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4/2018 | Produkte & Strategien
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Ausgezeichnetes Fintech

Das Schweizer Start-up Private Alpha will mit KI-Systemen die Vermögensverwaltung revolutionieren. Ob das langfristig funktioniert, wird sich zeigen, den ersten „Fintech Award Alpbach“ hat es aber schon einmal gewonnen.

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Das Team von Private Alpha hat noch viel vor (v. l). Dr. Marco Tresch, Christoph Züllig, Christoph Gum, Andreas Perreiter und Alan Solansky.

© Private Alpha Gruppe

Wie muss eine Mannschaft aussehen, die sich das Ziel gesetzt hat, selbstlernende Algorithmen zu entwickeln, die das Anlagegeschäft revolutionieren? Ein Patentrezept für ein solches Team gibt es sicher nicht, aber zwei Schweizer mit Banking- und Start-up-Hintergrund, ein Digital-Marketing-Fachmann und ein auf Start-ups spezialisierter Jurist sind wahrscheinlich keine schlechte Wahl. Christoph Gum und Christoph ­Züllig, beide mit Credit-Suisse-Ver­gangenheit, der in Luzern und München tätigen Start-up-Anwalt Alan Solansky und der Marketingfachmann Thomas Reiter bilden ein solches Dream-Team, das bei der Gründung der Private Alpha Switzerland AG auch noch vom erfolgreichen Unternehmer und Business Angel Andreas Perreiter unterstützt wird.

Damit ist es freilich nicht getan, denn wer auf künstliche Intelligenz setzt, benötigt auch noch ein Artificial-Intelligence-Team. Mit Marco Tresch, der an der ETH in ­Zürich promovierte und am CERN forschte, konnten die Schweizer ­einen entsprechend erfahrenen KI-Researcher an Land ziehen. Der ­Experte für Deep Learning bildet nun gemeinsam mit dem Big-Data-Fachmann Tobias Bürger, der als Technologie-Advisor für Private ­Alpha tätig ist, und Miroslav Cada, dessen Expertise im Bereich Bayes’sche neuronale Netzwerke liegt, das hochkarätige KI-Team von Private Alpha. Sie alle arbeiten an dem ehrgeizigen Ziel, eine regelbasierte, von künstlicher Intelligenz gesteuerte Multi-Asset-Vermögensanlage zu schaffen, die langfristig erfolgreich ist. Die Strategie „KI-Selektion“ versucht, individuelle Aktientrends auf Basis von KI-Analysen vorherzusagen, und steuert so Aktienauswahl und Risiko.

Das junge Unternehmen hat seinen Sitz im schweizerischen Meggen, einem idyllischen 7.000-Seelen-Städtchen im Kanton Luzern, und mittlerweile liegt mit dem ­Private-Alpha-Fonds auch schon das erste Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen vor.

Interessanterweise kam der Anstoß für diesen sehr technischen Ansatz nicht von den IT-Spezialisten, sondern von den früheren Bankern. CEO Christoph Gum und COO Christoph Züllig waren die Treiber des Start-ups. Gum dazu: „Nur allzu oft mussten wir miterleben, dass Marktprognosen von Analysten keine zufriedenstellenden Ergebnisse lieferten und Anlageentscheidungen durch Emotionen mitbestimmt wurden. Wir glauben, durch die regelbasierte Nutzung modernster selbstlernender Sys­teme Anlagestrategien optimieren zu können. Vermögen mithilfe klarer Regeln zu schützen steht an erster Stelle. “ Der Bayer arbeitete vor dem Schritt in die Selbstständigkeit insgesamt mehr als 15 Jahre für Banken und Tech-Start-ups. Zuletzt war er von 2013 bis 2017 in Wien als Private Banking COO von Credit Suisse Austria & ­Eastern Europe tätig. Bereits während seines Studiums konnte er Erfahrungen in der Gründerszene sammeln, als er im Jahr 2000 ein auf Internetshops spezialisiertes E-Commerce-Unternehmen an die Börse begleitete. Auch Mitstreiter Christoph Züllig, Weggefährte aus Credit-Suisse-Zeiten, hat eine Wien-Connection. Er war bis 2015 Exe­cutive Director und Country Head Austria von Julius Bär. Bevor er sich mit Gum zusammentat, war er noch zwei Jahre lang Partner und Chief Customer Officer von CreditGate24, einem Schweizer Direct-Lending- Fintech. Züllig zur Motivation der Unternehmensgründung: „Altbekannte Vermögensverwaltungen waren nicht in der Lage, die Baissen an den Wertpapiermärkten rechtzeitig zu ­erkennen und sich im Kundensinn richtig zu positionieren. Insbesondere in Krisen waren sie zu wenig agil, weil wichtige Faktoren übersehen und ebenso wichtige Muster erst im Nachhinein erkannt wurden. Hier haben wir angesetzt.“

Die Gründer sind davon überzeugt, dass vor allem die Fähigkeit von KI-Systemen, Daten mithilfe von Deep- und Machine-Learning-Algorithmen auf eine neuartige Art zu analysieren, enorme Möglichkeiten und Veränderungen mit sich bringt. Schließlich sollen mithilfe der schlauen Programme komplexe Datenmuster erkannt werden. Klassische Mandatsansätze und Marktprognosen bieten ihrer Ansicht nach in Krisenzeiten nur unzureichenden Schutz, da sich die Gewichtungen zu wenig und zu langsam verändern. Zudem zeigen klassische Datenbanken Schwächen in der Auswertung komplexer Strukturen und können versteckte Datenmuster nicht erkennen. Gum: „Moderne, sich auf Artificial Intelligence gründende Systeme haben den Vorteil, komplexe Datenmuster zu erkennen. Sie haben die Fähigkeit zur stetigen Weiterentwicklung. Außerdem können KI-Systeme ständig bestimmte Finanzkennzahlen testen und die Ausgabeparameter für die jeweilige Marktlage optimieren. Wir nutzen diese neuesten Modelle.“

Hauseigene KI-Plattform

Private Alpha versucht mittels künstlicher Intelligenz, diese offensichtliche Lücke zu schließen und versteckte Muster noch vor Eintritt einer Krise zu erkennen. Damit will man Outperformance gegenüber traditio­nellen Anlagelösungen generieren. Ergebnis der Anstrengungen des KI-Teams um Dr. Tresch ist die Private Alpha Artificial Intelligence Platform (PAAI), mit deren Hilfe Anlagestrategien entwickelt werden können. Diese können beispielsweise als Signale für institutionelle Kunden angeboten werden oder auch verpackt als Produkt, etwa in Form eines Investmentfonds. Gum: „Private Alpha versteht sich daher in erster Linie als Technologielieferant von KI-Inhalten, die auf Indizes, Sektoren oder auch Einzeltitel angewendet werden können.“ Das Herzstück der Entwicklungsarbeit von Private Alpha ist das „Multi-Layer-Indikatoren-­Modell“, das mithilfe von KI-Algorithmen die optimale taktische Asset Allocation ­ermittelt.

Schaufenster

Seit dem 22. 3. 2018 gibt es einen ersten Investmentfonds mit der Bezeichnung Private Alpha Algorithmic Robo Fund (ISIN DE000A2H7NY3), der eine Long/Short-Strategie auf den deutschen Aktienmarkt abbildet. Die Investmententscheidungen für den Private Alpha Algorithmic Robo Fund trifft der Computer aufgrund der quantita­tiven Auswertung der fünf Indikatoren. Dabei sind nur drei Entscheidungsmöglich­keiten gegeben: Entweder wird der Markt – im Fonds ist es der DAX Index – via Futures gekauft, oder der Markt wird verkauft (Short-Positionen im DAX-Index-Future), oder es wird Cash gehalten. Die Umsetzung der Signale erfolgt monatlich. Das Collateral des Fonds besteht im Übrigen immer aus kurzlaufenden Staats- und Unternehmensanleihen.

Der neuartige Algorithmus umfasst fünf Indikatoren, von denen vier trenderkennend sind und vorausschauen (Wechselkurs-, Zins-, Inflations- und Saisonindikator), sowie einen technischen Indikator, der die Rückschau abdeckt. Letzterer ist ein selbst entwickelter Börsensentimentindikator, der historische Daten analysiert. Der Indikatorenalgorithmus berechnet, ob ein starkes, schwaches oder neutrales Investmentumfeld besteht. Im Zentrum steht also die Ermittlung der optimalen Asset ­Allocation zu jedem gegebenen Zeitpunkt.
Der Backtest – doch welcher tut das nicht – für den DAX Index seit 1997 zeigt ein wirklich überzeugendes Bild (siehe Grafik „Drei Elchtests“) mit einer hohen erwarteten Überrendite, einer verringerten Volatilität und einer deutlich geringeren Korrelation zur Benchmark.

Insbesondere das Verhalten in Krisenzeiten generiert den Performancevorteil auf lange Sicht, wie ein Signal-Stresstest zeigt. Dieser weist für den Zeitraum um die Russlandkrise, konkret von 17. August bis 6. November 1998, ein Strategie-Plus von 15,46 Prozent aus, während der DAX im gleichen Zeitraum um 12,13 Prozent nachgab. Ähnlich das Bild beim Platzen der Dotcom-Blase: Hier steht ein Plus in der Strategie von 23,87 Prozent zwischen dem 1. September 2000 und dem 22. März 2001 von 23,87 Prozent einem Indexminus von 25,34 Prozent gegenüber. Dritter Elchtest der Strategie war die Wirtschafts- und Finanzkrise vor zehn Jahren: Hier konnte die Strategie zwischen dem 19. Mai 2008 und dem 2. März 2009 einem Investor mit einem Minus von nur 3,04 Prozent mehr als 90 Prozent der Verluste des DAX, der im selben Zeitraum 48,16 Prozent einbüßte, ersparen (siehe Grafik „Drei Elchtests“).

Live-Track-Record

Seit 22. März 2018 kann der Private Alpha Algorithmic Robo Fund (Bloomberg ID: UNPRAAR GR; ISIN: DE000A2H7NY3) beweisen, ob er an seine Backtest-Ergebnisse heranreicht. Natürlich ist der zirka sieben Monate währende Echtgeld-Strategie-Zeitraum zu kurz, um bereits endgültige Aussagen treffen zu können. Auffällig ist aber, dass der Fonds per 17. 10. 2018 jedenfalls seit Start weit vor dem DAX Index liegt, und die letzten Monate kann man durchaus als herausfordernd bezeichnen, ging es doch in Wellenbewegungen leicht südwärts. Hier bis dato kein Geld verloren zu haben ist schon einmal eine ermutigende Nachricht. Insbesondere im August 2018 konnte der Fonds durch seine Short-DAX-Position ein hohes Alpha generieren. Das Portefeuille wird auf täglicher Basis überwacht, die ­Anpassungen erfolgen jedoch nur monatlich. Dies habe sich laut Christoph Züllig sowohl als renditestärkste als auch als kos­tengünstigste Variante herausgestellt. Die annualisierte Outperformance aus dem Backtest liegt bei fast 12 Prozent per annum über gut 20 Jahre. Rechnet das Management von Private Alpha damit, in der Praxis tatsächlich einen Mehrertrag von netto zehn Prozent erzielen zu können? Gum ­dazu: „Da wir in Long-Phasen keinen ­Leverage fahren, haben wir da auch nicht die Möglichkeit, den DAX zu schlagen. Die einzige Möglichkeit – und auch unser Ziel – ist es, Abwärtsbewegungen rechtzeitig zu erkennen und hier Outperformance zu generieren.“ Somit ist also die Amplitude des Abschwungs das Zünglein an der Waage der möglichen Outperformance des An­satzes.

Die Zulassung in der Schweiz und Deutschland erfolgte mithilfe des Custo­dians, der Berenberg Bank, die Administration hat die Universal Investment (UI) als Kapitalverwaltungsgesellschaft übernommen. Das Family Office Bodmer­Lyhs­&­Partner (Schweizer Multi-Family-Office) agiert als strategischer Partner, fungiert als Seed-Capital-Geber und setzt die Produkte von Private Alpha als Depotbeimischung in seinen Kundendepots ein. Gründungspartner und Geschäftsführer Oliver Lyhs dazu: „Wir bedienen so den Wunsch unserer Kunden nach Anlageinnovationen und nutzen die Technologie von Private Alpha zur ­Aktienanalyse und Marktbeobachtung.“ Auch andere Family Offices und deutsche Vermögensverwaltungsgesellschaften setzen den Private Alpha Algorithmic Robo Fonds bereits ein. Das Fondsvolumen liegt per 15. 10. 2018 allerdings bei noch bescheidenen 8,49 Millionen Euro. Aktuell gibt es eine Anteilsklasse ohne Mindestanlagesumme mit dem Pricing einer institutionellen Tranche, beträgt doch die Managementgebühr 1,15 Prozent per annum. Zielgruppe sind aber ganz klar institutionelle Kunden wie Versicherer, Pensionskassen und auch Family Offices, versichern die Gründer.

Weitere Fonds am Start

Im Gegensatz zum PA Algorithmic Robo Fund, der ein starrer ­algorithmusbasierter Fonds ist, der nur die fünf genannten Indikatoren einsetzt, aber noch keine Daten von der KI-Plattform bezieht, zielt der Private Alpha AI Global Opportunity Fonds auf maximale Performance durch Einzeltitel­selektion und eine Allokations- und Risiko­steuerung durch die Private-Alpha-KI-Plattform ab. Mit 7,5 Millionen US-Dollar ­gestartet, ist er ein globaler Aktienfonds in US-Dollar, für den anhand des proprietären Algorithmus von Private Alpha aussichtsreiche Investments aus 5.000 globalen Aktien ausgewählt werden. Ein Fokus liegt dabei auf Wachstumsaktien mit vorzeigbarer Bewertung, wobei hier auch taktische Investments in Rohstoffe wie Öl  Gold und andere Assetklassen gestattet sind. Asset ­Allocation sowie Risikokontrolle besorgt die Private Alpha Artificial Intelligence Platform. Das Modell ist selbstlernend mit dem Ziel, eine ständige Optimierung an die jeweils herrschenden Marktverhältnisse durchzuführen. Private Alpha versucht, Aktientrends auf Basis von KI-basierten Analysen vorherzusagen, und steuert so Aktienauswahl und Risiko. Für die PAAI Platform und KI-gesteuerte Fonds werden insgesamt 3.000 verschiedene technische und fundamentale Indikatoren ausgewertet.

Euroland-Fonds

Der zweite Fonds, der ebenfalls im November das Licht der Welt erblickte, heißt Private Alpha KI Euroland Fund. Wie sein Name vermuten lässt, tritt er ebenfalls ­unterstützt durch die Private Alpha AI Platform an, um als Euro-Aktienfonds den ­Euro Stoxx 50 NTR zu schlagen. Seine Spezifika sehen vor, dass er im Fall von Long-Signalen zu 100 Prozent in den Index investiert ist, im Fall von Short-Signalen allerdings nur zu 20 Prozent short geht. Dieser Fonds wird mit einer führenden deutschen Vertriebsgesellschaft aufgelegt, die sich stark im Versicherungsmarkt bewegt. Startvolumen sind hier 18 Millionen Euro. Sämtliche Fonds sind UCITS-Produkte.

Dies alles zeigt bereits, wie flexibel die Private Alpha AI Platform einsetzbar ist, denn Signale können sowohl auf Asset­klassen- als auch auf Branchen- und Ein­zelaktienebene generiert werden. Somit sind viele verschiedene Produktvarianten vorstellbar: Ein asiatischer Tech-Fonds wäre ebenso vorstellbar wie ein panamerika­nischer Stockpicker oder ein globaler Asset-Allocation-Fonds. Verkauft werden von ­Private Alpha sowohl die Signale als solche als auch fertige Fondslösungen in Zusammenarbeit mit Partnern, wo Private Alpha als (Sub-)Advisor agiert. Die nächsten zweieinhalb Jahre werden hart werden – wie für alle Newcomer im Asset-Management-Geschäft. Schließlich wollen viele ­einen dreijährigen Live-Track-Record ­sehen, ehe sie einem Investment näher­treten. Zu wünschen wären den Initiatoren Chris­toph Gum und Christoph Züllig ­eigentlich schwierige Marktumstände, also volatile Seitwärtsbewegungen, die vielen Overlays satte Verluste bescheren, oder auch ein starker Rückschlag am Aktienmarkt, damit die Private Alpha AI Platform ihre im Backtest gezeigten Vorteile gegenüber long only auch in der Realität relativ rasch ausspielen und damit institutionelle Gelder akquirieren kann. Dann könnten die Volumina auch schneller anwachsen, da ein erfolgreicher Derivateeinsatz oft schon nach kürzeren Zeiträumen bei Investoren Türen öffnet.

Renommierte Partner

Mit Universal Investment und Berenberg hat man zwei renommierte Partner im Boot, und die Kooperation mit deutschen Versicherern ist jedenfalls schon einmal ein vielversprechender Anfang. Der Schweizer Thinktank „e-foresight“ hält in seiner ­Recherche vom September 2018 fest, dass es derzeit noch keine Schweizer Start-ups gibt, die Anlagestrategien mithilfe von vergleichbaren KI-Systemen optimieren. Allerdings bestehen andere Anbieter, die ebenfalls KI zur Anlagensteuerung einsetzen. Auch international gibt es schon einige Start-ups in diesem noch jungen Trend in der Asset-Management-Branche. Dank des Derivateeinsatzes lässt sich der Ansatz ja gut skalieren. Investoren in der DACH-­Region dürfen sich jedenfalls über einen KI-Wettstreit zwischen dem Innovationsführer im deutschen Markt, der Fondsboutique Acatis, und Private Alpha freuen.     

Dr. Kurt Becker


Anhang:

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