Institutional Money, Ausgabe 3/2026

PRODUKTE & STRATEGIEN Nachhaltigkeitstransformation 218 3/2026 | institutional-money.com Wenn es einen Strategie-Drift gibt, stellt sich die Frage: Passt dieser Fonds mit seiner neuen Strategie noch zur Zielsetzung des Kunden? Falls nicht, sollte er konsequent ausgetauscht werden.“ Geopolitische Realität Auch die geopolitischen Umbrüche der letzten Jahre haben dazu geführt, dass Nachhaltigkeitskonzepte anders gesehen werden als zuvor. Viele Ausschlusslisten wirken plötzlich unzeitgemäß, wenn es um Rüstung, Energie oder kritische Rohstoffe geht. Angesichts der politischen Realität kam es 2023 zur Öffnung für Rüstungs- unternehmen in Artikel-8-Fonds. AnjaMikus, Vorstandsvorsitzende undCIO des KENFO – Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung, erklärt im Interview (in diesem Heft): „Waffen sind für uns nicht nachhaltig, aber die geopoli- tische Lage hat sich stark verändert, und Verteidigungsfähigkeit wird als Notwendig- keit angesehen. Dafür sind umfangreiche Investitionen in Rüstung erforderlich. Das kannman als Staatsfonds nicht ignorieren. Deshalb können wir seit Mai dieses Jahres unter bestimmten Voraussetzungen in Rüs- tungsunternehmen aus Europa investieren.“ Waske sieht das anders: „Solange Kriege weit weg sind und die Wirtschaft läuft, ist ein Wertediskurs ein Luxus, den man sich gönnen kann. Kommt der Krieg vor die Haustür und steht eine größere wirtschaftli- che Umwälzung an, wird derWertediskurs essenziell.“ Sie findet, dass die Themen Verteidigung und Rendite derzeit wie ein Brennglas wirken: „Will ich mit meinen Investments verantworten, dass Menschen getötet werden? Wohl kaum. Kann ich sicherstellen, dass das nicht passiert? Dass sich dieseWaffen irgendwann buchstäblich und im übertragenen Sinne gegen mich selbst richten? Nein. Ein Dilemma. Wenn ichmich inmeinen Investments aber nicht selbst klar dazu positioniere, dann wird es derjenige tun, der mein Geld für mich verwaltet – nur ohne dass ich selbst noch Einfluss darauf ausüben kann.“ Tra beobachtet, wie die Region und die jeweilige geopolitische Lage beim Narrativ für Nachhaltigkeitsthemen eine Rolle spielen: „Beispielsweise spielen in Europa Ressourcensicherheit, Energieautarkie und Sicherheit der Lieferketten eine größere Rolle. Diese Ausweitung liegt daran, dass wir in Europa eher ressourcenarm sind.“ Ein Produktbeispiel, das zu diesemStreben nach Resilienz und Unabhängigkeit passt, ist der Fonds UniThemen Europäische Autonomie, der im April 2026 aufgelegt wurde. Die Strategie investiert in Unter- nehmen, die die wirtschaftliche und technologische Souveränität Europas stär- ken. Nicht nachhaltig, aber nah amThema. Schwieriger Ausstieg Trotz der an vielen Stellen geänderten Sicht- weise bleibt es ein schwieriges Unterfangen, in Sachen Nachhaltigkeit den Rückwärts- gang einzulegen. Zum einen, weil viele institutionelle Mandate langfristig ESG- gebunden sind und ein Ausstieg den Gremien schwer zu vermitteln wäre. In der Öffentlichkeit könnte ein sichtbarer ESG-Rückzug als „Abkehr von Verantwor­ tung“ interpretiert werden und wäre bei schlechter Kommunikation womöglich toxisch. Außerdem wurden inzwischen viele Investmentprozesse so tief in ESG- Daten und -Screening-Tools integriert, dass eine Entfernung operativ ein komplexes Unterfangen würde. Änderung der Strategie Trotz aller Schwierigkeiten beim Zurück- rudern gibt es konkrete Beispiele, wie Investoren ihre ESG-Strategien geändert haben – nicht nur still und leise, sondern auch öffentlich. Beispielsweise zog sich der niederländische ABP aus seinen strengen Klimazielen zurück. Während der Pen- sionsfonds 2021 noch den vollständigen Ausstieg aus fossilen Energien ankündigte, erfolgte 2023/24 die Korrektur: Fokus auf Transition und Engagement statt Divest- ment. ABP erklärte: „Ausschlüsse allein bringen die Welt nicht voran. Wir müssen Unternehmen beim Wandel begleiten.“ PFZW, einer der größten Pensionsfonds der Niederlande, reduzierte 2023 seine Ausschlusslisten, insbesondere bei Öl- und Gasunternehmen. Das Management begründet: „Wir haben gelernt, dass strikte Ausschlüsse nicht immer die beste Wir- kung erzielen.“ Der Versicherer KLP aus Norwegen lockerte 2024 seine Aus- schlüsse im Bereich Verteidigung und begründet: „Sicherheit ist ein Teil der Nachhaltigkeit. Das war früher nicht Teil des ESG-Diskurses.“ Graeber sieht hier auch Opportunismus der Regulatoren: „Es gibt eine gewisse Ten- denz zur Opportunität – im Sinne von: „Was politisch und ökonomisch gewollt ist, wird nachträglich als ‚nachhaltig‘ geframt.“ Ihm sind zwei Punkte wichtig: „ESG ist kein statisches Konzept: Klimakrise, Krieg, Lieferkettenprobleme – all das verändert die Diskussion. Dass Regulierung diese Dynamik widerspiegelt, ist legitim.“ Sei- ner Meinung nach liegt das Problem in der Kommunikation: „Wenn nahezu alles unter ‚Nachhaltigkeit‘ fällt, fehlt die Dif- ferenzierung. Hier sind aus unserer Sicht klare, mehrstufige Label wie in der über- arbeiteten SFDR (Transition, Sustainable und Basic) sinnvoller.“ Die Konsequenz für sein Haus: „Wir erfüllen die Regulatorik auf Grundlage unserer Nachhaltigkeitsstra- tegie, der wir treu bleiben. Diese Klarheit und Beständigkeit sind wichtig, um keine Glaubwürdigkeit zu verlieren – gerade » Unter passioniert nachhaltigen InvestorInnen spüren wir vor dem Hintergrund des breiteren ESG-Backlash eine Jetzt- erst-recht-Mentalität. Der Fokus liegt ganz klar auf gemeinsamen Initiativen, um über eine Koalition von Willigen etwas entgegenzusetzen. « Bernhard Graeber, Geschäftsführer und Leiter Real Assets bei EB-SIM, dem Asset Manager der Evangelischen Bank

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