Institutional Money, Ausgabe 3 | 2025
Und wie wirken sich nun die kommenden US-Zölle am Ende tatsächlich aus? Dr. Roland Demmel: Zu unserer eigenenÜberraschung erheb- lich geringer, als es die mediale Bedeutung und die Bericht- erstattung darüber vielleicht erwarten ließe. Das hängt vor allemdamit zusammen, dass schon das Basisszenario – also ohne US-Zölle – eine regelrecht dramatische Entwicklung aufgrund der strukturellen Probleme der deutschen Wirt- schaft offenbart, dass höhere Zollsätze die Situation zwar zusätzlich verschlechternwerden. Aber nicht in demMaße, dass man ohne diese zusätzlichen Kosten für die Unterneh- men, nichts anderes sind Zölle, aufatmen könnte. Der Ein- fluss wird am Ende wirklich nur marginal sein. Denn das Bild, das sich anhand unserer Prognose für die deutsche Volkswirtschaft zeigt, bleibt unter demStrich ohnehin trist, um ehrlich zu sein. Damit ist Ihre Projektion aber erheblich pessimistischer als das, was selbst renommierte Forschungsinstitute oder auch das Wirt- schaftsministerium aktuell vorhersagen. Unterliegt Ihr Modell da nicht so etwas wie einem „Berufspessimismus“? Dr. Roland Demmel: Ichwürde das Argument eher umdrehen und behaupten, dass in amtlichenHäusernwie Forschungs- instituten und demMinisteriumeher von einemausgepräg- ten Berufsoptimismus auszugehen ist. Es mag sein, dass wir sehr vorsichtig agieren, aber nach unseren Zahlen muss man für das laufende Jahr tatsächlich von einem leichten Schrumpfen der deutschen Wirtschaft ausgehen, konkret etwa um 0,2 Prozent. Auch was die Entwicklung der Infla- tion angeht, sind wir spürbar zurückhaltender gegenüber den amMarkt kursierenden offiziellen Prognosen. Unsere Erwartung für dieses Jahr liegt diesbezüglich bei knapp 2,9 Prozent, erst in den kommenden Jahren sehen wir eine Beruhigung der Inflationsrate auf vielleicht 2,5 bis 2,7 Pro- zent, wobei damit unserer Ansicht nach kein markanter Wachstumsimpuls verbunden sein wird. Christian Jost: Im Gegenteil: Das BIP-Wachstum wird laut unseremModell selbst in den besseren Jahren nicht wesent- lich mehr als ein halbes Prozent betragen. Und für 2027 erwartenwir dann schon eher wieder einenweiteren Rück- gang derWachstumsraten. Auf längere Sicht wirdman sich das gewissermaßen als eine Art Wellenbewegung vorstel- len müssen, allerdings mit einer leicht abnehmenden Ten- denz. Und bei der längerfristigen Entwicklung der Preise kannman wirklich nicht von Entwarnung sprechen. Zum Ende dieses Jahrzehnts dürfte die Inflation sogar wieder bei 3,1 Prozent liegen. Was bedeutet das für die Unternehmen? In der Studie sprechen Sie von einer Art „unsichtbaren Insolvenzwelle“. Dr. Roland Demmel: Die Unternehmenskennzahlen, die wir ermittelt haben, sind tatsächlich regelrecht alarmierend. Die Eigenkapitalquote der schwächsten zehn Prozent der Unternehmen startet bereits 2024 bei nur neun Prozent » Es mag sein, dass wir sehr vorsichtig agieren, aber nach unseren Zahlen muss man für das laufende Jahr tatsächlich von einem leichten Schrumpfen der deutschen Wirtschaft ausgehen. « Dr. Roland Demmel, Quantic Financial Solutions Innovator der Risikoanalysemodelle Dr. Roland Demmel ist Mitgründer und Partner von Quantic Financial Solutions. Er blickt auf über 20 Jahre Erfahrung in der Finanzbranche zurück, insbesondere in den Bereichen Risikomanagement und quantitative Methoden. Nach dem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens und anschlie- ßender Promotion in Volkswirtschaftslehre war er in leitenden Positionen bei internationalen Beratungsgesell- schaften tätig, darunter als Senior Partner und Leiter Risk Management Deutschland bei Roland Berger sowie als Partner bei KPMG. Vor der Gründung von Quantic Financial Solutions war er als Projektmanager bei Oliver Wyman aktiv. 74 N o . 3/2025 | institutional-money.com THEORIE & PRAXIS | Christian Jost + Roland Demmel I Quantic Financial Solutions FOTO: © GÜNTER MENZL I | EXKLUSIV FÜR INSTITUTIONAL MONEY
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