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Wirtschaftsweise Isabel Schnabel: „Kein Anzeichen für Rezession“

Die Wirtschaftsweise ging am 12. Institutional Money Kongress der Frage nach, ob eine neue Krise droht und sparte bei ihrer Keynote Speech nicht mit Kritik an einigen Fehlentwicklungen, die derzeit zu beobachten sind. Garniert wurde der Vortrag mit konstruktiven Lösungsvorschlägen.

Übersicht Staatschulden in Europa - Grafik
Konsolidierung unvermeidlich
Die Staaten müssen ihre Schulden reduzieren, um auch zukünftig finanziell handlungsfähig zu bleiben und um im Falle einer schweren Rezession neue fiskalpolitische Stimuli setzen zu können.

Redaktionelle Anmerkung: Durch Klicken auf das Lupen-Icon oben können Sie Grafik vergrößern und besser lesen.
 
© Sachverständigenrat

„Ein lang anhaltender Aufschwung in Deutschland nähert sich seinem Ende“, erklärte Prof. Isabel Schnabel zu Beginn ihres Vortrages. Sie erwartet aber noch keine Rezession, sondern nach dem „Rücksetzer“ nur ein schwächeres Wirtschaftswachstum in Deutschland. Als Gründe nannte sie die Probleme in der Automobilindustrie aufgrund neuer Emissionstestverfahren, Logistik und Produktion beeinträchtigendes Niedrigwasser und geringeres Exportwachstum. „Das Wachstum bleibt moderat positiv, bislang bestehen keine Anzeichen einer Rezession.“ Während dieser Kelch an Deutschland wohl vorbei geht (siehe Grafik oben in der Bildergalerie, die die besten Slides der Präsentation Schnabels enthält), haben die Italiener mittlerweile schlucken müssen. Denn die Apenninenhalbinsel ist mittlerweile in einer technischen Rezession.

Viele, steigende Risiken
Als erstes Risiko nannte Schnabel die „Krise des Multilateralismus“. Den ausgehend von den USA nimmt der Trend zu spürbaren Zollerhöhungen zu, garniert mit weiteren Drohungen. Laut der Wirtschaftsweisen sollen Investoren aber den Handelskrieg noch nicht zu dramatisch sehen. Dieser sei nicht mit dem Handelskrieg der 1930er-Jahre vergleichbar, da damals fast alle Länder gegenüber der restlichen Welt eine merkantilistische Handelspolitik verfolgten. Heute würden nur die USA auf höhere Zölle setzen (vor allem gegenüber China, siehe Grafik oben), während andere Länder weiterhin auf freien Welthandel schwören. Darüber hinaus sollten Investoren auch die von Zöllen ausgehenden „Umlenkungseffekte“ auf der Rechnung haben. Denn wo es Verlierer gibt, gibt es zumindest kurzfristig auch Gewinner. Langfristig schafft ein Handelskrieg aber nur eine Loose-Loose-Situation für alle.

Die Professorin formulierte daher das Ziel einer Vermeidung einer Eskalation des Handelskonflikts zwischen USA und EU sowie die Senkung bestehender Zölle. Hilfreich wären die Stärkung des multilateralen, regelbasierten Handelssystems und eine Reform der WTO. Das umfasst auch die Implementierung verschärfter Regeln zu Eindämmung marktverzerrender Subventionen und einen besseren Schutz geistigen Eigentums. Laut Schnabel müsse man in diesem Punkt US-Präsident Trump Recht geben, der immer wieder berechtigterweise den Diebstahl geistigen Eigentums seitens der Chinesen anprangert.

Hohe Schulden
Das zweite Risiko identifizierte Schnabel als die mittlerweile hohen Schuldenberge in den Schwellenländern, insbesondere in China und dort insbesondere bei den Unternehmen. Mittlerweile hat der dortige Schuldenberg des nicht-finanziellen Sektors (Staat, Private, Unternehmen ex-Financials) rund 250 Prozent des BIPs erreicht (siehe Grafik oben in der Bildergalerie). Da China aber noch über eine positiven Leistungsbilanzsaldo verfügt und nur gering in Fremdwährung verschuldet ist, droht zumindest kurzfristig nur geringe Gefahr. Mittel- bis langfristig müssten diese Schuldenberger reduziert werden, was über eine niedrigere chinesische Konjunkturdynamik Folgeeffekte auf die restliche, globale Wirtschaft haben könnte.

Innovation statt nationaler Champions
Die Professorin zeigte anhand einer Grafik, dass Deutschland im Bereich Innovationen mit Platz vier hinter Singapur, Schweiz und Belgien einen Spitzenplatz belegt. Zum Vergleich: Das von vielen Marktakteuren für seine Innovation so hoch gelobte China belegt lediglich Platz 25, weist aber eine große Dynamik in Richtung Spitze auf.

Deutschland könnte jedoch seinen guten Platz verlieren aufgrund von Faktoren wie Fachkräftemangel, geringe Gründungsaktivitäten, und der Verlagerung von Innovationstätigkeiten ins Ausland. Von den jüngst von der Politik ventilierten Plänen betreffend „europäischer Champions“ hält die Liberale wenig. Sie empfiehlt Deutschland, das im internationalen Vergleich nur wenig für Forschungsförderung ausgibt, eine effizientere steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung. Des Weiteren müsse auf die aggressive Steuerpolitik anderer Länder, wie derzeit insbesondere von den USA, reagiert werden. „Wachsender Standort- und Steuerwettbewerb erfordern Innovations- und Steuerpolitik, nicht hingegen die aktive Schaffung nationaler und europäischer Champions.“

Leidiges Thema Brexit
In Folge widmete sich Schnabel dem Brexit. Da dessen Ausgang aber in den Sternen steht, erklärte die Professorin offen und ehrlich. „Was am Ende des Tages passiert, wissen wir nicht.“ Ein harter Brexit mit vielen negativen Konsequenzen sei nicht aber auszuschließen und würde dies- und jenseits des Ärmelkanals nur Verlierer erzeugen. Selbst wenn die Briten einen geordneten Rückzug aus der EU schaffen sollten, würde Deutschland trotzdem Nachteile erleiden. Dann durch den Austritt dieses großen, mit vielen Stimmrechten versehenen, marktwirtschaftlich freundlichen Land verschieben sich die Machtverhältnisse zu Ungunsten Deutschlands hin in Richtung jener Länder, die auf einen starken Staat denn auf freie Marktwirtschaft setzen (siehe Grafik oben in de Bildergalerie).

Ohne den Briten sei einer protektionistischeren EU Tür und Tor geöffnet. Für Schnabel sei ein Vorteil Europas die noch immer funktionierende Wettbewerbspolitik, die aber immer stärker unter Druck gerät. Deutschland solle jedenfalls versuchen, dass mit den Briten nach dem Brexit ein umfangreiches Folgeabkommen unterschrieben werde, ohne dass die Briten dabei Rosinenpicken machten.

EZB hat zu wenig Pulver in der Kammer
Gegen Vortragsende monierte die Wirtschaftsweise vollkommen richtig, dass die EZB kein Zinssenkungspotenzial in einer zukünftigen Krise hat. Die EU-Staaten außerhalb Deutschlands haben die letzten, mehr oder weniger guten Wirtschaftsjahre nicht oder kaum zur Schuldenreduzierung genutzt (siehe Grafik oben). Noch immer seien Banken und Staaten über hohe Bestände an aufsichtsrechtlich begünstigten Staatsanleihen in den Bankenbilanzen miteinander verwoben, sodass sich eine Krise irgendwo in Europa relativ rasch auf andere Banken und Staaten ausbreiten würde. Erst die vollständige Schaffung einer effizienten Banken- und Kapitalmarktunion sowie eine Weiterentwicklung des ESM könnten laut Schnabel für mehr Stabilität sorgen. Aber auch eine europäische Arbeitslosenrückversicherung wie auch eine europäische Einlagensicherung könnten bei guter Ausgestaltung laut der Professorin stabilisierend wirken.

Last but not least ging Schnabel auf die langfristen Herausforderungen ein, denen sich Deutschland und Europa stellen muss. Dabei nannte sie Demografie und Digitalisierung. „Die Bewältigung des demografischen Wandels und eine erfolgreiche Umsetzung sind die Schlüssel für die langfristige Zukunftsfähigkeit“, erklärte die Professorin abschließend. (aa)

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