Institutional Money, Ausgabe 3 | 2025

E SG -Ratings sollen Anlegern helfen, nachhaltige Unternehmen zu erkennen. Doch eine neue Studie zeigt: Die Ratings führen Investoren in die Irre. Statt nachhaltigen Firmen zu helfen, fördern sie ungewollt Unter- nehmen mit schlechter Umweltbilanz. Auf der anderen Sei- te dieser Transaktionen stehen dann konventionelle Inves- toren, die diese nicht nachhaltigen Unternehmen nur zu einem niedrigeren Preis erwerben. Dafür möchten sie mit höheren Renditeerwartungen entschädigt werden. Dement- sprechend sind diese ungeliebten Unternehmen mit höhe- ren Kapitalkosten konfrontiert und können weniger Projek- te rentabel umsetzen, wodurch ihre Wachstumsraten sinken. Langfristig sollte der Unterschied in den Wachstumsraten zwischen nachhaltigen und den ungeliebten nicht nachhal- tigen Unternehmen die Wirtschaft in ein nachhaltigeres Gleichgewicht bringen, meinen Berk und van Binsbergen 2021 in „The Impact of Impact Investing“. In der Praxis ist die Wirksamkeit von Desinvestitionen (Divestments) wahrscheinlich suboptimal, weil verantwor- tungsbewusste Investoren mit Informationsasymmetrien konfrontiert sind, wenn sie die nachhaltige Leistung einer Firma bewerten. Unternehmen kommunizieren ihre nach- haltige Leistung gegenüber den Investoren in jährlichen Nachhaltigkeitsberichten, die nun Pflicht sind. Diese Berich- te enthalten Informationen über die Umweltverschmut- zung, die Arbeitsbedingungen und die Governance-bezoge- nen Strategien, Aktivitäten, Ziele, Kontroversen und Leistun- gen der Unternehmen. Im Gegensatz zu den Finanzberich- ten sind die Nachhaltigkeitsberichte oft nicht standardisiert und weichen von Unternehmen zu Unternehmen stark ab. Diese können ihre nachhaltige Leistung gegenüber Investo- ren selektiv offenlegen und absichtlich Informationsasym- metrien schaffen. Folglich entscheiden verantwortungs- bewusste Investoren häufig über Divestments auf Basis der ESG-Ratings Dritter, nämlich der Nachhaltigkeitsratingagen- turen, womit das Problem der Informationsasymmetrie in Bezug auf die nachhaltige Leistung aber nicht aus der Welt geschafft wird. Falsche Anreize Wenn Anleger Aktien nur aufgrund schlechter Nachhaltig- keitsbewertungen (ESG-Ratings) verkaufen, motiviert das Unternehmen, ihre Ratings zu manipulieren, ohne wirklich nachhaltiger zu werden.Wenn Investoren auf der Grundlage von ESG-Ratings veräußern, schichten sie ihr Portfolio von Unternehmen mit niedrigen ESG-Ratings in Unternehmen mit hohen ESG-Ratings um. Diese Reallokation verschiebt die Kapitalkostenvorteile, die für nachhaltige Unternehmen bestimmt sind, hin zu Unternehmen mit hohen ESG-Ra- tings. Infolgedessen erhalten Firmen einen Anreiz, ihr ESG- Rating zu verbessern, ohne ihre nachhaltige Leistung wirk- lich zu steigern, indem sie sich nachhaltiger präsentieren, als sie tatsächlich sind, und damit ein höheres Nachhaltigkeits- rating erhalten. Diese Anreize sind erheblich, denn ein Drit- tel aller US-Investments folgt bereits ESG-Kriterien. Wenn die Inflation der ESG-Ratings so ausgeprägt ist, dass die ESG-Ratings in einem umgekehrten Verhältnis zur nachhal- tigen Leistung stehen, trennen sich verantwortungsbewusste Investoren ungewollt von nachhaltigen Unternehmen und behindern eher die aggregierte Nachhaltigkeitsperformance, als dass sie einer solchen helfen. Aus diesem Grund beschlossen Dr. Dennis Bams, Profes- sor of Financial Risk Management an der Universität von Maastricht, und sein Doktorand Bram van der Kroft zu un- tersuchen, ob Anreize betreffend die Kapitalkosten die Un- ternehmen dazu veranlassen, ihre ESG-Ratings aufzublähen, Überbewertete Noten Dass nachhaltig agierende institutionelle Investoren Unternehmen nach Verschlechterungen von deren ESG-Ratings aus ihren Portfolios nehmen , liegt nahe – aber wie sinnvoll ist diese Praxis? Eine Studie gibt Aufschluss. 158 N o . 3/2025 | institutional-money.com THEORIE & PRAXIS | ESG-Divestments FOTO: © UNIVERSITÄT VON MAASTRICHT » Sich beim Divestment auf klassische ESG-Ratings zu verlassen, ist eindeutig der falsche Weg. « Dr. Dennis Bams, Professor of Financial Risk Management an der Universität von Maastricht

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