Institutional Money, Ausgabe 3/2026
Foto: © Christoph Hemmerich 90 3/2026 | institutional-money.com INTERVIEW Marcel Lähn und Heinz-Werner Rapp Fence-Sitter-Staaten wie die Türkei, Saudi-Arabien oder Indien? HEINZ-WERNER RAPP: Unsere These ausdemJahr2020hatsichimKernbestätigt: Die Welt ordnet sich in zwei Hemisphären, eine rund um die Vereinigten Staaten, die andere rund um China und den globalen Süden. Neu ist allerdings, dass sich die USA unter Trump inzwischen sogar von Kanada und Mexiko abgrenzen, das hatten wir damals so nicht auf dem Schirm. Fence Sitter wie die Türkei, Saudi-Arabien oder bis zu einem gewissen Grad Indien genießen den Luxus, nicht fest in einen Block einge- woben zu sein. Sie können abwarten, wo das Gras gerade grüner ist, und mit beiden Seiten Geschäfte machen. Das ist geopoli- tisch wie ökonomisch eine sehr spannende Nische für genauere Beobachtungen. Und wo steht Europa in diesemSpiel?Mit Sicher- heit inkeiner gutenPosition, und jeweniger geschlossen es auftritt, desto weniger hat es mitzureden.EineeinfachePrognosekannich dazu ehrlich gesagt nicht abgeben. Heißt das eventuell imUmkehrschluss sogar: mehr Kapital nach Europa und Deutschland? MARCEL LÄHN: Wir hatten im Mai dieses JahresdasPrivileg,mit großenUnter- nehmerfamilien über genau diese Frage zu sprechen, ob jetzt nicht der Zeitpunkt gekommen sei, stärker in Deutschland und die jüngere Unternehmerszene zu investieren. Solange ich als global ausge- richteter Investor primär nach Wachstum und Innovation suche, liegen bei uns wei- terhin eher die Vereinigten Staaten und China vorn. Das Bild verschiebt sich aber, wenn wir das Puzzle zusammenset- zen: Weil die Bewertungen im KI-Bereich und bei Hyperscalern extrem hochgelau- fen sind, werden auf der Selektionsebene plötzlich eher vernachlässigte traditionel- lere Sektoren wieder interessant, Banken etwa oder die Finanzdienstleistungsin- dustrie und mit ihnen auch Europa und Deutschland. Hinzu kommt, dass wieder verstärkt Kapital und Humankapital aus dem angelsächsischen Raum zurückfließt unddurchhöhereVerteidigungsinvestitio- nen ein längerfristiger struktureller Shift entsteht. Das ist für uns aber nicht die pri- märe Wachstumsstory, sondern eher eine Bewertungsfrage. Trump hat mit Kevin Warsh eine neue Fed-Spitzeinstalliertunddieklassische Forward Guidance infrage gestellt. Wie schätzen Sie diesen Umbruch ein? HEINZ-WERNER RAPP: Dass Trump die Unabhängigkeit der Fed unwiderruf- lichangreifenwill,istunbestritten,dasspürt man deutlich. Mit KevinWarsh hat er nun jemanden auf dem Posten platziert, und wirwissenallenochnicht genau, obdas ein reinerBefehlsempfängeristoderjemandmit einem eigenen, andersartigen Ansatz. Wir neigen dazu, Letzteres anzunehmen, mit potenziell noch größeren Konsequenzen, als wennTrumpmorgen einfach eine Zins- senkung befehlen würde. Im sogenannten Project2025,dasalseineArtWahlplattform diente, findensichdurchauskonkrete Ideen dazu,wasmanmitderFedeigentlichvorhat. MARCEL LÄHN: Ich denke, ein abschlie- ßendesUrteilwäreimMomentnochzufrüh. WirbefindenunsgeradeineinerÜbergangs- phase: Kevin Warsh hat sich mehrfach klar von jeder Forward Guidance verabschiedet, wie sie unter seinen Vorgängern jahrelang selbstverständlichwar.Das erschwert unsere Arbeitzusätzlich,weildiegewohnteOrientie- rung fehlt oder sich zumindest grundlegend verändert gerade in einer Phase, inder ohne- hin schon vieles unsicher ist. Wir müssen jetzt umso genauer beobachten, was tatsäch- lich passiert und entschieden wird, statt uns wie früher auf AnkündigungenundSignale derNotenbankverlassenzukönnen.Dasver- langt von uns als Investoren ein Stückmehr Wachsamkeit imTagesgeschäft. Wie hat sich diese Gemengelage kon- kret in Ihrer Portfoliopositionierung niedergeschlagen? MARCEL LÄHN: Wir sind mit einer starken Übergewichtung aktienähnlicher Risiken ins Jahr 2026 gestartet, dazu mit einer relativ hohen Position in Rohstoffen und Edelmetallen, vor allem Gold, sowie in Digital Assets. Mit Ausbruch des Iran- konflikts haben wir zunächst an dieser Positionierung festgehalten, auch wenn es in diesem Zusammenhang zu signifikan- ten und sichtbaren Marktbewegungen gekommen ist. Die Märkte haben sich dann aber schneller erholt, als wir erwar- tet haben. Inzwischen bauen wir die Übergewichtung von Hyperscalern und Halbleitern schrittweise ab und gehen stärker in Selektion, sprich Energieinfra- struktur, die die Datencenter versorgen muss, traditionelle Banken und Finanz- werte, aber auchEuropa undDeutschland, die bei uns eher untergewichtetwaren. Für das zweite Halbjahr rechne ich eher mit einer ungemütlichen Konstellation aus hohenBewertungenund schwelendenLie- ferengpässen, denndie Straße vonHormus dürfte geschlossen bleiben, und die globa- len Öllagerbestände sind niedrig. Deshalb positionieren wir uns aktuell eher neutral und breit diversifiziert. Die großen Indizes laufen trotz Kon- zentrationsrisiken erstaunlich robust. Leben wir noch in einer rationalen Bewertungswelt, oder ist das schonein Narrativ-Overdrive? HEINZ-WERNER RAPP: Ich würde eindeutig von einem Narrativ-Overdrive sprechen, zumindest beim Thema künst- liche Intelligenz. Im Moment wird der gesamte Sektor von der Idee getrieben, jeder müsse maximal investieren, um die Chance auf den ganz großen Gewinn zu wahren. Das ist wie eine Lotterie, bei der am Ende nur einer wirklich gewinnt und dieanderen ihreEinsätzeverlieren.Wasmir zusätzlichSorgenmacht,sinddiesogenann- ten Zirkulargeschäfte zwischen einzelnen Anbietern, bei denen man sich gegenseitig Aufträge zuschiebt und dabei kräftig Leverage einsetzt. Das erinnert mich an die New-Economy-Blase im Jahr 2000, als man ausblendete, dass viele hohe Gewinne nur deshalb entstanden, weil Personalkos- » Ein Regimewechsel ist geopolitisch klar erkennbar, aber die Lage ist komplizierter, als die simple Formel manchmal suggeriert. « Heinz-Werner Rapp, Feri Cognitive Finance Institute
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