Institutional Money, Ausgabe 3 | 2025
Eurostoxx 50 wirkt die Inter-Meeting-Kommunikation ku- muliert rund dreimal so stark wie die Sitzungen. Blickt man hingegen auf die Wirkung je Event, kehrt sich der Sachver- halt um: Einzelne Ratssitzungen bewegen die Märkte im Schnitt stärker als einzelne Reden oder Interviews – dieser Vorsprung schrumpft jedoch mit zunehmender Laufzeit. Bemerkenswert ist zudem die Rolle der nationalen Gouver- neure, deren Auftritte pro Ereignis oft mit denen der Präsi- dentin oder der Direktoriumsmitglieder gleichziehen und sie mitunter übertreffen. „Bei Betrachtung des Effekts pro Ereignis üben Ratssitzungen insgesamt einen größeren Einfluss aus als Inter-Meeting-Ereignisse – auch wenn dieser Unterschied mit steigender Laufzeit abnimmt.“ Deutlicher Markteinfluss Die Ergebnisse illustrieren eindrucksvoll, wie stark einzelne Auftritte wirken können. So sprang der Einjahres-OIS im November 2005 während einer Rede von Jean-Claude Trichet nach oben, nachdem er unmissverständlich eine Straffung der Geldpolitik angekündigt hatte. Ganz anders im Juni 2019, als Mario Draghi in Sintra eine überraschend expansive Linie in Aussicht stellte. Der Euro gab binnen Minuten nach, die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen fiel erstmals unter minus 0,3 Prozent. Jüngere Beispiele zeigen ähnliche Wirkung: Im Juni 2023 signalisierte François Villeroy de Galhau, dass der Großteil der Zinserhöhungen bereits hinter der EZB liege,woraufhin die Märkte Entspannung einpreisten. Und Anfang Januar 2024 führte ein Live-Interview von Isabel Schnabel, in dem sie Zinssenkungen als verfrüht bezeichnete, zu einem deut- lichen Anstieg der Einjahressätze. Die statistische Auswer- tung belegt, dass etwa die Hälfte aller Ratssitzungen der EZB zu abnormalen Marktbewegungen führt – besonders stark bei Laufzeiten bis zu zwei Jahren. Doch nicht jede Sitzung löst relevante Reaktionen aus. Noch spannender ist der Blick auf die Inter-Meeting-Kommunikation. Zwar liegt ihr Anteil abnormaler Reaktionen pro Ereignis niedriger als bei den formalen Sitzungen, doch in absoluten Zahlen entfalten sie eine enorme Wirkung. Über 400 Reden und Interviews führten zu signifikanten Bewegungen im Euro- stoxx 50 – weit mehr als die 117 Sitzungen des EZB-Rates. Insgesamt zeigen die Daten, „dass rund 60 Prozent aller Kommunikationsereignisse zu abnormalen Renditen auf mindestens einem der betrachteten Märkte führen“. Unterschiedlich sensible Laufzeiten Bei den kurzfristigen Zinssätzen sind es vor allem die Sitzungen selbst, die dominieren, doch ab Laufzeiten von einem Jahr sind Reden und Interviews gleichauf oder sogar stärker. An den Aktienmärkten ist der Unterschied noch deutlicher: Inter-Meeting-Kommunikation wirkt hier im Schnitt dreimal so stark wie die Ratssitzungen. Auch bei Staatsanleihen nehmen die Effekte mit der Laufzeit zu. Besonders bemerkenswert ist, dass die Auftritte nationaler Notenbankgouverneure mitunter so starke Bewegungen erzeugen wie jene der Präsidentin selbst. Eine Ausnahme bilden die inflationsindexierten Swaps, die über weite Strecken kaum reagieren. Dies spiegelt sowohl die geringere Marktliquidität wider als auch die Tatsache, dass die Infla- tionserwartungen in den meisten Jahren fest verankert waren. Nur in Ausnahmephasen kam es hier zu Aus- schlägen. Die Zeitreihe zeigt zudem, dass die Intensität der Markt- reaktionen stark schwankt. Höhepunkte liegen regelmäßig in Phasen geldpolitischer Wenden: während der globalen Finanzkrise, zur Euro-Schuldenkrise 2011 sowie zuletzt in den Zinserhöhungszyklen der Jahre 2022 und 2023. HANS WEITMAYR Sitzungen und Statements Verschiedene Akteure mit unterschiedlichen Marktinterventionen Marktbewegungen rund um markante Kommunikation von Trichet, Draghi, Villeroy und Schnabel. Deutlich wird hier, wie stark die einjährigen OIS-Sätze (Overnight Indexed Swaps) reagieren, wenn Kommunikation geldpolitische Wendepunkte signalisiert. „MR“ steht für „market release“. Quelle: Istrefi et al., „ECB communication and its impact on financial markets“ 352 353 354 355 356 357 358 359 360 I 18:00:00 I 15:00:00 I 12:00:00 I 09:00:00 OIS1Y in Basispunkten Start MR Ende 260 262 264 266 268 270 272 274 I 18:00:00 I 15:00:00 I 12:00:00 I 09:00:00 OIS1Y in Basispunkten Start Ende 330 331 332 333 334 335 336 I 18:00:00 I 15:00:00 I 12:00:00 I 09:00:00 OIS1Y in Basispunkten Start Ende -50 -49 -48 -47 -46 -45 -44 -43 -42 -41 I 18:00:00 I 15:00:00 I 12:00:00 I 09:00:00 OIS1Y in Basispunkten Start Ende ECB: J.-C. Trichet, 18. November 2005, 14:00 Uhr ECB: M. Draghi, 18. Juni 2019, 10:00 Uhr ECB: F. Villeroy de Galhau, 1. Juni 2023, 14:30 Uhr ECB: I. Schnabel, 10. Jänner 2024, 15:00 Uhr N o . 3/2025 | institutional-money.com 87 EZB-Kommunikation | THEORIE & PRAXIS » Rund 60 Prozent aller Kommunikationsereignisse führen zu abnormalen Renditen auf mindestens einem der betrachteten Märkte. « Florens Odendahl, Banco de España
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