Institutional Money, Ausgabe 3 | 2025

besserungen unterscheiden. Dabei wird die versprochene Nachhaltigkeitsperformance von Firmen durch die Bewer- tung ihrer hauptsächlich selbst berichteten ESG-Richtlinien, Aktivitäten und in Nachhaltigkeitsberichten vorgeschlage- nen Ziele ermittelt und ihre realisierte Nachhaltigkeitsper- formance anhand der von Dritten berichteten ESG-Kontro- versen, Umweltverschmutzung, Arbeitsbedingungen und Governance-Aspekten entschieden. Erste Analysestufe In einer ersten Analyse stellen Bams und van der Kroft fest, dass ESG-Ratings die versprochene zukünftige Nachhaltig- keitsperformance von Unternehmen beinhalten, indem sie die versprochenen und realisierten ESG-Bewertungen auf Refinitiv-, MSCI-IVA- und FTSE-ESG-Ratings regressieren. Der Einfluss der versprochenen Verbesserungen der zukünf- tigen Nachhaltigkeitsperformance auf die ESG-Ratings ist so ausgeprägt, dass sie sogar eine signifikant negative Beziehung zwischen der realisierten Nachhaltigkeitsperformance von Unternehmen und deren ESG-Ratings beobachten (siehe Tabelle „Korrelationsmatrix von ESG-Scores und Nachhaltigkeits- performance“) . Die Autoren können also empirisch belegen, dass Unternehmen ihre ESG-Ratings verbessern können, wenn sie zusätzliche ESG-Kontroversen erleben, mehr Um- weltverschmutzung oder schlechtere Arbeitsbedingungen und eine schlechtere Governance aufweisen. Dies lässt den Schluss zu, dass ESG-Ratings in großem Umfang zeitgleich aufgebläht werden. Zweite Analysestufe In einem weiteren Schritt belegen die Autoren, dass ESG- Ratings auch zwischenzeitlich aufgebläht sind, indem sie zei- gen, dass Unternehmen ihre Versprechen bezüglich der Nachhaltigkeitsperformance nicht einlösen. Sie beobachten eine negative Beziehung, wenn sie die aggregierten realisier- ten ESG-Bewertungen von Unternehmen auf ihre allumfas- send versprochenen ESG-Bewertungen heute und für zehn Jahre in die Zukunft regressieren. Diese negative Beziehung bleibt in zwölf von 14 SASB (Sustainability Accounting Standards Board)-Nachhaltigkeitskategorien aufrecht, wenn man die Versprechungen explizit mit der Umsetzung spezi- fischer Aspekte der Nachhaltigkeitsperformance abgleicht. Angesichts dieser Ausführungen kristallisiert sich heraus, dass ESG-Ratings nicht nur überhöht sind, sondern sogar in einer inversen Beziehung zur Nachhaltigkeitsperformance der Firmen stehen. Bams und van der Kroft führen eine Korrelationsanalyse durch, um festzustellen, ob Anreize in Bezug auf Kapitalkos- ten diese ESG-Rating-Aufblähung antreiben. Dazu regressie- ren sie die Kapitalkosten von Unternehmen auf ihre durch- schnittlichen Refinitiv-, MSCI- und FTSE-ESG-Ratings. Es stellt sich heraus, dass ein Anstieg um eine Standardabwei- chung im durchschnittliche ESG-Rating der Unternehmen deren Kapitalkosten um 24 Basispunkte senkt, nachdem man die Ergebnisse im Hinblick auf allgemeine Risikofak- toren wie Firmengröße, Land, Branche, feste Firmeneffekte und Kreditratings kontrolliert hat. Die beiden Kapitalmarkt- forscher weisen nachdrücklich darauf hin, dass diese Bezie- hung kausal ist, indem sie einen zufälligen Schock bei der ESG-Rating-Inflation analysieren. Dieser ESG-Rating-Infla- tionsschock setzt eine Situation voraus, in der sich die ver- sprochene Nachhaltigkeitsperformance von Unternehmen zufällig auf eine Art und Weise ändert, die in keinem Zu- sammenhang mit ihrer tatsächlich realisierten Nachhaltig- keitsperformance steht. Im Jahr 2014 führte die EU-Kom- mission einen solchen – regulatorischen – Schock durch die Richtlinie über Nachhaltigkeitsberichterstattung (Non- Financial Reporting Directive, NFRD) ein. Diese verlangt, dass alle großen Unternehmen des öffentlichen Interesses Korrelationsmatrix von ESG und Nachhaltigkeitsperformance Korrelation zwischen versprochenen und realisierten ESG-Scores sowie ESG-Ratings Realisierter Versprochener Refinitiv- MSCI- FTSE- ESG-Score ESG-Score Rating Rating Rating CO 2 -Emissionen -0,380*** -0,002 0,574*** 0,662*** 0,370*** Assets (0,000) (0,975) (0,000) (0,000) (0,000) NOx-Emissionen -0,422*** 0,030 0,519*** 0,585*** 0,292*** Assets (0,000) (0,693) (0,000) (0,000) (0,000) Emissionen von Feinstaub oder flüchtigen -0,685*** 0,422*** 0,638*** 0,013 0,134* chemischen Verbindungen (0,000) (0,000) (0,000) (0,865) (0,072) 0,303*** 0,478*** -0,208*** -0,377*** -0,486*** Streiks (0,000) (0,000) (0,005) (0,000) (0,000) Arbeitunfälle -0,387*** 0,030 0,456*** 0,594*** 0,207*** Assets (0,000) (0,686) (0,000) (0,000) (0,005) Todesfälle -0,352*** 0,007 0,401*** 0,603*** 0,190** Assets (0,000) (0,930) (0,000) (0,000) (0,011) -0,363*** -0,275*** 0,719*** 0,594*** 0,694*** Umweltkontroversen (0,000) (0,000) (0,000) (0,000) (0,000) Kontroversen betreffend -0,711*** 0,170** 0,476*** -0,300*** 0,342*** Arbeitsbedingungen (0,000) (0,022) (0,000) (0,000) (0,000) Kontroversen betreffend die -0,050 0,028 -0,308*** -0,433*** -0,103 Business-Ethik (0,508) (0,713) (0,000) (0,000) (0,171) Kontroversen betreffend 0,061 0,103 -0,128* 0,091 -0,498*** Konsumentenbeschwerden (0,413) (0,170) (0,086) (0,225) (0,000) Produktqualität- -0,580*** 0,496*** 0,413*** -0,414*** 0,197*** kontroversen (0,000) (0,000) (0,000) (0,000) (0,008) Kontroversen betreffend -0,542*** 0,333*** 0,191** -0,556*** 0,163** verantwortliches Marketing (0,000) (0,000) (0,010) (0,000) (0,028) Korrelationsmatrix zwischen versprochenen und realisierten ESG-Scores, Refinitiv-, MSCI- und FTSE-ESG-Ratings und verschiedenen Indikatoren von Nachhaltigkeitsperfor- mance im Zusammenhang mit ESG-Kontroversen, Umweltverschmutzung und Arbeits- bedingungen. Mit Ausnahme von Streiks korrelieren die realisierten ESG-Scores negativ mit gesellschaftlichen Übertretungen wie erhöhten Emissionen, Kontroversen und Arbeitsunfällen. Dies deutet auf einen positiven Zusammenhang zwischen realisierten ESG-Scores und Nachhaltigkeitsperformance hin. Im Gegensatz dazu stehen die ver- sprochenen ESG-Scores und die Refinitiv-, MSCI-IVA- und FTSE-ESG-Ratings in inverser Beziehung zur Nachhaltigkeitsperformance, da die Ratings mit mehr ESG-Kontroversen, mehr Umweltverschmutzung und schlechteren Arbeitsbedingungen ansteigen. Mit ande- ren Worten: Umweltverschmutzende Unternehmen berichten mehr. Signifikanzniveaus von 90/95/99 % sind mit */**/*** gekennzeichnet. VOC = flüchtige organische Verbindungen; PM = Feinstaub. Quelle: Studie 160 N o . 3/2025 | institutional-money.com THEORIE & PRAXIS | ESG-Divestments

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