Institutional Money, Ausgabe 3 | 2025
Italien und Spanien, zu inflationsindexierten Swaps, zum Eurostoxx 50 sowie zum Euro-Dollar-Wechselkurs erlauben es, den unmittelbaren Einfluss geldpolitischer Kommunika- tion in Echtzeit zu messen. Alle Daten stammen von Refi- nitiv Eikon, wobei die Abdeckung je nach Laufzeit variiert. Für kurzfristige Zinssätze reichen die Beobachtungen bis 1999 zurück, für längere Laufzeiten beginnen sie ab 2011. Die methodische Grundlage folgt der klassischen Event Study, wie sie in der Literatur seit Kuttner oder Gürkaynak etabliert ist. Entscheidend ist die Wahl des Zeitfensters. Für die Ratssitzungen der EZB wird das gesamte geldpolitische Kommunikationspaket einbezogen – von der Pressemittei- lung am frühen Nachmittag bis zur anschließenden Presse- konferenz mit Fragerunde. Ausgestaltung der Zeitfenster Komplexer gestaltet sich die Wahl des Fensters für die Inter- Meeting-Kommunikation, also Reden, Interviews oder An- hörungen. Da Inhalt und Dauer stark variieren und sich die Information mitunter erst zeitversetzt auf die Märkte über- trägt, wird differenziert vorgegangen. Für Reden und Interviews setzen die Autoren ein 90-minütiges Fenster an, Anhörungen vor dem Europäischen Parlament, die natur- gemäß länger dauern, wurden mit drei Stunden bemessen, während die Veröffentlichung der geldpolitischen Protokolle mit 45 Minuten veranschlagt wird. Ein zusätzlicher methodischer Schritt ist erforderlich, wenn makroökonomische Datenveröffentlichungen zeitlich mit Kommunikationsereignissen zusammenfallen. In die- sem Fall wird die jeweilige makrobedingte Überraschung separat berechnet und vom Gesamteffekt abgezogen, um den genuinen Einfluss der geldpolitischen Kommunikation herauszufiltern. Am Ende dieser Datenaufbereitung steht ein Korpus von rund 5.100 Kommunikationsereignissen, die einer sauberen Analyse zugänglich sind. Von der Jahrtausendwende bis in die jüngste Phase lassen sich so Wellen der Kommunika- tionsintensität erkennen. Der Start der Währungsunion 1999, die globale Finanzkrise, die Einführung der Forward Guidance im Jahr 2013 und die Strategieüberprüfung 2021 markieren Höhepunkte. Auffällig ist auch die jüngste Phase 2022 und 2023, in der insbesondere die Gouverneure der nationalen Zentralbanken ihre Auftritte massiv ausweiteten. „Mit Blick auf die Präsidenten zeigt sich ein deutlicher ‚Fixed Effect‘: Wim Duisenberg und Mario Draghi hielten deutlich weniger Reden als Jean-Claude Trichet und Chris- tine Lagarde“, erklärt Co-Autorin Istrefi. Die Event Study des Eurosystems beruht auf einem klaren Grundprinzip: Marktreaktionen werden in einem engen Zeitfenster um die jeweilige Kommunikationshand- lung gemessen. Entscheidend ist, dass das Fenster so gewählt wird, dass es ausschließlich das Ereignis erfasst, aber dennoch groß genug bleibt, um dessen Wirkung auf die Kurse voll- ständig einzufangen. Um beurteilen zu können, ob eine Kursbewegung tatsächlich ungewöhnlich ist, schätzen die Autoren zunächst die Varianz der Kurse im Intraday-Verlauf Gegenwärtige und vergangene EZB-Macht (von links nach rechts): Jean-Claude Trichet (der auch zum Kreis der Starredner am Institutional Money Kongress gehört), die aktuelle EZB-Präsidentin Christine Lagarde und natürlich die Whatever-it-takes-Legende Mario Draghi im Jahr 2023 anlässlich des 25-jährigen EZB-Jubiläums in Frankfurt. N o . 3/2025 | institutional-money.com 85 EZB-Kommunikation | THEORIE & PRAXIS FOTO: © BEN KILB
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