Institutional Money, Ausgabe 3 | 2025
Nachhaltigkeit ist längst mehr als ein Trend – ESG (Environmental, Social, Governance) ist vielmehr zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe geworden. Doch heute steht ESG an einem kritischen Punkt: Zwischen überbordender Regulierung und politischer Übersteuerung besteht die durchaus reale Gefahr, an nationaler Engstirnigkeit zu scheitern. In den letzten Jahren ist ESG ins Zentrum von Kapi- talmärkten und Unternehmensstrategien gerückt. Investoren haben Kapital in nachhaltige Projekte gelenkt, Unternehmen haben Strategien neu aus- gerichtet. Doch die Inflation von Vorgaben und der wachsende bürokratische Aufwand verunsichern besonders den Mittelstand. Entscheidend bleibt deshalb in diesem Zusammen- hang: Nachhaltigkeit muss wirtschaftlich tragfähig sein. Ohne marktwirtschaftliche Impulse wie Innova- tion, Unternehmertum und funktionierende Märkte laufen selbst die besten Absichten ins Leere. Gleichzeitig darf die Debatte nicht an Landesgren- zen enden. Europa riskiert, sich in Details zu verlie- ren und dabei die internationale Dimension zu übersehen. ESG braucht flexible Rahmen, die lokale Besonderheiten berücksichtigen und zugleich globale Integration ermöglichen. Statt auf Verbote und bürokratische Hürden zu setzen, ist ein Paradigmenwechsel notwendig – ein solcher muss hin zu Anreizen, Förderung und inno- vationsfreundlicher Infrastruktur führen. Märkte und Unternehmen müssen als Partner des Wandels verstanden werden. Schlussendlich gilt: Die aktuelle Konsolidierungs- phase birgt Chancen. Sie kann genutzt werden, um die wirtschaftliche Tragfähigkeit ins Zentrum zu stellen und ESG zu einem echten Motor einer nach- haltigen, global verantwortungsvollen Wirtschaft zu machen. ESG bleibt relevant, jedoch ist bemerkbar, dass sich bei institutionellen Investoren eine zunehmende ESG-Müdigkeit breit macht, oft aus- gelöst durch mangelnde Transparenz und inkonsis- tente Rahmenbedingungen. Das ESG-Rating berücksichtigt derzeit nur das Gesamtunternehmen, nicht aber einzelne Nachhal- tigkeitsanleihen wie Green oder Social Bonds. Diese Anleihen werden im Reporting mit dem gleichen Rating bewertet wie gewöhnliche Anleihen des Emittenten. Eine differenzierte Bewertung erfordert wiederum aufwendige manuelle Analysen. Ein solches Vor- gehen ist in der Praxis jedoch kaum umsetzbar. So bleiben die tatsächlichen ESG-Effekte dieser Anlei- hen im Reporting oft verborgen. Auch das Fonds-Labeling ist nicht unbedingt hilf- reich. Ein Artikel-9-Fonds muss bestimmte Trans- parenzpflichten erfüllen und nicht zwangsläufig nachhaltig sein. Auch die neuen CRR-III-Regeln stellen nachhaltige Investitionen vor zusätzliche Hürden, insbesondere für Bankeninvestoren. Das liegt nicht zuletzt daran, dass eine Bank für jeden Euro, den sie als Equity- Investment in erneuerbare Energie investiert, das 2,5-Fache an Eigenkapital vorhalten muss. Konse- quenterweise müssen diese Investitionen für einen vergleichbaren RoE deutlich höhere Renditen erzie- len, um attraktiv zu bleiben. Das ist jedoch im aktuellen Umfeld unrealistisch. Zudem ist ESG zu einem „Moving Target“ geworden. Vor drei Jahren waren alle Rüstungsgüter ausge- schlossen, nun gelten aber gewisse Waffenhersteller als ESG-konform. Das damit einhergehende fehlende Zielbild erschwert es in weiterer Folge vielen, mit Überzeugung und Engage- ment zu investieren. Josef Gilhaus, Sparkasse Osnabrück Jens Güldner, Johannesstift Diakonie N o . 3/2025 | institutional-money.com 43 Institutional Money Meinungsradar | THEORIE & PRAXIS FOTO: © IDOPIXBOX, DANIMARCO | STOCK.ADOBE.COM, JOHANNESSTIFT, MICHAEL MUENCH » « » «
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