Institutional Money, Ausgabe 3 | 2025

auch weniger wohlhabende Zeit steuern. Es ist nicht so, dass morgen der große Knall kommen wird, aber ein Geräusch sich verschiebender Platten ist allgegenwärtig. Welche Folgen erwarten Sie konkret? Prof. Moritz Schularick: Dieses permanente Hin und Her, die damit verbundene Unsicherheit, das alles wirkt wie Sand im Getriebe der globalen Arbeitsteilung. Es knirscht in der internationalen Zusammenarbeit und macht sie ineffizient. Am Ende werden wir alle dadurch ärmer, auch wenn die Amerikaner selbst die größten Wohlfahrtsverluste haben werden. Und was heißt das für Deutschland und Europa? Prof. Moritz Schularick: Dass einer der wichtigsten Wachs- tumsmotoren der letzten Jahrzehnte – nämlich die im- mer stärkere weltwirtschaftliche Verflechtung mit immer mehr Spezialisierung und immer mehr Arbeitsteilung an eine Grenze stößt. Aber vielleicht müssen wir jetzt ein- fach lernen, mit mehr Protektionismus zu leben. Denn für die deutsche Wirtschaft ist das, was die Amerikaner gerade machen, nicht sofort existenzbedrohend, weil die Zölle ja gegen alle Handelspartner erlassen werden. Un- sere Position im Wettbewerb bleibt daher relativ kons- tant, unsere Wettbewerber aus China, Japan, der Schweiz oder Italien stehen ja vor denselben Problemen wie wir. Natürlich gibt es Sektoren, die stärker betroffen sind, wie die Automobilindustrie, insbesondere durch die Stahl- zölle. Andererseits muss man immer wieder betonen: Es sind knapp zehn Prozent des deutschen Außenhandels, die auf die USA entfallen. 90 Prozent sind vom amerika- nischen Protektionismus also gar nicht direkt betroffen. Bleiben wir bei Europa: Regierungskrisen nicht nur in Frankreich, eigentlich auch in Großbritannien. Worauf müssen wir uns einstellen? Prof. Moritz Schularick: Die unmittelbare Konsequenz ist: Ausgerechnet jetzt, da Europa dringend handlungsfähig sein müsste – ökonomisch, sicherheitspolitisch, eigentlich in vielerlei Hinsicht –, erleben wir in vielen Ländern und ganz besonders in Frankreich eine enorme Unsicherheit. Plötzlich hat man eine Regierung, die praktisch nicht mehr arbeitsfähig ist. Daher ist das Timing extrem un- günstig. Natürlich bleibt dem Präsidenten in Paris außen- politisch einiges an Gestaltungsspielraum. Aber überall dort, wo sich Wirtschafts- und Verteidigungspolitik mit Haushaltsfragen und Finanzfragen verschränken, braucht man eine Mehrheit im Parlament, um Initiativen durch- zusetzen. Für Europa war das Zeitfenster, in dem Macron und auch in Deutschland jemand wie Merz möglicher- weise gemeinsam noch größere Dinge anstoßen könnten, ohnehin nicht besonders groß. Jetzt wird es noch kleiner. Einige sprechen jetzt schon von einer neuen Euro-Schul- denkrise, die vor der Tür steht. Zu Recht? Prof. Moritz Schularick: Das halte ich wirklich für ver- früht. So wenig, wie ich glaube, dass der amerikanische Anleihenmarkt in absehbarer Zeit wegen der großen US-Haushaltsdefizite kollabiert, so wenig sehe ich eine aktuelle Eurokrise. Natürlich muss man sagen: Die Her- ausforderungen und Entscheidungen, die anstehen – so- wohl in den USA als auch in Ländern wie Frankreich –, können nicht ewig ausgesessen werden. Denn was nicht ewig gut gehen kann, hört irgendwann tatsächlich auf. Was muss passieren? Prof. Moritz Schularick: Innerhalb der nächsten Dekade stehen wirklich substanzielle Anpassungen an – sei es, dass man neue Wachstumskräfte entfesselt, etwa mithilfe von KI, neuen Technologien oder vielleicht auch durch Impulse aus höheren Verteidigungsausgaben. Oder aber man muss tatsächlich massiv den Gürtel enger schnallen und lernen, mit geringeren Erwartungshaltungen auszu- kommen. Es gibt Argumente für beides. Und jetzt das große „Aber“: Die demografischen Herausforderungen » Es sind knapp zehn Prozent des deutschen Außenhandels, die auf die USA entfallen. 90 Prozent sind vom amerikanischen Protektionismus also gar nicht betroffen. « Prof. Moritz Schularick, Präsident Kiel Institut für Weltwirtschaft 46 N o . 3/2025 | institutional-money.com THEORIE & PRAXIS | Prof. Moritz Schularick I Kiel Institut für Weltwirtschaft FOTO: © TIM FLAVOR I INSTITUTIONAL MONEY

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