Institutional Money, Ausgabe 3/2026
PRODUKTE & STRATEGIEN Nachhaltigkeitstransformation 220 3/2026 | institutional-money.com gegenüber Kirchen, Stiftungen und ande ren werteorientierten Anlegern.“ Ausstiege aus Bündnissen Indes kam es bei einigen Nachhaltigkeits bündnissen zum Mitgliederschwund. 2023/24 traten mehrere große Häuser aus der Net Zero Asset Managers Initiative (NZAM) aus: J.P. Morgan AM, State Street Global Advisors, Invesco und teilweise auch Schroders. Als Begründung lässt sich ver nehmen: „Die Vorgaben sind politisch aufgeladen und operativ kaumumsetzbar.“ Auch die Net Zero Insurance Alliance (NZIA) verzeichnet Austritte. 2023 verlie ßen fast alle großen Versicherer das Bündnis: Allianz, Munich Re, Swiss Re, Zurich, Axa. Die Begründung: „Kartell rechtliche Risiken und politische Angriffe machen eine Mitgliedschaft unmöglich.“ AuchBanken reduzierten ihre Verpflichtun gen und treten aus der Net Zero Banking Alliance (NZBA) aus. Ein britischer Banker sagt dazu: „Wir können keine Klimaziele versprechen, die regulatorisch oder geopoli tisch nicht haltbar sind.“ Graeber sieht aber auch eine Tendenz zu einer Jetzt-erst-recht-Mentalität: „Unter pas sioniert nachhaltigen InvestorInnen spüren wir vor dem Hintergrund des breiteren ESG-Backlash eine Jetzt-erst-recht-Mentalität. Der Fokus liegt ganz klar auf gemeinsa men Initiativen, um über eine Koalition von Willigen etwas entgegenzusetzen. Dabei sind gemeinsame Engagements ein probates Mittel.“ Er verweist auf Investo rengruppen, die weiterhin sehr strikte Ausschlusskriterien verfolgen, oft deutlich strenger als die SFDR-Mindestanforderun gen: „Kirchen, kirchliche Einrichtungenund Orden beispielsweise orientieren sich am EKD-Leitfaden. Aber auch Stiftungen mit klaren Satzungszwecken und bestimmte Pensionskassen und Versorgungswerke haben für sich strenge Ausschlüsse defi niert.“ Er ergänzt: „Viele Investoren schätzen Investitionsmöglichkeiten, die klar und nachvollziehbar einen Nachhaltigkeitsnut zen bringen. Hierzu zählen beispielsweise Investitionen in Erneuerbare-Energien-Pro jekte oder Wärmenetze mit regenerativen Energiequellen.“ Auch Waske sieht weiterhin Enthusiasmus für ethisches Investieren: „Investieren nach ethischen Maßstäben ist ja keine Erfin dung des 21. Jahrhunderts. Kirchliche beziehungsweise religiöse Investoren sind ein bekanntes Beispiel. Arete Ethik Invest investiert seit 1995 für ihre Kunden aus schließlich ethisch, und das wird auch so bleiben. Wir nutzen dabei nicht nur Aus schlusskriterien.“ Sie erklärt das Vorgehen: „Jeder einzelne Titel in unseren Portfolios wird von einem wissenschaftlichen Ethik- Komitee diskutiert, und es ist das Komitee, das entscheidet, ob ein Titel ins Anlageuni versum aufgenommen wird. Schließt ihn das Ethik-Komitee aus, darf nicht investiert werden. Das heißt aber nicht, dass wir Argumente, die für eine Aufnahme spre chen, nicht geprüft haben. Es bedeutet, dass ein vernunftgeleitetes, wissenschaftliches Abwägen aller Argumente eine Aufnahme ins Universum nicht gestattet hat.“ Was institutionelle Investoren jetzt tun können Trotz der Enthusiasten gibt es auch Inves toren, die am liebsten den Rückwärtsgang einlegen würden, dies aber nicht öffentlich tun können. Für sie gibt es Strategiemög lichkeiten, die dennoch denkbar sind: • ESG-Strategie entpolitisieren: klare Kriterien statt moralischer Debatten. • Flexibilität einbauen: Es werden neue SFDR-Labels kommen, die breiter aus legbar sind. • Engagement stärken: Stärkerer Fokus auf die aktive Einflussnahme anstatt auf starre Ausschlüsse. Womöglich ver ändern starre Ausschlüsse weniger als begleitende Einflussnahme. • Definition einer Exitstrategie: Wer seine ESG-Ziele reduzieren möchte, braucht neben einer klaren Kommunikation auch abgestimmte Mandatsänderungen und eine konsistente Reporting-Logik. Viele Profiteure Dass es bei vielen Einrichtungen nicht zum Exit aus dem Nachhaltigkeitsstreben kommt, muss nicht ausschließlich morali sche Beweggründe haben. Es liegt auf der Hand, dass es viele Profiteure der Nach haltigkeitsbewegung gibt: Datenanbieter verkaufen neue Datensets, Asset Manager managen ESG-Fonds, Konferenzorganisa toren bieten Events zumThema an, Medien berichten darüber und verkaufen Anzeigen, Akademien bilden entsprechende Experten aus, und Consultants und Anwälte haben ein neues Themenfeld, das genügend Komplexität bietet. Nicht zu vergessen die vielen attraktiven Stellen, die bei den Unternehmen eingerichtet wurden. Wel cher Nachhaltigkeitsbeauftragte würde schon gern das Thema Nachhaltigkeit in die Versenkung schicken? Angesichts dieser zahlreichen Profiteure stehen viele Kräfte gegen die Abschwächung des The mas. Allenfalls mit einer Abwandlung lässt es sich leben, zumal diese das Potenzial hat, wieder weitere Arbeiten und Aufträge zu generieren. Als Fazit bleibt: Der Nachhaltigkeitsbegriff hat sich in den letzten noch nicht einmal zehn Jahren fundamental verändert: von moralisch zu strategisch; von Ausschluss zu Transition; von Idealismus zu Risiko management; von statisch zu geopolitisch. Und das Thema hat – neben dem Plane ten – viele Profiteure. » Nachhaltiges Investieren dient der Risikosteuerung. Kein Investor möchte auf Anlagen sitzen, die nicht zukunftsfähig sind. Es gilt, Stranded Assets in den Portfolios zu verhindern. « Ratana Tra, Senior Investment Director im Bereich Sustainable & Impact Investing bei Cambridge Associates ANKE DEMBOWSKI
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