Institutional Money, Ausgabe 3 | 2019

N ach der mehrjährigen Durst- strecke seit Erreichen der historischen Höchstpreise im Jahr 2011 haben Goldbesit- zer seit Mitte des Vorjahres und vor allem im laufenden Jahr Grund zur Freude. Wäh- rend die führenden Aktienindizes wie der S&P 500 oder DAX Mitte September 2019 im Zwölfmonatsrückblick ein Nullsummen- spiel waren, stieg der Goldpreis in US-Dol- lar um rund 25 Prozent, in Euro wurde sogar ein historischer Höchstkurs erreicht. Als Grund für diese gestiegene Nachfrage wurde von den Wirtschaftsmedien und in den Analysen von Finanzhäusern das aktu- elle Angstpaket, bestehend aus Rezessions- ängsten und politischer Unsicherheit, ausge- macht – Gold stelle hier einen zuverlässigen „sicheren Hafen“ dar. Doch ist das tatsächlich so? Ist Gold wirklich eine geeignete „Fluchtwährung“, oder zählt auch diese Annahme zu der langen Reihe von Finanzmythen, die dem Realitätstest nicht standhalten? Bemerkens- werterweise sind wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Gold in jüngerer Vergangenheit relativ rar gesät. Eine plausible Erklärung dafür wäre, dass zuletzt viel Forschungs- aufwand in den vermeintlichen digitalen Goldersatz Bitcoin und andere Kryptowährungen gelenkt wurde. Generell spaltet das Metall die Gemeinde der Investmentexperten. Während ein Teil auf die seit vielen Jahr- hunderten bestehende Zuverläs- sigkeit als Werterhalter ver- weist, betonen andere, dass es aus kaufmännischer Sicht kein vernünftiges Argument für Gold gebe – oder wie Warren Buffett es formulierte: „Es sitzt einfach nur so herum.“ Dennoch dürften derzeit viele Anleger durchaus an der Ant- wort auf die Frage, ob Gold als „sicherer Hafen“ taugt, interessiert sein. Wer hier mehr wissen will, findet gleich mehrere aktuelle Arbeiten, die sich mit dem Thema befassen. Unter anderen haben Levent Bulut von der Valdosta State University und Islam Rizvanoghlu von der University of Houston eine entsprechende Untersuchung mit dem Titel „Is Gold a Safe Haven? International Evidence Revisited“ vorgenommen. Was den Begriff „sicherer Hafen“ betrifft, muss nach Ansicht der Forscher eine Ab- grenzung zu „Hedging-Instrument“ erfol- gen, denn während die Korrelation eines Hedge gegenüber einem anderen Asset generell bei null oder darunter liegt, kommt es bei einem „sicheren Hafen darauf an, dass Null- oder Negativzusammenhänge in Zeiten von extremen Marktsituationen auf- trete“. Zu betonen ist außerdem, dass der Begriff „international“ richtig definiert sein muss. Die Autoren verstehen darunter dezi- diert die „Emerging Markets“. Die Arbeit kommt insbesondere zur rech- ten Zeit, als Argentinien im Sommer wieder einmal in eine veritable Krise geschlittert ist. Sorgen darüber, dass die Wahlen zu einer Rückkehr der verheerenden Wirt- schaftspolitik, wie sie unter dem mittlerwei- le verstorbenen Néstor und dann seiner Frau Cristina Kirchner betrieben wurden, kata- pultieren argentinische Kreditversicherungs- derivate gleichzeitig mit dem Goldpreis in lichte Höhen (siehe Chart „Sicherer Hafen im argentinischen Chaos“) . Zufall ausschließen Das könnte man nun als Momentaufnahme und puren Zufall bezeichnen. Denn tat- sächlich ist die argentinische Wirtschaft zu klein, als dass eine dortige Krise den Gold- markt bewegen könnte. „Aller- dings ist es so, dass die steigen- de Integration der Finanzmärkte dazu führt, dass Aktienmärkte weltweit synchron agieren“, heißt es in der Studie. Im argen- tinischen Fall würde die Argu- mentation also lauten, dass Ver- unsicherung in Europa und den Gold gilt vielen Anlegern in schwierigen Marktphasen als sicherer Hafen. Studien gehen der Frage nach, ob dieser Nimbus zu Recht besteht oder ob das gelbe Edelmetall in manchen Fällen rezessionsbedingte negative Einflüsse auf einzelne Branchensegmente sogar verstärkt. Sicherer Hafen im argentinischen Chaos Mit dem CDS-Anstieg für argentinische Kredite stieg auch der Goldpreis. Die implizite Ausfallswahrscheinlichkeit errechnet sich über den CDS-Markt, dessen Derivate zur Kreditabsicherung dienen. Im Fall Argentiniens haben die Indikatoren auf ein hohes Default-Risiko innerhalb der nächsten fünf Jahre hingewiesen. Quelle: Bloomberg Goldpreis Implizierte Wahrscheinlichkeit argentinische Staatspleite L Juli 2019 August 2019 1.400 1.420 1.440 1.460 1.480 1.500 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % FOTO : © COS T E L LO7 7 | S TOCK . ADOB E . COM » Ein Vermögenswert ist dann ein sicherer Hafen, wenn er in extremen Marktsituationen eine Null- oder Negativkorrelation ausweist. « Levent Bulut, Department of Economics and Finance, Valdosta State University Kratzer im Glanz 170 N o. 3/2019 | www.institutional-money.com P R O D U K T E & S T R A T E G I E N : S CHWE RPUNK T GOLD I | S T RAT EG I E

RkJQdWJsaXNoZXIy ODI5NTI=