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Pimco-Ökonom Fels: Allgemeine Sorglosigkeit ist besorgniserregend

Die Angst ist verflogen, schreibt Joachim Fels, Chefvolkswirt von Pimco, über die Jahrestagung von IWF und Weltbank. Er beklagt darin die Neigung von Politikern und Wirtschaftsführern wie auch Verbrauchern und Anlegern, die Dinge entweder übertrieben euphorisch oder zu pessimistisch zu sehen.

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Joachim Fels, Managing Director und Global Economic Advisor bei Pimco: "Weltwirtschaft und Politik steuern ohne Ersatzreifen auf die kommenden Jahre zu."
© Axel Köster / FONDS professionell

Beobachter scheinen sich einig zu sein: Selten zuvor war die Grundstimmung auf dem Spitzentreffen der Weltbank so optimistisch wie 2017. Ist das noch Zuversicht – oder schon Ignoranz? Joachim Fels hat sich für Letzteres entschieden.

"Ich bin tatsächlich in Sorge", beginnt der Chefvolkswirt der Allianz-Tochter Pimco seinen Reisebericht. Die Angst, die die meisten Jahrestagungen von IWF und Weltbank seit dem Ausbruch der Finanzkrise vor einem Jahrzehnt dominierte, habe sich in Luft aufgelöst. "Der synchrone wirtschaftliche Aufschwung und die euphorischen makroökonomischen Prognosen scheinen Investoren wie Politiker regelrecht eingelullt zu haben: Sie fühlen sich auf unheimliche Weise sicher", schildert Fels.

Dabei steuerten Weltwirtschaft und Politik "ohne Ersatzreifen" auf die kommenden Jahre zu, so der Pimco-Profi: Wenn der nächste Abschwung kommt, sei es sehr unwahrscheinlich, dass die geld- und finanzpolitischen Entscheider willens oder in der Lage sein werden, genauso entschlossen zu reagieren, wie sie es während der jüngsten Rezession getan haben. "Gut möglich, dass die nächste Rezession nicht so stark und gravierend ausfallen wird wie die zurückliegende – aber sie könnte sich länger hinziehen", schwant Fels.

Ära der Unbeschwertheit ante portas?
Natürlich sei es möglich, dass es für eine beträchtliche Zeit überhaupt nicht zu einer Rezession kommen wird. Stattdessen könnte eine "unbeschwerte Ära für makroökonomische Politik" heraufziehen. Das Argument dahinter: Niedrige Inflationsraten bedeuten, dass die Zentralbanken nicht länger auf die Bremse treten müssen, um ein Heißlaufen der Konjunktur zu verhindern. "Und bessere Regulierung bedeutet, dass sich größere Kreditblasen erst gar nicht bilden können", ergänzt der Chefökonom.

Fels will nicht ausschließen, dass Europa das "nächste Australien" werde, wo es seit mehr als einem Vierteljahrhundert keine Rezession mehr gegeben hat. "Aber ich bleibe skeptisch: In meinen 30 Berufsjahren habe ich schon viel zu oft vernommen, dass Leute diesen Zyklus für tot erklärt haben. Ich habe daraus gelernt, dass man die Fähigkeit der Politiker, den Karren in den Dreck zu fahren, nie unterschätzen darf."

Und was, wenn alles schlimmer kommt?
Auf seine Frage an die Vertreter von Fed und EZB, welche Werkzeuge sie auspacken würden, falls es doch zu einer Rezession käme, fiel die Antwort der US-Notenbank-Repräsentanten simpel aus, schildert Fels: exakt die gleichen wie beim letzten Mal. "Also erstens die Leitzinsen auf null oder nahe null Prozent senken; zweitens den Ausblick und die Marschrichtung für das künftige Zinsniveau im Voraus kommunizieren, um die Renditen auf der Zinsstrukturkurve nach unten zu drücken; und drittens mit dem Aufkauf von Staatsanleihen und von der US-Administration besicherten Hypotheken beginnen."

Negative Zinsen wären eher unwahrscheinlich, wenn man bedenke, was das für Geldmarktfonds bedeuten würde, meint Fels. Hinzu käme der politische Gegenwind, der entstünde, wenn man die Sparer mit einem "Quasi-Strafzins" belegt.

Europäer haben noch weniger in petto
Im Fall der EZB sei die Werkzeugkiste leerer als diejenige der Fed. "Leerer, weil die Fed derzeit 100 Basispunkte an Leitzins-Senkungen in petto hat, ehe sie an die Untergrenze für die Zinsen stößt. Die Refinanzierungsrate der EZB steht dagegen bei minus 40 Basispunkten", so Fels. Da bleibe sehr wenig Raum für weitere Senkungen, falls eine Notlage auftritt. "Hinzu kommt: Die Leitzinsen werden kurzfristig nicht steigen, wie sowohl EZB-Chefvolkswirt Peter Praet als auch EZB-Präsident Mario Draghi in Washington klargemacht haben."

Der Werkzeugkasten der EZB sei auch deshalb leerer als derjenige der Fed, weil sie sich irgendwann im kommenden Jahr dem selbst auferlegten Emittenten-Limit von 33 Prozent nähern wird, abhängig von der Geschwindigkeit bei weiteren Asset-Käufen, über die am 26. Oktober bei der nächsten EZB-Ratssitzung entschieden wird, führt Fels weiter aus. "Die vorherrschende Meinung bei der EZB ist, dass es rechtliche und politische Hürden unmöglich, zumindest aber sehr schwierig machen dürften, dieses Limit anzuheben, sprich einen größeren Anteil an den jeweils ausstehenden Staatsanleihen zu halten."

Allerdings gebe es für die EZB – im Gegensatz zur Fed – keine Beschränkungen beim Kauf privater Wertpapiere wie zum Beispiel Unternehmensanleihen (die die EZB ja schon kauft) und Aktien. Doch nur drei EZB-Vertreter, darunter Draghi selbst, hätten das als eine Option bezeichnet. "Da bleibt nur eines: Daumen drücken, dass die Wirtschaft der Eurozone in den kommenden Jahren nicht einen ernsthaften Einbruch erlebt und auf ihrer Route keine tiefen Schlaglöcher auftauchen", so das düstere Zwischenfazit des Pimco-Experten.

Sehendes Auges ins Verderben?
In der nächsten Rezession könnte dann nur noch die Fiskalpolitik die Rolle eines Ersatzreifens übernehmen. "Allerdings waren die diesbezüglichen Hoffnungen in Washington hierfür nicht sehr groß. Wegen der massiven Stimuli, die während der jüngsten Rezession zum Einsatz kamen, sind die Verschuldungsniveaus der öffentlichen Hand nun sehr viel höher." Von daher laute der vorherrschende Konsens in den meisten offiziellen Kreisen: Die Fiskalpolitik ist weitgehend an ihre Grenze gelangt. "Und wo das noch nicht der Fall ist, wie in Deutschland oder den USA, wollen die politischen Entscheider entweder nicht davon Gebrauch machen. Oder sie planen, wie in den USA, ihre fiskalischen Kugeln genau zur falschen Zeit abzufeuern – nämlich am Ende des Konjunkturzyklus – anstatt das Pulver für die nächste Rezession trocken zu halten."

Mit Verwunderung darüber, dass die meisten Offiziellen und auch die Teilnehmer aus der Privatwirtschaft angesichts dieses Ausblicks so unheimlich locker und unbeschwert sind, obwohl sie doch wissen und sehen, dass die Werkzeugkiste nahezu leer ist, reiste Fels ab – im Kopf ein Bonmot des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt. "Der sprach in seiner Antrittsrede die berühmten Worte, 'dass die einzige Furcht, vor der uns bange sein muss, die Furcht selbst ist"." Höre man sich die augenblickliche Mehrheitsmeinung in Washington an, dann könnte laut Fels eine leichte Abänderung des Zitats angebracht sein: "Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist das Fehlen jeglicher Furcht." (hh)

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