Institutional Money, Ausgabe 3 | 2025

Praxiserfahrung sorgt für einen frischen Blick auf die Aufsicht. Das BaFin-Direktorium ist eine gesunde Mi- schung aus Kolleginnen und Kollegen, die in der Verwal- tung Karriere gemacht haben, und Kolleginnen und Kol- legen, die in der Wirtschaft erfolgreich waren. Die Gefahr, dass Sie zu versicherungsnah sind oder zu viel durchgehen lassen, die besteht nicht? Julia Wiens: Nein, diese Gefahr sehe ich nicht; und wer meine Arbeit in den vergangenen anderthalb Jahren ver- folgt hat, dürfte nicht den Eindruck haben, dass ich zu viel durchgehen lasse. Ja, seit Sie bei der BaFin angefangen haben, sind Sie tat­ sächlich sehr kritisch aufgetreten, beispielsweise was die wohlverhaltensaufsichtlichen Aspekte in der Lebensversi­ cherung betrifft. Wie viele Lebensversicherer haben Sie denn eigentlich in dem Zusammenhang unter die Lupe genommen? Und was genau haben Sie geprüft? Julia Wiens: Wir haben insgesamt 17 Lebensversicherer geprüft, vier davon im Jahr 2025. Dabei handelt es sich um Versicherer, deren Produkte vor allem durch hohe Effektivkosten und/oder hohe Stornoquoten aufgefallen sind. Um es klar zu sagen: Der Großteil der Versicherer arbeitet ordentlich und fair. Wir schauen uns die Ausrei- ßer am Markt genau an. Ein paar schwarze Scharfe kön- nen die ganze Branche in Verruf bringen. Das wäre mir ein Dorn im Auge. Warum sind Effektivkosten aus Sicht der BaFin eine geeig­ nete Kennzahl? Julia Wiens: Uns war wichtig, eine gute Vergleichbarkeit über die Branche hinweg herzustellen und mögliche Ausreißer zu identifizieren. Die Effektivkosten sind dafür ein guter Ansatz – und der Ausgangspunkt für weitere Analysen. Sie sind aber nicht der einzige Risikoindikator. Wir schauen uns beispielsweise auch die Stornoquoten, die Abschlussprovisionen oder die erzielte Rendite an. Wie weit können Sie denn mit Ihren Maßnahmen gehen? Julia Wiens: Wenn wir Missstände feststellen, dann schrei- ten wir ein. Etwa wenn ein Produkt verkauft wird, das keinen angemessenen Kundennutzen bietet. Wir ha- ben schon erreicht, dass Produkte vom Markt genom- men wurden oder dass Kunden rückwirkend Kompen- sationszahlungen erhalten haben. Bei einigen Produkten wurden auch die Kosten im Bestand gesenkt. Das zeigt: Unsere Aufsicht ist wirksam. Kommen wir zur Kapitalanlage: Was unterscheidet die Regulierung undBeaufsichtigung vonLebensversicherungs­ unternehmen und Pensionskassen im Hinblick auf die Kapitalanlage? Julia Wiens: Lebensversicherungsunternehmen werden nach Solvency II reguliert, also prinzipienbasiert. Die Un- ternehmen sind in ihrer Kapitalanlage grundsätzlich frei, sie müssen aber die entsprechende Risikotragfähigkeit ha- ben. Es gilt das Prinzip der unternehmerischen Vorsicht, das sogenannte „Prudent Person Principle“. Das bedeutet, die Unternehmen müssen die mit der Kapitalanlage ver- bundenen Risiken erkennen, messen, überwachen und steuern können. Pensionskassen werden dahingegen nach Solvency I beaufsichtigt, also nach einem regelbasierten Aufsichtsregime. Für Pensionskassen enthält die Anlage- verordnung klare Vorgaben mit Höchstwerten für die ein- zelnen Assetklassen. Das ist der wesentliche Unterschied. Wie groß ist aus Sicht der BaFin die Gefahr, dass rendite­ starke, aber schwer bewertbare Anlagen – z.B. Private Equi­ ty oder Infrastruktur – zu systemischen Risiken führen? Julia Wiens: Uns als Aufsicht ist wichtig, dass die Unter- nehmen ein leistungsstarkes Kapitalanlagerisikomanage- ment haben. Dies gilt speziell für Versicherer, die stärker in alternative Kapitalanlagen wie Private Equity oder Pri- vate Debt investieren. Solche Investments erfordern ent- sprechendes Know-how; die Beschäftigten müssen die Risiken gut verstehen. Systemische Risiken sehe ich in STEUER & RECHT | Julia Wiens | BaFin FOTO: © CORNELIS GOLLHARDT | INSTITUTIONAL MONEY 240 N o . 3/2025 | institutional-money.com » Wenn wir Missstände feststellen, dann schreiten wir ein. Etwa wenn ein Produkt verkauft wird, das keinen angemessenen Kundennutzen bietet. « Julia Wiens, Leiterin des Geschäftsbereichs Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht, BaFin

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