Brunnermeier: „Alles abzusichern ist der falsche Ansatz"
In einer von Unsicherheit und Disruptionen geprägten Welt gewinnt Resilienz gegenüber Robustheit an Bedeutung, referierte Professor Markus Brunnermeier auf dem 17. Institutional Money Kongress. Er ermutigte Investoren, gezielt Risiken einzugehen und solche zu vermeiden, die Kipppunkte erreichten.

Eckpunkte:
- Verflechtung von Geopolitik und Finanzen zu „Geofinance“
- Finanzierung von KI-Investionen findet immer mehr über SPVs statt
- Resilienzmanagement statt Risikomanagement
Princeton-Ökonom Professor Markus Brunnermeier erläuterte in seiner Abschluss-Keynote „Strategien für eine neue globale Finanzarchitektur“ auf dem 17. Institutional Money Kongress im Congress Center in Frankfurt den Unterschied zwischen Robustheit und Resilienz und gab Einblicke in die Implikationen von Resilienzmanagement im Unterschied zum Risikomanagement.
Der Leiter des Bendheim Center for Finance an der US-Spitzenuniversität wählte zunächst den Blick zurück auf das stabile, regelbasierte, multilaterale und unipolare System mit den USA als Hegemon und ihrem Safe Asset, den US-Treasuries. Vor diesem Hintergrund identifizierte er drei globale Trends und Disruptionen: Einmal geopolitischer und geoökonomischer Art in Form von „Geofinance“, als zweites demografische Entwicklungen und Bevölkerungswachstum vor allem in Afrika und an dritter Stelle die beiden Technologie-Themen KI und globale Finanzen. Brunnermeier sagt: „Wir bewegen uns in eine neue Weltordnung hinein, die wir noch nicht zu 100 Prozent kennen.“
Geofinance: Politik und Finanzen eng verflochten
Wie hat sich die Welt verändert? Der Hegemon hat lange Zeit das unipolare System getragen, musste von Zeit zu Zeit Verluste hinnehmen, aber profitierte von seiner Position und von Safe Assets sowie der Möglichkeit, jederzeit US-Treasuries zu sehr günstigen Preisen herausgeben zu können. Die große Rivalität zwischen den USA und China deute auf eine neue Weltordnung zwischen zwei Polen hin, bei der sich Europa als Mittelmacht bisher als sogenannte Soft Power versucht und sich auf die Rolle als „Oberster Regulator“ berufen hat statt auf Innovation, erläutert Brunnermeier, der selbst Deutscher ist. Diese Rolle habe sich nun mehr in Richtung militärischer Macht verschoben. „Für die EU, Deutschland insbesondere, gibt es drei Bedrohungen: Militärisch durch Russland, politisch durch die USA und wirtschaftlich durch China.“
„Können Mittelmächte eine eigene regelbasierte Ordnung aufbauen?“, fragte Brunnermeier in seinem Vortrag. Zunächst sei die Versuchung der Mittelmächte groß, „sich der einen oder anderen Seite anzupassen“. Zunehmend komme es zu Verflechtungen zwischen ökonomischer Sphäre und politischer Sphäre, ein Umstand, den der Princeton-Ökonom mit dem Begriff „Geofinance“ belegt.
Herausforderungen durch KI
Eine der Herausforderungen durch KI sieht Brunnermeier in den Investitionsausgaben der Hyperscaler in Rechenzentren, die allein für dieses Jahr 690 Milliarden Dollar ansteigen würden. Hier finde derzeit eine Verschiebung der Finanzierung vom Umsatz hin zu Schulden statt, die Wachstum erfordere. Brunnermeier sieht hier Risiken insbesondere in den Verbriefungsstrukturen über Special Purpose Vehicles (SPVs). Nach der Ausgabe von Bonds seien SPVs derzeit als Finanzierungsform beliebt. Es könnte durchaus sein, dass Wachstum bei den Cashflows stattfinde, aber Brunnermeier sieht in den SPVs derzeit „viel verstecktes Risiko“.
Zudem wies Brunnermeier in seinem Vortrag auf neue Abhängigkeiten von KI auch für den Finanzbereich bin. Allein die Geschwindigkeit der Technologie erfordere eine Auslagerung auf KI-Agenten, was Veränderungen mit sich bringe, zum Beispiel „kann ich als Manager wesentlich mehr Leute managen und als Investor mehr Assets im Portfolio halten". Alles werde wesentlich komplexer. Die Veränderungen würden auch dazu führen, dass Entscheidungen von der KI selbst getroffen werden, weil der Mensch schon allein aufgrund der Geschwindigkeit nicht mehr in der Lage sein werde, alles selbst schnell zu beurteilen, wodurch neue Abhängigkeiten entstünden, was wiederum neue Risiken mit sich bringe.
Investoren sollten Risiken gezielt eingehen
Zum Abschluss seines Vortrags appellierte Professor Brunnermeier an die Investoren, einen Resilienzansatz zu verfolgen, also Resilienzmanagement statt Risikomanagement zu betreiben. Er machte dies sinnbildlich deutlich am Vergleich der Eiche, die für Robustheit steht, mit einem Schilfrohr, das für Resilienz steht. Da die Eiche durch einen Hurrikan zerstört werden kann, sei Robustheit nicht der richtige Weg. Das Schilfrohr erscheine zunächst vermeintlich schwach, habe aber jedoch die Fähigkeit, nach dem Sturm zurückzufedern und sich wieder aufzurichten.
Analog zu diesem Bild ginge es im Resilienzmanagement darum, gezielt Risiken einzugehen und aber solche Risiken zu vermeiden, die zu Kipppunkten führten, aus denen man nicht mehr zurückfedern könne.
Die Tendenz in Europa gehe leider in die Richtung Risiken generell zu vermeiden. Im Risikomanagement sollten sich Investoren vielmehr auf solche Risiken fokussieren, von denen man nicht zurückfedern könne. „Vollkasko: Alles abzusichern ist der falsche Ansatz“, so Brunnermeier.
Auch vermisse er in Europa eine Debatte: „Es wird in Europa in der öffentlichen Debatte zu wenig diskutiert darüber, wie die neue Welt aussehen könnte“, gab Brunnermeier seinem Publikum mit auf den Weg. (de)




