfen die AP-Fonds wieder mit Zuflüssen aus dem Rentensystem rechnen.
 
Die Prämienrente
Aus den 18,5 Prozent Rentenbeiträgen fließen 2,5 Prozent in die sogenannte Prämienrente, die voll kapitalgedeckt ist. Während die Einzahlungen in dieses kapitalgedeckte System verpflichtend sind, gibt es bei der Anlage der Gelder Freiheiten. In der Zeit von 2000 bis Mai 2010 konnten die Schweden sehr frei in privaten Fonds anlegen. Erst danach hatten sie die Auswahl zwischen den zugelassenen privaten Fonds und den AP7-Anlagelösungen. „Zu Beginn der Systemumstellung Ende der 1980er-Jahre durften die Menschen verhältnismäßig Wildwest in Aktienfonds investieren“, erzählt Scarfone. „Die Anbieter haben massiv geworben, und so mancher Anleger war vermutlich nicht richtig über die Risiken ­informiert.“ 
 
Im Jahr 2000 hat Schweden daher mit AP7 eine staatliche Verwaltungsagentur eingeführt. Seither können die Beitragszahler zwischen der Anlage in zahlreiche private Investmentfonds und fünf direkt von AP7 gemanagte Fonds auswählen. „Der wichtigste ist der weitgehend passiv gemanagte AP7-Aktienfonds, der ähnlich wie der MSCI ACWI Index anlegt. Daneben gibt es den AP7-Rentenfonds, der aktuell fast ausschließlich in nordische Staats- und Unternehmensanleihen investiert. Beide zusammen haben ein Vermögen von rund 100 Milliarden Euro, das sich zu zirka 80 Prozent auf den Aktien- und zu 20 Prozent auf den Rentenfonds verteilt“, erklärt Scarfone.
 
Neben diesen reinen Aktien- und Rentenfonds gibt es drei vermögensverwaltende AP7-Fonds, die jeweils offensiv, ausgewogen und defensiv aufgestellt sind.
 
Die Performance der AP7-Fonds kann sich sehen lassen. „Der AP7-Balanced Fonds hat in den Jahren von seiner Gründung bis 2021 etwa 10,1 Prozent pro Jahr gebracht“, sagt Scarfone anerkennend, „die Kosten für Management, Administration und Kontoführung belaufen sich auf 0,1 Prozent jährlich. Die staatliche Stelle, die für die Verwaltung der AP7-Fonds zuständig ist, managt das alles selbst. Das heißt, sie trifft die Allokationsentscheidung und verfolgt dann einen passiven Ansatz.“
 
Fonds von privaten Anbietern
Etwa die Hälfte der Schweden landet in der Standardlösung, dem AP7-Saver. Die­jenigen, die sich aktiv für eine eigene Auswahl entscheiden, können aus einem verhältnismäßig breiten Universum an sonstigen Fonds wählen, die von privaten Anbietern verwaltet und überwiegend aktiv gemanagt werden. „Früher war hier eine sehr breite Fondsliste von mehreren 100 Fonds zugelassen. Das war aber für die meisten Bürger zu unübersichtlich. Daher wird die Liste permanent reformiert. Bald soll sie deutlich schrumpfen, um eine bessere Orientierung zu ermöglichen“, meint Scarfone. „Wir haben auch einige Fonds aus unserem Haus auf der Liste“, ist er zufrieden. Die Bürger können bis zu fünf Fonds auswählen und später von einem Fonds in einen anderen switchen. Außerdem können sie die staatlichen Fonds aus dem AP7-Programm mit den Fonds der privaten Manager kombinieren. 
 
50 Prozent im Standardmodell
Offenbar vertrauen die Schweden ihrem staatlichen Fonds. Immerhin entscheiden sich über 50 Prozent der rund sechs Millionen Rentenversicherungspflichtigen für eine AP7-Anlage beziehungsweise treffen keine Entscheidung und werden dann auto­matisch dem AP-Saver zugeordnet. Das war gerade in den vergangenen Jahren lukrativ: Der AP7-Aktienfonds hat seit seiner Auflage im Mai 2010 eine durchschnittliche Rendite von 15,14 Prozent abgeworfen. 
 
Hier hat auch das Datum seiner Gründung geholfen (Mai 2010), denn das Niedrigzinsumfeld und die gut laufende Wirtschaft haben in den vergangenen elf Jahren für steigende Aktienmärkte gesorgt. Allerdings muss man auch sehen, dass dem Gründungsjahr des Fonds unmittelbar das schwierige Börsenjahr 2011 folgte, in dem der MSCI ACWI Index um 7,3 Prozent einbrach. Auch das Börsenjahr 2018 brachte negative Ergebnisse. Ver­gleichen können die Schweden den AP7-Aktienfonds jederzeit mit anderen Anlagen, denn er ist mit einer Wertpapierkennummer ausgestattet (ISIN: SE0003299999) und in verschiedenen Datenbanken, etwa Morningstar, enthalten.
 
Anlage des Geldes im AP7
Der AP7-Aktienfonds lehnt sich an den MSCI ACWI Index an. Dementsprechend liegt das Branchenschwergewicht auf Informationstechnologie (25 Prozent) sowie ­Finanzen und Immobilien (18 Prozent). ­Regional haben Nordamerika mit 55 Prozent und Europa mit 18 Prozent die höchsten Anteile. Zum Jahresende 2021 hielt der AP7-Aktienfonds insgesamt 3.157 Titel. Die fünf Top-Holdings sind die üblichen Verdächtigen: Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet, Taiwan Semiconductor. Zusammen machen sie 11,3 Prozent des Portfolios aus. Neben Aktien kann das Management des AP7-Aktienfonds auch auf Derivate ­setzen und so seine Aktienquote rechnerisch auf bis zu 150 Prozent hebeln. „Das ­Management des AP7-Aktienfonds kann gut abschätzen, wann und in welcher Höhe Zu- und Abflüsse anstehen. Ein Fondsmanager jedoch, bei dem jeder ein­zelne Anleger jederzeit sein Geld aus dem Fonds abziehen kann, muss risikoaverser vorgehen“, meint Sven Schumann. Er ist Senior Vice President Stakeholder Management & Berlin Hub bei der Gruppe Deutsche Börse. Zu seinen Aufgaben zählen die Förderung der Aktienkultur und der Finanzbildung. 
 
Wie aus dem Chart „Eine gute Performance“ ersichtlich wird, ist der AP7-Ak­tienfonds mit seiner Investitionsquote von meistens mehr als 100 Prozent gut gefahren und konnte seine Benchmark outperformen. Seit seiner Auflage im Mai des Jahres 2010 erzielte der Fonds eine Rendite von 15,1 Prozent im Jahr, während der MSCI ACWI Index im selben Zeitraum „nur“ bei 12,6 Prozent lag. Wie das Management des AP7-Aktienfonds die schwierige Börsenphase seit Anfang des Jahres schaffen wird, bleibt abzuwarten.
 
Umschichtungen: AP-Saver
Eine Besonderheit des AP7-Programms sind aber nicht nur die fünf staatlich gemanagten Fonds, sondern auch das Umschichtungsprogramm AP-Saver. Es stellt die ­Default-Lösung dar, wenn die Bürger nicht explizit eine andere Lösung wählen, und ist im Prinzip ein individuelles Lebenszyklusmodell. „Bis zum 55. Lebensjahr arbeitet das gesamte Kapital der Prämienrente im AP7-Aktienfonds. Ab dann werden jedes Jahr drei bis vier Prozent vom Aktien- in den Rentenfonds umgeschichtet, bis man mit 68 Jahren, dem offiziellen Renteneintrittsalter, zu 75 Prozent in den AP7-Rentenfonds investiert ist“, erklärt Scarfone den Umschichtungsprozess.
 
Mittlerweile hat das schwedische Prämienpensionssystem ein Anlagevolumen von 1.458 Milliarden schwedischen Kronen (gut 135 Milliarden Euro), und das bei rund sechs Millionen Rentenversicherungspflichtigen. Rein rechnerisch stehen für jeden Rentenversicherungspflichtigen in Schweden also rund 22.500 Euro im System (Zahlen per 31. 12. 2019).
 
Dagegen nimmt sich der Grundstock von zehn Milliarden Euro, den Deutschland als Startkapital für den neuen Kapitaldeckungsbaustein der gesetzlichen Rente bereitstellen will, gering aus, aber es ist ja auch nur der Anfang. In Deutschland gibt es knapp 57 Millionen Rentenversicherungspflichtige (Versicherte ohne Rentenbezug). Bei einem anfänglichen Kapitalstock von zehn Milliarden Euro ergibt das die Summe von 175,40 Euro pro Kopf. Mehr als ein „Anschubser“ für ein neues System kann es also nicht sein, wobei in der Praxis nicht viel Zeit zum Anwachsen bleibt: In einer Dekade verabschiedet sich die Generation der Babyboomer aus dem Arbeitsleben und will laufende Rentenleistungen beziehen.
 
Rentenhöhe oft überschätzt
Was die Größenordnung der kapitalgedeckten Rente in Schweden betrifft, so wird diese häufig überschätzt. „Die Durchschnittsrente eines Schweden lag 2019 bei 1.850 Euro, davon rund 1.300 Euro aus der ersten Säule. Aber gerade einmal 70 Euro, also knapp vier Prozent der Gesamtrente, stammen aus der Prämienrente“, rückt Scarfone das Bild zurecht. Und das obwohl das System bereits seit 20 Jahren läuft.
 
Mit dieser Rente kommt man in Schweden zurecht. „Rentenzahlungen sind in Schweden komplett sozialabgabenfrei, und im Pflegefall werden sämtliche Kosten für Pflege, medizinische Versorgung oder Heimplatz in der Regel von der Kommune, in der man lebt, bezahlt“, sagt Scarfone.
 
Neben der staatlichen Rente gibt es in Schweden auch Betriebsrenten. Die Modelle werden sowohl von Versicherungsunternehmen als auch von Fondsgesellschaften angeboten. „Arbeitgeber können hier mindestens 4,5 Prozent des Bruttolohns für ihre Mitarbeiter einzahlen. Die durchschnitt­liche Betriebsrente in Schweden beträgt zwischen 500 und 560 Euro pro Monat“, erklärt ­Scarfone. Etwa zehn Prozent der Schweden ­haben keine Betriebsrente, teilt die schwedische Pensionsbehörde mit. Im Umkehrschluss heißt das, dass 90 Prozent der ­Arbeitnehmer min­destens eine betriebliche Rente von einem ihrer früheren ­Arbeitgeber erhalten. Von solchen Durchdringungsraten kann man in Deutschland nur träumen.
 
Betriebs- und private Rente
Natürlich können die Schweden auch privat vorsorgen. „Allerdings gibt es für diese dritte Säule seit 2015 keine steuerlichen ­Anreize mehr – und dementsprechend auch keine speziellen Programme oder eine Verpflichtung, privat vorzusorgen“, sagt Scarfone. „Ich schätze, dass die Menschen in Schweden etwa 350 Euro monatlich aus ­ihrer privaten Altersvorsorge beziehen.“ Selbstständigen rät die schwedische Pen­sionsbehörde, mindestens 4,5 Prozent ihres Einkommens in eine private Altersvorsorge zu stecken. Privat vorsorgen können Schweden mit einem sogenannten Investingsparkskonto (ISK-Konto). 
 
Diese Möglichkeit hat Schweden 2012 eingeführt, und jeder, der eine schwedische Sozialversicherungsnummer hat, kann ein solches Konto einrichten. ­Darin lassen sich Fonds und Aktien, die an einer ordentlichen Börse gehandelt werden, halten und traden. Auf die Kursgewinne fallen keine Kapitalertragsteuern an, sondern es wird ein fiktiver Zinssatz besteuert (Satz der schwedischen Staatsanleihe plus ein Prozent), der zurzeit sehr gering ist. Solange man eine Performance erzielt, die langfristig über diesem fiktiven Zinssatz liegt, fährt man steuerlich günstig mit dem ISK-Konto.
 
Während man in Deutschland angesichts der zunehmenden Lebenserwartung die Beiträge als wichtigste Stellschraube im Fokus hat, beschäftigt man sich in Schweden eher mit dem Renteneintrittsalter. So ist das Alter, ab dem man die volle Rente beziehen kann, an die demografische Entwicklung gekoppelt. Dabei können sich auch die Schweden früher aus dem Arbeitsleben verabschieden, müssen dafür allerdings hohe Abschläge in Kauf nehmen. Fünf bis sechs Prozent sind es für jedes Jahr, das man in Schweden früher geht; in Deutschland sind es 3,6 Prozent Abschlag pro Jahr.
 
Björn und Annegret haben in Schweden derzeit einen Korridor und können zwischen 62 und 68 Jahren in Rente gehen. Für Peter und Anneliese aus Deutschland liegt der Korridor derzeit zwischen 63 und 70 oder mehr Jahren, sofern der Arbeitgeber mitmacht. Aktuell sind die Schweden dabei, ein sogenanntes Richtalter einzuführen. 67 Jahre sind dafür im Gespräch, und es soll mit steigender Lebenserwartung angehoben werden. Aktuell gehen die Schweden im Schnitt mit 64,5 Jahren in den Ruhestand, was nicht weit entfernt ist von den Deutschen, die mit 64,0 beziehungsweise 64,1 (Männer/Frauen) in den Ruhestand gehen. Österreicher verabschieden sich aktuell mit 63,2 beziehungsweise 60,4 Jahren (Männer/Frauen) aus dem Arbeitsleben.
 
Steuerliche Anreize gibt es im schwedischen Modell in erster Linie für die erste und die zweite Säule der Altersvorsorge. Der Anreiz für die private Vorsorge ist überschaubar. Nicht nur das schwedische AP7-Programm wird in Europa oft als Vorbild angesehen, sondern auch die Qualität der Renteninformationen. 
 
Der jährliche orange Brief
Die orangen Briefumschläge, die die Schweden jedes Jahr von ihrer nationalen Rentenstelle erhalten, sind legendär. Inzwischen kann die Renteninformation auf Wunsch auch digital erfolgen. Die darin enthaltene Information ist gut aufbereitet, sodass die Schweden jederzeit wissen, wie viel Rente sie erwarten können, wenn sie mit 63, 65 oder 68 in den Ruhestand gehen. „In Schweden erhalten Sie jedes Jahr einen individuellen Depotauszug mit ihren Fondsbeständen und eine Information, wie jeder Fonds aus dem Altersvorsorgeprogramm, den Sie halten, performt hat“, so Scarfone.
 
In Deutschland ist die Einführung der ­digitalen Rentenübersicht hingegen erst ab Herbst 2023 geplant. Sie soll dann jeden einzelnen Bürger über die voraussichtliche Höhe seiner gesetzlichen, betrieblichen und privaten Altersvorsorge informieren.
 
Steigerung der Aktien­kultur
In ihrer Renteninformation sehen die Schweden zum Beispiel, dass der AP7-Aktienfonds seit seiner Gründung eine durchschnittliche Performance von über 15 Prozent hatte. „Beim Blick auf ihre jährliche Renteninformation entwickeln die Schweden ganz natürlich ein Gespür für Chancen und Risiken des Kapitalmarktes. Auch dadurch konnte sich die Aktienkultur in Schweden besser entwickeln als in Deutschland“, sagt Sven Schumann anerkennend.
 
Oft wird gesagt, dass die Schweden durch ihre Erfahrung mit ihrem AP7-Aktienfonds ein anderes Risikoverständnis hätten als die Menschen in Deutschland oder Österreich. Scarfone relativiert das ein wenig: „Von den 1.850 Euro Rente, die die Schweden im Schnitt erhalten, kommen ja gerade einmal 70 Euro aus der aktienbasierten Prämienrente. Wenn es da mal zehn Euro weniger gibt, fällt das in Bezug auf die Gesamteinkünfte des Rentners nicht sehr ins Gewicht.“ Damit dämpft er die Erwartung, dass es nicht auch in Schweden zu negativen Gefühlen unter den Anlegern kommt, sollte der Markt mal eine ausgeprägte Baissephase haben.
 
Ein weiterer Aspekt der schwedischen Aktienrente ist, dass die gewachsene Aktienkultur auch der Finanzierung der nationalen Unternehmen über den Kapitalmarkt zuträglich gewesen ist, findet Schumann. „Zur Jahrtausendwende hatten die Schweden eine eher geringe Sparquote, und den nationalen Unternehmen mangelte es an Finanzierungsmöglichkeiten. Inzwischen sehen wir in Schweden jedes Jahr ­eine große Anzahl an Börsengängen, die auch auf die gestiegene Nachfrage nach ­Investitionsmöglichkeiten zurückzuführen ist“, erklärt Schumann. Ähnliches konnte auch in Australien beobachtet werden, nachdem 1992 das Superannuation-Programm eingeführt wurde.
 
Dieser Punkt dürfte für weitere Diskussionen sorgen, denn er ist nicht nur renten-technisch interessant, sondern betrifft auch nationale wirtschaftliche Interessen. Lange Zeit war das in Deutschland kaum ein Thema – oder sogar ein No-Go –, denn es galt als politisch nicht korrekt, ausländische ­Investoren zu diskriminieren und deutsche Investoren zu bevorzugen. Aber angesichts des russischen Einmarschs in die Ukraine kommt die Diskussion darum nun rapide wieder auf. So hatte man in der Vergangenheit in Deutschland eher lässig über den Aufkauf von Schlüsseltechnologieunternehmen durch ausländische Investoren, zum Beispiel die Kuka-Übernahme durch den chinesischen Midea-Konzern, hinweggesehen oder hatte ausländische Unternehmen wie Gazprom die Höhe der Gasreserven in Deutschland steuern lassen.
 
Jetzt liegen Überlegungen zu strategischen Investments wieder stärker im Fokus, und man schaut genauer, wer was steuert. Dazu braucht es aber Finanzmittel aus Deutschland. Ein Staatsfonds könnte hier für mehr Liquidität sorgen, zumindest in der Aufbauphase des Fonds. Im umgekehrten Fall, beim Verzehr aus dem Fonds, wären dann aber die nationalen wirtschaftlichen Interessen anderweitig wahrzunehmen.
 
Kritik auch in Schweden
Kein Rentensystem der Welt kann so gut sein, dass es nicht auch Kritiker hat. „Oft entzündet sich die Kritik am schwedischen AP7-Modell daran, dass jetzt das Renten­niveau nicht mehr so hoch ist wie beim ­ursprünglichen Rentenmodell, das bis Ende der 1980er-Jahre galt“, beobachtet Scarfone. „Damals gab es 60 Prozent des Einkommens, bezogen auf die besten 15 Einkommensjahre, und das war staatlich garantiert.“
 
Klimaschutz-NGOs kritisieren, dass die AP7-Fonds ihre Engagements bei Firmen im fossilen Energieträgergeschäft nicht schnell genug verringern. Bei dem beträchtlichen Volumen und der Anlehnung an den MSCI ACWI Index als Benchmark (für den Aktienfonds) ist das schwierig. AP7-Sprecher Johan Floren erklärte dazu, dass es ­Anstrengungen gebe, Firmen mit fossilem Energieträgergeschäft davon abzuhalten, politisches Lobbying zu betreiben, um die Klimapolitik in ihrem Sinne zu beeinflussen und Änderungen zu verzögern.
 
Vergleich mit Norwegen
Und Norwegen? Der norwegische Staatsfonds hat sich hingegen bereits 2015 aus Energie- und Bergbauunternehmen ­zurückgezogen, bei denen das Kohle­geschäft mehr als 30 Prozent des ­Geschäfts ausmacht. Scarfone warnt vor zu engen Vergleichen der beiden Staatsfonds in Schweden und Norwegen, denn die Hintergründe seien unterschiedlich. „In Norwegen stammt das Geld aus dem staatlichen Ölfonds, während es in Schweden von den ­Beitragszahlern aufgebracht wird.“ Auch die Anlageausrichtung differiere. „Während der norwegische Staatsfonds aktives Stockpicking betreibt, investiert der schwedische AP7-Ak­tienfonds passiv, wobei er sich an den MSCI World Index anlehnt, aber eine leichte Allokationsabweichung haben kann.“
 
Anke Dembowski 

Anhang:

twitterlinkedInXING
Institutional Money Kontakt
Logo von Institutional Money
Institutional Money
c/o FONDS professionell Multimedia GmbH, Landstrasser Hauptstraße 67, EG/Hof, 1030 Wien

Telefon: +43 1 815 54 84-0
Fax: +43 1 815 54 84-18
E-Mail: office@institutional-money.com

Redaktion Köln:
Hohenzollernring 52
50672 Köln
Telefon: +49 221 33 77 81-0
Telefax: +49 221 33 77 81-19
 Schliessen

Mit der Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies und unserer Datenschutzerklärung zu. Mehr erfahren