Institutional Money, Ausgabe 3 | 2025

Nicht erwartete Ergebnisse Entgegen der Absicht verantwortungsvoller Nachhaltigkeits- investoren erhöht ein Desinvestment auf der Grundlage von ESG-Ratings häufig den Anteil nicht nachhaltiger Unter- nehmen im Portfolio, anstatt ihn zu verringern. Zur Veran- schaulichung: Das konservativste Zehn-Prozent-Best-in-Class Divestment-Portfolio weist 217 Prozent mehr Kontroversen, 77 Prozent schlechtere Arbeitsbedingungen und 40 Prozent mehr Treibhausgasemissionen auf als die Marktbenchmark. Da verantwortungsbewusste Investoren ungewollt nicht nachhaltige Unternehmen in ihren Portfolios übergewich- ten, wenn sie sich auf ESG-Ratings verlassen, bieten sie ver- sehentlich Kapitalkostenanreize für nicht nachhaltige Unter- nehmen. Aktuelle Forschungsarbeiten zu den Auswirkungen von sozial verantwortlichem Investieren auf die Nachhaltigkeits- performance zeigen, dass ein solches Investitionsverhalten auf Basis von ESG-Ratings die Nachhaltigkeitsperformance verbessert, wenn man davon ausgeht, dass Investoren die Nachhaltigkeitsperformance von Unternehmen korrekt, wenn auch mit Rauschen, bewerten. In der Praxis haben die Investoren aber Schwierigkeiten, die Nachhaltigkeit von Unternehmen zu bewerten, und verlassen sich daher auf Ratings. Bams und van der Kroft gelingt es darzulegen, dass dies Anreize im Hinblick auf die Kapitalkosten für nicht nachhaltige Unternehmen bietet, ihre ESG-Ratings aufzu- blähen. Daraus folgt, dass nachhaltiges Investieren auf Basis von ESG-Ratings bei der nachhaltigen Performance schlech- ter abschneidet als konventionelle Anlagen. Dies wird unbe- absichtigterweise die Schwelle für neue nachhaltige Investi- tionen erhöhen, da nachhaltige Unternehmen mit höheren Kapitalkosten konfrontiert sind. Daher könnte verantwor- tungsvolles Investieren kontraproduktiv für die aggregierte Nachhaltigkeitsperformance sein, wenn sich Investoren auf Ratings verlassen. Diese Ergebnisse sind für Nachhaltigkeits- jünger verstörend. Damit aber nicht genug: Anhänger des ESG-Trends müssen noch eine weitere bittere Pille schlucken. Dass ESG-Ratings stark divergieren, hat man ja hingenom- men und kann als „Kinderkrankheit“ interpretiert werden. Doch Bams und van der Kroft legen dar, dass ESG-Ratings nicht nur volatil, sondern sogar direktional falsch sind und als Stellvertreter für Nachhaltigkeitsperformance nicht tau- gen. Konkret zeigen sie, dass Refinitiv-, MSCI-IVA- und FTSE-ESG-Ratings lediglich Versprechungen zukünftiger Verbesserungen der Nachhaltigkeitsperformance darstellen, aber nicht die tatsächlich bereits realisierte Nachhaltigkeits- performance von Firmen einfangen. Da sich diese Verspre- chen bis zu 15 Jahre in die Zukunft nicht erfüllen, stellen die Autoren die Verwendung von ESG-Ratings in Frage. Was soll man nun als mit ESG-Regulierung überschütteter Investor sinnvollerweise tun? Bams und van der Kroft emp- fehlen sozial verantwortlich agierenden Investoren, sich auf Kennzahlen zur realisierten Nachhaltigkeitsperformance zu stützen, um diese gesellschaftlichen Bedenken abzuschwä- chen. Investoren könnten zum Beispiel die realisierten ESG- Scores, wie sie die beiden Autoren in ihren Nachhaltigkeits- Screening-Aktivitäten entwickelt haben, anstelle von ESG- Ratings verwenden. Bams und van der Kroft dokumentie- ren empirisch, dass Best-in-Class-Screening-Verfahren, die auf ihren realisierten ESG-Kennzahlen basieren, ESG-Kontro- versen um fast zwei Drittel reduzieren und gleichzeitig we- niger Emissionen und bessere Arbeitsbedingungen im Ver- gleich zu einer Benchmark ohne Screening aufweisen. Die- ses alternative Screening könnte die Nachhaltigkeitsperfor- mance gesamthaft verbessern und die beabsichtigten Vortei- le nachhaltiger agierenden Unternehmen zukommen lassen. Wenn diese Umschichtung in den Portfolios in großem Umfang erfolgt, könnten außerdem die Anreize zur Auf- blähung der ESG-Ratings beseitigt und Greenwashing ein- gedämmt werden. Aus regulatorischer Sicht betonen die Autoren die Not- wendigkeit eines einheitlichen ESG-Berichtsstandards. Viele Manager berichten nicht so ausführlich über ihre Nachhal- tigkeitsperformance, weil sie befürchten, dass die Informa- tionen der ESG-Berichterstattung höher sein könnten als die damit verbundenen Kapitalkostensenkungen. Daher könnte ein Standard für die Berichterstattung über Nach- haltigkeitsperformance einen Mehrwert für die Gesamtwirt- schaft schaffen. Darüber hinaus könnten Investoren mit mehr verfügbaren Informationen ihr Kapital besser allokie- ren und nachhaltige Unternehmen fördern, indem sie de- ren Kapitalkosten senken, anstatt sie aufgrund ihrer Abhän- gigkeit von ESG-Ratings zu bestrafen. Die Auswirkungen des auf ESG-Ratings basierenden Nachhaltigkeits-Scree- nings auf die aggregierte Nachhaltigkeitsperformance sind jedenfalls erheblich, denn in der Praxis nutzen 46 der 50 größten Investoren weltweit allein MSCI-ESG-Ratings für die Portfoliokonstruktion, wie Ioannou und Serafeim 2019 herausfanden. Die Nachhaltigkeitsperformance von Firmen als Investor selbst zu bewerten, würde beträchtliche Res- sourcen und verwaltete Assets erfordern und ist damit viel- fach unmöglich. Die Studie stellt das ESG-Investment vor ein Dilemma: Die meisten Anleger können nicht auf teure eigene Nachhaltigkeitsanalysen setzen, dürfen aber auch den irreführenden Ratings nicht trauen. Erst einheitliche Berichtsstandards könnten das Problem lösen. Bis dahin gilt: Wer wirklich nachhaltig investieren will, muss genauer hinschauen . DR. KURT BECKER 162 N o . 3/2025 | institutional-money.com THEORIE & PRAXIS | ESG-Divestments FOTO: © UNIVERSITÄT MAASTRICHT » ESG-Rating-basierte Divestment-Strategien bedeuten am Ende weniger nachhaltige Portfolios als zuvor. « Dr. Bram van der Kroft, damals PhD-Kandidat an der Open University of Maastricht

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