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3/2022 | Produkte & Strategien
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Blockbuster Metaverse

Mark Zuckerberg hat dem Metaverse-Konzept mit der Umbenennung des Facebook-Konzerns in „Meta“ einen hohen Bekanntheitsgrad verschafft. Inzwischen wird das Metaverse in all seinen ­Inkarnationen zu einem Blockbuster-Event. Doch ist es auch investierbar – und wenn ja: wie?

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The Gray Man gilt als bislang teuerste Produktion des Streaming-Giganten Netflix. Geplant sind ein eigenes Franchise, wie man es aus dem „Bourne“-Universum oder „Mission Impossible“ kennt. Netflix geht in der Distribution aber nicht nur einen globalen Weg, sondern betritt im Rahmen einer breiten Kampagne auch das Metaverse von „Decentraland“.

© Netflix | thegraymanmission.com
Dass das Metaverse längst nicht mehr nur ein  Gedankenexperiment aus der Welt der Science-Fiction ist, ahnen wir, seit Mark Zuckerberg seinen Facebook-Konzern in „Meta“ umbenannt hat. Dass das Metaverse allerdings nicht nur ­eine mögliche Weiterentwicklung bestehender sozialer Plattformen darstellt, sondern branchenübergreifend zu einem Geschäftsmodell wird, wissen wir seit Sommer 2022: Im globalen Verdrängungswettbewerb der diversen Videostreaming-Plattformen fiel im Bereich der Produktionsbudgets ein ­Rekord nach dem anderen – allenthalben wurde von Wahnsinnssummen gesprochen. Bis dato war das Spin-off der „Herr der Ringe“-Trilogie, das Amazon kolportierte 715 Millionen Dollar gekostet haben soll, das insgesamt kostspieligste Projekt. 
 
Mit seinem 200-Millionen-Dollar-Projekt „The Gray Man“ riskierte Netflix, bezogen auf seine Firmengröße, nicht viel weniger. Der Plan: mit Ryan Gosling ein Franchise zu starten, das in Zukunft ähnlich episch ausufern soll wie das ­„Bourne“- oder das „Mission Impossible“-Universum. Um das zu erreichen, setzt man aber nicht nur auf die üblichen ­Verbreitungskanäle, sondern man hat den Schritt ins Metaverse gewagt – und zwar in den Ableger „Decentraland“, dessen größter Konkurrent derzeit „The Sandbox“ ist. Ziel ist eine immersiv-interaktive Einbindung des Publikums in die Welt von „The Gray Man“ – man könnte sagen: Metaverse goes Blockbuster.
 
Billionen-Dollar-Markt
Dass es sich bei diesem Engagement um kein anekdotisches Ereignis handelt, sondern vielmehr um ­einen der ersten großen Deals in ­einem ­potenziellen Billionen-Dollar-Markt, sehen inzwischen auch die renommiertesten Analyseabteilungen so: In einem Ende vergangenen Jahres erschienenen Report von Bloomberg Intelligence schlüsseln Senior Analyst Matthew Kanterman und Analyst Nathan Naidu das Metaverse nach Branchen auf. Laut Kanterman „handelt es sich beim Metaverse um die nächste große Technologieplattform, die führende Gaming-Konzerne, soziale Netzwerke und andere Technologiepioniere anziehen wird, um in einen Markt mit einem Wert von potenziell 800 Milliarden US-Dollar per 2024 einzutreten“. J.P. Morgan erwartet gar einen Billionen-Dollar-Markt. Bei Invesco spricht man per 2030 über ein Potenzial von 1,6 Billionen Dollar.
 
Universale Definition
Stimmen diese Prognosen, so ist es natürlich wichtig zu verstehen, worum es beim Metaverse eigentlich geht: Begrifflich dem Science-Fiction-Subgenre Cyberpunk der 1980er- und 1990er-Jahre entnommen, beschreibt das Metaverse eine virtuelle Welt mit digitalen Avataren und virtuellen Gegenständen. Das Metaverse ist demnach laut einer Analyse des Fraunhofer-Instituts das potenzielle Internetdesign der Zukunft: „Dieses 3-D-Internet lässt sich mittels Datenbrillen und Extended-Reality-Technologien (XR) anschauen sowie betreten und ­ermöglicht so die nahtlose Interaktion ­zwischen digitaler und analoger Welt.“ Die Vorsilbe „Meta“ beschreibt dabei den nahtlosen Cross-Platform-Übergang zwischen verschiedenen virtuellen Welten. Fraunhofer definiert das Metaverse anhand folgender sieben Merkmale:
 
1. Ein Metaverse ist eine Kombination von virtuellen Welten und erweiterten Realwelten, die jedoch keine in sich geschlossenen Systeme darstellen, sondern untereinander und mit der Realität vernetzt sind.
 
2. Ein Metaverse ist ein soziales Medium, in dem Menschen interagieren, kommunizieren, kooperieren, aber auch handeln und Besitz haben können.
 
3. Ein Metaverse ist persistent und langlebig, kann aber zeitlich begrenzte Sessions aufweisen.
 
4. Ein Metaverse ist ein integratives System, das neben virtueller und erweiterter Realität zahlreiche an­dere Technologien eingliedert und nutzt. Dazu ist es wichtig, dass alle Metaverse-Komponenten interoperabel sind und möglichst offenen Standards folgen. 
 
5. Die Schlüsselaktion von Metaverse-Anwendungen ist – neben virtueller Immersion – das Erfassen von Nutzerzuständen und der realen Umgebung.
 
6. Die Teilhabe am Metaverse ist multimodal und kann in Intensität und Repräsentation („Embodiment der Avatare“) angepasst werden. Die Teilnehmer können nahtlos zwischen verschiedenen Teilhabe-Formen und der Teilhabe-Intensität wechseln.
 
7. Ein Metaverse ist eng mit der realen Welt verknüpft. Informationen, Aktionen und Interaktionen werden zwischen beiden Umgebungen (virtuell und real) ausgetauscht und beeinflussen einander.
 
Dem Metaverse wohnt laut der Fraun­hofer-Studie ein großes disruptives Potenzial inne: „Einige Branchen, deren Produkte sich gut digitalisieren lassen, werden erheblich von den Möglichkeiten des Metaverse für ihr Geschäft profitieren, andere Branchen werden es schwerer haben. Als Evo­lution des WWW zu einem 3-D-Internet bietet das Metaverse mehr Möglichkeiten als das heutige Internet, zum Beispiel durch kreative Businessmodelle im Zuge eines sich neu formierenden Ökosystems entlang der Kette Technologie und Forschung, Entwicklung und Kreation, Plattformbetrieb und Nutzung.“ Es sei zudem davon aus­zugehen, dass das Metaverse schrittweise immer mehr Branchen erfasst (siehe Grafik „Geschäftsmodelle im Metaverse“).
 
Dass das Metaverse auch in klassische Industriezweige vordringen sollte, hat Micro­soft wiederum auf der Hannover Messe 2022 im Rahmen seiner Vision des „Industrial Metaverse“ argumentiert. Microsoft versteht darunter unter anderem die Überwachung der Produktionsmaschinen und Anlagendaten aus der Ferne. Fehler werden behoben, die Zuverlässigkeit der Anlagen wird verbessert, die Produktivität wird gesteigert, die Produktionsprozesse werden simuliert beziehungsweise angepasst. Eingriffe in die Produktion müssen dann fast nur noch virtuell mit der Datenbrille erfolgen. 
 
Die Vision des Industrial Metaverse ist eng mit dem Konzept des digitalen Zwillings – Digital Twin – verbunden. Ein digitaler Zwilling beschreibt ein digitales Abbild von Objekten der realen Welt – seien es physische Gegenstände oder nicht phy­sische Dinge wie etwa Dienste oder Pro­zesse. Im Kern ist der digitale Zwilling eine Softwareeinheit, die sich genauso verhält wie das reale System. Die möglichst exakte Abbildung der physischen Realität in digitalen Welten ist beispielsweise bei der ­Bauplanung oder bei Workflows im Fabrikbetrieb wichtig. Man denke auch an ­Anwendungen der industriellen Messtechnik, wo Texturen und Materialeigenschaften detailgetreu wiedergegeben werden müssen. 
 
Investierbarkeit
Tatsächlich ist das „Metaverse“ aber nicht nur ein digitales Phänomen, sondern auch investierbar. Als Richtgröße darf hier der Ball Metaverse Index gelten, der über den Roundhill Ball Metaverse ETF abgebildet wird. Sowohl Index als auch ETF bestehen aus 43 Titeln, wobei die Top Five als „High Conviction“ bezeichnet würden, wäre das Produkt aktiv und nicht passiv verwaltet: Es handelt sich um den Game-Produzenten Roblox, den Chiphersteller Nvidia, Apple, Microsoft und natürlich Meta, die gemeinsam nahezu 40 Prozent der Gewichtung ausmachen. 
 
Europäische Variante
Der ETF kann deshalb als Benchmark herangezogen werden, weil er bei Redaktionsschluss Assets von 400 Millionen US-Dollar verwaltete – direkt investiert werden kann in ihn von Europa aus aber nicht. In diese Bresche ist erst im September Franklin Templeton gesprungen: Das Haus hat ­einen Metaverse-ETF für europäische An­leger aufgelegt. Der Franklin Metaverse UCITS ETF 3 bildet den Solactive Global Metaverse Innovation Net Total Return ­Index ab, der sich aus globalen Aktien von Unternehmen zusammensetzt, die ein erhebliches Engagement im Metaverse und in unterstützenden Blockchain-Technologien haben oder voraussichtlich haben werden. Unternehmen, von denen angenommen wird, dass sie nicht mit den UN-Global-Compact-Prinzipien übereinstimmen, werden aus dem Index ausgeschlossen. Der ­Solactive-Index ist mit 60 Teilnehmern deutlich breiter gestreut als sein US-Pendant. Die Zusammensetzung der Topwerte ist ebenfalls unterschiedlich und weniger konzentriert: Die Top Five – Apple, Paypal, Alphabet, Meta und Roblox – machen ­etwas mehr als 20 Prozent des Indexgewichts aus.
 
Einen aktiven Ansatz verfolgt man ­wiederum bei Invesco. Der Invesco Metaverse Fund investiert in Aktien von Unternehmen aller Marktkapitalisierungsklassen entlang der Wertschöpfungskette des Metaverse. Damit umfasst das Anlageuniversum eine Vielzahl spezifischer und miteinander verknüpfter Sektoren, die von der Ent­wicklung immersiver virtueller Welten profitieren, die die Grundlagen für das Wachstum des ­Metaverse schaffen oder dieses ­vorantreiben. Das Portfolio ist regional ­diversifiziert und enthält Unternehmen aus den USA, Asien, Japan und Europa. Als Performancemaßstab dient der MSCI AC World (Net Total Return) Index. 
 
Fondsmanager Tony Roberts meinte bei der Präsentation der Strategie: „Die Metaverse-Anwendungen in der Unterhaltungsbranche sind immer besser bekannt. Da­rüber hinaus ist zu erwarten, dass die durch das Metaverse ermöglichte Interkonnek­­tivität so unterschiedliche Branchen wie ­Gesundheit, Logistik, Bildung und Sport von Grund auf verändern wird. Von den ­Anlagechancen, die sich dadurch ergeben, wollen wir mit einem äußerst selektiven, bewertungsbewussten Ansatz profitieren.“ 
 
Abgrenzung
Der Fonds hat laut Eigenangaben sieben thematische Schwerpunkte: Betriebs- und Computersysteme der nächsten Generation, Hardware und Geräte für den Zugang zum Metaverse, Netzwerke für Hyperkonnek­tivität, immersive, mithilfe künstlicher Intelligenz entwickelte Plattformen, die Blockchain, die für die Interoperabilität erfor­derlichen Schnittstellentools, Dienstleistungen und Assets für die Digitalisierung der realen Wirtschaft. 
Bemüht ist man bei Invesco jedenfalls, sich von passiven Investmentstrategien – und hier speziell dem Ball Metaverse Index – abzugrenzen. Dieser gewichte entlang des gesamten erwarteten Metaverse-Exposures der jeweiligen Unternehmen, während bei der aktiven Invesco-Strategie „die Bewertung der Unternehmen im Vordergund steht“. Das bedeutet: Ist ein Unternehmen fundamental unterbewertet, kann das ­Invesco-Management es im Portfolio stärker gewichten, als es sein Metaverse-Exposure eigentlich rechtfertigen würde. 
 
Zweifel
Den Fokus auf den Wert oder die Profitabilität eines Unternehmens zu richten, könnte sich als valide Strategie herausstellen. Denn es gibt nicht nur Metaverse-Cheerleader, sondern auch Kritiker. Zu ­ihnen gehört David Vidal-Tomás, der am University College London und der Universitat Jaume I in Spanien wirkt. Seine Arbeit, die er „The Illusion of the metaverse and meta-economy“ betitelt hat, stellt die ökonomische Tragfähigkeit des Metaverse-Konzepts per se in Frage. Er sieht die Funktionsfähigkeit von ökologischen Systemen auf zwei Ebenen: Auf der ersten befindet sich das regulatorische Rahmenwerk – oder die Governance, wie es im Originaltext heißt. Auf der zweiten befindet sich die Möglichkeit, Dienstleistungen und Güter auszutauschen – Vidal nennt diesen Aspekt „Trade“. Als Näherungsvariable für „Governance“ untersucht der Autor die Funktionstüchtigkeit von Metaverse-Währungen. Dazu gehören die Token SAND und MANA, wie sie in den Metaversen „The Sandbox“ und „Decentraland“ verwendet werden. Diese basieren auf bereits bestehenden Kryptowährungen wie Ethereum. Insgesamt zählt Vidal 167 unterschiedliche Metaverse-Token, die in 77 unterschiedlichen Meta­verse-Projekten erspielt werden können. Auf der Trade-Ebene untersucht Vidal virtuelle Güter, die im Metaverse erworben und veräußert werden werden können – ­also NFT, Non Fungible Token. Im Gegensatz zu SAND, Bitcoin oder Ethereum sind NFT mit Alleinstellungsmerkmalen codiert, das heißt, jedes virtuelle Objekt, das mit ­einem NFT versehen ist, ist einzigartig ­(siehe auch Artikel „Die digitale Sachwerte-Zukunft“ in Institutional Money 1/2022). NFT können über Fungible Token erworben und veräußert werden. Im bereits erwähnten Fall von „The Gray Man“ und Decentraland können NFT etwa in Form von virtueller Ausstattung für den eigenen Avatar erspielt werden, indem man eine In-Game-Mission erfüllt. 
 
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Vidal über den aktuellen ökonomischen Stand der Metaversen ein vernichtendes ­Urteil fällt. Bei NFT ist es sowohl bei den gehandelten Volumina als auch dem Wert zu gewaltigen Schwankungen gekommen (siehe Chart „Boom & Bust bei NFT“). Und bei den Zahlungsmitteln selbst kommt es regelmäßig zur Bildung von Blasen – diese definiert der Autor anhand des BSAFD-Tests, dessen Methodik 2015 von Philips et al. in ihrer Arbeit „Testing for multiple bubbles: Historical episodes of exuberance and collapse in the S&P 500“ vorgeschlagen wurde. Mithilfe des Tests werden „explosive Dynamiken“ identifiziert – und davon gibt es im Token-Metaverse (siehe Chart „Blasenbildung als Risikobarometer“) zur Genüge. Vidal kommt deshalb zum Schluss, dass „das gegenwärtige Metaverse derzeit nur als spekulative Welt verstanden werden kann“. Das Konzept per se verteufelt er aber nicht, sondern er stellt vielmehr angesichts der aktuellen markttechnischen Turbulenzen die wichtige Frage, wer das Metaverse aufbauen wird? „Krypto-Start-ups oder etablierte Firmen? Und wie wird dieses Metaverse funktionieren? Privat oder öffentlich?“
 
Schlussfolgerungen
Möglich ist natürlich auch eine hybride Lösung, wie wir am Beispiel von „The Gray Man“ ablesen können. Ein inzwischen etabliertes Unternehmen – Netflix – hat sich das Metaverse des Start-ups Decentraland Foundation zunutze gemacht und emittiert dort NFT. Auf diese Weise könnte das ­Metaverse ökonomische Stabilität quasi „importieren“. Aus Investorensicht erscheinen Investitionen direkt im Metaverse derzeit nur theoretisch. Über etablierte Finanzinstrumente ist es aber bereits jetzt möglich, an der Entwicklung dieser Zukunftstechnologie teilzuhaben.
 
Hans Weitmayr

Anhang:

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