Institutional Money, Ausgabe 3 | 2025

Allerdings wäre ich in Bezug auf die zeitliche Kompo- nente schon etwas vorsichtiger.Der zehnjährige US-Zins- satz hat vom Jahresbeginn bei über fünf Prozent aktu- ell wieder auf gut vier Prozent nachgegeben. Daraus lässt sich nicht gleich eine neue Panikgefahr ableiten. Für einen kurzfristig eintretenden Crash wäre ein externer Schock nötig – eine politische Eskalation oder ein wirk- lich unerwarteter Eingriff ins geldpolitische System der USA, etwa wenn von Trump oder seinem Team weiter Unruhe in die Zentralbank getragen würde. Auf länge- re Sicht gilt aber auf jeden Fall: So wie es aktuell läuft, ist das dortige System einfach nicht dauerhaft tragfähig. Irgendwann braucht es eine substanzielle Kurskorrektur. Zurück zu Europa und Deutschland: Sie wurden in der Vergangenheit öfter als Kritiker der Schuldenbremse wahr- genommen. Zu Recht? Prof. Moritz Schularick: Das würde ich so pauschal nicht unterschreiben. Ich bin durchaus ein Freund von strik- ten Fiskalregeln. Es ist absolut sinnvoll, der Kreditaufnah- me des Staates Regeln aufzuerlegen, um Politiker, die oft zu kurzfristig denken, zu disziplinieren. Allerdings – und das ist mir wichtig: In der krisenhaften Situation, in der wir nach dem russischen Überfall auf die Ukraine stecken, war die Lockerung der Schuldenbremse auf jeden Fall richtig.Gerade für unsere Verteidigungsausgaben brauch- te es eine Neuordnung, weil Sicherheit eine akute Notla- ge für uns wie auch unsere Bündnispartner bedeutet. Jede volkswirtschaftliche Logik sagt: Solch einen Schock glät- tet man am besten über die Kreditmärkte. Aber ist Verteidigung nicht eine dauerhafte Staatsaufgabe? Prof. Moritz Schularick: Natürlich müssen die Mittel da- für mittelfristig wieder aus dem regulären Haushalt auf- gebracht werden. Deshalb müssen wir innerhalb der nächsten zehn Jahre ausreichend Spielraum im Haushalt schaffen, um Verteidigungsausgaben von drei bis vier Pro- zent des BIP sozusagen regulär unterzubringen. Im Mo- ment wäre das, ehrlich gesagt, überhaupt nicht möglich. Aber Landesverteidigung ist nun einmal aktuell wichtiger als die rechnerische Reinheit einer Schuldenbremse. Neben Mehrausgaben für die Verteidigung hat die Bundesre- gierung ein 500-Milliarden-Euro-Paket für Infrastruktur be- schlossen. Ist das nicht imGrunde der Auftakt zu einer dauer­ haften Etat-Expansion, oder glauben Sie wirklich, dass es zeitlich begrenzt bleiben wird, wie die Regierung betont hat? Prof. Moritz Schularick: Wenn wir schon von so großen Zahlen sprechen, sollte man das richtig einordnen. Das Infrastrukturprogramm ist ja auf zwölf Jahre angelegt. Wenn man kurz überschlägt: 500 Milliarden, geteilt durch zwölf, macht etwa 40 Milliarden Euro pro Jahr – also knapp unter einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das bedeutet für die wirtschaftliche Gesamtlage schon eine gewisse Veränderung,aber es ist jetzt auch keine völlig unverantwortliche Größenordnung. Es handelt sich sicher nicht um staatliches Glücksspiel mit unseren Finanzen … … solange auch die damit kommunizierten Ziele entspre- chend verfolgt werden. Prof. Moritz Schularick: Vollkommen richtig, das ist im Prinzip der alles entscheidende Punkt: Das Geld muss wirklich für Infrastrukturmaßnahmen eingesetzt wer- den! Natürlich ist die Versuchung groß, die neuen Spiel- räume zu nutzen und das Geld für ganz andere Dinge auszugeben, etwa für die Stützung der Rentenkasse oder ähnliche Sozialausgaben. Dann wäre es nicht tragfähig. Deshalb besteht die große Aufgabe für die Politik jetzt darin, dieses Geld sinnvoll und verantwortungsvoll so einzusetzen, dass es einen echten und nachhaltigen Im- puls für die Wirtschaft auslöst. Was wir allerdings in den letzten Monaten gesehen haben – etwa bei der Verwen- dung von Spielräumen für die Mütterrente oder die Mehrwertsteuersenkung für Restaurants –, das ist genau das Gegenteil von dem, was nötig wäre. » Landesverteidigung ist nun einmal aktuell wichtiger als die rechnerische Reinheit einer Schuldenbremse. « Prof. Moritz Schularick, Präsident Kiel Institut für Weltwirtschaft 50 N o . 3/2025 | institutional-money.com THEORIE & PRAXIS | Prof. Moritz Schularick I Kiel Institut für Weltwirtschaft FOTO: © TIM FLAVOR I INSTITUTIONAL MONEY

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