Institutional Money, Ausgabe 3 | 2025
schwierig, sich noch weiter zu verschlechtern, wenn man sowieso schon in einer prekären Lage ist. Aber das macht diesen Zustand natürlich nicht zu einer guten Ausgangsba sis für eine echte Erholung. Christian Jost: Daher besteht imGrunde dringender Hand lungsbedarf, nicht nur auf Seiten der Unternehmen, auch bei den Investoren. Auf Unternehmensseite braucht es unbedingt neue und positivewirtschaftliche Impulse, damit die Zahl der Insolvenzen nicht noch weiter zunimmt. Und Investoren sollten ihre Portfolios regelmäßig auf makroöko nomische Risiken überprüfen und die Zusammensetzung deutscher Unternehmen genau analysieren. Auch schlechte Branchen haben zwar gute Firmen, aber eben bedeutend weniger als die guten Branchen. Das führt mich zu der Frage: Was bedeutet das alles für die Geldpolitik und das Agieren der Notenbank? Wie viel Spielraum hat die EZB Ihrer Ansicht nach noch für Zinssen- kungen? Dr. Roland Demmel: Ich persönlich sehe keinen wirklichen Raum für substanziell niedrigere Zinsen, zumindest nicht auf absehbare Zeit. Die EZB muss die Gesamtdynamik in der Eurozone betrachten – es gibt ja Länder wie Spanien, die immer noch eine ordentliche wirtschaftliche Entwick lung zeigen. Dazu kommt, dass durch die demografischen Veränderungen, Stichwort Überalterung, die Lohndynamik in manchen Branchen eher weiter anzieht. Das wirkt sich dann auch preistreibend auf die Inflation aus. Die Frage, ob künstliche Intelligenz demnächst für substanzielle Pro duktivitätsschübe und dadurch für preisdämpfende Effekte sorgen kann, lässt sich heute nur schwer einschätzen. Klar ist aber: Egal ob wir eine Inflation von 2,7 oder 2,8 Prozent pro Jahr sehen – das ist meines Erachtens nicht der Haupt grund für die schlechten Unternehmenszahlen, sondern eindeutig das schwache Wachstum. Wie stehen Sie zur Frage einer Anhebung des Inflationsziels, wie es zum Teil sogar einige renommierte Ökonomen fordern? Dr. Roland Demmel: Da bin ich, ehrlich gesagt, mehr als skep tisch. In der deutschen und europäischen Finanzkultur hat Preisstabilität traditionell einen hohen Stellenwert. Ein offi zieller Schwenk auf drei oder gar vier Prozent beim Infla tionsziel käme aus meiner Sicht demEingeständnis gleich, dass man den langfristigen Wert des Geldes nicht mehr ernst nimmt. Natürlich, makroökonomisch ließe sich alles vertreten, da braucht man nur den Blick in Richtung USA oder Großbritannien zu richten, wo die offiziellen Ziele traditionell höher sind. Aber politisch halte ich eine Anhe bung für enorm riskant. Zwei bis zweieinhalb Prozent ja, aber alles darüber hinaus, das würde dann schnell belie big wirken. Eine Frage zum Schluss: Gibt es Bereiche, in denen Sie sich in Bezug auf Ihr eigenes Prognosemodell noch mehr Möglichkei- ten wünschen oder gezielt nach Verbesserungen suchen? Christian Jost: Bei den harten, zahlenbasierten Daten wie Bilanzen oder Kerndaten zur Wirtschaft allgemein, aber auch in Bezug auf die Kennzahlen zu Unternehmen sind wir ausmeiner Sicht schon seit Langemsehr kompetent auf gestellt. Eine größere Herausforderung stellen auch für uns sogenannte „Soft Facts“ dar. Gemeint sind damit qualitative Faktoren und Informationen, etwa wenn ein CEO ausge wechselt wird oder ein Unternehmen kurzfristig Schlag zeilen macht, aus welchen Gründen auch immer. Solche Informationen können kurzfristig durchaus ganze Märkte bewegen, sind aber schwer verlässlich und mit Mehrwert zu strukturieren. Wir arbeiten daran, diese Themen besser zu erfassen, aber ich bin noch vorsichtig, was ihren tatsäch lichen Nutzen angeht. Der Mensch wird bei solchen quali tativen Faktoren sicher noch länger gebraucht werden. Vielen Dank für das Gespräch. HANS HEUSER » Ich persönlich sehe keinen wirklichen Raum für substanziell niedrigere Zinsen, zumindest nicht auf absehbare Zeit. « Dr. Roland Demmel, Quantic Financial Solutions 78 N o . 3/2025 | institutional-money.com THEORIE & PRAXIS | Christian Jost + Roland Demmel I Quantic Financial Solutions FOTO: © GÜNTER MENZL I | EXKLUSIV FÜR INSTITUTIONAL MONEY
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy ODI5NTI=