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Nassim Taleb: Robustheit schlägt Prognose

Der Autor des Bestsellers "Der Schwarze Schwan" stellte beim Institutional Money Kongress die Fixierung auf Prognosen, Modelle und Schein-Präzision infrage. Im Zentrum seines Vortrags standen Fragilität, Antifragilität und wie Investoren, Unternehmen und ganze Systeme mit Schocks umgehen sollten

Nassim Nicholas Taleb empfahl auf dem Institutional Money Kongress 2026 institutionellen Investoren einen Perspektivwechsel im Umgang mit Risiko.
Nassim Nicholas Taleb empfahl auf dem Institutional Money Kongress 2026 institutionellen Investoren einen Perspektivwechsel im Umgang mit Risiko.© Christoph Hemmerich / Institutional Money

Eckpunkte:

  • Nassim Taleb gewährte tiefe Einblicke in das Thema Risikomanagement
  • Investoren müssen zwischen fragilen und robusten Strukturen unterscheiden
  • Profies sollten Bilanzen, Portfolios und Geschäftsmodelle weniger auf lineare Ertragserwartungen als hin auf Fragilität prüfen

Nassim Nicholas Taleb sprach sich auf dem Institutional Money Kongress vehement für einen Perspektivwechsel im Umgang mit Risiko aus. Wer Märkte, Portfolios oder Volkswirtschaften verstehen wolle, solle weniger Energie in Vorhersagen und mehr in die Analyse von Verwundbarkeit investieren. Für Taleb liegt der zentrale Denkfehler vieler Modelle, Prognosen und Risikorechnungen darin, dass sie im Nachhinein Erklärungen liefern, aber in der Realität nicht vor jenen Brüchen schützen, die Systeme tatsächlich destabilisieren.

Fragil vs. robust
Im Zentrum stand dabei seine bekannte Unterscheidung zwischen fragilen und robusten Strukturen. Fragile Systeme reagieren auf Schocks mit überproportionalem Schaden. Robuste Systeme halten Belastungen aus. Antifragile Systeme gehen noch einen Schritt weiter, weil sie unter Volatilität, Zufall und Stress sogar besser werden können. Für Investoren bedeutet das aus Talebs Sicht vor allem, Schwachstellen im System zu identifizieren, statt sich in scheinbarer Genauigkeit von Modellen zu verlieren. Wer Risiko messen wolle, müsse sich fragen, wo maximale Schäden entstehen können, welche Abhängigkeiten bestehen und an welchen Stellen Konzentrationseffekte gefährlich werden.

Ist eine Niere genug?
Taleb veranschaulichte das Prinzip der Redundanz mit einem einfachen Bild: Der Mensch habe zwei Nieren, obwohl im Normalfall eine genüge. Was unter Effizienzgesichtspunkten überflüssig wirken könne, sei in Wahrheit ein Schutzmechanismus gegen Ausfall und Schock. Genau darin liege auch für Wirtschaft und Finanzmärkte eine zentrale Lehre.

Taleb verband diese Überlegung mit einer grundsätzlichen Kritik an der modernen Finanz- und Regulierungswelt. Zu viele mathematische Modelle suggerierten Beherrschbarkeit, obwohl sie Komplexität in Wahrheit nur kaschierten. Die Erfahrung aus der Finanzkrise sei keineswegs überall verinnerlicht worden. Noch immer werde mit Instrumenten gearbeitet, die Stabilität vortäuschten, während sie die Anfälligkeit gegenüber Extremereignissen unterschätzten. Gerade in stark vernetzten Systemen könne sich ein lokaler Schock sehr schnell systemisch ausbreiten.

Klumpenrisiken
Ein weiterer Schwerpunkt seines Vortrags war die Wirkung der Globalisierung auf Konzentration und Risiko. Offenere Märkte, so Taleb, steigern Effizienz, verstärken aber oft auch Winner-takes-all-Dynamiken. In Wirtschaft und Kapitalmärkten führe das zu einer stärkeren Konzentration von Macht, Kapital und Einfluss. Damit steige die Verletzlichkeit des Gesamtsystems. Was auf den ersten Blick effizient erscheine, könne sich unter Stress als hochgradig instabil erweisen. Diversität, Redundanz und Puffer seien daher keine Verschwendung, sondern Voraussetzungen für Belastbarkeit.

Investoren sollten vor diesem Hintergrund Bilanzen, Portfolios und Geschäftsmodelle weniger auf lineare Ertragserwartungen als auf Fragilität prüfen. Entscheidend sei nicht, ob ein Modell im Normalfall elegant funktioniere, sondern wie es sich unter Extrembedingungen verhalte. Cash-Reserven, Optionalität, geringe Verschuldung und überschaubare Komplexität gewinnen in diesem Denken an Gewicht. Es gehe darum, Asymmetrien zu erkennen: kleine Nachteile in guten Zeiten können akzeptabel sein, wenn sie vor existenziellen Schäden in schlechten Zeiten schützen.

Und am Ende ... Gold
Auch Gold ordnete Taleb in diesen Zusammenhang ein. Das wachsende Interesse von Zentralbanken und Staaten an Gold interpretiert er als Ausdruck eines Bedürfnisses nach robuster Absicherung in einer Welt, in der Vertrauen in Institutionen, Währungsräume und politische Verlässlichkeit brüchiger geworden ist. Für ihn ist das weniger ein modischer Reflex als ein Signal für eine veränderte Wahrnehmung systemischer Unsicherheit. (hw)

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