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3/2020 | Produkte & Strategien
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Crashtest bestanden

Nachhaltigkeitsstrategien hatten während des Corona-Abverkaufs die Gelegenheit zu beweisen, dass sie gerade in schwierigen Marktlagen die in sie gesetzten Investorenerwartungen erfüllen. Die ersten Analysen dazu sind für ESG-Anleger jedenfalls ermutigend.

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Auch an den Finanzmärkten zeigt sich erst im Krisenfall, ob eine Strategie oder ein spezieller Ansatz langfristig überlebensfähig ist. Die im Anschluss an den Corona-Crash 2020 erstellten Analysen stellen ESG-Investments in dieser Hinsicht ein gutes Zeugnis aus.

© Invesco, VanderWolf Images | stock.adobe.com
Für Anleger, die bei ihren Investments verstärkt auch Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigen, war das erste Quartal dieses Jahres eine erste echte Feuerprobe. Als ab Mitte Februar die Kurse von Aktien, Unternehmensanleihen und Rohstoffen unter Verkaufsdruck gerieten, konnten diese In­ves­toren erstmals überprüfen, wie sich ihre ESG-Engagements in einer waschechten Krise schlagen. „Dieses volatile Marktumfeld stellte die Investoren vor enorme Herausforderungen“, erinnert Manuela von Ditfurth, Senior Portfolio Manager bei Invesco Quantitative Strategies, an die Schreckenstage im März 2020. „Analysen signalisieren aber, dass Investoren, die einen langfristigen strategischen ESG-Ansatz verfolgen, in dieser Krise im Vorteil sind.“ Dies wird von einigen Untersuchungen untermauert, die bereits relativ kurz nach dem Ende des Abverkaufs während des ersten Quartals dieses Jahres erstellt und in den letzten Wochen und Monaten veröffentlicht wurden. 
 
Krisentage unter der Lupe
 
Eine davon stammt von Fidelity International. Der Asset Manager hat sich sowohl die Entwicklung des Aktien- als auch des Unternehmensanleihenmarktes genauer angesehen. Bei Aktien stand der hoch­volatile Zeitraum von 19. Februar bis 26. März 2020, also von Crashbeginn bis Marktwende, im Fokus. 
 
Im ersten Schritt analysierte Fidelity 2.689 Unternehmen und vergab Nachhaltigkeitsnoten. Die hinsichtlich ihrer ESG-Bemühungen am besten eingeschätzten Unternehmen erhielten von Fidelity ein „A“, die schlechtesten Firmen ein „E“. Dann wurden die Kursentwicklungen dieser fünf Seg­mente (A–E) mit jener des Aktienindex S&P 500 verglichen, der in den 36 Tagen zwischen dem 19. Februar und dem 26. März um 26,9 Prozent fiel. 
 
Herauskam, dass Aktien von Unternehmen mit einem A-Rating durchschnittlich um 3,8 Prozentpunkte besser und Aktien von Unternehmen mit einem E-Rating durchschnittlich um 7,4 Prozentpunkte schlechter performten als der S&P 500. ­Fidelity leitet aus dieser Analyse darüber hinaus ab, dass in einer einfachen Durchschnittsbetrachtung jeder Verbesserungsschritt im hauseigenen Fidelity-ESG-Rating (A–E) im Durchschnitt eine um 2,8 Prozentpunkte höhere Aktienperformance bringt. „Es besteht ein grundsätzlicher Zusammenhang zwischen starken Nachhaltigkeitsfaktoren und Renditen, was die Bedeutung von ESG-Analysen als Bestandteil des fundamentalen Researchs unterstreicht“, kommentiert Jenn-Hui Tann, Leiter des Bereichs Stewardship und Sustainable Inves­ting bei Fidelity International. Er ergänzt: „Unsere Untersuchungsthese, dass Unternehmen mit guten ESG-Bilanzen auch über bessere Managementteams verfügen und sich in einer Krise daher besser als der Markt entwickeln, wurde klar bestätigt.“
 
Da Fidelity das hauseigene fünfstufige ESG-Rating auch bei Unternehmensanleihen anwendet, untersuchte das Fondshaus, ob sich Nachhaltigkeit auch bei Credits ausgezahlt hätte. Interessanterweise wurde dabei ein längerer Zeitraum, nämlich von Jahresanfang 2020 bis zum 23. März, gewählt. 
 
Fidelity erklärt dies auf Nachfrage von Institutional Money damit, dass die Untersuchungen von zwei unterschiedlichen Teams vorgenommen wurden und jedes Team sein eigenes Zeitfenster gewählt hat. Am Ende des Tages wurde aber beschlossen, die zwei ursprünglich ­unabhängig voneinander geplanten Unter­suchungen zusammen in einer einzigen ­Studie zu veröffentlichen. Die Analyse von 1.398 Emittenten aus dem Unternehmenssektor ergab, dass sich Anleihen von Firmen mit einem besseren ESG-Rating im Beobachtungszeitraum besser hielten als der Durchschnitt der Peergroup. So erlitten Anleihen der 149 Unternehmen mit A-Rating einen Verlust von lediglich 9,23 Prozent, verglichen mit minus 13,16 Prozent von Unternehmen mit B-Rating und minus 17,14 Prozent von Unternehmen mit C-­Rating.
 
Quartalsbetrachtung
 
Einen etwas längeren Betrachtungszeitraum als Fidelity, und zwar das gesamte ers­te Quartal 2020, wählte Axa Investment Managers für ihre Analyse. Auch hier waren der Untersuchungsgegenstand Aktien und Unternehmensanleihen und die Frage, ob Firmen mit höheren ESG-Ratings ihre Pendants mit niedrigen ESG-Einstufungen bei der Performance überflügeln konnten. Bei Aktien bildeten die Franzosen aus dem Basisindex MSCI All Countries World zwei nach Marktkapitalisierung gewichtete Untergruppen. Die erste Untergruppe umfasst die ESG-Vorreiter (mindestens acht Punkte auf einer zehnstufigen ESG-Skala) aus dem angeführten Index, die zweite Untergruppe besteht aus ESG-Nachzüglern, die auf höchstens zwei Punkte im Ranking kamen. 
 
Der Vergleich für das erste Quartal (in dem der MSCI All Countries World Index 19,6 Prozent verlor) zeigt, dass ESG-Gewinner lediglich 14,5 Prozent abgaben, während die ESG-Nachzügler um 31,3 Prozent abschmierten. Damit übertrafen ESG-Gewinner die Verlierer um beachtliche 16,8 Prozentpunkte. 
 
Auch bei Unternehmensanleihen hätte sich laut Axa-IM-Untersuchung eine Nachhaltigkeitsstrategie gerechnet. So wurden in Analogie zu Aktien für das erste Quartal ­basierend auf dem Bloomberg Barclays Global Corporate Aggregate Bond Index ebenfalls zwei Untergruppen mit ESG-Vorreitern und ESG-Verlierern gebildet und ein Vergleich erstellt. Während die Benchmark im ersten Quartal 3,2 Prozent verlor, fielen ESG-Vorreiter nur um 1,8 Prozent. Die ESG-Nachzügler schmierten sogar um sieben Prozent ab. 
 
„Unsere Analyse scheint klar zu zeigen, dass gute ESG-Zahlen in turbulenten Aktien- und Anleihenmärkten ein Signal für Qualität und Widerstandsfähigkeit sein können. Dies würde darauf hindeuten, dass ein Portfolio, das auf höhere ESG-Werte aus­gerichtet ist, eine defensivere Positionierung in Zeiten von Marktstress bietet“, erklärte Yo Takatsuki, Head of ESG Research and Active Ownership bei Axa Investment Managers, anlässlich der Veröffentlichung.
 
Unterschiede
 
Mag. Harald Egger, Chefanalyst bei der österreichischen Fondsgesellschaft Erste ­Asset Management (EAM), untersuchte seinerseits die Performance unterschiedlich nachhaltiger Aktien für den Dreimonatszeitraum 20. Februar bis 19. Mai 2020. Das hat den Vorteil, dass dadurch nicht nur der Kurseinbruch, sondern auch ein großer Teil der anschließenden Kurserholung mitberücksichtigt wird. 
 
Im Rahmen seiner Untersuchung bildete Egger auf Basis der von MSCI vergebenen sieben ESG-Ratings („AAA“ bis „CCC“) unterschiedliche kapital­gewichtete Portfolios, wobei er zwecks besserer Übersichtlichkeit beziehungsweise Vergleichbarkeit auch noch die drei Übergruppen „Leader“, „Durchschnitt“ und „Nachzügler“ bildete. Egger ordnete die „AA“ und „A“-Unternehmen der Gruppe „Leader“ zu, die drei Ratings „A“, „BBB“ und „BB“ sind „Durchschnitt“ und die schlechten „B“ sowie „CCC“ ergeben die „Nachzügler“, die der Erste-AM-Mann in seiner Analyse „Laggards“ (englisch für Nachzügler, Zauderer, Bummler) nennt
Der Erste-AM-Chefanalyst fokussierte sich im Gegensatz zu den meisten anderen Studien nicht nur auf die Entwicklung ­unterschiedlicher Unternehmen des Anlage­universums „Aktien Global“, sondern verglich auch andere Anlageregionen, beispielsweise Industriestaaten und Entwicklungsländer, oder Europa und die USA miteinander, um in einem Folgeschritt herauszuarbeiten, inwieweit jeder Einzelne der drei Buchstaben „ESG“ kursbeeinflussend war. 
 
Eggers Analyse liefert einige für Inves­toren interessante Erkenntnisse: So gab es beispielsweise bei der Analyse der OECD-Aktien zwischen den ESG-Leadern und den „durchschnittlich“ bewerteten Unternehmen kaum oder nur relativ geringe Performanceunterschiede. Bei einem anderen Vergleich ist die Spreizung größer, weshalb Investoren ­jedenfalls die Finger lassen sollten von den am niedrigsten bewerteten ESG-Nachzüglern: Denn CCC-Unternehmen hinkten bei der Performance den AAA-Musterschülern um beachtliche 17,8 Prozent hinterher. Das begründet sich damit, dass insbesondere in den USA die mit „AAA“ gerateten ESG-Unternehmen die „CCC“-Aktien aus Performancesicht fast schon vernichtend schlugen. Egger kommt in seiner Analyse auf einen Performanceunterschied von über 30 Prozent. Dafür verantwortlich sind unter anderem Energiewerte, insbesondere die aus ESG-Sicht als bedenklich eingestuften US-Fracking-Unternehmen, die vor dem Hintergrund eines kollabierenden Ölpreises starke Verluste erlitten beziehungsweise zum Teil auch Gläubigerschutz beantragen mussten. 
 
ESG ist nicht immer besser
 
Dass sich ESG-Vorreiter nicht immer besser entwickeln als ESG-Nachzügler, ist wohl eine der großen Überraschungen von Eggers Kurzanalyse auf Basis der Auswertung von MSCI-Ratings. Zumindest war dies beim Anlageuniversum Emerging-Markets-Aktien im genannten Dreimonatszeitraum zu beobachten: In den Schwellenländer entwickelten sich die führenden ESG-Unternehmen deutlich schlechter als die ESG-Nachzügler (siehe Grafik „Unterschiedliche Entwicklungen“). „In den Emerging Markets scheinen noch andere Gesetze zu gelten. Hier konnte zumindest in der kurzen Beobachtungsperiode kein Performance­­­v­orteil festgestellt werden. Im Gegenteil, die schlechter bewerteten Unternehmen konnten die Leader signifikant outperformen“, kommentiert Egger. Er nennt einen möglichen Grund dafür: „Das kann auch damit zusammenhängen, dass es vergleichsweise noch wenige Emerging-Markets-ESG-Fonds gibt.“ 
 
Eggers Beobachtungen werden auch durch einen von Institutional Money auf Basis von Bloomberg-Daten erstellten Vergleich für den Zeitraum Januar bis Ende Juli 2020 untermauert. In diesem Vergleich ­haben sich in Europa und den USA ESG-Aktien, repräsentiert durch regionale „MSCI ESG Leaders“-Indexvarianten, besser geschlagen als klassische MSCI-Aktien­indizes, während ESG-Leader-Aktien aus den Emerging Markets gegenüber dem MSCI Emerging Markets Index knapp, aber doch bei der gelieferten Performance das Nachsehen hatten (siehe Grafik „Nachhaltigkeit zahlt sich aus“).
 
Dass während der Krise ESG-Strategien in den Schwellenländern enttäuschten, zeigen unter anderem auch zwei Studien von Morningstar und Scope. Beide Häuser haben sich im Gegensatz zu den bisher angeführten Analysen die Performance von am Markt befindlichen Investmentfonds angesehen (siehe Kasten „Nachhaltigkeitsfonds im Härtetest“ am Ende dieses Beitrags). Investoren müssen sich aber nunmehr nicht von Nachhaltigkeitsstrategien in den Emerging Markets abwenden: Auf lange Sicht erfüllen ESG-Aktien aus den Emerging Markets die in sie gesetzten Erwartungen und Hoffnungen. Wenn man den Beobachtungszeitraum auf längere Zeitfenster ausdehnt, schlagen ESG-Strategien auch in den Schwellenländern die klassischen Benchmarks.
 
E, S oder G?
 
Egger ist auch der Frage nachgegangen, welcher der drei ESG-Faktoren im Studienzeitraum die Performance am stärksten ­beeinflusste (siehe Grafik „ESG unter der Lupe“). Er kommt zum Ergebnis, dass ­Unternehmen mit einem guten „E“-Rating sowohl in den OECD- als auch in den Schwellenländern für Outperformance sorgten. Der Faktor „S“ brachte in beiden ­Anlageregionen Eggers Auswertung nach sogar einen negativen Performancebeitrag. „Das G-Rating hingegen hat in den Developed Markets eine Rolle gespielt (+3,4 %), während in den Emerging Markets dieser Faktor keine Relevanz hatte“, ergänzt Egger. Dass die drei Buchstaben des Akronyms ESG unterschiedlich zur Performance beitrugen, zeigt auch eine entsprechende Untersuchung von Invesco für das erste Halbjahr 2020. Diese ergibt, dass „E“ vor allem am Höhepunkt des Ausverkaufs im März für eine klare Outperformance (zirka 6,5 %) sorgte, dieser Renditevorsprung bis Ende Juni 2020 aber wieder fast vollständig dahinschmolz. Stark entwickelte sich in der Krise auch das „S“ (4 % in der Spitze) und konnte bis Halbjahresende zumindest eine Outperformance von rund zwei Prozent ins Ziel retten. Wenig spektakulär, dafür aber stabiler ist die Outperformance von „G“, die im Zeitverlauf um die zwei Prozent schwankte (siehe Grafik „Spitzenentwicklung“). 
 
Mehrere Gründe
 
Dass nachhaltiges Investieren bei den ­allermeisten Vergleichen Outperformance lieferte, liegt an mehreren Faktoren. Für ­Fidelity-Mann Tann sind gute ESG-Ratings ein grundlegendes Indiz für die Qualität des Managements. „Robustere Unternehmen sind auch im Abschwung besser in der Lage, Chancen zu nutzen und sich für den folgenden Aufschwung gut zu positionieren.“ Nina Lagron, Head of Large Cap Equities bei La Française AM, zufolge befinden sich Unternehmen, die eine ESG-Strategie und damit einen ganzheitlichen Ansatz zur Wertschöpfung verfolgen, bereits auf einem Transformationsweg, der die Unternehmung Schritt für Schritt flexibler macht. „Dadurch ist das jeweilige Unternehmen eher in der Lage, kurzfristige Schocks aufzufangen. Schwarze Schwäne können viel besser verkraftet werden, wenn bereits ein flexibles, zukunftsorientiertes Denken gegeben ist. Unternehmen, die ESG-Kriterien integrieren, sind zudem agiler und schlanker.“
 
Das Research von Amundi hat ebenfalls Überlegungen angestellt, warum sich gerade in Krisenzeiten die Kurse von ESG-­Titeln besser halten als jene von klassischen Unternehmen. Laut Jean-Jacques Barbéris, bei Amundi Head of Institutional and Corporate Clients Coverage, würden ESG-Inves­toren langfristig denken und allokieren und in der Folge bei Marktturbulenzen aus „Loyalität“ nicht gleich auf die Verkaufsknöpfe drücken wie das in der Regel über ETFs engagierte „Hot Money“. „Dies würde die deutlichen Abflüsse aus diesen Fonds in der Krise erklären, während Anleger mit längerem Zeithorizont in ESG-Fonds inves­tiert bleiben“, erklärt Barbéris. 
 
ESG-Strategien wurden während des Ausverkaufs von Investoren als „pandemie-fest“ und als weniger verlustanfällig erachtet. Das brachte ESG-Fonds trotz Weltuntergangsstimmung Nettomittelzuflüsse ein. Diese neuen Gelder mussten natürlich von den ESG-Fondsmanagern in die von ihnen als nachhaltig eingeschätzten Unternehmen beziehungsweise deren Aktien investiert werden und stabilisierten die Wertpapierkurse. Das ist aber nur ein Outperformance-Grund. 
 
Sektoren entscheidend 
 
Der andere Grund liegt an den von ESG-Investoren bevorzugten, aber auch gemiedenen Börsensektoren. „Bei der Konstruk­tion neigen ESG-Fonds dazu, Branchen überzugewichten, die die akute Krise im ­ersten Quartal besser überstanden haben, ­etwa Gesundheitswesen und Technologie, und diejenigen unterzugewichten, die am stärksten betroffen waren, zum Beispiel Verkehr oder Energie“, erklärt Barbéris. Das zwischenzeitliche Kursgemetzel bei den Sektoren Verkehr und Energie (Fluglinien, Ölunternehmen) sorgte dafür, dass die Untergewichtung beziehungsweise sogar der Verzicht auf diese problematisch erachteten Branchen Nachhaltigkeitsinvestoren, die bei „ESG“ insbesondere auf das „E“ achten, Performancevorteile brachte. Rückenwind erhielten ESG-Anlagen auch dadurch, dass ESG-Portfolios aus Sicht einer Faktoranalyse in der Regel einen Schwerpunkt auf dem Faktor „Quality“, vielfach auch auf den Faktoren „Momentum“ und „Low Volatility“ haben, die in der Vergangenheit gut performten. Damit profitierten ESG-Strategien von den starken Kursgewinnen groß kapi­talisierter US-Technologieunternehmen, Unternehmen aus dem Gesundheitssektor sowie von defensiven Konsumgüterherstellern und anderen nichtzyklischen Branchen.
 
Anton Altendorfer

Nachhaltigkeitsfonds im Härtetest

Analysen von Morningstar und Scope untersuchten, wie sich die am Markt angebotenen Nachhaltigkeitsfonds während des Ausverkaufs hielten.

Dass sich zumindest in der Theorie ESG-Strategien für Investoren im Corona-Crash gerechnet hätten, zeigen jene Studien, die auf den Vorseiten erläutert wurden. Zwischen Theorie und Praxis klafft aber in der Realität oftmals ­eine Lücke. Aus diesem Grund haben sich die zwei Analysehäuser Morningstar und Scope die Entwicklung der am Markt ­befindlichen ESG-Aktienfonds im ersten Quartal dieses Jahres näher angesehen und diese einem umfangreichen Performancevergleich unterzogen.

4.900 Fonds ausgewertet

Morningstar untersuchte rund 4.900 in Euro domizilierte aktive und passive Fonds, wovon 745 Vehikel als nachhaltig eingestuft wurden. Die Analyse erfasst sieben Morningstar-Kategorien (Investmentuniversen), wobei auch das für hiesige Großanleger wichtige Segment „Europäische Unternehmensanleihen“ Berücksichtigung fand. Bis auf diese eine Ausnahme analysierte Morningstar aber ausschließlich ESG-Aktienfonds und verglich diese mit den Renditen konventionell inves­tierender, nicht nachhaltiger Fonds. Unterm Strich zeigt die Morningstar-Studie, dass ESG-Fonds während der ersten drei Monate dieses Jahres besser performten als klassische anlegende Fonds und dabei auch noch eine stabilere Entwicklung vorweisen konnten. Die durchschnittlichen Überrenditen von ESG-Fonds betrugen auf Kate­gorieebene zwischen 0,09 Prozent (europäische Unternehmensanleihen) und 1,83 Prozent (Eurozone ­Large Caps). Dass ESG nicht immer besser ist, beweist die Kategorie „Global Large- Cap Growth“: Auf dieser Spielwiese hinkten ESG-Fonds als Ganzes betrachtet knapp, aber doch mit 0,11 Prozent den traditionellen Growth-Fonds hinterher, die ihrerseits vom starken Anstieg hoch gewichteter US-Technologiewerte profitierten.

Deutscher Bias

Scope Analysis aus Frankfurt untersuchte im Gegensatz zu Morningstar ausschließlich Aktienfonds und dabei nur ­jene, die eine Zulassung in Deutschland haben. In Summe wurden von den beiden Scope-Experten André Härtel und Simone Schieg mehr als 2.000 Aktienfonds mit ­einem Volumen von über einer Billion Euro näher betrachtet. Die beiden entschieden sich für die Anlageregionen Global, Europa, Nordamerika und Schwellenländer. Asien blieb mangels einer ausreichend hohen ESG-Fondsanzahl unberücksichtigt. In die Analyse einbezogen wurden neben nachhaltig und konventionell anlegenden Fonds auch aktive gemanagte und passiv verwaltete Produkte. Scope maß die durchschnittliche relative Performance der einzelnen Fondskategorien im ersten Quartal 2020 und darüber hinaus den Maximum Drawdown per Ende März dieses Jahres.

Benchmarks geschlagen

Nachhaltige Aktienfonds konnten in drei von vier Anlagekategorien, und zwar bei Global, Europa und Nordamerika, die von Scope als Benchmarks gewählten klassischen MSCI-Indizes bei der Performance schlagen. Die höchste Outperformance gegenüber dem MSCI Index generierten nachhaltige globale Aktienfonds mit durchschnittlich 170 Basispunkten. Das liegt da­ran, dass der MSCI World im ers­ten Quartal 18,9 Prozent verlor, während globale ESG-Aktienfonds lediglich 17,2 Prozent an Wert einbüßten (siehe Tabelle „Unter der Lupe von Scope“). Enttäuschend lief es bei der vierten untersuchen Anlage­kategorie, den nachhaltigen Schwellenländerfonds. Dieser hinkten im Durchschnitt mit 50 Basispunkten dem Vergleichsindex hinterher.
 
Traditionelles im Nachteil

Ob es bei konventionellen aktiven Emerging-Markets-Aktienfonds für Investoren besser gelaufen wäre als mit ESG-EM-Aktienfonds? Die Antwort darauf lautet: Nein. Denn konventionelle EM-Fonds brachten gegenüber dem MSCI Emerging Markets Index sogar eine Underperformance von 190 Basispunkten. Unter den konventionellen Fonds lief es aber nicht nur für Schwellenländervehikel schlecht: Bis auf „Aktien Global“ (ebenbürtig) hinkten auch die anderen konventionell anlegenden Aktienfonds (Europa, Nordamerika) ihren Indizes hinterher. Daraus ist als Zwischenfazit ableitbar, dass Investoren mit aktiven ESG-Fonds in der Durchschnittsbetrachtung meistens besser als die Benchmarks gefahren wären und immer besser als mit traditionell gemanagten Fonds. Scope-Analyst Härtel betont: ­„Alle nachhaltigen Aktienfondskategorien (Welt, Europa, Nordamerika und Schwellenländer) haben im ersten Quartal 2020 durchschnittlich deutlich weniger an Wert verloren als ihre konventionellen Pendants.“ Die größte Outperformance von immerhin 240 Basispunkten erzielten dabei aktive nachhaltige Eu­ropa-Aktienfonds gegenüber den konventionellen aktiven Produkten.

Aktiv versus passiv

Scope hat darüber hinaus auch verglichen, wie sich in den vier jeweiligen Anlageuniversen aktiv gemanagte Nachhaltigkeitsfonds gegenüber passiven ESG-Aktienfonds schlugen. Das Interesse dafür ist gegeben. Immerhin kam es in den letzten Monaten und Jahren nicht nur bei aktiv verwalteten, sondern auch bei passiven ESG-Fonds zu einem Auflageboom. Der Vergleich von Scope hat zumindest für das Dreimonatszeitfenster ergeben, dass sich in den drei Kategorien Global, Europa und Schwellenländer aktive gemanagte ESG-Fonds besser entwickelten beziehungsweise weniger verloren als passive ESG-Fonds. Den größten Renditevorteil mit 220 Basispunkten erzielten aktive nachhaltige globale Aktienfonds. Einzig in Nordamerika wäre für Investoren eine passive Strategie besser gewesen. Die Renditedifferenz betrug 130 Basispunkte.

Maximale Verluste

Da für Profianleger nicht nur die absolute Rendite von Bedeutung ist, sondern auch welche Kursrückgänge zwischenzeitlich die Risikobudgets belasten, hat Scope auch die maximalen Verluste (Maximum Drawdowns) der diversen Fonds und Benchmarks im Krisenquartal miteinander verglichen. Bei den drei Kategorien Global, Europa und Nordamerika weisen nachhaltige Aktienfonds einen niedrigeren maximalen Verlust aus als ihre MSCI-Benchmarks. „Am größten fiel die Di­f­ferenz bei nachhaltigen Aktienfonds mit globaler Ausrichtung aus: Ihr Maximal­verlust lag um durchschnittlich 160 Basispunkte niedriger als jener des MSCI Welt Index“, erklärt Scope-Analystin Schieg. Nachhaltige Emerging-Markets-Aktien ­kamen im Crash stärker unter Abgabedruck als der MSCI EM Index und verzeichneten einen um 70 Basispunkte größeren Drawdown als die Benchmark. Dieser betrug im Mittel 22,3 Prozent, während der maximale Verlust des MSCI EM Index im selben Zeitraum lediglich 21,6 Prozent ausmachte. Wie der Blick auf konventionelle Aktienfonds zeigt, war bei diesen in der Durchschnittsbetrachtung der maximale Verlust in allen Regionen größer als jener der jeweiligen Benchmark.

Scope nennt in der Studie auch Gründe für die Outperformance beziehungsweise das niedrigere Rückschlagspotenzial von Nachhaltigkeitsfonds. „Nachhaltige Aktienfonds sind häufig relativ defensiv positioniert, da sie in ­Unternehmen sehr guter Qualität und meist mit überdurchschnittlich gutem ESG-Rating investieren. Solche Firmen sind aufgrund ihres vorteil­haften ESG-Profils bereits heute sehr gut für die ­Zukunft gerüstet“, erläutert Schieg.  


Anhang:

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