Institutional Money, Ausgabe 3 | 2025
und die Belastungen durch unsere sozialen Sicherungs- systeme sind natürlich gewaltig. Da herauszuwachsen, wird enorm schwierig. Blicken wir in die USA: Die Inflation ist auf 2,9 Prozent gestiegen, der Arbeitsmarkt ist schwach, zugleich gibt es Diskussionen um eine Abschwächung der Wirtschaft oder gar eine beginnende Rezession. Wie beurteilen Sie das? Prof. Moritz Schularick: Es würde mich nicht wundern, wenn wir in ein paar Monaten die Bestätigung bekom- men, dass die USA sich schon heute in einer Rezession befinden. Mit Blick auf die Zahlen und das, was sich etwa am Häusermarkt angestaut hat, würde ich sagen: Da ist ordentlich kontraktives Potenzial vorhanden. Die Wahrscheinlichkeit einer Rezession habe ich persönlich immer eher bei 50 Prozent gesehen. Inzwischen liegt sie meiner Erwartung nach sogar darüber, zumindest höher, als der Markt sie einschätzt. Dann sind Zinssenkungen nur eine Frage der Zeit? Prof. Moritz Schularick: Die Fed wird die Zinsen senken, das ist mehr als sicher. Aber ich bin skeptisch, dass es so früh und so stark passieren wird, wie es sich jetzt viele wünschen.Die Inflation ist immer noch relativ hartnäckig und wird ein Thema bleiben. Die große Frage ist: Wirkt die Politik eher restriktiv oder stimulierend? Selbst wenn man Preissteigerungen als Einmaleffekte abtut, sind viele davon noch gar nicht komplett bei den Konsumenten an- gekommen. Jerome Powell und Konsorten werden schon einen ziemlich kräftigen Schluck aus der Pulle nehmen müssen, wenn sie durch großzügige Zinssenkungen ge- gensteuern wollen. Aber dafür müssten die konjunkturel- len Signale noch klarer in Richtung Schwäche zeigen,was, Stand heute, eben nur bedingt der Fall ist. Bedeutet das, dass die US-Zinsen eigentlich gar nicht gesenkt werden müssten – zumindest nicht sofort? Prof. Moritz Schularick: Am Ende ist es eigentlich egal, was ich persönlich denke – maßgeblich ist, was der Markt er- wartet. Und „Mr. Market“ ist mittlerweile ziemlich über- zeugt, dass es Zinssenkungen geben wird. Kommen dann Daten hinzu, die zeigen, dass die USA wirklich in der Rezession sind, könnte dieser Kurs sich sogar noch be- schleunigen. Die entscheidende Frage ist, ob die Fed im richtigen Moment und ausreichend stark darauf reagiert. Senkt sie die Zinsen zu spät oder zu langsam, droht die Rezession tiefer zu werden und sich zu verfestigen. Auf der anderen Seite bleibt aber wie gesagt immer noch die Option, dass die Rezessionsängste wieder schwinden, weil die US-Wirtschaft robuster ist als gedacht. Viel bedeutender ist ja eigentlich, was am Anleihenmarkt passieren wird. Ray Dalio ist längst nicht der Einzige, der vor einem kurzfristig bevorstehenden Bond-Crash in den USA warnt. Teilen Sie seine Sorge? Prof. Moritz Schularick: Prinzipiell schon. Wenn sich an der Verschuldungsdynamik nichts ändert, laufen wir frü- her oder später tatsächlich auf ein solches Szenario zu. » Es würde mich nicht wundern, wenn wir in ein paar Monaten die Bestätigung bekommen, dass die USA sich schon heute in einer Rezession befinden. « Prof. Moritz Schularick, Präsident Kiel Institut für Weltwirtschaft International renommierter Ökonom Prof. Moritz Schularick ist seit Juni 2023 Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft und Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Sciences Po in Paris. Seine Forschungsgebiete umfassen Finanzmärkte und Vermögenspreise, Fragen der monetären Makroökonomie sowie die Ursachen von Finanzkrisen und wirtschaftlicher Ungleich- heit. Vor seiner Berufung nach Kiel war Schularick Professor für Makroökonomie an der Universität Bonn und dort Direktor des MacroFinance Lab. Zuvor forschte er unter anderem an der New York University, der University of Cambridge, der Freien Univer- sität Berlin und in der Forschungsabteilung der Federal Reserve Bank of New York. Schularick ist Träger des Leibniz-Preises 2022, Deutschlands renommiertester Forschungspreis, der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) vergeben wird. 48 N o . 3/2025 | institutional-money.com THEORIE & PRAXIS | Prof. Moritz Schularick I Kiel Institut für Weltwirtschaft FOTO: © TIM FLAVOR I INSTITUTIONAL MONEY
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