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3/2018 | Steuer & Recht
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Bedenklich hohe Reserven

Die Versicherungsbranche will die Formel zur Berechnung der Zinszusatzreserve ändern, weil die zuletzt rekordtiefen Zinsen zu stark berücksichtigt werden. Die neue Verordnung soll noch in diesem Jahr verkündet werden und in Kraft treten.

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Die zuletzt rekordtiefen Zinsen erzwingen die Bildung unverhältnismäßig hoher Zinszusatz­reserven. Die Formel soll daher geändert werden.

GMF, Assekurata

Versicherungsunternehmen sollen ihre Garantien auf jeden Fall erfüllen können. Damit das klappt, unterhalten die Lebensversicherungsunternehmen diverse Bilanzpuffer, mit denen die Wirtschafts- und Zinszyklen ausgeglichen werden. Einer dieser Puffer ist die Zinszusatzreserve (ZZR). Sie wurde 2011 eingeführt, als sich abzeichnete, dass die Niedrigzinsphase nicht nur eine vorübergehende Erscheinung sein würde und noch Verträge mit zum Teil hohen Garantien langfristig zu bedienen waren.

Mittlerweile ist sich die Versicherungsbranche einig, dass die ZZR zwar notwendig war und ist, dass aber die Formel zur Berechnung der ZZR entschärft werden soll. Bisher wird mit ­einem zehnjährigen Durchschnitt als Referenzzinssatz gerechnet, was zur Folge hat, dass der Nachlaufeffekt der extrem niedrigen Zinsen sehr lang ist und auch jetzt noch zu einer weiteren Erhöhung der zu stellenden ZZR führen würde – und das obwohl sich eine Zinssteigerung bereits abzeichnet. Immerhin sind zehnjährige US-Treasuries schon bei drei Prozent, und auch ein EZB-Zinsanstieg ist 2019 wahrscheinlich.

Änderung noch 2018

„Als man die ZZR 2011 eingeführt hat, hat man für 2018 einen Referenzzins von 2,94 Prozent prognostiziert. Dieser Wert wurde aber deutlich unterschritten“, erklärt Thomas Keßling, Analyst und Fachkoordinator Lebensversicherung bei Assekurata. Das Ratingunternehmen hat im Juli einen „Marktausblick zur Versicherungswirtschaft 2018/2019“ veröffentlicht, in dem unter anderem detailliert auf die ZZR eingegangen wird. Der Report ist für 829 Euro erhältlich.

Besagten Nachlaufeffekt will man nun verringern. Dazu wurde bereits ein neues Berechnungsmodell entwickelt, an dem die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) und die Aufsichtsbehörde BaFin mitgewirkt haben. Die Anwendung der neuen Formel muss ­jedoch von der Regierung beschlossen werden. „Die Zuständigkeit für die erforderliche Änderung der Deckungsrückstellungsverordnung (DeckRV) liegt grundsätzlich beim Bundesfinanzministerium (BMF)“, erklärt ein Sprecher der BaFin.

Auf Anfrage von Institutional Money teilt eine Sprecherin des BMF mit: „Erste Schritte zur Umsetzung des Maßnahmen­pakets aus dem Evaluierungsbericht zum Lebensversicherungsreformgesetz (LVRG) sollen im Herbst 2018 eingeleitet werden. Dazu gehört ein Verordnungsentwurf zur technischen Anpassung der ZZR, der in Kürze konsultiert werden wird.“ Und weiter: „Die Verordnung, mit der die Vorschriften zur Zinszusatzreserve geändert werden sollen, soll in diesem Jahr verkündet werden und in Kraft treten. Die Verbändeanhörung wird spätestens im Oktober eingeleitet; der Verordnungsentwurf wird dann auch veröffentlicht werden.“

Gut möglich, dass das BMF das Thema ZZR gern als Verhandlungsposten im Gegenzug für einen gesetzlichen Provisionsdeckel eingesetzt hätte. Die teilweise hohen Abschlussprovisionen bei Lebensversicherungen sind der Politik nämlich schon lange ein Dorn im Auge. Ob sich das BMF damit durchsetzen kann, wird sich bei der Umsetzung des Maßnahmenpakets aus dem Evaluierungsbericht zum Lebensversicherungsreformgesetz (LVRG) zeigen.

Immerhin 60 Milliarden Euro Zinszusatzreserve haben die deutschen Lebensversicherer mittlerweile aufgebaut. Wie gut die ZZR bereits wirkt, zeigt ein Blick auf den durchschnittlichen Garantieanspruch innerhalb der Lebensversicherungsbestände. „Ohne Berücksichtigung der ZZR lag dieser nach unseren Berechnungen Ende 2017 bei 2,77 Prozent. Unter Hinzunahme der bereits gestellten Reserven reduziert er sich auf 2,03 Prozent, wodurch die Wahrscheinlichkeit, dass die Lebensversicherer künftig auch bei schwierigen Zinsverhältnissen sämtliche Leistungsansprüche ihrer Kunden bedienen können, bis dato deutlich gestiegen ist“, erklärt Keßling.

Stille Reserven

Die hohe ZZR beeinflusst die Kapitalanlage der Versicherer, denn wenn die ordentlichen Erträge nicht für die erforderliche Nachreservierung ausreichen, sind sie gezwungen, an ihre stillen Reserven zu gehen und diese aufzulösen. Sie verscherbeln damit sozusagen ihr Tafelsilber, um ihre Nettoverzinsung zu erhöhen.

Woher die stillen Reserven der Versicherer kommen? Da die Aktienquote in den Portfolios der Versicherer bekanntermaßen niedrig ist, liegen in der aktuellen Kapitalmarktsituation die stillen Reserven vorwiegend in Staats­anleihen, Pfandbriefen, Unternehmens- und Bankanleihen. Wenn diese Investments zu Zeiten getätigt wurden, als noch ein höherer Kupon als heute auf dem Papier stand, bauten sich automatisch stille Reserven auf. Der Grund: Versicherer, die nach HGB bilanzieren, bilanzieren ihre Papiere zum Buchwert, und bei fallenden Zinsen liegt der Buchwert unterhalb des Marktwerts. Wenn aber die Erträge in der Niedrigzinsphase nicht ausreichen, mussten und müssen die Versicherer gerade die besser rentierlichen Papiere verkaufen, um die stillen Reserven zu heben und in die Zinszusatz­reserve einzustellen. Den Verkaufserlös konnten sie dann nur zum jetzigen – niedrigeren – Zinsniveau anlegen, was ­weniger attraktiv ist. „In der Neuanlage legen die Lebensversicherer derzeit zu einem Durchschnittszins von rund 1,5 Prozent an“, schätzt Thomas Keßling.

Argumentation ­divergiert

Die für die notwendige Anpassung der ZZR ins Feld geführten Argumente unterscheiden sich je nach Blickwinkel.

Die Versicherungsunternehmen, die im GDV zusammengeschlossen sind, erklären: „Angesichts wieder steigender Zinsen ist eine Änderung der ZZR-Regelung nicht nur möglich, sondern auch dringend erforderlich, um eine massive Ausweitung der Reserve zulasten vieler Versicherter zu vermeiden“, steht in einer GDV-Meldung. „Nach dem schnellen Anstieg der Reserve käme es ab 2024 zu einem schnellen Abbau. Diese sogenannte Buckelbildung würde zulasten der Kunden ­gehen, deren Verträge bis 2024 enden. Sie haben zwar stark zum Aufbau der ZZR beigetragen, würden aber nicht mehr vom Abbau der Reserve profitieren – anders als Kunden mit länger laufenden Verträgen“, so der Versicherungsverband. Die Argumentation der Ver­sicherungsbranche geht also Richtung Gerechtigkeit, denn Versicherungskunden, die durch Fälligkeit oder Kündigung aus ihrem Vertrag aussteigen, bevor die Zinszusatzreserve wieder aufgelöst wird, würden benachteiligt. Man muss allerdings sagen, dass auch der Aufbau stiller Reserven zu Ungerechtigkeiten führt, die Versicherungsbranche diesen Puffer aber gern weiterhin nutzen möchte.

Die Aufsichtsbehörde BaFin ist ebenfalls für eine Drosselung der Zinszusatzreserve, hat dabei aber eher das Kollektiv der Versicherten im Auge. Frank Grund, Exekutiv­direktor Versicherungsaufsicht bei der BaFin, erklärt: „Es ist nicht unser Ziel, Unternehmen eine Erleichterung zu verschaffen, sondern die objektiv zu scharfe Berechnungsmethode zu ändern.“ Er rechnet vor: „Nach der alten Methode müssten die Lebensversicherer in diesem Jahr schätzungsweise weitere 20 Milliarden Euro zur Finanzierung der Zinszusatzreserve aufwenden. Nach der neuen Berechnungs­methode wären es etwa fünf Milliarden Euro. Das würde angesichts des bereits erreichten Volumens von knapp 60 Milliarden Euro Ende 2017 reichen.“ Laut Prognoserechnung der BaFin könnten die Unternehmen die dann erforderlichen Aufwendungen zur Finanzierung der Zinszusatzreserve im Branchendurchschnitt aus dem laufenden Kapitalanlageergebnis zahlen.

Die Aktuarvereinigung möchte sich aktuell nicht äußern, da die neue Verordnung kurz bevorsteht. Diesen Sommer erklärte Guido Bader in einem Interview mit der dpa: „Wenn es bei dem Tempo und der aktuellen Tiefzinsphase bleibt, wüsste ich nicht, ob ­jedes Unternehmen die nächsten Jahre handelsrechtlich überlebt. Wir kommen inzwischen in den Bereich, wo es wehtut.“ Bader ist stellvertretender Vorsitzender der DAV und gleichzeitig Vorstandsmitglied der Stuttgarter Versicherungen.

Die Zeit drängt

Klarheit, wie es nun weitergeht, ­hätte die Versicherungsbranche gern möglichst bald. Verständlich, denn es ist ein Unterschied, ob ein Versicherer beispielsweise 30 Millionen oder 100 Millionen Euro zusätzlich in die Bilanz einstellen muss. Wenn nämlich im Zweifelsfall hochverzinsliche Wertpapiere oder Immobilien verkauft werden müssten, tun sich die Versicherungsunternehmen schwer, das von heute auf morgen zu bewerkstelligen.

Der GDV als Sprachrohr der Branche führt auf: Bliebe es bei der Berechnungsformel aus dem Jahr 2011, stiege die Reserve von derzeit 60 Milliarden Euro auf bis zu 180 Milliarden Euro im Jahr 2023. „Dies wäre deutlich mehr, als für die Absicherung der Garantien erforderlich ist“, so der GDV. Die Aufwendungen für die ZZR seien überwiegend durch die Realisierung von Bewertungsreserven zu finanzieren, und die Branche werde dadurch zu kostenträchtigen Umschichtungen ihrer Anleiheportfolios ­gezwungen. „Das macht wenig Sinn und ist nicht im Interesse der Versicherten“, schreibt der GDV.    

Anke Dembowski


Zinszusatzreserve

Lebensversicherer müssen durch die Auflösung stiller Reserven außerordentliche Erträge generieren. Die ZZR zwingt sie dazu.

Bei der Zinszusatzreserve (ZZR) handelt es sich um eine zusätzliche Rückstellung, die Versicherer seit 2011 bilden müssen, um auch in Zeiten nie­driger Zinsen die höheren Garantien aus früheren Jahren erfüllen zu können.

Zwar mussten die Versicherer auch schon vor Einführung der ZZR zusätzliches Kapital aufbauen („nachreservieren“), wenn die Kapitalerträge nicht mehr zur ­Finanzierung der garantierten Leistungen ausreichten, aber seit 2011 gilt für alle ­Lebensversicherer ein einheitliches Berechnungsverfahren.

Bei der aktuell gültigen Berechnungsmethode wird ein Referenzzins zugrunde gelegt, der mit hoher Sicherheit die erzielbare Rendite abbilden soll. Er entspricht der Rendite, die sich im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre mit risikofreien Kapitalanlagen erzielen ließ. Dabei wird die Rendite von zehnjährigen Null-Kupon-Euro-Swapsätzen als risikofreie Kapitalanlageverzinsung angenommen.

Die Verpflichtungen der Versicherer ­werden einmal mit dem Referenzzinssatz und einmal mit dem Garantiezins ab­diskontiert, und für das Delta müssen die Assekuranzunternehmen eine Zinszusatzreserve bilden. Der Referenzzinssatz lag 2010 noch bei 4,10 Prozent, sank aber Ende 2017 auf 2,21 Prozent. Durch den Nachlauf­effekt würde er in den nächsten Jahren ­rasant weiter fallen. Mit der neuen Formel wird der Nachlaufeffekt nun ge­mildert, und der Referenzzins würde entsprechend weniger stark absinken.

Das Bundesfinanzministerium äußert sich in seinem Evaluierungsbericht zum Lebens­versicherungsreformgesetz (LVRG) vom Juni 2018 zufrieden mit der bisherigen Wirkung der ZZR. Ende 2017 habe der durchschnittliche Garantiezins der Lebensversicherungsverträge 2,89 Prozent betragen, heißt es im Evaluierungsbericht. Beziehe man die bereits aufgebaute Zinszusatzreserve ein, genüge mittlerweile eine Rendite der Kapitalanlagen von 2,05 Prozent, um den Garantiezins zu erfüllen. „Der konsequente Aufbau der Zinszusatzreserve hat damit nachhaltig die Risiken verringert, die das Niedrigzinsumfeld für die dauerhafte Erfüllbarkeit der Zinsgarantien beinhaltet“, schreibt das BMF.

 

 


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