Institutional Money, Ausgabe 3/2026
94 3/2026 | institutional-money.com INTERVIEW Marcel Lähn und Heinz-Werner Rapp EntwicklungsszenarienderkünstlichenIntel- ligenz gelten neun als problematisch, in nur etwa einemvon zehn behält derMensch am Ende wirklich die Kontrolle. Diese Relation ist,extremvorsichtigausgedrückt,ungünstig. Bleibt in dieser Entwicklung überhaupt noch Raum für genuin menschliches Urteilsvermögen? MARCEL LÄHN: Genau diese Frage habe ich vor rund zwei Wochen einem der füh- renden Professoren auf diesem Gebiet gestellt. Seine Antwort war letztlich ein Plädoyer für unseren Ansatz als Haus: Das sogenannte Unknown Unknown, also das, was selbst die fortschrittlichste künst- liche Intelligenz heute noch nicht erklären kann, lässt sich derzeit nicht automatisie- ren. Genau an dieser Schnittstelle bleibt ein Teilbereich, der von künstlicher Intelligenz nichtabgedecktwird,jedenfallsnichtheute. Für uns als Haus, das die Komplexität der Welt herunterbricht und anvertraute Kun- dengelder in die Zukunft investiert, liegt genau darin unsere Existenzberechtigung, nämlich diesen nicht erklärbaren Rest ver- antwortungsvoll einzuordnen. Wie verändert die Kombination aus KI undQuantencomputing diesesBild noch einmal? HEINZ-WERNER RAPP: Das ist defini tiv der nächste Gamechanger. Wenn man künstliche Intelligenz und Quantencom- puter zusammen denkt, entsteht eine Entwicklungsebene, der unser menschli- ches Gehirn, das sich evolutionär nur in Zeiträumen von hunderttausenden Jahren weiterentwickelt, schlicht nicht mehr fol- gen kann. Positiv gewendet sind dadurch enorme Fortschritte möglich, neue Indus- triewerkstoffe, neue Krebsmedikamente, ganze Entwicklungssprünge in vielen Anwendungsfeldern. Die Risikoseite ist aber ebenso enorm, und ich denke, heute kann kein einziger der großen KI-Akteure ernsthaft behaupten, das vollständig unter Kontrolle zu haben. Die Nachrichtenlage beweist jeden Tag eher das Gegenteil. Welche konkreten Sicherheitsrisiken sehenSiedadurchetwafürBankenoder Kryptowerte? HEINZ-WERNER RAPP: Wir haben uns in den letzten Monaten häufiger über die Frage unterhalten, wann Quantencomputer aufgrundihrerLeistungsfähigkeitbestehende Sicherheitssystemeauflösenkönnen.Nehmen Sie eine beliebige Bank hier in Deutschland miteinerKontozugangsverschlüsselungüber ein Zwei-Faktor-Verfahren mit Zufallsgene- rator. Ein ausgereifter Quantencomputer braucht dafür nur wenige Sekunden. Die relevante Kryptoindustrie hat das Problem immerhinerkannt,führendeKöpfewieVita- likButerinbei Ethereumarbeiten seit Jahren daran, ihre Blockchains quantensicher zu machen. Klassische Finanzinfrastruktur, aber auch militärische und diplomatische Kommunikation hinken dagegen deutlich hinterher. Und hier liegen Risiken, die für Investorenheutekaumsichtbarsind,unsaber auf einer ganz anderen Ebene noch beschäf- tigenwerden. Ichhoffe, dass solcheAnalysen wieunserealseineArtWeckrufwirken,denn realistisch wird dieses Thema schon gegen Ende des Jahrzehnts hoch akut. Verzweifelt man als CIO nicht manch- mal an der Erkenntnis, dass klassische Lehrbuchmodelle plötzlich versagen und Korrelationen sich umkehren? MARCEL LÄHN: Ich bin zuallererst Opti- mist. Deshalb glaube ich daran, dass sich da, wo Herausforderungen entstehen, meis- tens auch Chancen ergeben. Ich habe selbst überHedgefonds,BankenundFinanzkrisen promoviert und neun Jahre lang Banking, Finance und Makroökonomie gelehrt mit einem sehr quantitativen Ansatz. Meine Studenten habe ich mit Black-Scholes und Markowitz-Portfoliooptimierung traktiert. 1996 musste ich dann miterleben, wie zwei NobelpreisträgerimUmfeldvonLTCMeinen dergrößtenHedgefonds-Kollapseüberhaupt mitverantworteten, weil ihre Value-at-Risk- Modelle auf falschenAnnahmenzu stabilen Korrelationen beruhten. Seither bin ich geheilt.AuchklassischeWechselkursmodelle mit Zins- undKaufkraftparitäten erreichten inderPraxisoftnichteinmal50ProzentPro- gnosegüte. Meine Modelltreue hat seither deutlich abgenommen, das grundsätzliche Denken in Zusammenhängen bleibt aber wertvoll. Entscheidend ist für mich immer die Frage, in welchem Marktsystem ich michgeradebefindeundobeinebestimmte Annahme dort überhaupt noch gilt. Gibt es trotz aller Umbrüche noch „ewige Wahrheiten“? HEINZ-WERNER RAPP: Ja, ich würde die verhaltenswissenschaftliche Basis nen- nen, also Behavioral Finance, die auch tief in der Gründung unseres Instituts veran- kert ist. Regime an den Märkten werden immer wieder durch Emotionen gelenkt, Im Abwärtssog Anteil des US-Dollars an den globalen Zentralbankreserven Kein gutes Zeichen: Die Notenbanken weltweit räumen dem US-Dollar einen immer geringeren Anteil an ihrenWährungs- und Goldreserven ein. Innerhalb eines Vierteljahrhunderts ist sein Anteil von fast 65 Prozent auf inzwischen unter 40 Prozent gesunken. Quelle: Quantex/Bloomberg 35% 40% 45% 50% 55% 65% 60% 30% 25% 1995 2000 2005 2010 2015 2020 2025
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