Institutional Money, Ausgabe 3 | 2025

vor dem Ereignis. Daraus lassen sich Prognoseintervalle ableiten, die angeben, welche Schwankungen auch ohne besondere Nachrichten zu erwarten gewesen wären.Weicht die beobachtete Veränderung während des Ereignisfensters signifikant davon ab, spricht man von einer abnormalen Marktreaktion. Auf diese Weise wird zwischen gewöhn- lichem Rauschen und tatsächlich marktbewegenden Bot- schaften unterschieden. Anhand der Grafik „Sitzungen und Statements“ lässt sich die Methodik gut ablesen: Die Abbildung zeigt den Verlauf der einjährigen OIS-Sätze im Minutenintervall rund um ausgewählte Reden und Interviews. Vertikale Linien markie- ren Beginn und Ende des jeweiligen 90-Minuten-Fensters, während gestrichelte Linien die Medianwerte vor und nach dem Ereignis anzeigen. Schattierte Bereiche geben die Prognoseintervalle auf Basis der zuvor geschätzten Intraday- Varianz wieder. So wird sichtbar, wann eine Kursbewegung außerhalb des erwartbaren Rahmens eintritt und damit als abnormal einzustufen ist – etwa bei der Rede Trichets im November 2005 oder bei Draghis Auftritt in Sintra im Juni 2019. Dort reagierten die Märkte sofort: Der Euro fiel bin- nen Minuten um rund 0,2 Prozent gegenüber demUS-Dol- lar, und die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen rutschte erstmals auf minus 0,3 Prozent. Auffällig ist, dass solche star- ken Ausschläge regelmäßig mit geldpolitischenWendepunk- ten zusammenfallen – sei es beim Start eines Straffungszy- klus 2005, bei der Einleitung einer expansiveren Linie 2019, bei den Signalen für ein Ende der Zinserhöhungen 2023 oder bei der Abwehr verfrühter Zinssenkungserwartungen Anfang 2024. „Spitzenreaktionen treten vor allem während Straffungszyklen und an geldpolitischen Wendepunkten auf“, führt Co-Autorin Sestieri aus. In einem weiteren Schritt haben die Autoren nicht nur die summierten Marktreaktionen, sondern auch die Wir- kung pro Ereignis gegeneinander aufgerechnet (siehe Tabelle „Eine Frage der Laufzeit“) . Kumulativ dominieren bei sehr kurzen Laufzeiten die Ratssitzungen: Ihr Gesamteinfluss ist dort ungefähr doppelt so groß wie jener der Inter-Meeting- Kommunikation; ab der einjährigen Laufzeit gleichen sich die Effekte an, bei längeren Laufzeiten übertrifft die Inter- Meeting-Kommunikation die Sitzungen teils bis zum Dop- pelten. Bei Aktien ist der Abstand noch klarer: Auf den Eine Frage der Laufzeit Die Art des Transmissionskanals hat auf unterschiedliche Maturitäten unterschiedliche Auswirkungen. OIS* (Basispunkte) Eurostoxx 50 1999–2024 2002–2024 2011–2024 1999–2024 (%-Pkte) Ereignisse 1 M 3 M 6 M 1 Y 2 Y 3 Y 5 Y 7 Y 10 Y Kumulative Auswirkungen EZB-Ratssitzungen 433 438 465 549 580 453 279 246 233 113 Informelle Kommunikation 169 210 325 658 931 1019 679 745 803 338 EZB-Präsident 19 35 53 109 165 146 83 101 95 55 EZB-Ratsmitglied 73 93 123 238 327 399 265 284 349 165 Nationale Notenbanken 62 67 105 228 316 366 232 252 247 98 Europaparlament – Hearing 7 6 30 29 44 33 12 12 9 8 Protokolle 1 1 5 6 11 13 22 26 26 5 Interviews 6 7 9 49 69 61 65 71 76 7 Auswirkungen je Ereignis EZB-Ratssitzungen 4.29 3.59 3.45 3.81 4.14 4.12 4.11 3.96 3.59 0.97 EZB-Präsident 1.13 1.16 1.47 2.06 2.53 2.92 2.13 2.40 2.38 0.70 EZB-Ratsmitglied 1.20 1.03 1.25 1.73 1.97 2.35 2.10 2.18 2.35 0.63 Nationale Notenbanken 1.15 1.01 1.20 1.81 2.33 2.69 2.32 2.43 2.35 0.65 Europaparlament – Hearing 2.42 1.61 2.75 2.62 2.42 2.38 2.92 2.90 3.12 0.70 Protokolle 0.40 1.09 1.00 1.16 2.72 2.13 2.23 2.17 1.88 0.46 Interviews 1.25 0.72 1.03 1.95 2.39 3.39 3.44 3.10 3.04 0.53 Die Tabelle schlüsselt kumulative und Per-Event-Effekte von EZB-Ratssitzungen und informeller Kommunikation zwischen den Sitzungen auf. Während bei kurzen Laufzeiten offizielle Statements mehr Wirkung zeigen, gewinnen mit zunehmender Maturität Reden und Interviews an Gewicht und somit Markteinfluss. *Overnight Indexed Swaps Quelle: Istrefi et al., „ECB communication and its impact on financial markets“ 86 N o . 3/2025 | institutional-money.com THEORIE & PRAXIS | EZB-Kommunikation FOTO: © BANQUE DE FRANCE » Spitzenreaktionen treten vor allem während Straffungszyklen und an geldpolitischen Wendepunkten auf. « Giulia Sestieri, Banque de France

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