Institutional Money, Ausgabe 3/2026

PRODUKTE & STRATEGIEN Quanten-Gefahr 198 3/2026 | institutional-money.com bereits offengelegt. Könnte ein leistungs- fähiger Quantencomputer daraus den zugehörigen privaten Schlüssel errechnen, wären die betreffenden Bestände grund- sätzlich angreifbar. „Gerade ältere Bitcoin-Wallets arbeiten teilweise noch mit kryptografischen Verfahren, die durch leistungsfähige Quantencomputer angreif- bar werden könnten“, sagt Rapp. Das Beispiel macht deutlich, worum es bei Quantensicherheit geht: nicht nur um die Vertraulichkeit alter Daten, sondern im Extremfall auch um die Verfügungsgewalt über Vermögenswerte. Quantensicherheit ist damit längst mehr als ein IT-Projekt einzelner Häuser. Am Q-Day entscheidet sich nicht nur, wer selbst vorbereitet ist – sondern auch, ob die Systeme, mit denen er verbunden ist, den Sprung ins Post-Quantum-Zeitalter geschafft haben. Die glänzende Seite der Medaille Ausgerechnet die Technologie, gegen die sich die Finanzbranche mit erhebli- chem Aufwand schützen muss, könnte ihr selbst große Vorteile bringen. Quan- tencomputer versprechen insbesondere bei komplexen Optimierungsproblemen neue Möglichkeiten. FERI sieht imFinanzsektor Potenzial etwa bei Portfoliooptimierung, Risikomanagement und Betrugserken- nung. Komplexe Risikoszenarien könnten schneller simuliert und Anlagestrategien effizienter optimiert werden. Dass dies mehr ist als ein theoretisches Forschungsfeld, zeigt JPMorgan. Die Bank forscht bereits an Quantum- Anwendungen für Portfoliooptimierung, Optionsbewertung, Risikoanalyse und Fraud Detection. Im Juni 2026 kün- digte sie zudem gemeinsam mit OQC und AMD ein Forschungsprojekt in Lon- don an, bei dem Quanten- und klassische Hochleistungsrechner für konkrete Finanz- anwendungen kombiniert werden sollen. Wann daraus ein wirtschaftlicher Vorteil gegenüber klassischen Hochleistungsrech- nern entsteht, ist allerdings offen. Noch begrenzt die Leistungsfähigkeit heutiger Quantenhardware den praktischen Einsatz. JPMorgan selbst beschreibt Portfolioopti­ mierung zwar als vielversprechenden Anwendungsfall, verweist aber zugleich auf die erheblichen Beschränkungen aktu- eller Systeme. Damit steht die Finanzbranche vor einer ungewöhnlichen Doppelaufgabe. Sie muss sich heute vor einer Technologie schützen, die sie morgen selbst nutzen will. JPMor- gan bringt diesen Widerspruch auf den Punkt: „Quantencomputing ist Chance und Bedrohung zugleich – aber es ist die Bedrohung, die sofortige Aufmerksam- keit erfordert.“ Für Investoren eröffnet sich zugleich ein neues Technologiefeld. FERI verweist auf mögliche Profiteure entlang der Wert- schöpfungskette – von Hardware und Software bis zu Anwendungen und IT- Sicherheit. FERI nennt unter Verweis auf McKinsey für den weltweiten Quanten- computing-Markt 2035 Schätzungen von 28 bis 72Milliarden US-Dollar. Neben spe- zialisierten Anbietern investieren zudem Technologiekonzerne wie IBM, Google, Microsoft oder Amazon massiv in das Feld. FERI weist allerdings auf erhebliche Investmentrisiken hin: Noch sei unklar, welche Plattformen sich durchsetzen und welche Geschäftsmodelle sich als tragfähig erweisen werden. Für die Finanzbranche ist die Priorität ohnehin klarer. Sie kann darauf warten, bis Quantencomputer bei Port­ foliooptimierung oder Risikomodellen einen nachweisbaren Vorteil bringen. Bei der Sicherheit ihrer Daten und Systeme hat sie diesen Luxus nicht. Denn eine Migra- tion, die erst am Q-Day beginnt, kommt definitionsgemäß zu spät. Genau darin liegt das Paradox des Angriffs aus der Zukunft: Niemand weiß, wann die Maschine existieren wird, die heutige Verschlüsselungstechniken tatsächlich bre- chen kann. Doch sensible Daten können bereits vorher in die Hände potenziel- ler Angreifer gelangen, und der Umbau einer über Jahrzehnte gewachsenen Finanzinfrastruktur braucht Zeit. Die BIZ fordert deshalb einen systematischen Übergang zu quantensicheren Verfahren und sieht darin zugleich die Chance, die Widerstandsfähigkeit der Finanzinfra- struktur grundsätzlich zu erhöhen. Ihre Schlussfolgerung fällt ungewöhnlich unmissverständlich aus: „Die Zeit zu han- deln ist jetzt.“ DAVID VERBEEK Millionen Bitcoin könnten angreifbar werden Rund sieben Millionen Bitcoin gelten bei einem Quantenangriff als ungeschützt. Laut einer von LBBW Research zitierten Google- Analysewären rund siebenMillionenBitcoin durch einenQuantenangriff gefährdet. Bei etwa 13Millio- nenBitcoin ist der öffentliche Schlüssel noch nicht offengelegt, sodass dieser Angriff dort zunächst nicht möglich wäre. Quelle: Google, LBBW Research Auf der langen Bank Schweizer Institute überwiegend noch ohne konkrete Maßnahmen Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht FINMA hat Ende letzten Jahres 60 Schweizer Finanz­ institute zumThemaQuantensicherheit befragt. Ergebnis: Nur 20Prozent haben bereits ein ent- sprechendesProjekt gestartet, weitere acht Pro- zent haben entsprechende Strategieentscheide getroffen. Mit 70 Prozent beobachten die meis- ten das Thema nur. Quelle: FINMA, 2026 0 4 8 12 16 Ungeschützte Bitcoin in Mio. Geschützte Bitcoin in Mio. Ja. Strategie- Entscheide auf GL-/ VR-Stufe wurden getroffen und ein entsprechendes Projekt ist ongoing. Ja. Strategie- Entscheide auf GL-/ VR-Stufe wurden getroffen. Nein, wir beobachten die Entwicklungen, aber noch keine konkreten Maßnahmen. Noch nicht darüber nachgedacht. Haben Sie bereits Arbeiten zu Post Quantum Security geplant oder gestartet? 0% 20% 40% 60% 80% 20% 8% 70% 2%

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