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Daniela Schwarzer: Europas Modell gerät von drei Seiten unter Druck

Europas offene Wirtschafts- und Sicherheitsordnung steht laut Daniela Schwarzer unter massivem Anpassungsdruck. Im Rahmen des Institutional Money Kongresses skizzierte die Vorständin der Bertelsmann Stiftung ein Dreieck aus Herausforderungen, in dessen Zentrum sich der Kontinent befindet.

Die Vorständin der Bertelsmann Stiftung, Daniela Schwarzer, hielt auf dem 17. Institutional Money Kongress im Rahmen von "IM Spezial" einen viel beachteten Vortrag. 
Die Vorständin der Bertelsmann Stiftung, Daniela Schwarzer, hielt auf dem 17. Institutional Money Kongress im Rahmen von "IM Spezial" einen viel beachteten Vortrag. © Jose Poblete / Institutional Money

Eckpunkte:

• Europas Sicherheitsordnung ist seit Russlands Angriff auf die Ukraine und dem Rückzug der USA als Schutzmacht fundamental erschüttert.

• Auch geoökonomisch steht Europa unter Druck, weil China und die USA zunehmend als Wettbewerbs- und Abhängigkeitsrisiken wahrgenommen werden.

• Schwarzer sieht Europa dennoch nicht als ohnmächtig, sondern als lernfähigen Akteur, der sein Modell strategisch neu ausrichtet.


Europa erlebt nach Auffassung von Daniela Schwarzer keinen gewöhnlichen Krisenzyklus, sondern einen grundlegenden Ordnungsbruch. In ihrem Vortrag auf dem Institutional Money Kongress 2026 im Rahmen von "IM Spezial" beschrieb sie drei Ebenen, auf denen bisherige Gewissheiten gleichzeitig erschüttert werden. Im Zentrum stehen die europäische Sicherheitsordnung, die wirtschaftliche Ordnung des Kontinents und die demokratisch-rechtsstaatliche Grundlage des europäischen Modells.

Klare Bruchlinie
Am sichtbarsten sei der Bruch im Bereich der Sicherheit. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine sei nicht nur das Völkerrecht verletzt worden. Russland habe sich zugleich aus einer verhandelten europäischen Sicherheitsordnung verabschiedet und Krieg wieder als politisches Mittel auf dem Kontinent etabliert. Hinzu komme der schrittweise Rückzug der USA als verlässlicher Sicherheitsgarant Europas. Während in der ersten Amtszeit Donald Trumps noch über Lastenteilung gesprochen worden sei, gehe es inzwischen um eine tatsächliche Verlagerung von Lasten auf die Europäer. Für die Staaten des Kontinents bedeute das dauerhaft höhere Verteidigungsausgaben und eine strategische Neubewertung der Ukraine.

Immer wieder Geoökonomie
Den zweiten großen Umbruch verortet Schwarzer in der Geoökonomie. Das europäische Modell sei jahrzehntelang davon ausgegangen, dass offene Märkte, Binnenmarktintegration und eine fortschreitende Liberalisierung des Welthandels einander verstärken. Diese Annahme trage nicht mehr. Aus europäischer Sicht seien mit China und den USA ausgerechnet die beiden wichtigsten globalen Partner zu Risikofaktoren geworden. Mit Blick auf China verwies Schwarzer auf wachsenden Wettbewerbsdruck in jenen Sektoren, die in Europa lange als industrielle Kernbereiche galten, von der Automobilindustrie bis zu technologieintensiven Feldern.

Ende der Illusion – es begann mit Biden ...
Auch gegenüber den USA warnte Schwarzer vor Illusionen. Der protektionistische Impuls habe nicht erst mit Trump begonnen. Bereits unter Joe Biden seien mit dem Inflation Reduction Act und dem Chips Act industriepolitische Weichen gestellt worden, die aus europäischer Sicht erhebliche Belastungen erzeugt hätten. Neu sei inzwischen, dass technologische Abhängigkeit von den USA nicht mehr allein als Frage der Wettbewerbsfähigkeit oder Sicherheit gesehen werde, sondern zunehmend auch als demokratisches Risiko. Europa müsse daher seine technologische Souveränität stärken.

Demokratische Dimension
Als dritte Systemdimension nannte Schwarzer die demokratische und rechtsstaatliche Ordnung Europas. Der Binnenmarkt basiere nicht nur auf ökonomischer Integration, sondern auf einem gemeinsamen Rechtsraum, in dem Unternehmen und Investoren auf Verlässlichkeit bauen können. Gerade dieser Rahmen gerate nun unter Druck, weil internationale Rechtsstandards erodierten und externe Akteure gezielt Kräfte innerhalb Europas unterstützten, die liberale und rechtsstaatliche Prinzipien infrage stellten.

Aufruf zu Aktion – statt Resignation
Trotz dieser Diagnose plädierte Schwarzer gegen Resignation. Europa reagiere vielfach zu langsam, beginne aber, sich strategisch neu aufzustellen. Das gelte für Verteidigung, für Energie- und Rohstoffsicherheit, für Industriepolitik und für technologische Kapazitäten. Der Kontinent bleibe damit unter Druck, sei aber keineswegs handlungsunfähig. Entscheidend sei nun, das europäische Modell aus Marktwirtschaft, Rechtsstaatlichkeit und politischer Offenheit aktiv zu verteidigen und weiterzuentwickeln. (hw)

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