Das Portal für institutionelle Investoren

 
 
 
Drucken | Empfehlen |Login
 

23.11.2014

Tomáš Sedlácek am Raiffeisen Investment Day: „Es ist naiv, an den Homo oeconomicus zu glauben!“

Sedlácek ist ein „Rockstar“ unter den Ökonomen der jüngeren Generation (Jahrgang 1977) und erfolgreicher Buchautor („Economics of Good and Evil“). Der gebürtige Tscheche, Absolvent der Karlsuniversität Prag und leidenschaftlicher Europäer, hat tatsächlich  einiges vorzuweisen. In jungen Jahren bereits Wirtschaftsberater von Präsident Havel, ist er nun  Chefvolkswirt der Tschechoslowakischen Handelsbank (CSOB), Mitglied des Nationalen Wirtschaftsrats, der den tschechischen Regierungschef berät, und lehrt an der Carolina in Prag Wirtschaftsgeschichte und –philosophie. Auf Einladung der Raiffeisen Capital Management hielt er ein vielbeachtetes Referat Ende November in Wien, wo er zum Thema „Finanzkrise, Staatsschuldenkrise – was kommt noch in Europa?“ am Raiffeisen Investment Day.

 

Tour d’Horizon durch die Kulturgeschichte der Menschheit

 

Interdiszipinäres Denken zeichnet Sedlácek aus, der abseits der heute herrschenden Modellgläubigkeit in der Ökonomie die Frage der Moral des Wirtschaftens untersucht und sich vor Vergleichen mit der Psychoanalyse nicht scheut, wenn er den Zustand der Märkte untersucht, die zwischen Euphorie und Depression starken zyklischen Schwankungen unterworfen sind. Dabei mahnt der Ökonom an, sich nicht nur auf die Analyse des Wellentals, nach seiner Diktion des „manisch depressiven Zustands“, zu beschränken, sondern die gleiche Aufmerksamkeit dem gegenläufigen Zustand, den Übertreibungsphasen nach oben („Manien“) zu schenken, die gefährlicher als die Depression seien.  Sedlácek, dem manchmal vorgeworfen wird, naiv zu agieren, kontert: „Es ist vielmehr naiv, an den „Homo oeconomicus“ zu glauben, denn der Glaube an das rationale Verhalten der Wirtschaftssubjekte nimmt oft  schon religiöse Züge an.“ Ebenso sei die Annahme eines kontinuierlichen Wachstums naiv. Ökonometrische Modelle seien nichts anderes als „Social Science Fiction“, wo ähnlich einem Traum mit geschlossenen Augen agiert werde.

 

Umkehr des Subjekt-/ Objekt-Zusammenhangs

 

Mit den Märkten verhalte es sich so wie mit dem modernen Menschen und den Computern. Letztere wurden ursprünglich geschaffen, um dem Menschen das Leben zu erleichtern, mittlerweile sei der Mensch aber zum Sklaven der Maschine geworden. Bei Gott sei es ähnlich: Er habe denMenschen geschaffen und sei von ihm ermordet worden. Auch die Märkte zeigten diese Umkehrung des Subjekt-/ Objekt-Zusammenhangs. 

 

Drei Charakteristika der Manie

 

Sedlácek hat drei wesentliche Punkte herausgearbeitet, die allen Übertreibungsphasen gemein sind. Zum einen ist die optimistische Einschätzung von Gegenwart und Zukunft zu nennen, wo einfach Trends in die Zukunft extrapoliert würden, bei deren Nichteintreffen es dann zum Kollaps und Selbstmord komme. Man habe auch keine Instrumente entwickelt, um die Boom-Phasen zu unterbinden oder zu verlangsamen. Zweitens würden die Wirtschaftssubjekte zu viel ausgeben, was etwa 2006 für Private ebenso galt wie für Banken und Regierungen. Drittens würden die Akteure an den Märkten im manischen Zustand sehr kreativ und innovativ werden, was im Übrigen dem psychiatrischen Krankheitsbild entspreche. Die letzte große Krise habe in den USA begonnen, wo Kreativ stark zunahm, das BIP-Wachstum sehr stark ausfiel und Silicon Valley vor neuen Ideen geradezu strotzte. Als manisch getriebenen Staat im Übertreibungszustand sei Irland vor der Krise anzusehen, mit dem sich im Übrigen kaum jemand beschäftigt habe, während alle Kommentatoren kluge Ratschläge für Griechenland im Zustand es depressionsgetriebenen Kollaps bereithielten. Das Irland- und USA-Problem sei also sträflich vernachlässigt worden, an habe in dieser bipolaren Situation die eine Seite komplett ausgeblendet. Die beiden hätten wie Elefanten im Porzellanladen agiert, so Sedlácek.

 

Zyklus ohne Schulden

 

Wenn es gelänge, so der Ökonom, die Schwingungen der Zyklen in der Wirtschaft zu dämpfen, indem man im Aufschwung Überschüsse erwirtschaftet, um diese zur Dämpfung der Abwärtsbewegung einzusetzen, also „gespeicherte Energie“ in Form von Geld zeitverzögert einzusetzen, wär einiges gewonnen. Sedlácek erinnerte an die Bibel, wo Joseph dem Pharao vorschlug, in den sieben fetten Jahre Vorräte anzulegen, um dann in den folgenden sieben  mageren ohne Hungersnot über die Runden zu kommen. Die Fiskalpolitik sollte diese Schwingungen abfedern, indem sie in den Jahren des Aufschwungs Energie in Form von Budgetüberschüssen speichere. Die Geldpolitik sollte Zinsen im Aufschwung erhöhen und im Abschwung senken, um den Zyklus zu dämpfen und damit die Zeit-Energie des Geldes manipuliert.

 

Dass Staaten nicht sparen, sondern wie auch die Privaten, die ihren Hauskauf durch Hypotheken und damit einen Vorgriff auf Einkommen der Zukunft schon heute erfüllen, sei problematisch und auch daran festzumachen, dass wir heute nur Kennzahlen wie die Maastricht-Kriterien kennen, die auf Schulden und nicht auf Überschüssen aufgebaut sind.

 

Schädliches Infrage-Stellen der europäischen Idee

 

Zum Unterschied zu den USA, wo man trotz großer wirtschaftlicher Divergenzen zwischen den US-Bundesstaaten die Staatsidee nicht in Frage stelle, sei es in Europa Usus, beim Aufkeimen von Problemen sofort das gesamt Projekt in Zweifel zu ziehen. Dabei gebe es Regionen in Griechenland und anderen Peripherieländern, die wirtschaftlich stärker als so manche Region in den Kernstaaten seien. Europas Körper arbeite zwar, aber er, Sedlácek, vermisse die Seele Europas. Im Übrigen hat für ihn der US-Dollar eine fragwürdigere Zukunft als der Euro. (kb)

Kategorie: Märkte

 
schlie&sz;en