Institutional Money, Ausgabe 3 | 2025
W eil ihre Prognosen und Einschätzungen die Markterwartungen hinsichtlich zukünftiger Erträge und der Preisgestaltung von Wertpa- pieren beeinflussen, spielen Analysten eine herausragende Rolle an den Kapitalmärkten. Die Anforderungen an diese Fachleute steigen dabei mit der zunehmenden Komplexität von Jahresabschlüssen. Die Interpretation und Analyse der von den Unternehmen publizierten Informationen erfordert einschlägiges Fachwissen und Erfahrung. Aus diesem Grund widmet sich auch die Finanzwissen- schaft seit Langem dieser Marktteilnehmergruppe.Wieder- holt wurde untersucht, welche Faktoren die Prognosequa- lität in welcher Form beeinflussen. Dass dabei Einflussgrö- ßen wie die generelle Qualifikation und Branchenerfah- rung betrachtet wurden, lag nahe. Dass man auch die Frage nach allfälligen Spezialkenntnissen in der Rechnungsle- gung berücksichtigen sollte, wurde bisher hingegen über- sehen. Diese Lücke wollten Professor Christian Andres, In- haber des Lehrstuhls für Empirical Corporate Finance an der WHU – Otto Beisheim School of Management, Francois Brochet, Professor of Accounting an der Boston University, Peter Limbach, Professor of Finance und Corpo- rate Governance an der Universität Bielefeld, sowie Nicola Schumacher, Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbei- terin bei Professor Andres, schließen. Das Quartett wollte herausfinden, ob sich Analysten mit Buchhaltungsaus- bildung und -erfahrung in ihrer Performance unterschei- den. Mit dem Schließen dieser Researchlücke wollte man einerseits die akademische Forschung voranbringen, ande- rerseits aber auch die praktische Seite unterstützen – insbe- sondere Studenten und Berufseinsteiger, die eine Karriere im Bereich Finance anstreben. Widersprüchliche Ergebnisse Grundsätzlich würde man es zwar erwarten, dennoch ist es keineswegs sicher, dass spezielle Buchhaltungskenntnisse oder -erfahrungen einen Wettbewerbsvorteil im Sell-Side- Aktienresearch verschaffen können. Analysten, die Jahres- abschlüsse und -ausblicke beurteilen, müssen ja in jedem Fall über Buchhaltungskenntnisse verfügen. Dennoch kön- nen Personen mit Berufserfahrung im Rechnungswesen ein tiefes Verständnis entwickeln – entweder für ihren Arbeit- geber und dessen Branche oder für die Firmen, die sie zuvor geprüft haben. Diese Ansicht äußerte etwa auch Paul Knopp, CEO von KPMG, in einem Kommentar mit dem Titel „The dying language of accounting“ vom 10. Dezem- ber 2024 imWall Street Journal. Er schrieb hier: „Kein Beruf vertieft das Verständnis für die Natur, Risiken und Chancen einer Branche besser als die Wirtschaftsprüfung“. Andererseits deuten frühere Forschungsergebnisse jedoch darauf hin, dass Berufserfahrung in der Wirtschaftsprüfung die Investitionsanalysen einschränken oder sogar beeinträch- tigen kann. Zu nennen ist hier beispielsweise die von Emily E. Griffith, Jacqueline S. Hammersley und Kathryn Kadous Analysten mit einer früheren Tätigkeit im Rechnungswesen erbringen in mehrfacher Hinsicht bessere Leistungen als ihre Kollegen ohne entsprechende fachspezifische Erfahrung. Der kleine Unterschied 96 N o . 3/2025 | institutional-money.com THEORIE & PRAXIS | Sell-Side-Analysten FOTO: © WHU – OTTO BEISHEIM SCHOOL OF MANAGEMENT, UNIVERSITÄT BIELEFELD » Analysten mit Berufserfahrung im Rech- nungswesen geben präzisere Gewinnprognosen und profitablere Verkaufsempfehlungen ab. « Prof. Dr. Christian Andres, Inhaber des Lehrstuhls für Empirical Corporate Finance an der WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar bei Koblenz » Analysten mit Buchhaltungs-Background stellen bei den quartalsweisen Telefonkonfe- renzen weniger positiv formulierte Fragen. « Dr. Peter Limbach, Professor of Finance und Corporate Governance an der Universität Bielefeld
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