Institutional Money, Ausgabe 3 | 2023
A ngesichts des viel zitierten Krypto-Winters wirken die aktuellen Pläne der EU-Kommission, einen digitalen Euro zu lancieren, leicht aus der Zeit gefallen. So notiert die mit Abstand wichtigste digitale Wäh- rung, der Bitcoin, nach wie vor mehr als 50 Prozent unter den im Jahr 2021 erzielten Rekordwerten. Auch die Nach- richtenlage zu anderen Kryptokonstrukten wie etwa Ether war in den vergangenen Monaten verhalten. Nichtsdesto- trotz hat die Kommission am 28. Juni 2023 ihr „Paket zur einheitlichen Währung“ vorgelegt. Es besteht aus zwei sich ergänzenden gesetzgeberischen Teilen: einem zum rechtli- chen Rahmen für die mögliche Einführung eines digitalen Euro und einem zur Eigenschaft des physisch vorhandenen Euro-Bargelds, also der Banknoten und Münzen, als gesetz- liches Zahlungsmittel. Gemäß dieser Vorschriften würde der digitale Euro das Bargeld ergänzen und der breiten Öffentlichkeit zur Ver- fügung stehen. Als digitale Währung der Zentralbank würde er direkt von der EZB gestützt. Der digitale Euro würde demnach wie eine digitale Brieftasche funktionieren, die es Menschen und Unternehmen ermöglicht, jederzeit und überall im Euro-Währungsgebiet mit ihr zu bezahlen. Die Wallet bestünde neben nationalen und internationalen privaten Zahlungsmitteln wie etwa Kreditkarten, wäre online und offline verfügbar und würde Zahlungen sowie Geldtransfers mit einem möglichst hohen Maß an Privat- sphäre ermöglichen. Stellt sich aber die Frage, wozu man eine Lösung für ein Problem sucht, das möglicherweise gar nicht besteht. Auf ein mögliches handfestes Motiv hat zumindest EZB-Chefin Christine Lagarde im Vorjahr hingewiesen. Demnach könn- te die Union mit einem digitalen Euro dem Vordringen ausländischer Konzerne im europäischen Zahlungsverkehr Paroli bieten, wie Lagarde im November im Rahmen einer Videobotschaft meinte: „Durch die Ausgestaltung von öffentlichem digitalem Geld können wir diesen Entwick- lungen voraus sein.“ Ein zweites Motiv könnten Wohlfahrtsgewinne sein. Sol- che wären durchaus möglich, wenn es nach den Erkenntnissen von Michael Kumhof, Marco Pinchetti, Phurichai Rungcharoenkitkul und Andrej Sokol geht. Die vier Autoren haben in dem Paper „CBDC Policies in Open Economics“, wobei CBDC für Central Bank Digital Cur- rency steht, herausgearbeitet, unter welchen Umständen die Einführung von digitalem Zentralbankgeld möglichst hohe Wohlfahrtseffekte generieren kann, also der gesamten Gesell- schaft zugute käme. Das Paper wurde unter anderem auf den Homepages der BIS, also der Bank für internationalen Zahlungsverkehr, und des Centre for Economic Policy Research (CEPR) publiziert. Rahmenbedingungen Entworfen werden zunächst die Rahmenbedingungen für die Vernetzung der jeweiligen Volkswirtschaft. Festzuhalten ist, dass die Arbeit mit knapp 100 Seiten enorm umfang- reich ist, aber trotzdem nur ein simplifiziertes Zwei-Länder- Modell umfasst. Weitere Kriterien sind die Zinssätze, die in den jeweiligen Volkswirtschaften nötig sind, damit digitales Notenbankgeld neben herkömmlichem Geld existieren kann und seinen höchstmöglichen Nutzen kreiert (siehe Grafik „Optimale Zinslandschaft für möglichst effizientes digitales Zentralbank- geld“) . Wichtig ist auch die Durchdringung des jeweiligen Wirtschaftsraums mit digitalemGeld. Die Autoren machen das in einem Prozentsatz zum BIP fest. Die vorgestellten Modelle sind angesichts der hohen Anzahl an Stellschrau- ben umfangreich. Wir haben vier grafisch herausgegriffen, wobei Modell eins dem aktuellen Zustand einer Volkswirt- Laut einer Studie, die unter anderen von der Bank for International Settlements (BIS) publiziert wurde, hätte die entschlossene Einführung eines digitalen Euro enorme Wohlfahrtseffekte. Die EZB dürfte einen derartigen Ausgang jedoch verhindern. Bauchlandung zu befürchten 106 N o . 3/2023 | institutional-money.com THEORIE & PRAXIS | Digitaler Euro FOTO: © ALEX KRAUS | 2020 BLOOMBERG FINANCE LP » Durch die Ausgestaltung von öffentlichem digitalem Geld können wir diesen Entwicklungen voraus sein. « Christine Lagarde, Chefin der EZB, zum Vordringen ausländischer Konzerne im europäischen Zahlungsverkehr
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