Institutional Money, Ausgabe 3/2026
Foto: © Christoph Hemmerich INTERVIEW Marcel Lähn und Heinz-Werner Rapp 88 3/2026 | institutional-money.com MARCEL LÄHN: Ich komme aus einer Welt, die vergleichsweise einfach war: Ost gegen West, eine bipolare Weltordnung mit klaren Spielregeln. Dann fiel ein Pol weg, und wir hatten eine Phase der Domi- nanzderVereinigtenStaatenbei gleichzeitig schrumpfendemRusslandundeinemimmer stärkerwerdendenChina. IneinemSatzaus- gedrückt:Wirlebenfürglobaldenkendeund handelnde Investoren in einemZeitalter der zunehmenden Dominanz Chinas und der künstlichen Intelligenz. Die Schwierigkeit besteht darin, sich zu bewegen, während sich diese bipolare, unilateral geprägte Ord- nung in eine multipolare verschiebt – mit echten tektonischen Plattenverschiebungen im Hintergrund. Der dominante Konflikt dabei bleibt aber der zwischen denVereinig- ten Staaten undChina. Welche geopolitischen Brennpunkte stehen bei Ihnen ganz oben auf dem Risikoradar? HEINZ-WERNER RAPP: Ganz oben steht dieArktis beziehungsweise Grönland. Das Thema war eine Zeit lang vom Iran- konflikt überlagert, doch Trump hat es beim NATO-Gipfel in Ankara wieder aufgegriffen. Es geht dabei umeinegeopoli- tische wie geoökonomische Konstellation rund um Ressourcenkonflikte. Und die Art, wie die USA damit umgehen, belastet dasVerhältnis zudeneuropäischenNATO- Partnern erkennbar, aus meiner Sicht dauerhaft. Der zweite große Brennpunkt ist Taiwan, zusammenmit dem Südchine- sischenMeer insgesamt.Chinaverfolgt hier einen klaren strategischen Plan zur Domi- nanz und wird, davon bin ich überzeugt, einenWegfinden, seineZiele zu erreichen, ob durch faktische Unterordnung oder im äußersten Fall militärisch. Länder wie Australien oder die Philippinen berichten bereits von zunehmenden Spannungen. Solltedort tatsächlichetwas passieren,wäre das angesichts der Bedeutung Taiwans für die weltweite Chipindustrie eine Eskala- tion, die das, was wir gerade an der Straße von Hormus erleben, um ein Vielfaches übersteigen würde. WasbedeutetdiesesTaiwan-Risikokon- kret für die Kapitalanlage? MARCELLÄHN: FürunsistdieFragenicht, obTaiwananChinafällt,sondernwannund wie. Das bedeutet, dass wir bei einemWert wie Taiwan Semiconductor einen politi- schen Risikofaktor mit einpreisen müssen, wasdurchausBewertungsabschlägerechtfer- tigen kann. Seit einigen Jahren beobachten wirzudem,wiedieUSAversuchen,dieeigene Halbleiterfertigung wieder aufzubauen, um ihreAbhängigkeitvonTaiwanzureduzieren. Es ist also durchaus denkbar, dass Taiwan amEnde sogar ohnemilitärische Eskalation faktischTeilChinaswird,sobalddieamerika- nischenInteressenanderweitiggesichertsind, etwa durch einenwirtschaftlichenDeal. Für uns als Investor bedeutet das, dass wir näher ansolchenEntwicklungendranseinmüssen, umimZweifeldeutlichschnellerreagierenzu können,mitRisikoindikatoren,diediesepoli- tische Ebene systematischmit einbeziehen. Verschiebt sich durch diese Block- bildung der Fokus auf sogenannte HEINZ-WERNER RAPP Heinz-Werner Rapp ist Ökonom, Kapitalmarkt- experteundGründersowieLeiterdesFeriCognitive FinanceInstitute,daser2016alsForschungszentrum derFeri-Gruppegegründethat.Bereitsseit 1995für Feri tätig, gehörte er von 2006 bis Ende 2023 als Vorstand und Chief Investment Officer (CIO) dem ManagementBoardanundverantwortete 17Jahre dieAnlagestrategie der Gruppe. An der Universität Mannheimstudierte erWirtschaftswissenschaften und promovierte über psychologisch geprägtes Anlegerverhalten,einfrüherBeitragzurBehavioral- Finance-Forschung. Darauf aufbauend entwickelte Rapp die „Cognitive Finance“-Theorie, einen inter disziplinären Ansatz aus Ökonomie, Psychologie und Komplexitätstheorie. Das Institut versteht sich als Ideenlabor undThinktank fürUnternehmer und Investoren.AlsAutorzahlreicherFachpublikationen ist Rapp zudem gefragter Kommentator zu geo politischen und makroökonomischen Themen.
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