Institutional Money, Ausgabe 3/2026
THEORIE & PRAXIS EZB-Umfeld 102 3/2026 | institutional-money.com Rhetorik heruntergefahren Interessant erscheint auch, dass die Rhe- torik der Notenbankgremien kurz nach dem Zinsschritt wieder heruntergefahren wurde (siehe Grafik „Sentiment innerhalb der EZB“). Schlüsselt man die Daten auf, so war das Direktorium unmittelbar vor der Zinsentscheidung deutlich gemäßig- ter als der gesamte EZB-Rat, was bedeutet, dass die einzelnenGouverneure öffentlich einen deutlich härterenKurs propagierten als die direkten EZB-Vertreter inklusive Lagarde. Unmittelbar danach haben die Gouverneure die Rhetorik aber deutlich heruntergefahren. Bedeutet das also, dass eine Entspannung an der Zinsfront ins Haus steht? Marktprognosen Nicht, wenn es nach den Einschätzungen von Marktteilnehmern und Beobachtern geht (siehe Grafik „Erwartungen an die EZB“). Die von centralbank.watch erho- benen marktimpliziten Daten gehen von weiteren Zinsschritten Richtung drei Prozent aus. Das sehen im Einzelnen auch diverse Analyseabteilungen so. UBS rechnet nach dem September-Schritt mit einer weiteren Anhebung um 25 Basispunkte im Dezember und anschlie- ßend zunächst mit einer Pause; zugleich seien die Risiken in Richtung zusätzlicher Straffung 2027 verschoben. Pimco ist vor- sichtiger: Der Markt preist derzeit einen Endsatz von rund 3,25 Prozent ein, Kon- stantin Veit sieht die Risiken eher auf der Seite weniger Zinsschritte. Entscheidend ist für ihn aber die Schwelle, die nunnäher rückt: „Weitere Zinserhöhungen würden die Leitzinsenüber das obere Ende der von derEZBgeschätztenneutralenZinsspanne hinausführen.“ Sollten sich die Daten ent- sprechend falkenhaft entwickeln und im Rat ein Konsens für den Schritt in restrik- tives Terrain entstehen, könnten bereits ab Dezember weitere aufeinanderfolgende Erhöhungen folgen.Candriamhält die ein- gepreisten rund 50 Basispunkte bis März und damit drei Prozent dagegen für über- zogen, solange sich der Inflationsausblick nicht weiter verschlechtert. Allianz Global Investors erwartet ebenfalls einen Schritt im Dezember, sieht aber darüber hinaus einwachsendesRisiko.Da dieEZB-Projek- tionen bereits mit einem Endsatz von drei Prozent kalkuliert seien, könne sie kaum erwarten, dass weniger ausreicht; restrik- tives Terrain werde damit zunehmend plausibel. BlackRockwirdnochkonkreter: Ann-Katrin Petersen hält bei anhaltenden energiebedingten Preisrisiken noch 2026 einen Schritt auf 2,75 Prozent fürmöglich. Damit würde die EZB „die neutrale Zone verlassen“; drei Prozent oder mehr seien ohne klare Zweitrundeneffekte jedoch unwahrscheinlich. Bitcoin Suisse macht den weiteren Pfad ganz unmittelbar am Ölpreis fest. Denis Oevermann sieht in der September- Erhöhung zwar eine Unterbrechung des globalen Lockerungsnarrativs, aber noch keine endgültige Trendwende. Bleibt Öl nachhaltig teuer, könnte die Zinserhö- hungder EZB lediglich „der initiale Schritt eines breiteren erneuten Straffungszyklus“ gewesen sein; lässt der Inflationsimpuls dagegen nach, dürfte auch der geldpoliti scheDruck raschwieder abnehmen. Noch offensiver positioniert sichBantleon: Chef- volkswirt Daniel Hartmann erwartet im Oktober oder Dezember 2,75 Prozent und bei weiter freundlichem Makrobild Anfang 2027 einen weiteren Schritt auf drei Prozent. Die Teuerung dürfte laut Bantleon kurzfristig auf vier Prozent stei- gen und bis Anfang 2027 dort verharren. Damit scheint ein Konsens Richtung Zins- erhöhung zu bestehen, auch die Verteilung derStimmrechteimRatsprichtzunächstfür eineBeibehaltungdeseingeschlagenenZins- erhöhungskurses. Denn bei der nächsten Sitzung sindmit demLuxemburgerGaston Reinesch, demÖsterreicherMartinKocher, demMalteserAlexanderDemarcounddem Franzosen Emmanuel Moulin respektive zwei Falken wie auch zwei Tauben nicht stimmberechtigt. HANS WEITMAYR Alles im normalen Bereich? Eurozonen-Inflation seit den 1960er-Jahren Erwartungen an die EZB Der Leitzins sollte weiter steigen. An sich befindet sich die Eurozone langfristig gesehen punkto Inflation ziemlich genau im historischen Durchschnitt. Von den anvisierten rund zwei Prozent ist man aber deutlich entfernt. Quelle: worldbank.org Die Projektion der Notenbank-Watcher geht von einem künftigen Zins- niveau aus, das bei rund drei Prozent liegt. Die Analysehäuser prominen- ter Asset Manager sehen das ähnlich. Quelle: centralbank.watch -2 0 2 4 6 8 10 12 14 16 1960 1970 1980 1990 2000 2010 2020 Erwartete Rate 2,2% ± 1 σ Streuung Aktuell (Daten von 9.9.2026) Vor 1 Woche (Daten von 7.9.2026) Vor 4 Wochen (Daten von 17.8.2026) Sep 2026 Jan 2027 Mai 2027 Sep 2027 2,4% 2,6% 3,0% 2,8% 3,2% 3,4%
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